Deutschland aus einer schwedischen Perspektive
Malin Larsson
Schweden haben vor einem längeren Aufenthalt in Deutschland ein Bild von Deutschland im Kopf, welches hauptsächlich von billigen alkoholischen Getränken dominiert wird. Die Mehrheit der Schweden hat mindestens einmal eine Reise nach Deutschland gemacht, um die eigenen Alkoholvorräte aufzustocken. Solche Reisen werden häufig von der Arbeit, der Schule oder dem Sportverein organisiert.
Wenn Schweden sich während einer längeren Zeit und in einem nüchternen Zustand auf deutschem Boden befinden, beginnen sie viele Unterschiede zu bemerken. Schon der erste Besuch bei einem deutschen Lebensmittelladen kann die Schweden verwirren. Wo sind die Kartoffeln?
Zwei oder drei große Holzbehälter für Kartoffeln in loser Schüttung, woran Schweden gewöhnt sind, findet man selten in deutschen Läden. Hier ist die einzige Alternative des Schweden vorverpackte und vorgewaschene Kartoffeln in kleinem Umfang zu kaufen. Man kann die Schlussfolgerung ziehen, dass Kartoffeln nicht öfter als Zwiebeln gegessen werden, da die Packungen ungefähr gleich groß sind.
Auch bei der Käse-Theke muss man als Schwede aufpassen. Die Milch, die in Deutschland als fettarm bezeichnet wird, hat zwischen 1,5% und 1,8% Fettgehalt und die normale Milch hat mindestens 3,5% Fettgehalt. Dies ist über 2% mehr als in Schweden. Um die Schwierigkeiten mit den unterschiedlichen deutschen und schwedischen Milchversionen zu vermeiden, kann man Wein statt Milch kaufen. Wein ist hier häufig billiger als Milch und die Auswahl ist größer.
Wenn man es schließlich geschafft hat, genügend Wörter von der Einkaufsliste zu streichen, wartet die nächste Herausforderung an der Kasse. Die Lebensmittel werden wie gewöhnlich auf das Laufband gestapelt. Das Band hört jedoch knapp hinter der Kassiererin auf. Dann muss man die Waren schnell wieder in den Einkaufswagen packen, aus dem man sie Minuten vorher ausgepackt hat. In Tüten packen? Keineswegs! Dafür bleibt keine Zeit. Verwirrte Schweden versuchen es wahrscheinlich trotzdem, wodurch alle nachfolgenden Kunden aufgehalten werden.
Eine nette Überraschung ist jedoch, dass die Kassiererin allen Kunden immer einen schönen Tag wünscht. Dass diese Höflichkeitsphrase genau so reflexartig gesagt wird, wie dem Kunden der Kassenbon gegeben wird, deutet jedoch daraufhin, dass es nicht wirklich ernst gemeint sein kann.
Die Deutschen sind im Grunde sehr gastfreundlich und großzügig. Jedoch muss man als Schwede aufpassen, wenn man mit Deutschen zusammen „Party“ macht. Bier wird oft mit Fanta, Sprite oder Cola verdünnt. Auch wenn sich dies zunächst eklig anhört, kann es doch lecker sein. Dennoch wird der erste Schluck überraschend sein, vor allem wenn man ein normales, ungemischtes Bier erwartet hat. Auch beim Popcorn erlebt man Überraschungen, da es oft gezuckert statt gesalzt ist. Für Schweden ein ganz sonderliches Geschmackserlebnis.
Bei gastfreundlichen Deutschen bekommen Schweden mit größter Wahrscheinlichkeit einen riesig großen Kopfkissenbezug zum Kopfkissen, das deutlich zu klein ist für den Bezug, ein eigenes Buttermesser beim Frühstück und ein eigenes Tablett oder Schneidebrett. Als Brotaufstrich gibt es natürlich Nutella. Auch beim Abwaschen gibt es Überraschungen. Statt einer Abwaschbürste werden in Deutschland bevorzugt bunte Schwämme verwendet.
Glaubt man den Vorurteilen sind sowohl Schweden als auch Deutsche pünktliche Leute. Deshalb kann man vermuten, dass die deutsche Wertschätzung für Pünktlichkeit keine hochgezogenen Augenbrauen bei den Schweden verursacht. Es gibt jedoch Momente, bei denen die Deutschen unterschiedlich reagieren. Zum Beispiel wenn die U-Bahn oder S-Bahn schon am Bahnhof wartet und ein Deutscher noch vier Treppen und 40 Meter vom Bahnsteig entfernt ist, dann rennt er kopfüber die Treppen herunter in Richtung der schon schließenden Türen, obwohl die nächste Bahn in nur drei Minuten kommt.
Die Zeitberechnung, wenn man ins Kino gehen will, macht man auch am besten anders als in Schweden. Schweden warten normalerweise fünf Minuten vor den Kinotüren, um da zu sein wenn die Türen geöffnet werden. Danach sitzen Schweden manchmal auch alleine bis zu 20 Minuten im Kinosaal. Nach ein oder zwei Bier, die nicht mit Fanta oder ähnlichem gestreckt sind, kommen dann erst die Deutschen in den Saal. Wenn der Film endlich anfängt muss man als Schwede mehrmals lachen, bevor man sich an die deutsche Synchronstimme von George Clooney, Julia Roberts oder Johnny Depp gewöhnt hat.