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13.04.2008

Kroatien - auf dem Weg zu einer neuen literarischen Identität

Katharina Dunkel
Kroatien ist ein Land der Widersprüche. Geographische als auch sprachliche Vielfalt kennzeichen das Land: es gibt einen Küstenstreifen, eine Gebirgsregion, eine Tiefebene sowie drei vollkommen unterschiedliche Dialektzonen. Das kleine Land an der Adria entwickelte sich inmitten des Spannungsfeldes der Kulturen des Balkans, Europas und des Mittelmeerraumes. Nach der turbulenten Vergangenheit, dem Zerfall Jugoslawiens, dem Ende des Sozialismus und des Krieges hat das Land rapide Veränderungen erlebt. Strenger Katholizismus und Nationalismus stehen heute einer neuen Liberalität und einem ausgeprägten Regionalempfinden gegenüber. Inmitten dieser Heterogenität und Situation des Umbruchs ist in den vergangenen Jahren eine neue vitale Literaturszene im Land hervorgetreten. Junge Autoren suchen in ihren Werken nach ihrer eigenen Identität. In ihren literarischen Momentaufnahmen und der Darstellung von Alltäglichkeit halten sie ein Stück kroatischer Gegenwart fest und eröffnen zugleich neue Wege in der Literaturlandschaft. Nicht ohne Grund wurde die kroatische Literatur in diesem Jahr als Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse ausgewählt. Die Messe setzte sich zum Ziel, die Aufmerksamkeit aud die vitale Literaturszene des Landes zu lenken und den Bekanntheitsgrad von bei uns bisher noch unbekannten Autoren zu fördern.

Die verlorene Generation
Lange Zeit war die kroatische Literatur stark am Westen orientiert. In den 1990er Jahren wurden
Aufbruch, Wandel und Widerspruch schliesslich als die bezeichnenden Koordinaten einer neuen kroatischen Identität angenommen, die eine vitale Literaturszene im Land hervorbrachte. Die jungen Autoren sahen das unklare und konfliktreiche Bild ihres Landes als künstlerisches Potenzial. Sie waren die Vertreter einer kroatischen "lost generation", die ähnlich wie Hemingway, Fitzgerald und Dos Passos nach dem ersten Weltkrieg, ihre besten Jahre in der Kriegs - und Nachkriegszeit verloren hatten und nun mit einer vollkommen neuen und sich ständig verändernden Wirklichkeit umgehen mussten. Die indiviuelle Entwurzelung durch den Krieg und den darauf folgenden Prozess der Transformation brachte eine Generation von jungen kroatischen Autoren hervor, deren Anliegen es war, in ihren Werken die eigene Lebenswirklichkeit und das eigene Lebensgefühl wiederzugeben.

Zwischen Herzschmerz und Realitätsanalyse
Was zeichnet die neuen Autoren aus Kroatien im Besonderen aus? Da sich die Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Landes in der Literatur reflektiert, geht die formale als auch thematische Fragmentarisierung als typisches Merkmal der neuen kroatischen Literatur hervor. Die Romane ähneln oft literarischen Mosaiken. Die thematische Vielfalt geht von Korruption und Globalisierung - über Liebe und Landschaft. Die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit ist ein typisches Thema in diesen Werken. Die jungen Autoren haben eine andere Wahrnehmung gemein: sie erlebten den Zusammenbruch einer Gesellschaft und einer Ideologie; sie sehen das Funktionieren einer Gesellschaft nicht mehr als selbstverständlich an. Ihre Werke sind vom Gefühl des Unvorhersehbaren geprägt.
Die Autoren schreiben in einer verständlichen Sprache und sehr nah am Leben der Menschen. Sie erzählen eigentlich deren Geschichten und geben damit ein Stück Wirklichkeit wieder. Zwei von Ihnen, die in den letzten Jahren einen immer größer werdenden Bekanntheitsgrad und internationalen Erfolg und zu verzeichnen hatten, werden im Folgenden mit ihren neusten Werken vorgestellt.

Zwei wichtige Vertreter: Edo Popović und Olja Savičević.
Edo Popović, 1957 in Bosnien-Herzegowina geboren, lebt heute in Zagreb. Er war Mitbegründer von "Quorum", einer der einflussreichsten Underground-Literaturzeitschriften des ehemaligen Jugoslawiens. Mit seinem ersten Roman "Ponoćni boogie" (dt."Mitternachts Boogie"), der im Jahr 1987 erschien und in dem er die Zagreber Jugend der 1980er Jahre beschrieb, hatte er sogleich großen Erfolg. Ähnlich wie Douglas Couplands "Generation X" wurde Popovićs Roman zum kroatischen Kultbuch seiner Generation. In den Jahren von 1991–1995 wurde Popović zum bekanntesten Kriegsberichterstatter Kroatiens. Seine schonungslos an Fakten orientierten und unideologischen Reportagen waren angesehen und gefürchtet zugleich. Im Jahr 2000 erschien sein Werk "Der Traum der gelben Schlangen", dessen zentraler Teil "Unter dem Regenbogen" eine der besten Geschichten über den jugoslawischen Krieg darstellt. Nach weiteren Romanen veröffentlichte Popović im Jahr 2003 den Erfolgsroman "Ausfahrt Zagreb-Süd", der von der Literaturkritik begeistert aufgenommen wurde und 2005 auch in den USA erschienen ist. Darin portraitiert er, in einer für ihn typischen Mischung aus urbaner Umgangs- und Hochsprache, die Verlierer des Jugoslawien-Krieges. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Popović den Roman „Oči", der 2008 unter dem Namen "Kalda" auf Deutsch erschienen ist und der im Folgenden näher vorgestellt wird.

Edo Popović: „Kalda" - ein moderner kroatischer Bildungsroman
Der Roman erzählt von der Entwicklung des kroatischen Fotografen Kalda, der als kleiner Junge im Sozialismus aufwächst und dessen Leben sich als Heranwachsender vor dem Hintergrund des umfassenden gesellschaftlichen Umbruchs in Kroatien vollzieht. Mit den Eltern aus Bosnien nach Zagreb gekommen, wächst Kalda, der mit Vornamen Ivan heißt, im Arbeiterviertel Dubrava auf – seine extrem konservativen Eltern haben sich untereinander nicht mehr viel zu sagen, und machen ihrem Sohn früh genug klar, dass er nicht auf sie zählen kann. Von Kindheit an auf sich allein gestellt, erwartet Kalda nicht viel vom Leben. Als der Vater eines Frühlingsabends das Haus verlässt und nicht mehr zurückkommt, ändert sich nicht viel für ihn.
Nach dem Motto „Wem alles egal ist, der hat auch nichts zu verlieren" lässt sich Popovićs Titelheld durchs Leben treiben. Aus Schüchternheit und Unsicherheit flüchtet er sich in die Welt der Bücher und Comics. Als er jedoch eines Tages den schrägen Lebenskünstler Majik kennenlernt, der ihn in die Welt der Drogen und Pornomagazine einführt ist es vorbei mit der Kindheit.
Kalda wird ein abgehärteter Kriegsfotograf, dem seine Umwelt ebenso gleichgültig ist, wie sein eigenes Leben. Eine Tuberkulsoeerkrankung bringt eines Tages einen Wendepunkt in seinem Leben – Kalda trifft nach vielen Jahren seinen Vater wieder und lässt sich auf die Begegnung ein. Nach und nach gelingt es ihm, den harten Schutzpanzer, den er sich in den vergangenen Jahren zugelegt hatte, abzulegen und wieder Nähe zuzulassen. Zwischen verschiedenen Stationen seiner Vergangenheit wild hin und her springend erzählt Popović die Lebensgeschichte Kaldas über mehrere Jahrzehnte hinweg. In einem temporeichen, umgangssprachlichen und zugleich anspruchsvollen Stil gelingt es ihm ,zu berühren ohne dabei ins Kitschige zu geraten.

Olja Savičević: „Augustschnee" - Kroatische Lebenswelten der Gegenwart
Olja Savičević wurde 1974 in Split geboren. Nach ihrem Sprach- und Literatuwissenschaftsstudium arbeitete sie als Kolumnistin und Herausgeberin. Bisher hat sie drei Lyrikbände veröffentlicht und an mehreren internationalen Literaturveranstaltungen teilgenommen. Während sie in Kroatien als vielversprechende Neuentdeckung gefeiert wird und den Ranko-Marinković-Preis für Kurzprosa gewann, ist sie bei uns in Deutschland noch kaum bekannt - wert entdeckt zu werden jedoch alle Mal.

Ihr Erzählband „Augustschnee" ist in diesem Monat bei Voland und Quist erschienen und wurde auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. In 22 Erzählungen skizziert die Autorin Momentaufnahmen, Träume und Sorgen aus dem Leben junger Kroaten und nimmt den Leser mit in die Lebenswelten ihrer Generation. Die Geschichten spielen in der Großstadt, in Provinzstädtchen oder auf dem Dorf. Sie erzählen von Liebe, Trauer, Leidenschaft und Selbstverwirklichung. Was sie allesamt vereint, ist ein neuer Blick auf die Normalität. Es gelingt der Autorin die Fantasien und Träume des Alltags in den Vordergrund zu stellen. Obwohl jede Geschichte ihren eigenen Kosmos hat, sind sie untereinander doch wie mit einem unsichtbaren Band verbunden, denn sie handeln von Schicksalen, Gedanken und Alltagssituationen junger Menschen. So zum Beispiel von Helio Basić, einem 30 -jährigen, arbeitslosen, homosexuellen „guten Taugenichts", der sich seinen Lebensunterhalt damit verdient, leidenschaftliche Liebesbriefe auf Bestellung zu verfassen. Oder von dem großohrigen Marko, der noch immer in dem kleinen Kaff lebt in dem er aufwuchs, und der von seiner Mutter gezwungen wird Touristen am Strand die Kleidung zu klauen, um sie anschliessend zu verjubeln.Die teils melancholischen, teils absurden Geschichten sind klar und verständlich geschrieben. Es fällt nicht schwer, sich in die jeweiligen Situationen hinein zu versetzen,und sich mit den Figuren zu identifizieren. Der Fokus auf den Alltag lässt die die Sorgen der Charaktere verständlich wirken. Egal ob man nun schon einmal in Kroatien war oder nicht - es geht um das Leben junger Leute, und das kennt jeder.
Vielleicht bekommt der eine oder andere bei seiner Lesereise nach Kroatien auch Lust auf eigene Entdeckungen beim nächsten Sommerurlaub in Kroatien, dem Land der Widersprüche. ..





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