Foto: Ed Kashi
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Ed Kashi dokumentiert in seinen Fotos soziale und politische Themen unserer Zeit. Sein unerschrockenes Auge und seine enge Beziehung zu den abgebildeten Subkjekten wurden zum Markenzeichen seiner mehrfach ausgezeichneten Arbeit.
Kashi wurde in 1979 in New York City geboren. Nach einem Fotojournalismusstudium begann er, als Fotograf zu arbeiten. Er hat bereits in über 60 Ländern fotografiert und seine Bilder sind unter anderem in Magazinen wie Geo, National Geographic und dem New York Times Magazine erschienen. Seine Arbeiten gewannen viele Preise und werden weltweit ausgestellt.
Sein erstes Dokumentarprojekt realisierte Kashi über die protestantische Gemeinschaft in Nord-Irland. Er verbrachte dort die Jahre von 1988-1991 und publizierte ein Buch mit dem Titel "The Protestants: No surrender", das ihm den Weg zu weiteren Projekten über Gruppenkonflikte bahnte. Mitte der 90er Jahre verbrachte Kashi mehrere Jahre in der West Bank und dokumentierte dort das Leben jüdischer Einwanderer. Seine Geschichte wurde weltweit publiziert und ein Foto aus seinem Essay gewann 1995 einen Preis beim World Press Photo Wettbewerb. Seit 1991 hat Kashi neun Projekte für National Geographic fertiggestellt. Sein erstes Projekt für das Magazin war über die Kurden. Ein Projekt, das er selbst vorschlug und das schließlich zur Titelstory wurde.
Zwischen seinen editorialen Arbeiten und persönlichen Projekten gibt Kashi Hochschulunterricht in Fotografie und nimmt an Foren und Lesungen zum Thema Fotojournalismus und Dokumentarfotografie teil.
Im Dezember 2002 gründete Kashi zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Julie Winokur, das non-profit Bildungsmedien-Unternehmen "Talking Eyes Media", das soziale Themen durch visuell fesselnde Materialien untersucht. Im Interview erzählt er über sein Leben, seine neuen Projekte und natürlich wie alles anfing...
Erzähl doch mal kurz, wie alles angefangen hat. Wie bist du zur Fotografie gekommen? Wie hat deine Karriere begonnen?
Ich wollte eigentlich immer Schriftsteller werden, also ich wusste bereits als Teenager, dass ich ein "Geschichtenerzähler" werden wollte. Als ich dann auf der Universität war, wurde mir langsam klar, dass das mit dem Schreiben wohl nicht funktionieren würde und ich habe dann einen Anfängerkurs für Fotoentwicklung in der Dunkelkammer belegt. Innerhalb eines Monats war ich absolut angetan von der Fotografie und sie ist bis heute meine große Leidenschaft geblieben. Nach der Uni bin ich dann von New York nach San Francisco gezogen, um zu arbeiten. Ich wollte neue Einflüsse und die Freiheit und Offenheit der Westküste erleben. Ich habe erst ganz bescheiden begonnen, für örtliche Magazine und persönliche Projekte zu fotografieren. In den darauf folgenden Jahren habe ich für nationale Magazine gearbeitet und die Projekte wurden dann immer größer, wie zum Beispiel für National Geographic, ich arbeitete an größeren persönlichen Dokumentationen, machte aber auch internationale redaktionelle und journalistische Arbeiten.
Wonach wählst du deine Projekte aus?
Ich wähle meine Projekte nach meinen Gedanken, Sorgen und Leidenschaften für bestimmte Angelegenheiten, die die Welt beeinflussen, aus. Mein Interesse liegt grundsätzlich in Angelegenheiten, die meine Gesellschaft in Amerika beeinflussen, wo ich lebe und ich mich auch fähig fühle, mich den Angelegenheiten wirksam zu nähern. Ich verfolge Themen und Ereignisse über einen Zeitraum hinweg, während aber auch neue Ideen in meinen Kopf kommen. Ich schaue immer, wie ich ein Thema, das die Medien nicht mehr wirklich behandeln, wirksam und realistisch angehen kann.
Wenn du ein Bild machst, hast du dann vorher bereits im Kopf wie es aussehen soll, einen Plan? Oder passiert das eher spontan?
Die meisten meiner Bilder passieren eher spontan, aber oft sind sie die Früchte von Planung, Recherche und Vorbereitung, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Du arbeitest oft in Konflikt- oder sogar Kriegsgebieten. Das stelle ich mir nicht einfach vor. Mit welchen Schwierigkeiten hast du zu rechnen?
In Konflikt- oder Kriegsgebieten zu arbeiten ist eine Herausforderung und erfordert bestimmte Fähigkeiten, Instinkte und Vorbereitungen. Ich bin kein Kriegs-Fotograf, aber ich finde oft Dinge interessant, die mich dann in Konfliktgebiete führen. Es ist Teil des Einsatzes, den man für diese Arbeit bringt und obwohl ich zwar Risiken eingehe, versuche ich trotzdem, sie zu kalkulieren und möglichst klein zu halten. Aber der Stress kann schon manchmal überwältigend sein. Es ist ein zweischneidiges Schwert, der Adrenalinschub und Überlebenswille geben einem unglaubliche Kraft und das macht auch irgendwie süchtig, aber die Angst und der Stress machen einem zu schaffen und können richtig schädlich sein. Manchmal setzen sie dann auch die Grenzen, dessen was an Dokumentation überhaupt möglich ist.
Machen die Menschen in deinen Bildern gerne mit oder ist es schwer ihr Vertrauen zu erlangen?
Normalerweise kooperieren sie gerne, weil ich in einer sehr sensiblen und vertraulichen Art arbeite, aber manchmal arbeite ich gegen den Strom meiner Umgebung in der ich mich befinde. Und oft bin ich auch in Journalisten-feindlichen Situationen, wo Sinn und Art zu kommunizieren essentiell sind. Ich finde es heutzutage immer schwieriger, jemandes Vertrauen zu gewinnen. Es kann nicht mehr als selbstverständlich angesehen werden. Aber wie gesagt, wenn man sich richtig verhält, dann sind die Menschen kooperativ und öffnen sich und ihr Leben für dich. Andere Menschen und sich selbst zu verstehen, ist ein wichtiges Kriterium in diesem Job.
Du warst bereits in über 60 Ländern. Gibt es einen Ort, an dem du noch nicht warst, aber unbedingt mal hin möchtest? Oder gibt es Motive von denen du träumst, die du noch nicht fotografiert hast?
Die Orte an denen ich noch nicht war, die ich unbedingt sehen will, sind Kuba, Venezuela, Indonesien, Mali und Senegal. Es gibt noch viele mehr als diese, aber wenn ich mir eine Weltkarte anschaue, sind es diese Orte, die mir zuerst in den Kopf kommen. Es gibt aber auch Orte, wo ich bereits war, wie Russland oder China, die ich aber kaum gesehen habe und wo ich unbedingt noch einmal hingehen möchte.
Aber für mich ist die Idee eines globalen Photo-Tourismus nicht sehr attraktiv. Ich möchte lieber weiter Themen suchen, die mich im Herzen und im Geiste ansprechen. Ob sie dann öfters an ein und demselben Ort stattfinden, spielt keine Rolle. Mit diesem Gefühl habe ich sehr umfangreiche Arbeiten im mittleren Osten erstellt und ich würde irgendwann gerne ein Buch darüber veröffentlichen. Also wäre jede Chance, noch einmal in diese Region zu fahren, ein persönlicher Traum, der sich erfüllen würde.
Du veröffentlichst Bilder in der New York Times und im National Geographic. Heißt das, du kannst von der Fotografie leben?
Ironischerweise zahlen diese Zeitungen und Magazine gar nicht mal so gut. Was zählt, um zu überleben, bzw. als Fotograf erfolgreich zu sein, ist, sich ein angemessenes Netzwerk aufzubauen, um seine Arbeiten international zu verbreiten. Ich bin in der Lage, meine Familie zu ernähren, ein Studio zu unterhalten und meine persönliche Arbeit zu finanzieren, indem ich nie locker lasse, immer nach neuen Möglichkeiten suche und ganz fleißig auch mein Archiv in Anspruch nehme.
Aber abgesehen von meinem Einkommen, macht es macht mir eine riesige Freude, meine Arbeiten in Büchern, Magazinen, Zeitungen, Webseiten, Filmen, Ausstellungen, Dokumentationen etc. zu sehen. Der Sinn darin, Bilder zu machen, ist doch, Menschen zu erreichen. Es ist quasi eine Wechselbeziehung zwischen Veröffentlichen und Lebensunterhalt verdienen.
Was hast du für eine Beziehung zu den Kurden? Was denkst du über ihre momentane Situation?
Die Kurden sind mir wirklich ans Herz gewachsen und haben mich mit meiner eigenen Herkunft in Berührung gebracht. Ich werde immer ihre Geschichte verfolgen, in meinen Bildern ihre Situation beleuchten, ihnen helfen und Wege suchen, sie zu fotografieren.
Ihre Situation ist momentan besser als je zuvor, besonders im Nord Irak, aber sie ist sehr instabil. In der Türkei bleiben sie nach wie vor eine große Minderheit und werden wie Bürger zweiter Klasse behandelt.
Es gibt vereinzelte Fortschritte. In Syrien und im Iran bleiben sie unterdrückt und haben keinerlei Freiheit zu atmen, ihre kulturelle Herkunft auszudrücken, geschweige denn in die Politik einzutreten. Es ist ein komplexes Mosaik aus konkurierenden Interessen und sie bleiben letztlich ein Opfer der Geopolitik vom Ende des ersten Weltkrieges.
2006 hast du ein großes Fotoprojekt für National Geographic in Nigeria gemacht. Was waren deine Erfahrungen dort? Was glaubst du, sollten die Leute von Nigeria wissen?
Der Schwerpunkt meiner Arbeit in Nigeria lag auf der Notlage der Leute im Niger Delta. Es ist ein Projekt über die negativen Effekte auf Menschen von 50 Jahren - Öl, dem Mangel an Entwicklung, Umweltverschmutzung und Konflikten. Die Welt sollte wissen, dass die Menschen im Niger Delta ihrer natürlichen Ressourcen beraubt worden sind und wenig bis nichts vom Gewinn aus dem Öl gesehen haben. Noch immer bezieht Nigeria den größten Teil seines Geldes aus diesem Öl. Und da Amerika 20% von Nigerias Öl nimmt, sollten die Amerikaner einen Sinn für Verantwortung, für das Elend der Menschen dort entwickeln. Immerhin haben die Amerikaner immer noch den Luxus des billigen Öls wegen der Ausbeutung von Orten wie dem Niger Delta.
Für manche Projekte bist du wochen- oder sogar monatelang unterwegs. Wie ist das mit deinem Privatleben, deiner Familie und deinen Freunden zu vereinbaren?
Das ist wahrscheinlich der härteste Teil an meinem Job. Mir graut es jedes Mal vor langen Trennungen von meiner Familie. Manchmal denke ich, dass es für mich am schwersten ist, weil ich die Hälfte der Zeit alleine verbringe, aber ich vergesse meiner Frau nie die riesigen Opfer, die sie erbringt, um unsere Kinder zu versorgen und den Haushalt zu schmeißen, während ich weg bin. Die Zeit wird zeigen, was dieser Lebensstil für einen Einfluss auf meine Kinder hat. Aber ich hoffe, dass sie, da sie damit aufgewachsen sind und es nicht anders kennen, damit ihren Frieden schließen. Außerdem gebe ich ihnen so viel Liebe, wenn ich da bin und bin so sehr involviert in ihr Leben, dass die Botschaft, die sie daraus ziehen, sehr stark und voller Liebe ist.
In all diesen Jahren, die du im Fotojournalismus gearbeitet hast, hat sich da dein Bild von diesem Arbeitsfeld verändert? Gab es etwas, das du so nicht erwartet hattest von diesem Business?
Die hauptsächliche Veränderung ist strukturell. Die Tatsache, dass Magazine in der Funktion von visuellen Geschichtenerzählern fast verschwunden sind. Gott sei Dank gibt es noch Bücher und das Internet öffnet neue, vorher nie vorstellbare Wege, Foto-Stories zu kreieren und zu verbreiten. Also alles in allem sind die Veränderungen schon nervenaufreibend, aber wenn man Augen und Geist offen hält, sind die neuen Möglichkeiten berauschend.
Als ich angefangen habe zu arbeiten, in den frühen 80er Jahren, hatte sich Zeitschriftenfotografie bereits in Richtung "Portrait" entwickelt und lange Reportagen verschwanden bereits. Außer National Geographic ist nichts mehr übrig im redaktionellen Bereich für längere Fotostrecken, die Geschichten erzählen.
Gibt es etwas, das du nicht magst an deiner Arbeit?
Ich mag die Politik, die Vetternwirtschaft und selbstgefällige Redakteure und Fotografen nicht. Aber was mir wirklich am meisten zu schaffen macht, ist, so lang von meiner Familie getrennt zu sein. Außerdem ist es natürlich schade, dass das Gehalt nicht sonderlich mehr wird. Ich denke, das spiegelt wahrscheinlich die verzerrten Werte unserer Kultur wider, wo nichtssagende Promis einen höheren Wert haben, als eine realistische Geschichte. Aber ich rege mich über diese Sachen nicht mehr auf, das hat doch keinen Sinn.
Du machst viele Bilder von Menschen in politischen Konflikten, wie beispielsweise den Kurden oder Nord Irland oder Menschen, die Außenseiter der Gesellschaft sind, wie die Junkies in Polen. Wie wichtig ist dir die Politik hinter den Bildern? Möchtest du eine Botschaft senden?
Ich bin fest verwurzelt im Geiste des Journalismus, der für etwas eintritt. Ich suche mir meine Themen meistens nach Prinzipien aus. Mit der Zeit ist es ein stärkeres Element meiner Arbeit geworden. Ich mache diesen Beruf nicht, um nur schöne oder interessante Bilder zu machen. Ich möchte, dass meine Arbeit einen Einfluss auf die Menschen hat, festgefahrene Vorstellungen ändert, ihre Herzen öffnet, sie inspiriert, sodass sie handeln.
Ich habe das Gefühl, wenn ich viel Zeit und Energie für eine meiner Arbeiten aufgewendet habe, dann bin ich im Stande etwas zu kreieren, dass größer ist als ich, meine Arbeit oder meine Karriere. Ich erschaffe ein Dokument, das einen bestimmten Moment festhält. Und dieses Dokument, das bestimmte Vorkommnisse, Orte, Menschen oder eine bestimmte Geschichte festhält, können sich die Menschen dann viel später noch ansehen.
Du hast mit deiner Frau zusammen "Talking Eyes Media" gegründet. Was ist das für ein Projekt?
"Talking Eyes Media" ist eine Non-Profit Firma, die wir gegründet haben, um multimediale Geschichten zu erzählen, die von den "Maistream Medien" nicht aufgegriffen werden. Wir konzentrieren uns seit der Gründung 2002 hauptsächlich auf Themen zu sozialer und gesundheitlicher Versorgung in Amerika, wie die vielen Menschen ohne Krankversicherung hier, aber auch unsere alternde Bevölkerung, Waisenkinder und andere Themen.
Wir sehen diese Organisation als ein Mittel, um dokumentarische Arbeiten zu erstellen, die sowohl von den "Mainstream Medien" benutzt werden können, als auch für Bildungszwecke.
Wir erstellen Fotos, Videos und Audios von fesselnden Geschichten, die dann von Zeitungen, in Dokumentarfilmen, online, auf Ausstellungen oder für Bildungszwecke genutzt werden können.
Was sind deine Zukunftspläne? Hast du konkrete Projekte in Sicht?
Ich fliege in ein paar Tagen für sechs Wochen in den mittleren Osten für ein neues Projekt. Gerade habe ich eine große Story über Indien beendet, die im Oktober in National Geographic erscheinen wird. Außerdem kommen dieses Jahr zwei Bücher von mir heraus. In einem geht es um meine Arbeit im Niger Delta und das andere ist eine Zusammenstellung von 25 Jahren Fotografie im Triptychon-Format. Zudem machen wir natürlich weiter mit der Produktion von Multimedia Projekten über verschiedenste Themen, als Zusatz zu meinen Fotos.