DJ Ipek stürmte bereits Mitte der 90er die vielschichtige Berliner Clubszene. Heute kann diese nicht mehr ohne Ipek. Und die veröffentlicht jetzt ihr neues Album: „Import/Export a la Turka“ und bekommt damit mehr Gehör denn je.
Ihr typischer Stil, „Eklektik BerlinIstan“, ist ein verführerischer Sound-Mix aus orientalischer Volksmusik mit Breakbeatz und Elektro. Sie nimmt ihre Hörer mit auf eine Audio-Reise durch die Kulturen und Musikstile der Türkei, Nord-Afrikas, Persien und Bollywoods, dazu strategisch geplante Ausflüge nach Großbritannien und in die USA. Das kommt an. Damit bringt die selbst so vielfältig geprägte Künstlerin seit Jahren Leute auf der ganzen Welt ins Schwitzen. "Die Party, die über alle Grenzen, sexuellen Orientierungen, Musikstile und kulturellen Unterschiede elegant hinweg feiert - der Begriff "crossover" hätte dafür erfunden werden müssen, gäbe es ihn nicht schon…" Siegessäule (2003).
Mittlerweile ist DJ Ipek in Berlin eine Ikone und das Stadtmagazin Zitty katapultierte sie in die Liste der wichtigsten kulturellen Persönlichkeiten der Stadt. Sie ist der Star der „Gayhane“-Nächte im Berlin-Kreuzberger Club SO36 und hat als Zeremonienmeisterin der transkulturellen Völkerverständigung Maßstäbe gesetzt.
Sie ist auf Festivals und in Clubs rund um den ganzen Globus zu sehen: New York, Stockholm, Istanbul, Glasgow, Peking etc. In Berlin spielt sie in den angesagtesten Clubs und Clubnächten: SO36, Transurban.tv, Absolut Balkanissimo, Kanakwood-PostMigrantSounds, Popdeurope und dieses Jahr auch auf Berlinale Parties. Das schwedische Magazin QX kürte sie zu Recht zum „hippsten DJ Europas“.
Ipek's neues Album
Wussten Sie, dass der deutschsprachige Rap von Türken mitbegründet wurde? Und wussten Sie auch, dass der heutige türkische Rock ohne Geburtshilfe aus Deutschland, genauer Hannover, nicht möglich wäre? Ich auch nicht. Aber DJ Ipek hat für die neue Platte speziell in der Musikgeschichte der Einwanderer gewühlt und ist auf diese Ursprünge der populären Musik in Deutschland und in der Türkei gestoßen.
Die neue Platte ist für sie aber auch eine “persönliche Sammlung”, die auch ihre eigene Einwanderungsgeschichte erzählt. Sie ist authentisch, und vielleicht deshalb so begehrt. Denn sie entstand aus der im Zeitalter von Castingbands oft vergessenen Verbindung zwischen persönlicher Situation und musikalischem Ausdruck.
„Import/Export a la Turka“ ist keine Musik der Parallelwelten und doch ist die alte Musik der Türkei spürbar, Arabesk vor allem, die anatolischen Rock-Legenden der 70er Jahre, eben auch Volksmusik und manchmal selbst alte Schmacht-Filme oder osmanisch-türkische Kunstmusik. Und obwohl Türkisch jeden Respekt bekommt, den es verdient, ebenso wie überhaupt die Lebenswelt der Eltern, wechselt die Sprache: Deutsch ist in den Vordergrund gerückt, und so widerlegt dieses Album vortrefflich das Klischee des traurigen Ausländers. Überhaupt ist das Album sehr politisch, Freah Familee, Aleksey, und auch, dass die beiden einzigen anatolischen Tital kurdische sind, ist eine politische Aussage.
Nicht zuletzt ehrt es den Einfluss, den Einwanderer auf die Musik hatten und haben und es ist einfach Musik, zu der man (Ipek eingeschlossen) gar nicht anders kann, als tanzen.
Ipek, die Frau
1972 wurde Ipek Ipekçioglu in München als Tochter von türkischen Immigranten geboren. Sie wuchs zwischen zwei Welten auf, teilweise im türkischen Internat, teilweise in Deutschland. Mit 12 Jahren merkt sie bereits, dass sie sich für Frauen interessiert. Ihr Coming out hat sie aber erst mit 18, während sie in London ist. Es zieht sie jedoch nach Berlin, wo sie 1997 ihr Diplom in Sozialarbeit macht. Ipek hat sich immer für Frauen- und Homosexuellenrechte eingesetzt. Sie hat eine Reihe von Aufsätzen zu Identitätspolitik und Homosexualität veröffentlicht. Ihr politisches und soziales Engagement in Bezug auf die Vielfalt von ethnischen Communities hat sie zur gefragten Referentin auf verschiedensten Veranstaltungen gemacht. Unsere Lieblingsveranstaltungen sind die, wo sie jegliche Grenzen ohne viel Worte schmelzen lässt. Es ist als würden sie einfach wegfließen mit unserem Schweiß, weil wir nicht aufhören können zu tanzen...
Interview
Ich treffe DJ Ipek in einem Cafe in Berlin. Wir plaudern über ihre neue CD und das Djing. Aber ich erfahre auch, was diese junge, türkische, lesbische Frauenrechtlerin über ernste Themen denkt, wie: Feminismus, Religiösität, studieren als „Kanackenkind“ und fehlende homosexuelle Vorbilder für türkische Immigranten in Deutschland.
Kulturprozess: Ganz kurz: wie bist du aufgewachsen und wie bist du in Berlin gelandet?
DJ Ipek: Ich bin in München geboren, wurde dann aber in der Türkei eingeschult, weil meine Mutter wollte, das ich unsere Muttersprache lerne. Später hat sie mich dann wieder nach Deutschland geholt, aufgrunde politischer Vorkommnisse in der Türkei.
Mit 18 Jahren habe ich dann ein Jahr Au-Pair in London gemacht, weil ich einfach des Abstand zu Deutschland gebraucht habe, auch den geographischen. Ich wollte herausfinden: wer bin ich? Was will ich überhaupt? Und will ich in Deutschland leben? Ich hab mich zu der Zeit hier nicht zu Hause gefühlt ... Und dann bin ich nach London gegangen und habe dort gemerkt: ich mag Deutschland eigentlich. Ich will die Sprache richtig lernen und dort studieren. Wenn man es als Kanacken Kind zu etwas bringen will, sollte man schon studieren. Und so bin ich dann nach Deutschland gegangen, habe mein Abitur nachgeholt und dann soziale Arbeit studiert.
Warum Berlin? Weil ich hier aufgewachsen bin, hier schon ein Fundament hatte, Berlin ist einfach meine Heimat.
Du sagst „wenn man es als Kanacken Kind zu etwas bringen will...“ wieviel schwerer glaubst du ist es für „Kanacken Kinder“ hier? Und hat sich das verändert in den letzten Jahren?
Ja, man hat es auf jeden Fall schwerer, wenn Jemand zwei Bewerbungen für eine Stelle hat, eine von einem Deutschen und eine von einem türkeistämmigen Menschen, wird die deutsche genommen. Ich denke, das ist immer noch so. Und ich hatte es schwer, weil ich ein Gastarbeiterkind war. Natürlich ist es nicht unmöglich, ich habe ja auch studiert, aber es ist schon schwerer. Und auch als ich später einen deutschen Pass hatte, habe ich noch Probleme bekommen, denn den deutschen Pass sieht man mir ja nicht an und da habe ich mir in der S Bahn schon Sachen anhören müssen, wie: „Ausländer raus.“
Wie hat es dann angefangen mit dem Djing?
Für Musik habe ich mich natürlich schon immer interessiert, ich hab zum Beispiel schon früh in Chören gesungen. Aber angefangen hat es als ich an einem Donnerstag Abend im SO36 am feiern war und da kam dann einer auf mich zu und meinte: du bist doch türkisch? Und du bist doch auch lesbisch? Willst du nicht auf unserer ersten Queer-Oriental-Party auflegen? Und ich dachte: ich hab das doch noch nie gemacht!! Ich hab doch nur meine ollen Kassetten! Aber es hat geklappt. Danach habe ich angefangen sporadisch aufzulegen und es hat sich dann herumgesprochen DJ Ipek macht internationale Musik, also nicht nur die typischen amerikanischen oder englischen Sachen, und das war dann sehr gefragt. Ich wurde dann auch öfter gebucht für viele Schwulen- und Lesbenparties etc.
Mittlerweile kannst du ja davon leben..
Ja, ich lebe seit 7 Jahren sehr gut davon. Also ich kann mich noch nicht mit Paul vanDyk oder andere international großen Djs vergleichen, die 6.000 Euro pro Auftritt bekommen, aber ich kann gut davon leben und das ist nicht selbstverständlich als DJ. Natürlich würde ich gerne so bekannt werden, mal gucken, was Allah so für mich bereit hält.
Bist du religiös?
Ich bin keine praktizierende Muslima, aber ich glaube an Allah. In mir sitzt ein Glaube, aber ich bete nicht 5 mal am Tag. Ich denke, dass Glaube an sich etwas sehr intimes und privates ist, der anderen Menschen nicht aufgezwungen werden darf. Jeder Mensch ist da für sich selbst verantwortlich.
Was denkst du über das Tragen des Kopftuchs?
Ich finde auch das Kopftuch ist eine sehr private Sache, da muss Jeder für sich selbst entscheiden können, ob er das tragen möchte. In unserer Religion steht nichts geschrieben über das Tragen von Kopftüchern, es steht geschrieben: „Prahle nicht mit deiner Schönheit“ und „Bedecke dich“, aber das kann alles heißen, es kann heißen, wenn Jemand besonders reich ist: zeige nicht Jedem dein Gold oder es kann heißen „Bedecke deine Haare“ das weiß man nicht genau.
Es ist aber schon ein Unterschied, ob man hier oder in der Türkei ein Kopftuch trägt. Hier sind Muslime natürlich eine Minorität. In der Türkei ist erstens die Trennung von Staat und Kirche leider nicht sehr ausgeprägt, und über 80 % der Menschen sind islamisch sozialisiert. Ansonsten ist man von einem Großteil des gesellschaftlichen und politischen Leben ausgeschlossen. Und ein solcher Zustand darf nicht sein. In der Türkei gab es schon immer die Gefahr, dass der Islam übermächtig wird, dann hat man immer wieder versucht, das zu verhindern. Aber die Tatsache, dass jetzt die regierende Partei eine religiöse Partei ist, ist gefährlich für die Demokratie.
Ich denke, Religion darf grundsätzlich nicht zum politischen Symbol werden. Ich bin grundsätzlich dagegen, dass in öffentlichen Einrichtungen Kopftücher oder Springerstiefel oder Kreuze überhaupt getragen werde, denn das sind alles politische Zeichen.
Aber es ist natürlich schwierig, da das Religiöse nicht immer vom Alltag, vom öffentlichen Leben zu trennen ist, deshalb denke ich sollte eigentlich Jeder seinen religiösen Glauben ausdrücken können, hier hätte ich nichts dagegen, wenn jetzt Jemand neben mir ein Kreuz trägt. Aber in einem Land, in dem die Definition verschwimmt, ist es jetzt ein politisches Symbol oder nur ein religiöses, ist das sehr schwierig. Denn es hat seine Aussage. Vor Kurzem wurden wieder 2 Mädchen angegriffen, weil sie kein Kopftuch, aber Miniröcke getragen haben, denen wurde Säure auf die Beine gekippt. Das ist schrecklich. Das darf nicht dabei herauskommen! Was sagt das aus über diese Gesellschaft? Also es gibt offensichtlich den Hang zum Extremen, deshalb finde ich es wichtig, dem entgegen zu wirken und in öffentlichen Einrichtungen solche politischen Symbole nicht zu erlauben. Es gibt auch noch einige Universitäten, die sich dagegen wehren und weiterhin keine Frauen, die Kopftuch tragen, zulassen und das ist auch eine Art von Widerstand und das finde ich gut.
Deine türkische Familie hat ja verständnisvoll auf dein Coming Out als Lesbe reagiert. Glaubst du dennoch, dass es für türkeistämmige junge Menschen schwieriger ist sich zu outen oder als homosexuall akzeptiert zu werden?
Ja, meine Familie hat da wirklich sehr gut reagiert, meine Mutter hat gesagt, wir lieben dich so wie du bist, was es für mich dann auch einfacher gemacht hat, dem Rest meiner Familie gegenüber, weil ich wusste, ich habe meine Mutter hinter mir.
Aber natürlich ist das nicht bei allen so, ich denke gerade als Immigranten hier, identifiziert man sich sehr stark über dieses türkisch-sein, man lebt in diesen Communities und ich denke schon, dass es in deutschen Communities natürlich einfacher ist. Ein Grund sind auch die fehlenden Vorbilder. Als Deutscher kann man viele homosexuelle Vorbilder haben, wie Hella von Sinnen oder unser Berliner Bürgermeister Wowereit, aber das sind keine Vorbilder, die Türken für sich annehmen können. Ein Wowereit ist ein Vorbild für einen deutschen Stefan, aber kein Vorbild für einen Mohamed oder Hassan. Und es gibt natürlich wenig Bildungseinrichtungen, wo für Immigranten homosexualle Aufklärung gemacht wird, das hat natürlich einen Einfluss auf die Situation, wenn die Informationen gar nicht so vorhanden sind. Zu dem kommt, dass Immigranten hier ganz andere Sorgen haben, als sich um homosexualle Aufklärung zu kümmern. Sie machen sich eher Gedanken darum, wie finde ich hier einen Job? Kann ich mir dann ein Haus in der Türkei kaufen? Können meine Kinder hier eine gute Ausbildung bekommen? Solche Sachen.
Du hast dich früher als Radikal-Feministin bezeichnet. Was denkst du heute darüber?
Ja, ich war früher radikal, wir haben uns abgegrenzt und das war wichtig. Auch für meine eigene Entwicklung, um herauszufinden, wer ich eigentlich bin. Heute bin ich nicht mehr ganz so radikal, aber ich unterstütze natürlich noch die Frauenrechtler-Bewegung. Der Feminismus hat in Deutschland viel bewegt und erreicht. Wir ernten ja heute die Früchte, die diese Frauen in den 70er, 80er Jahren erkämpft haben. Dennoch ist noch keine komplette Gleichberechtigung erreicht und auch wenn wir uns auf den errungen Rechten und Freiheiten ausruhen können, sollten wir nicht aufhören. Wir dürfen auf keinen Fall unachtsam sein. Also wir sollten jetzt auch nicht paranoid werden, aber einfach darauf achten, dass kein Rückschritt passiert.
Lass uns über deine neue CD „Import/Export a la Turca“ reden. Was ist anders als bei deiner ersten CD?
Der Unterschied ist, dass die erste CD eher türkisch, oder auch kurdisch, war. Die meisten Künstler leben auch in der Türkei. Die neue CD ist mehr von Deutsch, Immigration und meiner eigenen Geschichte geprägt. Ich spreche Türkisch und Deutsch. Und beide Sprachen sind mir wichtig. Auf dieser CD spielt das Thema Immigration eine zentrale Rolle. Was wird in die türkische Musikszene importiert? Was wird aus der türkischen Musikszene exportiert? Auch in die deutsche Szene.
Es geht um Fragen der Immigranten: Was sind unsere Themen? Was sind unsere Sprachen? Wie benutzen wir unsere Sprachen? Natürlich ist der Umweltschutz für uns genaus so ein Thema wie der Krieg im Irak. Genauso wie einfach das schöne Leben genießen...
Worauf bist du besonders stolz bei der neuen CD?
Die zweite CD liegt mir grundsätzlich mehr am Herzen als die erste, weil sie einfach ein persönlihcer Teil meiner Geschichte, meiner Kultur ist. Und ich bin eigentlich auf alle Lieder stolz. Eines meiner Lieblingslieder ist allerdings „Warum kannst du mich nicht lieben“? Sie singt auf deutsch, kann das aber in einen arabesken emotionalen Musikstil verpacken und dabei singt sie auch noch toll. Und natürlich mag ich auch an der CD, dass sie sehr politisch ist.
Was sind deine Pläne für die Zukunft? Bestimmte Projekte in Sicht?
Ja, ich werde natürlich weiter auflegen und dann mache ich die Musik für ein Theaterstück, ansonsten bin ich offen für alles. Einige Sachen sind noch in Planung, aber da kann ich jetzt noch nicht drüber sprechen, dann klappt es nachher nicht, da bin ich ein bisschen abergläubisch, das ist die Türkin in mir...