Der 1975 im irakischen Teil
Kurdistans geborene Hisham Zaman schloss 2004 die Norwegische
Filmschule in Lillehammer ab.
Sein Diplomfilm "The Roof"
wurde auf diversen Filmfestivals gezeigt.
Sein Kurzfilm "The
Bridge" gewann auf dem Norwegischen Kurzfilmfestival 2003 den
Norwegian Playwright™ Assosciation Award.
Zaman versteht sich
ausdrücklich als norwegisch-kurdischer Regisseur.
Beide Filme, sowohl "Bawke" als auch "Vinterland" sind Liebesgeschichten. Worin unterscheiden sie sich?
Ersterer ist eine Liebesgeschichte zwischen Vater und Sohn, welche sich in meinen Augen auf einer persönlicheren Ebene abspielt. Die zweite Geschichte findet zwischen Eheleuten statt, die sich nie zuvor begegnet sind. Es ist eine Art Fernbeziehung, die sich auf nichts weiter als einem Photo und eine Stimme am Telefon stützt, es ist nicht mehr als eine Illusion vom Gegenüber am anderen Ende der Leitung. Diese Liebe ist eine andere im Vergleich zu der unmittelbaren, bedingungslosen Liebe zwischen Vater und Sohn, welche sich während der Reise in "Bawke" entwickelt. Es sind eben unterschiedliche Liebesgeschichten.
Die beiden Charaktere in "Vinterland" scheinen sehr enttäuscht zu sein, wenn sie sich zum ersten Mal sehen. Welche Idee steckt dahinter?
Ich wollte zwei Menschen zeigen, die sich ineinander verlieben bevor sie sich zum ersten Mal treffen. Ich wollte diese Liebe auf die Probe stellen, da ihre Geschichte, welche mit einer Telefonzelle und einer Videokassette ihren Lauf nimmt, sich nicht großartig von den europäischen Liebesgeschichten unterscheidet, bei denen sich Menschen im Internet kennen lernen. Die Telefonzelle übernimmt im Film eine eigene Rolle, vielleicht sogar eine der Hauptrollen, sie ist Übermittlerin guter wie schlechter Nachrichten, sie steht für den kalten und unwirtlichen Schauplatz im norwegischen Norden und gleichzeitig für den Kontakt mit der Heimat, im guten wie im schlechten Sinne. Die Frau kann mit Hilfe der Telefonzelle Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen, der Mann versucht vergeblich, die Telefonzelle zu zerstören, denn alles, was er will, ist, für eine Weile frei zu sein und ein neues Leben zu beginnen.
Wie viel Wahrheit steckt in der Geschichte?
Ich kenne viele Menschen, die jetzt in Europa leben. Was bei ihnen auf den Teller kommt, wird durch diese Telefonzelle entschieden. Für die Menschen, die in Kurdistan leben, ist es schwer, sich meine Situation vorzustellen. Auch wenn ich es ihnen erkläre, so bleibt doch immer eine gewisse Distanz. Man muss in Norwegen leben, um sich vorstellen zu können, welche Herausforderungen der Alltag dort stellt. Es ist eine Realität, die man selbst erfahren muss, bevor man sie verstehen und sich ein Bild machen kann.
Wieso haben Sie sich für Norwegen als Schauplatz der Geschichte entschieden?
Ich war zum ersten Mal in Norwegen, als ich 16 Jahre alt war. Es war also relativ einfach, zurück in den Norden zu gehen; heute lebe ich in Oslo. Der Schnee fungiert als ein Symbol, welches die Menschen an diesem Ort noch einsamer aussehen lässt, als ob sie im Winterland verloren sind. Sie sind nichts weiter als kleine Punkte, für den Zuschauer ist es offensichtlich, dass sie doch eigentlich zusammenhalten sollten, um in der norwegischen Gesellschaft bestehen zu können. Die Frau sollte eine neue Kultur kennen, eine neue Sprache lernen, aber stattdessen wird sie in einem Konflikt mit ihrem Ehemann verwickelt. Diesen Konflikt darzustellen, war mir sehr wichtig, denn nicht jeder Europäer weiß, wie schwer es ist, in einem anderen Land zu leben und sich in ein neues System zu integrieren. Es gibt viele kleine, persönliche Geschichten, aber kaum jemand spricht über sie. Und wenn doch, dann in einem negativen Licht. Für mich ist es wichtig, diese Geschichten zu zeigen, die persönlichen Geschichten von der Innenperspektive zu erleben.
Sie erzählen diese persönlichen Geschichten ohne einen Anflug von Sentimentalität...
Ja, das hatte ich gehofft! Beide Filme, sowohl Vinterland als auch Bawke, sind potentiell sehr sentimental. Durch die Massenmedien hat man bereits einen vorgefertigten Eindruck von diesen Menschen, aber ich wollte die gleichen Geschichten auf eine andere Art und Weise erzählen. Diese Geschichten sind nicht einzigartig, aber was einzigartig ist, ist die Art, wie man sie erzählt. Man hat von diesen Geschichten gehört, man hat von Immigration gehört, aber so hat man das ganze noch nicht betrachtet. Es ist einfach die Art, wie man mit diesen Geschichten umgeht.
In Ihren Filmen stehen häufig Menschen im Mittelpunkt, trotzdem gibt es immer auch einen politischen Hintergrund, stimmt das?
Indem ich den Fokus auf die Geschichten von Menschen setze, kommt immer auch eine politische Meinung durch. Aber man sollte nicht vergessen, dass ich kein Politiker bin, für mich sind eher die kleinen, zwischenmenschlichen Dinge wichtig. Für einen Flüchtling ist es ein Drama, im Zug kein gültiges Ticket zu haben, für andere ist es keine große Sache. Dieses alltägliche Drama wollte ich in einem Film zeigen. Aber als Kurde werde ich, auch wenn ich kein Politiker bin, automatisch mit politischen Fragen konfrontiert. Ich glaube, dass jeder Film eine politische Aussage trifft, denn jeder will doch etwas über die Welt sagen, sie vielleicht sogar verändern. Ich versuche, mich immer auf den Menschen zu konzentrieren, es ist unwichtig, woher er kommt. Der Grund, warum meine bisherigen Filmen von Kurden handeln, ist der, dass ich das Land, seine Geschichte und seine Menschen kenne. Ich denke, wenn ein Film persönlich ist, ist er gleichzeitig auch politisch.
ABGELEHNT war das erste Wort, das ich in Norwegen gelernt habe. So lautet ein Satz von Fermesk (dt. Tränen), einem der Charaktere in "Vinterland". Mit welchen Schwierigkeiten müssen Kurden kämpfen, wenn sie nach Europa kommen?
Mit sehr großen Schwierigkeiten, vor allem heutzutage. Für kurdische Einwanderer ist es sehr schwierig, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, das zeigt nicht nur mein Film, sondern ist die bittere Realität: Nach unseren Dreharbeiten durfte der Hauptdarsteller nicht mehr in Norwegen bleiben, er musste das Land nach 8 Jahren verlassen, da er keine Papiere vorweisen konnte. Und das obwohl wir ihm mit dem Film eine Arbeitsmöglichkeit verschafft haben und er den norwegischen Amanda-Preis als bester Schauspieler 2007 verliehen bekam! Ebenso ist der Darsteller des Vaters in "Bawke" nicht mehr in Norwegen, sondern in Kurdistan. 1999 sind viele Kurden aus weiten Teilen Europas nach Norwegen gekommen und viele von ihnen mussten umkehren oder sind dort gestorben. Es sind immer noch 10.000 da, die nicht wissen, was mit ihnen passieren wird.
Der Film zeigt deutlich, dass ein Bild niemals die Wirklichkeit repräsentiert. Kann Kino die Realität denn dann überhaupt wiedergeben?
Ich denke schon, denn das Kino hat unzählige Möglichkeiten, etwas über die Welt zu erzählen, es funktioniert wie ein Spiegel. Kino kann die Realität reflektieren, indem es Geschichten von Menschen produziert , Geschichten, die uns fesseln. Ich glaube, dass Kino vieles erreichen kann, es kann uns berühren, weil es ein visuelles Medium ist. Im Kino kann man sehen und hören, man kann mit seinem Herzen fühlen und mit dem Kopf denken... Ich glaube nicht, dass Kino die Welt verändern kann, denn wie viele Filme wurden bis jetzt über Krieg gemacht? Und es werden doch immer noch Kriege geführt, oder?! Kino kann die Welt nicht verändern, aber es kann in den Köpfen der Menschen etwas bewirken.
In "Vinterland" wird unter anderem das Thema Jungfräulichkeit und dessen Bedeutung verhandelt. Wie sehen Sie die Situation kurdischer Frauen im Ausland?
Das ist ja kein speziell kurdisches Problem, sondern eine Frage, die den ganzen Mittleren Osten betrifft. Es liegt eine gewisse Wahrheit in dieser Geschichte, ich habe von Ähnlichen Geschichten gehört, auch in Deutschland. Der Film zeigt, wie groß die Enttäuschung Renas' ist, weil er auf die ganze Situation nicht vorbereitet ist. Es geht nicht nur darum, Jungfrau zu sein, sondern darum, sich für eine bestimmte Person zu entscheiden. Man entscheidet sich für jemanden und er hält dich für einen Menschen, der du gar nicht bist. In "Vinterland" belügt jeder jeden, auch Renas ist da keine Ausnahme, denn Fermesk wurde er als ein reicher Mann versprochen, der er gar nicht ist. Für mich ist es wichtig, dass das Problem gezeigt und diskutiert wird. Man sollte nicht nur darüber sprechen, man sollte es den Leuten vor Augen führen, und zwar nicht nur in einem dramatischen, sondern auch und vor allem humorvollen Ton. Im Kinosaal können wir über unsere eigene Realität lachen und das ist das gute am Kino, den Zuschauern kann eine sehr dramatische Geschichte auch mit Humor näher gebracht werden.
Viele kurdische Filme handeln von Krieg, sind große Dramen. Versuchen Sie, etwas anders zu machen?
Ja, meine Filme sind anders. Ich bin stark von der europäischen Kultur beeinflusst, da ich noch sehr jung war, als ich hierher gekommen bin. Für mich ist es wichtig, kurdische Filme zu machen, die eine andere Herangehensweise, eine andere Perspektive haben. Es sollte doch möglich sein, Kurde zu sein und Filme drehen zu können, ohne sich auf Tragödien beschränken zu müssen.
Welche europäischen Filme und welche Regisseure haben Sie am meisten beeinflusst?
Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn das ändert sich ständig. Einer meiner favorisierten Regisseure ist Michael Haneke. Obwohl seine Filme sich von meinen sehr unterscheiden, so handeln sie doch ebenfalls vornehmlich von Menschen. Es gibt eigentlich viele Regisseure, die ich verehre, Kurosawa zum Beispiel.
In diesem Jahr hat das Kurdische Filmfestival Berlin bereits zum fünften Mal stattgefunden. Waren Sie dabei? Was halten Sie von der diesjährigen Ausgabe?
Ich konnte mir leider nicht viele der Beiträge ansehen, obwohl ich gerade in Berlin bin. Ich arbeite an einem Skript für meinen neuen Film, welcher durch Mitosfilm koproduziert wird. Aber das, was ich gesehen habe, ist wirklich sehr spannend, einige der Filme haben mich sehr überrascht- im positiven Sinne! Ich denke, es gibt heute Anlass zur Hoffnung für das kurdische Kino, mehr als vor fünf Jahren.
Warum haben Sie sich dafür entschieden, Kurzfilme zu machen?
Entscheidend war da vor allem der wirtschaftliche Aspekt. "Bawke" sollte anfangs 10 Minuten lang sein, am Ende waren es 15 Minuten. "Bawke" war mein erster Schritt in die professionelle Filmwelt, "Vinterland" der zweite und ich musste beweisen, dass ich mehr kann, als Komödien zu drehen. "Vinterland" sollte 25 Minuten dauern, dann wurden doch 52 daraus. Ich glaube, dass ich nun entsprechende Erfahrungen gemacht habe und bereit für einen Spielfilm bin, und ich werde nun versuchen, ein Projekt mit 90 Minuten zu entwickeln. Es wird nicht einfach werden, aber es wird einfacher. Trotz allem liebe ich Kurzfilme, ein außergewöhnliches Genre! Es gibt Regisseure, für die ist ein Kurzfilm nur der Fuß in der Tür zum Spielfilm, ich aber denke, dass es in Wirklichkeit sehr viel schwieriger ist, einen Kurzfilm zu drehen. Es gibt nur wenig Zeit, es gibt nicht die Annehmlichkeiten eines 90-Minuten-Films, in den wenigen Minuten eines Kurzfilms muss man seine Aussage auf den Punkt bringen. In einer Minute müssen die Bilder dem Zuschauer vermitteln können, was passiert, ohne dass es großer Worte bedarf. Es ist schwer, Menschen mit einem Kurzfilm berühren zu können, aber "Bawke" hat es geschafft. Der Film wurde auf mehr als 100 Festivals gezeigt, hat 30 Preise gewonnen und bewegt japanische, deutsche wie kurdische Zuschauer gleichermaßen. Und genau das ist mein Ziel: Ich möchte, dass die Menschen sich bewusst werden, dass sie sich, trotz unterschiedlicher Hautfarben und Kulturen, letzten Endes doch alle sehr ähnlich sind. Der Vater in "Bawke" hätte ebenso gut ein deutscher Vater im Zweiten Weltkrieg sein können, und doch hätte er das gleiche getan, um seinem Sohn eine Zukunft zu ermöglichen.
Was ist Ihr nächstes Projekt?
Ein Roadmovie, das seinen Anfang Kurdistan nimmt. Eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen, die aus dem Irak und dem türkischen Teil Kurdistans kommen, und sich auf eine Reise nach Europa begeben. Es ist ein internationales Projekt, ganz im Stil von "Bawke", aber eben ein Spielfilm.
Wie beurteilen Sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des kurdischen Films?
Ich denke, dass es eine Zukunft für das kurdische Kino gibt und ich habe das Gefühl, dass es uns wirklich etwas mitzuteilen hat. Das kurdische Kino hat nun einmal das Licht der Welt erblickt und wird weiterhin um sein Dasein kämpfen, auch wenn es sich aufgrund der politischen Umstände nicht mit der gleichen Geschwindigkeit entwickeln kann wie andere Filmindustrien. Wenn einem Volk seine eigene Kultur genommen und eine andere auferlegt wird, wenn dieses Volk unter dem Druck eines fremden Regimes lebt und seine eigene Sprache nicht sprechen darf �" wie soll man dann überhaupt an kurdische Filme denken können? Für mich sollte kurdisches Kino nicht nur auf einen kurdischen Regisseur reduziert werden, es ist erst dann vollständig, wenn es kurdische Cutter gibt, Kameramänner, Tontechniker, Produzenten... Erst dann können wir von kurdischem Kino sprechen. Ich bin zwar Kurde, aber trotzdem werden sich nicht alle meiner Filme um Kurden drehen. Ich habe keine besondere Botschaft, ich will einfach nur Geschichten über Menschen erzählen, Geschichten über dich und mich.