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Russlands Widerspruche: Kunst und Zensur heute

Kristin Keilig
Kunst und Zensur heute
Kunst und Zensur heute

Auf dem Gebiet der Malerei leistete Russland einen sehr wertvollen Beitrag. Vor allem Impressionismus und Russische Avantgarde (zwischen 1910 und der Machübernahme Stalins) markieren Höhepunkte, in denen die russische Kunst mit an der Spitze des Weltkunstprozesses stand. Große russische Maler dieser Zeit wie Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch, Alexej von Jawlensky, Wladimir Tatlin, Marc Chagall u.v.m. setzten Meilensteine für die Entwicklung der Kunst der Moderne.

Als zu Beginn der 30er Jahre das Zentralkomitee der KPdSU unter Stalin die Doktrin des Sozialistischen Realismus deklarierte, ein für alle Richtungen der Kunst verbindlicher Stil, wurde die schüpferische Freiheit offiziell abgeschafft. Die Folge war eine instrumentalisierte Kunst in Form einer zentral gesteuerten Agitationskunst mit gezielter Massenwirkung im Sinne einer Erziehung des Volkes zum Kommunismus.

Erst mit Glasnost und Perestroika, den berühmten Schlagworten innerhalb der politischen Wende in den 90er Jahren, unter denen Michail Gorbatschow in der Sowjetunion die Politik einer größeren Transparenz und Offenheit durchsetzte, war die Freiheit in der Kunst wieder gegeben.

Inoffizielle Künstler (Dissidenten oder Non-Konformisten genannt, weil sie sich der offiziellen Doktrin des Sozialistischen Realismus nicht anpassten) durften ihre über Jahre hinweg heimlich im "Untergrund" geschaffenen Werke ausstellen. Mit großen Erfolgen im Westen, wo man sich nicht vorstellen konnte, wie jahrelang eine offizielle und inoffizielle Kunst parallel voneinander existieren konnte.

Als die bekanntesten Non-Konformisten der ersten Generation gelten Dmitri Prigov, Lev Rubenstein, Ilja Kabakow (die Begründer des Moskauer Konzeptualismus)sowie das ehemalige Künstlerduo Komar und Melamid (Begründer der SozArt, eine Art sowjetisches Pendant zur Pop Art) u.v.m.

Heute, fast 20 Jahre nach der politischen Wende, ist Russland in Sachen Kunst und Kultur zweifelsohne ein freies Land, ...müsste man meinen. Praktisch ist alles erlaubt. Von "traditionellen" Strömungen wie Realismus oder Pop-Art bis hin zu neuesten Strömungen wie die des Konzeptualismus ist alles vertreten. Das Hauptproblem für die meisten Künstler ist heute das Überleben. So finden sich viele Werke, deren Inhalt und Stil dem ökonomischen Zwecke stark untergeordenet sind, da sie für wohlhabende Kunden, deren Interesse dem aktuellen Modegeschmack gilt, gedacht sind.

Doch Widersprüche bleiben. Während Putin einerseits die Entwicklung Russlands zu einer pluralistischen Demokratie nach westlichem Muster verkündet, erfährt auf der anderen Seite die Zeitgenössische Kunst in Russland wieder oder noch immer eine Zensur. So stürmten zum Beispiel im Jahre 2003 orthodoxe Nationalisten, strenge Anhänger der russisch-orthodoxen Kirche, denen die allzu freigeistige Kunst der Jungen ein Dorn im Auge ist, das Moskauer Sacharow-Zentrums und verwüsteten Exponate der Ausstellung Vorsicht, Religion!. Im darauf folgenden Prozess wurden jedoch nicht etwa die Krawallmacher verurteilt, sondern die Kuratoren wegen Provokation und Schürung von nationalen und religiösen Streitigkeiten.

Als besonders skandalträchtig erweisen sich derzeit vor allem die Werke der Blauen Nasen (Blue Noses). Die Künstlergruppe Die Blauen Nasen wurde von den beiden Künstlern Alexander Shaburow (*1962) und Vyacheslav Misin (*1965) während einer Silvesternacht 1999 in Moskau gegründet. Die beiden Sibiren schafften es in weniger als acht Jahren von Moskau in die Museen des Westens. Ihr Name rührt von den blauen Verschlüssen von Wasserflaschen her, die sich die Künstler einst als Teil ihrer Performance auf die Nase steckten.

Das Credo der Blue Noses lautet: minimale Ausstattung und Kulisse und maximale Fantasie. Und genau diese "puristischen" Mittel scheinen der Gruppe zu genügen, um sich noch schärfer und gezielter als die einstigen SozArt-Künstler Komar & Melamid über die Klischees der russischen Bevölkerung lustig zu machen und diese ad absurdum zu führen. Dabei geht es ihnen um das Studium des russischen Unterbewusstseins, um Massenklischees und urbane Aberglauben, die sie aufgreifen und persiflieren. Ein Blue Noses - Slogan lautet beispielsweise: Es ist hip zu arbeiten und zielt mit typisch blaunäsig-bissiger Ironie auf die heutige Leistungsgesellschaft ab.

Auch parodieren die Künstler mit Vorliebe die Ikonen der europäischen Malerei-Geschichte oder die "Dreifaltigkeit" der heutigen russischen Gesellschaft - bestehend aus Puschkin, der orthodoxen Kirche und Präsident Wladimir Putin.

Eigentlich scheinen sich die Blauen Nasen über alles und jeden lustig zu machen, vom russischen Raumfahrtprogramm bis hin zu ihren eigenen Körpern. Die Künstlergruppe steht für einen breiten Zugang zu zeitgenössischer Kunst, obgleich oder gerade weil sie auch in der Sprache von Komödien und Fernsehshows mit ihrem Publikum kommunizieren. Der Blue Noses-Künstler Alexander Shaburow formuliert es mit seinen Worten:

"Grundsätzlich unterscheiden sich westliche Betrachter nicht von den russischen - sie alle sind vollständig entprivatisiert. Jeden Tag verfolgen sie Persönlichkeiten in den Medien, werden von Präsident Bush, Osama bin Laden oder, sagen wir, Harry Potter besucht. Die Gehirne der Menschen sind mit Fernsehinhalten ausgefüllt. Die wesentliche Funktion der Künstler ist es nun zu versuchen, diese Gehirne zu entmüllen." (RUSSIA!, Erstausgabe Frühling 2008, S. 91).

In ihren neueren absurden Inszenierungen gehen die Moskauer Aktionisten mit bitterem Spott und Provokation gegen die russisch-orthodoxe Kirche, die Regierung und gegen russische Behörden vor, welche darauf natürlich gebührend reagieren und die "Aufwiegler" zensieren, wo und wann sie nur können.

So soll der russische Zoll im Mai 2007 sechs Bilder der sibirischen Künstlergruppe Blue Noses am Flughafen zurückbehalten haben, weil sie die russische Gesellschaft kritisieren. Bestimmt waren die Bilder für die Ausstellung Learning from Moscow (in Anspielung an die DDR-Parole Von den Sowjetmenschen lernen heißt siegen lernen), welche in der Städtischen Galerie Dresden gezeigt werden sollte.

Eines dieser beschlagnahmten Bilder: Brenne, brenne, meine Kerze! ist eine Fotocollage, in der die Blauen Nasen vor einem Wandteppich mit Pappmasken von Putin, Puschkin und Christus posieren.

Gerade weil sich Moskau zunehmend zu einem der großen Kunst- und Kulturzentren zeitgenössischer Kunst entwickelt, welches sich mit den westlichen Metropolen messen kann, ist es so unfassbar, dass die Zensur in Russland (inoffiziell) noch durchgesetzt wird.

Nach Nina Chruschtschowas Worten, der Enkeltochter von Nikita Chruschtschow, reicht eine Art "Putinismus" mit einem Spritzer Demokratie noch lange nicht aus, um eine demokratische Gesellschaft und Kultur zu fördern. "Evolution brauche Zeit und Russland wird und müsse sich evolutionieren" (RUSSIA!, Frühling 2008, S. 78).

(Bildquelle: GALERIE VOLKER DIEHL/ BERLIN)

Video bei: http://video.google.com/videoplay?docid=3666786016136870617&hl=en



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