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23.06.2008

Russlands Widerspr�che: Kunst und Zensur heute

Kristin Keilig
Kunst und Zensur heute
Kunst und Zensur heute

Auf dem Gebiet der Malerei leistete Russland einen sehr wertvollen Beitrag. Vor allem Impressionismus und Russische Avantgarde (zwischen 1910 und der Macht�bernahme Stalins) markieren H�hepunkte, in denen die russische Kunst mit an der Spitze des Weltkunstprozesses stand. Gro�e russische Maler dieser Zeit wie Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch, Alexej von Jawlensky, Wladimir Tatlin, Marc Chagall u.v.m. setzten Meilensteine f�r die Entwicklung der Kunst der Moderne.

Als zu Beginn der 30er Jahre das Zentralkomitee der KPdSU unter Stalin die Doktrin des Sozialistischen Realismus deklarierte, ein f�r alle Richtungen der Kunst verbindlicher Stil, wurde die sch�pferische Freiheit offiziell abgeschafft. Die Folge war eine instrumentalisierte Kunst in Form einer zentral gesteuerten Agitationskunst mit gezielter Massenwirkung im Sinne einer Erziehung des Volkes zum Kommunismus.

Erst mit Glasnost und Perestroika, den ber�hmten Schlagworten innerhalb der politischen Wende in den 90er Jahren, unter denen Michail Gorbatschow in der Sowjetunion die Politik einer gr��eren Transparenz und Offenheit durchsetzte, war die Freiheit in der Kunst wieder gegeben.

Inoffizielle K�nstler (Dissidenten oder Non-Konformisten genannt, weil sie sich der offiziellen Doktrin des Sozialistischen Realismus nicht anpassten) durften ihre �ber Jahre hinweg heimlich im �Untergrund" geschaffenen Werke ausstellen. Mit gro�en Erfolgen im Westen, wo man sich nicht vorstellen konnte, wie jahrelang eine offizielle und inoffizielle Kunst parallel voneinander existieren konnte.

Als die bekanntesten Non-Konformisten der ersten Generation gelten Dmitri Prigov, Lev Rubenstein, Ilja Kabakow (die Begr�nder des Moskauer Konzeptualismus)sowie das ehemalige K�nstlerduo Komar und Melamid (Begr�nder der SozArt, eine Art sowjetisches Pendant zur Pop Art) u.v.m.

Heute, fast 20 Jahre nach der politischen Wende, ist Russland in Sachen Kunst und Kultur zweifelsohne ein freies Land, ...m�sste man meinen. Praktisch ist alles erlaubt. Von �traditionellen" Str�mungen wie Realismus oder Pop-Art bis hin zu neuesten Str�mungen wie die des Konzeptualismus ist alles vertreten. Das Hauptproblem f�r die meisten K�nstler ist heute das �berleben. So finden sich viele Werke, deren Inhalt und Stil dem �konomischen Zwecke stark untergeordenet sind, da sie f�r wohlhabende Kunden, deren Interesse dem aktuellen Modegeschmack gilt, gedacht sind.

Doch Widerspr�che bleiben. W�hrend Putin einerseits die Entwicklung Russlands zu einer pluralistischen Demokratie nach westlichem Muster verk�ndet, erf�hrt auf der anderen Seite die Zeitgen�ssische Kunst in Russland wieder oder noch immer eine Zensur. So st�rmten zum Beispiel im Jahre 2003 orthodoxe Nationalisten, strenge Anh�nger der russisch-orthodoxen Kirche, denen die allzu freigeistige Kunst der Jungen ein Dorn im Auge ist, das Moskauer Sacharow-Zentrums und verw�steten Exponate der Ausstellung Vorsicht, Religion!. Im darauf folgenden Prozess wurden jedoch nicht etwa die Krawallmacher verurteilt, sondern die Kuratoren wegen Provokation und Sch�rung von nationalen und religi�sen Streitigkeiten.

Als besonders skandaltr�chtig erweisen sich derzeit vor allem die Werke der Blauen Nasen (Blue Noses). Die K�nstlergruppe Die Blauen Nasen wurde von den beiden K�nstlern Alexander Shaburow (*1962) und Vyacheslav Misin (*1965) w�hrend einer Silvesternacht 1999 in Moskau gegr�ndet. Die beiden Sibiren schafften es in weniger als acht Jahren von Moskau in die Museen des Westens. Ihr Name r�hrt von den blauen Verschl�ssen von Wasserflaschen her, die sich die K�nstler einst als Teil ihrer Performance auf die Nase steckten.

Das Credo der Blue Noses lautet: minimale Ausstattung und Kulisse und maximale Fantasie. Und genau diese �puristischen" Mittel scheinen der Gruppe zu gen�gen, um sich noch sch�rfer und gezielter als die einstigen SozArt-K�nstler Komar & Melamid �ber die Klischees der russischen Bev�lkerung lustig zu machen und diese ad absurdum zu f�hren. Dabei geht es ihnen um das Studium des russischen Unterbewusstseins, um Massenklischees und urbane Aberglauben, die sie aufgreifen und persiflieren. Ein Blue Noses - Slogan lautet beispielsweise: Es ist hip zu arbeiten und zielt mit typisch blaun�sig-bissiger Ironie auf die heutige Leistungsgesellschaft ab.

Auch parodieren die K�nstler mit Vorliebe die Ikonen der europ�ischen Malerei-Geschichte oder die �Dreifaltigkeit" der heutigen russischen Gesellschaft � bestehend aus Puschkin, der orthodoxen Kirche und Pr�sident Wladimir Putin.

Eigentlich scheinen sich die Blauen Nasen �ber alles und jeden lustig zu machen, vom russischen Raumfahrtprogramm bis hin zu ihren eigenen K�rpern. Die K�nstlergruppe steht f�r einen breiten Zugang zu zeitgen�ssischer Kunst, obgleich oder gerade weil sie auch in der Sprache von Komm�dien und Fernsehshows mit ihrem Publikum kommunizieren. Der Blue Noses-K�nstler Alexander Shaburow formuliert es mit seinen Worten:

�Grunds�tzlich unterscheiden sich westliche Betrachter nicht von den russischen � sie alle sind vollst�ndig entprivatisiert. Jeden Tag verfolgen sie Pers�nlichkeiten in den Medien, werden von Pr�sident Bush, Osama bin Laden oder, sagen wir, Harry Potter besucht. Die Gehirne der Menschen sind mit Fernsehinhalten ausgef�llt. Die wesentliche Funktion der K�nstler ist es nun zu versuchen, diese Gehirne zu entm�llen." (RUSSIA!, Erstausgabe Fr�hling 2008, S. 91).

In ihren neueren absurden Inszenierungen gehen die Moskauer Aktionisten mit bitterem Spott und Provokation gegen die russisch-orthodoxe Kirche, die Regierung und gegen russische Beh�rden vor, welche darauf nat�rlich geb�hrend reagieren und die �Aufwiegler" zensieren, wo und wenn sie nur k�nnen.

So soll der russische Zoll im Mai 2007 sechs Bilder der sibirischen K�nstlergruppe Blue Noses am Flughafen zur�ckbehalten haben, weil sie die russische Gesellschaft kritisieren. Bestimmt waren die Bilder f�r die Ausstellung Learning from Moscow (in Anspielung an die DDR-Parole Von den Sowjetmenschen lernen heisst siegen lernen), welche in der St�dtischen Galerie Dresden gezeigt werden sollte.

Eines dieser beschlagnahmten Bilder: Brenne, brenne, meine Kerze! ist eine Fotocollage, in der die Blauen Nasen vor einem Wandteppich mit Pappmasken von Putin, Puschkin und Christus posieren.

Gerade weil sich Moskau zunehmend zu einem der gro�en Kunst- und Kulturzentren zeitgen�ssischer Kunst entwickelt, welches sich mit den westlichen Metropolen messen kann, ist es so unfassbar, dass die Zensur in Russland (inoffiziell) noch durchgesetzt wird.

Nach Nina Chruschtschowa's Worten, der Enkeltochter von Nikita Chruschtschow, reicht eine Art �Putinismus" mit einem Spritzer Demokratie noch lange nicht aus, um eine demokratische Gesellschaft und Kultur zu f�rdern. �Evolution brauche Zeit und Russland wird und m�sse sich evolutionieren" (RUSSIA!, Fr�hling 2008, S. 78).

(Bildquelle: GALERIE VOLKER DIEHL/ BERLIN)

Video bei: http://video.google.com/videoplay?docid=3666786016136870617&hl=en



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