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21.04.2008

Wieso lernt man Fremdsprachen?

Claudio Tocchi

Wieso lernt man Fremdsprachen?

Es gibt natürlich viele Gründe, heutzutage eine Fremdsprache zu lernen. Die globalisierte Welt fordert Leute, die miteinander kommunizieren können – und die Arbeitsmobilität ist heute eine Realität, die viele Menschen auf den Weg nach besseren Lebensbedingungen antreibt.

Verkäufer, Mediatoren, Migranten: alle diese Menschen müssen mindestens eine andere Sprache lernen.

Es gibt aber einen grossen Unterschied zwischen „sprechen" und „kennen". Man spricht fast immer – und normalerweise lernt man auch unglaublich schnell – eine neue Sprache. Den Migranten genügt durchschnittlich ein Jahr im neuen Land, um fast alles zu verstehen und sich mehr oder weniger artikulieren zu können. Wenn man denkt, dass dieses Spracheniveau sehr niedrig sei, muss man sich immer in Gedächtnis rufen, dass man seine Muttersprache schon immer spricht und lernt. Dass die ersten Wörter und Gedanken in der Muttersprache waren, dass man seine Kindheit damit verbracht hat, sie zu lernen.

Was ist ein Jahr, im Vergleich mit den gründlichen, ersten Lebensjahren?

So, man kann immer eine Sprache lernen und irgendwie sprechen – aber kennen?

Kennen ist was anderes – eine Sprache zu kennen, bedeutet mit ihr spielen zu können. Sich damit ausdrücken zu können – alles, jeder kleine Gedanke, verschiedene Gefühle.

Die meisten Leute können es nicht – eigentlich und um ehrlich zu sein, auch nicht auf ihrer Muttersprache. Schriftsteller sind Schriftsteller, Dichter sind Dichter, weil sie ihre ganze Persönlichkeit ausdrücken können, weil sie unseren Gefühlen und Emotionen Namen geben, die andere Leute nicht finden können.

Das ist aber normal, und alle können immer irgendwie auf ihrer Sprache etwas über sich selbst sagen. Vielleicht nicht mit den schönsten Worten dieser Welt, vielleicht nicht mit der Exatheit und der Genauigkeit Goethes oder Shakespeares – aber, durch Lieder, Gedichte, Zitate, können sie sich zumindest selbst etwas erzählen. Und sich erklären.

Das Leeregefühl, das man erfährt, wenn man eine andere Sprache spricht, ist schwer zu erklären. Man fühlt sich einfach leer – nichts zu sagen, nichts zu erzählen. Nichts zu denken.

Man kann einfach nicht.

Die Person, die man war, verirrt sich zwischen gestammelten Sätzen und inadäquaten Ausdrücken.

Und man wartet.

Was aber danach passiert, ist auch schwer zu erklären.

Eine andere Sprache ist nicht nur aus anderen Wörtern aufgebaut. Sie ist eine andere Mentalität, eine andere Denkgewohneit. Man spricht anders, denn man ist anders. Vom Ende der Kindheit an, ist jeder gewohnt, durch Wörter zu denken. Es ist aber etwas, dass uns nicht angeboren ist – wir haben es gelernt. Am Anfang waren die Bilder, die Gefühle, davor noch inpräzise Intuitionen, die keine Namen hatten (und haben) – unendliche Ideen, nach denen unsere Gehirne sich sehnen, wie Gott, oder wie Liebe.

Eine neue Sprache zu lernen, ist ein bisschen wie wieder ein Kind zu werden: was sicher war, steht jetzt in Frage.

Neue Wege werden geöffnet – die Häuser unserer Geister werden mit anderen Ziegelsteinen gebaut.

Die alten, unendlichen und unsagbaren Ideen finden jetzt neue Fährten, neue Verbindungen. Als Journalist, Schriftsteller, Dichter – als Schreiber, ein Wort, das nur auf Deutsch von den vorherigen unterschieden werden kann – betrachte ich das Lernen fremder Sprachen als einen großen -vielleicht den größten - Reichtum.

Was bleibt noch übrig? Nur eine letzte Bemerkung, eine sehr kleine Anmerkung: die Schwierigkeit. Die Flüssigkeit.

Wenn man auf seiner eigenen Muttersprache schreibt, kann man einfach dem Strom der Wörter folgen, beobachten wie sie sich mischen, sich treffen, sich unterhalten – es ist schwer, dass mit einer neuen Sprache geschehen zu lassen.

Gehirn vor Sprache, Denken vor Gefühl.

Aktion und Entscheidung statt Leichtigkeit.

Was man aber gelernt hat, und die neue Aufmersamkeit mit der man denkt und spricht, hat auf alle Fälle ihren Wert.



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