Kroatien
ist ein Land der Widersprüche. Geographische als auch sprachliche
Vielfalt kennzeichen das Land: es gibt einen Küstenstreifen, eine
Gebirgsregion, eine Tiefebene sowie drei vollkommen unterschiedliche
Dialektzonen. Das kleine Land an der Adria entwickelte sich inmitten
des Spannungsfeldes der Kulturen des Balkans, Europas und des
Mittelmeerraumes. Nach der turbulenten Vergangenheit, dem Zerfall
Jugoslawiens, dem Ende des Sozialismus und des Krieges hat das Land
rapide Veränderungen erlebt. Strenger Katholizismus und
Nationalismus stehen heute einer neuen Liberalität und einem
ausgeprägten Regionalempfinden gegenüber. Inmitten dieser
Heterogenität und Situation des Umbruchs ist in den vergangenen
Jahren eine neue vitale Literaturszene im Land hervorgetreten. Junge
Autoren suchen in ihren Werken nach ihrer eigenen Identität. In
ihren literarischen Momentaufnahmen und der Darstellung von
Alltäglichkeit halten sie ein Stück kroatischer Gegenwart fest und
eröffnen zugleich neue Wege in der Literaturlandschaft. Nicht ohne
Grund wurde die kroatische Literatur in diesem Jahr als Schwerpunkt
der Leipziger Buchmesse ausgewählt. Die Messe setzte sich zum Ziel,
die Aufmerksamkeit auf die vitale Literaturszene des Landes zu lenken
und den Bekanntheitsgrad von bei uns bisher noch unbekannten Autoren
zu fördern.
Die verlorene Generation
Lange Zeit
war die kroatische Literatur stark am Westen orientiert. In den
1990er Jahren wurden
Aufbruch, Wandel und Widerspruch schließlich
als die bezeichnenden Koordinaten einer neuen kroatischen Identität
angenommen, die eine vitale Literaturszene im Land hervorbrachte. Die
jungen Autoren sahen das unklare und konfliktreiche Bild ihres Landes
als künstlerisches Potenzial. Sie waren die Vertreter einer
kroatischen "lost generation", die ähnlich wie Hemingway,
Fitzgerald und Dos Passos nach dem ersten Weltkrieg, ihre besten
Jahre in der Kriegs - und Nachkriegszeit verloren hatten und nun mit
einer vollkommen neuen und sich ständig verändernden Wirklichkeit
umgehen mussten. Die indiviuelle Entwurzelung durch den Krieg und den
darauf folgenden Prozess der Transformation brachte eine Generation
von jungen kroatischen Autoren hervor, deren Anliegen es war, in
ihren Werken die eigene Lebenswirklichkeit und das eigene
Lebensgefühl wiederzugeben.
Zwischen Herzschmerz und
Realitätsanalyse
Was zeichnet die neuen Autoren aus Kroatien
im Besonderen aus? Da sich die Vielfalt und Widersprüchlichkeit des
Landes in der Literatur reflektiert, geht die formale als auch
thematische Fragmentarisierung als typisches Merkmal der neuen
kroatischen Literatur hervor. Die Romane ähneln oft literarischen
Mosaiken. Die thematische Vielfalt geht von Korruption und
Globalisierung - über Liebe und Landschaft. Die Bewältigung der
jüngsten Vergangenheit ist ein typisches Thema in diesen Werken. Die
jungen Autoren haben eine andere Wahrnehmung gemeinsam: sie erlebten
den Zusammenbruch einer Gesellschaft und einer Ideologie; sie sehen
das Funktionieren einer Gesellschaft nicht mehr als
selbstverständlich an. Ihre Werke sind vom Gefühl des
Unvorhersehbaren geprägt.
Die Autoren schreiben in einer
verständlichen Sprache und sehr nah am Leben der Menschen. Sie
erzählen eigentlich deren Geschichten und geben damit ein Stück
Wirklichkeit wieder. Zwei von Ihnen, die in den letzten Jahren einen
immer größer werdenden Bekanntheitsgrad und internationalen Erfolg
und zu verzeichnen hatten, werden im folgenden mit ihren neusten
Werken vorgestellt.
Zwei wichtige Vertreter: Edo Popović
und Olja Savičević.
Edo Popović, 1957 in
Bosnien-Herzegowina geboren, lebt heute in Zagreb. Er war
Mitbegründer von "Quorum", einer der einflussreichsten
Underground-Literaturzeitschriften des ehemaligen Jugoslawiens. Mit
seinem ersten Roman "Ponoćni boogie" (dt."Mitternachts
Boogie"), der im Jahr 1987 erschien und in dem er die Zagreber
Jugend der 1980er Jahre beschrieb, hatte er sogleich großen Erfolg.
Ähnlich wie Douglas Couplands "Generation X" wurde
Popovićs Roman zum kroatischen Kultbuch seiner Generation. In den
Jahren von 1991–1995 wurde Popović zum bekanntesten
Kriegsberichterstatter Kroatiens. Seine schonungslos an Fakten
orientierten und unideologischen Reportagen waren angesehen und
gefürchtet zugleich. Im Jahr 2000 erschien sein Werk "Der Traum
der gelben Schlangen", dessen zentraler Teil "Unter dem
Regenbogen" eine der besten Geschichten über den jugoslawischen
Krieg darstellt. Nach weiteren Romanen veröffentlichte Popović im
Jahr 2003 den Erfolgsroman "Ausfahrt Zagreb-Süd", der von
der Literaturkritik begeistert aufgenommen wurde und 2005 auch in den
USA erschienen ist. Darin portraitiert er, in einer für ihn
typischen Mischung aus urbaner Umgangs- und Hochsprache, die
Verlierer des Jugoslawien-Krieges. Im vergangenen Jahr
veröffentlichte Popović den Roman „Oči", der 2008 unter dem
Namen "Kalda" auf Deutsch erschienen ist und der im
folgenden näher vorgestellt wird.
Edo Popović: „Kalda"
- ein moderner kroatischer Bildungsroman
Der Roman erzählt
von der Entwicklung des kroatischen Fotografen Kalda, der als kleiner
Junge im Sozialismus aufwächst und dessen Leben sich als
Heranwachsender vor dem Hintergrund des umfassenden
gesellschaftlichen Umbruchs in Kroatien vollzieht. Mit den Eltern aus
Bosnien nach Zagreb gekommen, wächst Kalda, der mit Vornamen Ivan
heißt, im Arbeiterviertel Dubrava auf – seine extrem konservativen
Eltern haben sich untereinander nicht mehr viel zu sagen und machen
ihrem Sohn früh genug klar, dass er nicht auf sie zählen kann. Von
Kindheit an auf sich allein gestellt, erwartet Kalda nicht viel vom
Leben. Als der Vater eines Frühlingsabends das Haus verlässt und
nicht mehr zurückkommt, ändert sich nicht viel für ihn.
Nach
dem Motto „Wem alles egal ist, der hat auch nichts zu verlieren"
lässt sich Popovićs Titelheld durchs Leben treiben. Aus
Schüchternheit und Unsicherheit flüchtet er sich in die Welt der
Bücher und Comics. Als er jedoch eines Tages den schrägen
Lebenskünstler Majik kennenlernt, der ihn in die Welt der Drogen und
Pornomagazine einführt ist es vorbei mit der Kindheit.
Kalda wird
ein abgehärteter Kriegsfotograf, dem seine Umwelt ebenso
gleichgültig ist, wie sein eigenes Leben. Eine Tuberkulsoeerkrankung
bringt eines Tages einen Wendepunkt in seinem Leben – Kalda trifft
nach vielen Jahren seinen Vater wieder und lässt sich auf die
Begegnung ein. Nach und nach gelingt es ihm, den harten Schutzpanzer,
den er sich in den vergangenen Jahren zugelegt hatte, abzulegen und
wieder Nähe zuzulassen. Zwischen verschiedenen Stationen seiner
Vergangenheit wild hin und her springend erzählt Popović die
Lebensgeschichte Kaldas über mehrere Jahrzehnte hinweg. In einem
temporeichen, umgangssprachlichen und zugleich anspruchsvollen Stil
gelingt es ihm, zu berühren ohne dabei ins Kitschige zu
geraten.
Olja Savičević: „Augustschnee" -
Kroatische Lebenswelten der Gegenwart
Olja Savičević wurde
1974 in Split geboren. Nach ihrem Sprach- und
Literatuwissenschaftsstudium arbeitete sie als Kolumnistin und
Herausgeberin. Bisher hat sie drei Lyrikbände veröffentlicht und an
mehreren internationalen Literaturveranstaltungen teilgenommen.
Während sie in Kroatien als vielversprechende Neuentdeckung gefeiert
wird und den Ranko-Marinković-Preis für Kurzprosa gewann, ist sie
bei uns in Deutschland noch kaum bekannt - wert entdeckt zu werden
jedoch alle Mal.
Ihr Erzählband „Augustschnee" ist in
diesem Monat bei Voland und Quist erschienen und wurde auf der
Leipziger Buchmesse vorgestellt. In 22 Erzählungen skizziert die
Autorin Momentaufnahmen, Träume und Sorgen aus dem Leben junger
Kroaten und nimmt den Leser mit in die Lebenswelten ihrer Generation.
Die Geschichten spielen in der Großstadt, in Provinzstädtchen oder
auf dem Dorf. Sie erzählen von Liebe, Trauer, Leidenschaft und
Selbstverwirklichung. Was sie allesamt vereint, ist ein neuer Blick
auf die Normalität. Es gelingt der Autorin die Fantasien und Träume
des Alltags in den Vordergrund zu stellen. Obwohl jede Geschichte
ihren eigenen Kosmos hat, sind sie untereinander doch wie mit einem
unsichtbaren Band verbunden, denn sie handeln von Schicksalen,
Gedanken und Alltagssituationen junger Menschen. So zum Beispiel von
Helio Basić, einem 30-jährigen, arbeitslosen, homosexuellen „guten
Taugenichts", der sich seinen Lebensunterhalt damit verdient,
leidenschaftliche Liebesbriefe auf Bestellung zu verfassen. Oder von
dem großohrigen Marko, der noch immer in dem kleinen Kaff lebt in
dem er aufwuchs und der von seiner Mutter gezwungen wird, Touristen
am Strand die Kleidung zu klauen, um sie anschließend zu verjubeln.
Die teils melancholischen, teils absurden Geschichten sind klar und
verständlich geschrieben. Es fällt nicht schwer, sich in die
jeweiligen Situationen hinein zu versetzen und sich mit den Figuren
zu identifizieren. Der Fokus auf den Alltag lässt die die Sorgen der
Charaktere verständlich wirken. Egal ob man nun schon einmal in
Kroatien war oder nicht - es geht um das Leben junger Leute und das
kennt jeder.
Vielleicht bekommt der eine oder andere bei seiner
Lesereise nach Kroatien auch Lust auf eigene Entdeckungen beim
nächsten Sommerurlaub in Kroatien, dem Land der Widersprüche...