Das 7. Internationale Literaturfestival in Berlin
Foto: Das 7. Internationale Literaturfestival in Berlin
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Der heutige Schriftsteller besitzt keine Schreibmaschine mehr, sondern einen Computer. Der heutige Schriftsteller hat sein Notizbuch ins Regal gestellt und schon längst vergessen, jetzt führt er interaktive Notizen. Der heutige Schriftsteller versucht, sich der modernen, mediatisierten Welt anzupassen. Eigentlich ist es immer noch der gleiche, gute alte Schriftsteller, dessen einziger Lebensinhalt die Literatur ist, er existiert nur für die Literatur. Und sie für ihn. So engumschlungen und verliebt haben Er (der Schriftsteller) und Sie (die Literatur) nun fast zwei Wochen lang miteinander getanzt. Und das in Berlin, auf dem 7. Internationalen Literaturfestival.
Mit Sicherheit ist das Berliner Literaturfestival das größte und wohl interessanteste Event der Literaturlandschaft. Hohen Ansprüchen konnte man auch in diesem Jahr mit Leichtigkeit begegnen: weltbekannte Autoren, spannende Lesungen, eine lobenswerte Organisation ebenso wie eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht.
Die Zahl der vorgestellten Autoren ist sehr groß: 150 an der Zahl und mehr als 250 Veranstaltungen innerhalb von 13 Tagen. Das Mammutprogramm gibt einen Einblick in die aktuellen Tendenzen der Weltliteratur, versäumt es dabei jedoch nicht, auch Newcomern einen Platz einzuräumen. Das Festival hinterließ den Eindruck, an alles gedacht zu haben: klassische Prosa, Lyrik, spannende live Sessions in Anwesenheit der Autoren, Diskussionsveranstaltungen zu politischen Themen und sogar ein Forum für Kinder- und Jugendliteratur, für die heranwachsenden Buchstabensüchtigen, die ihre ersten Gehversuche in der Literaturwelt machen.
Das Hauptprogramm setzte verschiedene literarische Akzente, die Themenvielfalt ist schlicht bemerkenswert: in Literaturen der Welt versammelten sich bekannte Autoren, die von einer Jury nominiert wurden, für das Programm Kaleidoskop wurden Autoren als Ergänzung zum eben genannten eigens von der Leitung eingeladen, hier konnte man so große Namen wie Isabel Allende, Patrizia Cavalli, António Lobo Antunes, Mario Vargas Llosa und andere entdecken. Als mein persönlicher Favorit überzeugte der Fokus Lateinamerika, in dem vor allem junge Autoren aus der Region vorgestellt wurden, die die Sprache der Literatur mit Hilfe von politischem und sozialem Denken auf eine höhere Ebene zu setzen versuchten und die kulturelle Situation in ihrem Land näher unter die Lupe nahmen. Als ebenfalls sozial engagiert erwies sich die nächste Sparte, Reflections. Sie suchte durch die literarische Sprache Antworten auf die Frage zu geben, wo sich der heutige Mensch im globalisierten Denken und Handeln wiederfindet, der Schwerpunkt lag dabei auf der Frage nach Toleranz, sowohl im Islam und im Westen. Das Programm Erinnerung, Sprich war den Großen und Unsterblichen gewidmet, die uns ein so mächtiges Literaturerbe hinterlassen haben, u.a. Thomas Bernhards Hauptwerk Auslöschung. Ein Zerfall oder die Texte des jungen Rainer Werner Fassbinder, Ich hatte mein ganzes Leben auf der Zunge gehabt… Die Initiative Scritture Giovani stellte junge Autoren vor die Herausforderung, eine Kurzgeschichte zum Thema Unruhe zu verfassen. Im Special öffnete sich die Literatur der bunten Welt der Diskussionen, der Gespräche, musikalisch-literarischen Abende und der Filmkunst.
Um eine noch genauere und lebendigere Vorstellung des Festivals zu ermöglichen, seien an dieser Stelle repräsentativ drei Autoren genannt, welche sich durch ihre Gabe, Sprache wahrhaft in eine Melodie verwandeln zu können, sehr ähnlich sind.
Ich komme nicht umhin, eine meiner Lieblingsautorinnen zu Beginn vorzustellen: Isabel Allende. Ich habe sie so entdeckt, wie sie wohl die ganze Welt entdeckt hat, nämlich durch ihren Debütroman Das Geisterhaus, welcher im Jahr 1984 erschien und 1993 verfilmt wurde. Man führe sich nur Jeremy Irons als Esteban Trueba vor Augen! Damals las ich ihren Roman als märchenhaftes Synonym einer genauso märchenhaften wie mystischen Welt voller Symbole, der sich ein bisschen dem Realismo mágico von Gabriel Garcia Markes annähert und genau wie dieser autobiographische Momente enthält. Mit dieser bitter-süßen Zuneigung zerlegt Allende sprachlich die menschliche Innenwelt, ihre großen Wünsche, Ängste, Träume und Sehnsüchte in Einzelteile. 20 Jahre später macht Isabel Allende aus ihrem Debütroman eine Trilogie: Fortunas Tochter (1999) und Portrait in Sepia (2001), und erzählt die Vorgeschichte von der Familie Trueba. In ihrem Roman Von Liebe und Schatten (1986), welcher eigentlich ihr zweites Werk ist, geht Allende noch einmal tief in die unruhige und gefährliche politische Lage Chiles während der Diktatur von Augusto Pinochet. Paula (1994) ist als eine Art Erinnerung an ihre verstorbene Tochter zu verstehen. Ihre späteren Werke sind dann wieder ein gelungenes Zusammenspiel persönlicher wie magischer Momente: Mein erfundenes Land (2003), Zorro (2005), Inés meines Herzens (2006), Die Summe der Tage (2007). Isabel Allende ist und bleibt eine der bekanntesten und anerkanntesten Vertreterinnen der südamerikanischen Literatur, voller Phantasie und mit einem Verständnis des Lebens als eine Reihe von manchmal unerklärlichen Zeichen des menschlichen Schicksals.
Eine andere Autorin, die ebenfalls einen tiefen Eindruck hinterließ, war eine Dichterin aus Indien, Tishani Doshi. Die 1975 in Madras geborene Doshi hatte anfangs noch Kommunikations- und Verwaltungswissenschaft am Queen's College in North Carolina studiert, danach Creative Writing an der John Hopkins University in Baltimore. Mit dieser Ausbildung begann sie in ihrer Heimat als Journalistin zu arbeiten und veröffentlichte Artikel und Interviews in Zeitungen wie India Today, The Financial Times, The International Herald Tribune oder The London Magazine. Ihre Inspiration fand Doshi jedoch in einem anderen Metier: dem Tanz. So wurde sie Mitglied eines Ensembles unter der Leitung der legendären Choreographin Chandralekha. Doshi behauptet, dass sie durch den Tanz eine disziplinierte Schreiberin wurde. Der Körper ist in ihren Gedichten das vorherrschende Sujet, in seinen verschiedensten Aspekten: als Kontrapunkt von sexueller Vereinigung, Tod oder Ausübung von Gewalt oder auch als sozialer Code, d.h. der Körper und seine Rolle im Geschlechterkampf, in Liebesverhältnissen oder in der Familie. Ein anderes Motiv in ihren melancholischen Gedichten ist die Heimatlosigkeit und das Wiederfinden, das Wiederfinden von sich selbst und das Wiederverlieren in sich selbst. Diese beiden abstrakten Kategorien versucht Doshi in ihren Werken auf eine manchmal unerklärbare, manchmal schmerzhafte, manchmal lustige Weise darzustellen.
Wer an einem Poetry Slam-Wettbewerb teilnehmen will, sollte sich sehr gut überlegen, ob er wirklich dazu bereit ist. Poetry Slam heißt, einen spannenden Text zu schreiben, ihn auf ansprechende Weise vorzutragen, das Publikum zu bezaubern und nicht das Mikrofon zu verlieren. Wer das alles schafft, der ist ein wahrer Poetry Slam-König. Das französische Slam-Duo Antoine Tô Faure und Damien Noury aus Parishatte alles unter Kontrolle und konnte es sich sogar leisten, mit diesen Regeln zu spielen. Die beiden Slam-Poeten sind eigentlich Schauspieler und deshalb in Bezug auf Performance, auf den Einsatz von Stimme und Körper anderen einen Schritt voraus. Glücklicherweise haben sich die beiden dazu entschlossen, ihre Fähigkeiten der modernen Literatur zu widmen und gründeten im Jahr 1998 mit Sandra Bechtel die Compagnie de l'Uppercut. 2004 gewann Antoine Tô Faure als Solokünstler den französischen Poetry-Slam. Auf dem Berliner Literaturfestival zeigten sie ihre beste Seite und schenkten dem Berliner Publikum ein theatralisch-literarisches Vergnügen der besonderen Art.
Meine drei persönlichen Favoriten des diesjährigen Berliner Literaturfestivals: Auf ihre Art und Weise sehr verschieden, aber auch sehr ähnlich in ihrem Bestreben, die Sprache, das Wort, das Fragezeichen lebendig werden zu lassen. Die Literatur auf diesem Festival hat allen Grund zum Feiern, hatte sie doch gelernt zu sprechen, zu diskutieren, zu lachen, zu weinen, zu singen und zu tanzen.