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21.04.2008

Interview mit dem Fotografen Ed Kashi, New York City

Maja Beckers
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Ed Kashi dokumentiert in seinen Fotos soziale und politische Themen unserer Zeit. Sein unerschrockenes Auge und seine enge Beziehung zu den abgebildeten Subkjekten wurden zum Markenzeichen seiner mehrfach ausgezeichneten Arbeit.

Kashi wurde in 1979 in New York City geboren. Nach einem Fotojournalismus studium begann er als Fotograf zu arbeiten. Er hat bereits in �ber 60 L�ndern fotografiert und seine Bilder sind unter anderem in Magazinen wie Geo, National Geographic und dem New York Times Magazine erschienen. Seine Arbeiten gewannen viele Preise und werden weltweit ausgestellt.

Sein erstes Dokumentar- Projekt realisierte Kashi �ber die protestantische Gemeinschaft in Nord-Irland. Er verbrachte dort die Jahre von 1988-1991, und publizierte ein Buch mit dem Titel �The Protestants: No surrender", das ihm den Weg zu weiteren Projekten �ber Gruppenkonflikte bahnte. Mitte der 90er Jahre verbrachte Kashi mehrere Jahre in der West Bank und dokumentierte dort das Leben j�discher Einwanderer. Seine Geschichte wurde weltweit publiziert und ein Foto aus seinem Essay gewann 1995 einen Preis beim World Press Photo Wettbewerb. Seit 1991 hat Kashi 9 Projekte f�r National Geographic fertiggestellt. Sein erstes Projekt f�r das Magazin war �ber die Kurden. Ein Projekt, das er selbst vorschlug und das schliesslich zur Titelstory wurde.

Zwischen seinen editorialen Arbeiten und pers�nlichen Projekten gibt Kashi Hochschulunterricht in Fotografie und nimmt an Foren und Lesungen zum Thema Fotojournalismus und Dokumentarfotografie teil.

Im Dezember 2002 gr�ndete Kashi zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Julie Winokur, das non-profit Bildungsmedien-Unternehmen �Talking Eyes Media", das soziale Themen durch visuell fesselnde Materialien untersucht. Im Interview erz�hlt er �ber sein Leben, seine neuen Projekte und nat�rlich wie alles anfing...

Erz�hl doch mal kurz, wie alles angefangen hat. Wie bist du zur Fotografie gekommen? Wie hat deine Karriere begonnen?

Ich wollte eigentlich immer Schriftsteller werden, also ich wusste bereits als Teenager, dass ich ein �Geschichtenerz�hler" werden wollte. Als ich dann auf der Universit�t war, wurde mir langsam klar, dass das mit dem Schreiben wohl nicht funktionieren w�rde, und ich habe dann einen Anf�ngerkurs f�r Fotoentwicklung in der Dunkelkammer belegt. Innerhalb eines Monats war ich absolut angetan von der Fotografie und sie ist bis heute meinegro�e Leidenschaft geblieben. Nach der Uni bin ich dann von New York nach San Francisco gezogen, um zu arbeiten. Ich wollte neue Einfl�sse und die Freiheit und Offenheit der Westk�ste erleben. Ich habe erst ganz bescheiden begonnen f�r �rtliche Magazine und pers�nliche Projekte zu fotografieren. In den darauffolgenden Jahren habe ich f�r nationale Magazine gearbeitet und die Projekte wurden dann immer gr��er, wie zum Beispiel f�r National Geographic, ich arbeitete an gr��eren pers�nlichen Dokumentationen machte aber auch internationale redaktionelle und journalistische Arbeiten.

Wonach w�hlst du deine Projekte aus?

Ich w�hle meine Projekte nach meinen Gedanken, Sorgen und Leidenschaften f�r bestimmte Angelegenheiten, die die Welt beeinflussen aus. Mein Interesse liegt grunds�tzlich in Angelegenheiten, die meine Gesellschaft in Amerika beeinflussen, wo ich lebe und ich mich auch f�hig f�hle, mich den Angelegenheiten wirksam zu n�hern. Ich verfolge Themen und Ereignisse �ber einen Zeitraum hinweg, w�hrend aber auch neue Ideen in meinen Kopf kommen. Ich schaue immer, wie ich ein Thema, das die Medien nicht mehr wirklich behandeln, wirksam und realistisch angehen kann.

Wenn du ein Bild machst, hast du dann vorher bereits im Kopf wie es aussehen soll, einen Plan? Oder passiert das eher spontan?

Die meisten meiner Bilder passieren eher spontan, aber oft sind sie die Fr�chte von Planung, Recherche und Vorbereitung, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.


Du arbeitest oft in Konflikt- oder sogar Kriegsgebieten. Das stelle ich mir nicht einfach vor. Mit welchen Schwierigkeiten hast du zu rechnen?


In Konflikt- oder Kriegsgebieten zu arbeiten ist eine Herausforderung und erfordert bestimmte F�higkeiten, Instinkte und Vorbereitungen. Ich bin kein Kriegs-Fotograf aber ich finde oft Dinge interessant, die mich dann in Konfliktgebiete f�hren. Es ist Teil des Einsatzes den man f�r diese Arbeit bringt und obwohl ich zwar Risiken eingehe, versuche ich trotzdem sie zu kalkulieren und m�glichst klein zu halten. Aber der Stress kann schon manchmal �berw�ltigend sein. Es ist ein zweischneidiges Schwert, der Adrenalinschub und �berlebenswille geben einem unglaubliche Kraft und das macht auch irgendwie s�chtig, aber die Angst und der Stress machen einem zu schaffen und k�nnen richtig sch�dlich sein. Manchmal setzen sie dann auch die Grenzen, dessen was an Dokumentation �berhaupt m�glich ist.

Machen die Menschen in deinen Bildern gerne mit oder ist es schwer ihr Vertrauen zu erlangen?

Normalerweise kooperieren sie gerne, weil ich in einer sehr sensiblen und vertraulichen Art arbeite, aber manchmal arbeite ich gegen den Strom meiner Umgebung in der ich mich befinde. Und oft bin ich auch in Journalisten-feindlichen Situationen, wo Sinn und Art zu kommunizieren essentiell sind. Ich finde es heutzutage immer schwieriger, Jemandes Vertrauen zu gewinnen. Es kann nicht mehr als selbstverst�ndlich angesehen werden. Aber wie gesagt, wenn man sich richtig verh�lt, dann sind die Menschen kooperativ und �ffnen sich und ihr Leben f�r dich. Andere Menschen und sich selbst zu verstehen ist ein wichtiges Kriterium in diesem Job.

Du warst bereits in �ber 60 L�ndern. Gibt es einen Ort, an dem du noch nicht warst, aber unbedingt mal hin m�chtest? Oder gibt es Motive von denen du tr�umst, die du noch nicht fotografiert hast?

Die Orte an denen ich noch nicht war, die ich unbedingt sehen will, sind Kuba, Venezuela, Indonesien, Mali und Senegal. Es gibt noch viele mehr als diese, aber wenn ich mir eine Weltkarte anschaue, sind es diese Orte, die mir zuerst in den Kopf kommen. Es gibt aber auch Orte, wo ich bereits war, wie Russland oder China, die ich aber kaum gesehen habe und wo ich unbedingt noch einmal zur�ckkommen m�chte.

Aber f�r mich ist die Idee eines globalen Photo-Tourismus nicht sehr attraktiv. Ich m�chte lieber weiter Themen suchen, die mich im Herzen und im Geiste ansprechen. Ob sie dann �fters an ein und demselben Ort stattfinden, spielt keine Rolle. Mit diesem Gef�hl habe ich sehr umfangreiche Arbeiten im mittleren Osten erstellt und ich w�rde irgendwann gerne ein Buch dar�ber ver�ffentlichen. Also w�re jede Chance, noch einmal in diese Region zu fahren, ein pers�nlicher Traum, der sich erf�llen w�rde.

Du ver�ffentlichst Bilder in der New York Times und in National Geographic. Hei�t das, du kannst von der Fotografie leben?

Ironischerweise zahlen diese Zeitungen und Magazine gar nicht mal so gut. Was z�hlt, um zu �berleben, bzw. als Fotograf erfolgreich zu sein, ist, sich ein angemessenes Netzwerk aufzubauen, um seine Arbeiten international zu verbreiten. Ich bin in der Lage, meine Familie zu ern�hren, ein Studio zu unterhalten und meine pers�nliche Arbeit zu finanzieren indem ich nie locker lasse, immer nach neuen M�glichkeiten suche und ganz flei�ig auch mein Archiv in Anspruch nehme.

Aber abgesehen von meinem Einkommen, macht es macht mir eine riesige Freude, meine Arbeiten in B�chern, Magazinen, Zeitungen, Webseiten, Filmen, Ausstellungen, Dokumentationen etc. zu sehen. Der Sinn darin, Bilder zu machen, ist doch, Menschen zu erreichen. Es ist quasi eine Wechselbeziehung zwischen Ver�ffentlichen und Lebensunterhalt verdienen.

Was hast du f�r eine Beziehung zu den Kurden? Was denkst du �ber ihre momentane Situation?

Die Kurden sind mir wirklich ans Herz gewachsen und haben mich mit meiner eigenen Herkunft in Ber�hrung gebracht. Ich werde immer ihre Geschichte verfolgen, in meinen Bildern ihre Situation beleuchten, ihnen helfen und Wege suchen, sie zu fotografieren.

Ihre Situation ist momentan besser als je zuvor, besonders im Nord Irak, aber sie ist sehr instabil. In der T�rkei bleiben sie nach wie vor eine gro�e Minderheit, und werden wie B�rger zweiter Klasse behandelt.

Es gibt vereinzelte Fortschritte. In Syrien und im Iran bleiben sie unterdr�ckt und haben keinerlei Freiheit zu atmen, ihre kulturelle Herkunft auszudr�cken, geschweige denn in die Politik einzutreten. Es ist ein komplexes Mosaik aus konkurierenden Interessen und sie bleiben letztlich ein Opfer der Geopolitik vom Ende des ersten Weltkrieges.

2006 hast du ein gro�es Foto Projekt f�r National Geographic in Nigeria gemacht. Was waren deine Erfahrungen dort? Was glaubst du, sollten die Leute von Nigeria wissen?

Der Schwerpunkt meiner Arbeit in Nigeria lag auf der Notlage der Leute im Niger Delta. Es ist ein Projekt �ber die negativen Effekte auf Menschen von 50 Jahren �l, dem Mangel an Entwicklung, Umweltverschmutzung und Konflikten. Die Welt sollte wissen, dass die Menschen im Niger Delta ihrer nat�rlichen Ressourcen beraubt worden sind und wenig bis nichts vom Gewinn aus dem �l gesehen haben. Noch immer bezieht Nigeria den gr��ten Teil seines Geldes aus diesem �l. Und da Amerika 20 % von Nigeria's �l nimmt, sollten die Amerikaner einen Sinn f�r Verantwortung f�r das Elend der Menschen dort entwickeln. Immerhin haben die Amerikaner immer noch den Luxus des billigen �ls, wegen der Ausbeutung von Orten wie dem Niger Delta.

F�r manche Projekte bist du wochen- oder sogar monatelang unterwegs. Wie ist das mit deinem Privatleben, deiner Familie und deinen Freunden zu vereinbaren?

Das ist wahrscheinlich der h�rteste Teil an meinem Job. Mir graut es jedes Mal vor langen Trennungen von meiner Familie. Manchmal denke ich, dass es f�r mich am schwersten ist, weil ich die H�lfte der Zeit alleine verbringe, aber ich vergesse meiner Frau nie die riesigen Opfer, die sie erbringt, um unsere Kinder zu versorgen und den Haushalt zu schmei�en, w�hrend ich weg bin. Die Zeit wird zeigen, was dieser Lebensstil f�r einen Einfluss auf meine Kinder hat. Aber ich hoffe, dass sie, da sie damit aufgewachsen sind und es nicht anders kennen, damit ihren Frieden schlie�en. Au�erdem gebe ich ihnen so viel Liebe, wenn ich da bin und bin so sehr involviert in ihr Leben, dass die Botschaft, die sie daraus ziehen sehr stark und voller Liebe ist.

In all diesen Jahren, die du im Fotojournalismus gearbeitet hast, hat sich da dein Bild von diesem Arbeitsfeld ver�ndert? Gab es etwas, das du so nicht erwartet hattest von diesem Business?

Die haupts�chliche Ver�nderung ist strukturell. Die Tatsache, dass Magazine in der Funktion von visuellen Geschichtenerz�hlern fast verschwunden sind. Gott sei Dank gibt es noch B�cher und das Internet �ffnet neue, vorher nie vorstellbare Wege, Foto-Stories zu kreieren und zu verbreiten. Also alles in Allem sind die Ver�nderungen schon nervenaufreibend, aber wenn man Augen und Geist offen h�lt, sind die neuen M�glichkeiten berauschend.

Als ich angefangen habe zu arbeiten, in den fr�hen 80er Jahren, hatte sich Zeitschriften Fotografie bereits in Richtung �Portrait" entwickelt und lange Reportagen waren bereits am Verschwinden. Au�er National Geographic ist nichts mehr �brig im redaktionellen Bereich f�r l�ngere Fotostrecken, die Geschichten erz�hlen.

Gibt es etwas, das du nicht magst an deiner Arbeit?

Ich mag die Politik, die Vetternwirtschaft und selbstgef�llige Redakteure und Fotografen nicht. Aber was mir wirklich am meisten zu schaffen macht, ist, so lang von meiner Familie getrennt zu sein. Au�erdem ist es nat�rlich schade, dass das Gehalt nicht sonderlich mehr wird. Ich denke, das spiegelt wahrscheinlich die verzerrten Werte unserer Kultur wider, wo nichtssagende Promis einen h�heren Wert haben, als eine realistische Geschichte. Aber ich rege mich �ber diese Sachen nicht mehr auf, das hat doch keinen Sinn.

Du machst viele Bilder von Menschen in politischen Konflikten, wie beispielsweise den Kurden oder Nord Irland oder Menschen, die Au�enseiter der Gesellschaft sind, wie die Junkies in Polen. Wie wichtig ist dir die Politik hinter den Bildern? M�chtest du eine Botschaft senden?

Ich bin fest verwurzelt im Geiste des Journalismus, der f�r etwas eintritt. Ich suche mir meine Themen meistens nach Prinzipien aus. Mit der Zeit ist es ein st�rkeres Element meiner Arbeit geworden. Ich mache diesen Beruf nicht, um nur sch�ne oder interessante Bilder zu machen. Ich m�chte, dass meine Arbeit einen Einfluss auf die Menschen hat, festgefahrene Vorstellungen �ndert, ihre Herzen �ffnet, sie inspiriert, so dass sie handeln.

Ich habe das Gef�hl, wenn ich viel Zeit und Energie f�r eine meiner Arbeiten aufgewendet habe, dann bin ich im Stande etwas zu kreieren, dass gr��er ist als ich, meine Arbeit oder meine Karriere. Ich erschaffe ein Dokument, das einen bestimmten Moment festh�lt. Und dieses Dokument, das bestimmte Vorkommnisse, Orte, Menschen oder eine bestimmte Geschichte festh�lt, k�nnen sich die Menschen dann viel sp�ter noch ansehen.


Du hast mit deiner Frau zusammen �Talking Eyes Media" gegr�ndet. Was ist das f�r ein Projekt?

�Talking Eyes Media" ist eine Non-Profit Firma, die wir gegr�ndet haben, um multimediale Geschichten zu erz�hlen, die von den �Maistream Medien" nicht aufgegriffen werden. Wir konzentrieren uns seit der Gr�ndung 2002 haupts�chlich auf Themen zu sozialer und gesundheitlicher Versorgung in Amerika, wie die vielen Menschen ohne Krankversicherung hier, aber auch unsere alternde Bev�lkerung, Waisenkinder und andere Themen.

Wir sehen diese Organisation als ein Mittel, um dokumentarische Arbeiten zu erstellen, die sowohl von den �Mainstream Medien" benutzt werden k�nnen, als auch f�r Bildungszwecke.

Wir erstellen Fotos, Videos und Audios von fesselnden Geschichten, die dann von Zeitungen, in Dokumentarfilmen, online, auf Ausstellungen oder f�r Bildungszwecke genutzt werden k�nnen.

Was sind deine Zukunftspl�ne? Hast du konkrete Projekte in Sicht?

Ich fliege in ein paar Tagen f�r sechs Wochen in den mittleren Osten f�r ein neues Projekt. Gerade habe ich eine gro�e Story �ber Indien beendet, die im Oktober in National Geographic erscheinen wird. Au�erdem kommen dieses Jahr zwei B�cher von mir heraus. In einem geht es um meine Arbeit im Niger Delta und das andere ist eine Zusammenstellung von 25 Jahren Fotografie im Triptychon-Format. Zudem machen wir nat�rlich weiter mit der Produktion von Multimedia Projekten �ber verschiedenste Themen, als Zusatz zu meinen Fotos.



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