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Viele Türken dürften sich an seinen legendären Auftritt in Istanbul vor 500.000 Zuschauern erinnern, als er aus dem Exil zurückkehrte. Seine Akkorde transportieren mal alle Traurigkeit, mal alle Hoffnung eines Landes. Unter der Militärdiktatur sind sie zu Hymnen für den Wunsch nach Demokratie geworden. Inzwischen haben viele ausländische Musiker seine Lieder adaptiert, auf dem „13. Filmfestival Türkei / Deutschland" in Nürnberg gab er Anfang März ein Konzert mit der Jazzsängerin Jocelyn B. Smith. Zur Buchmesse erscheint sein Roman „Mutluluk / Glückseligkeit" auf Deutsch. Der Komponist, Musiker, Schriftsteller und Filmemacher Zülfü Livaneli positionierte sich Zeit seines Lebens für die Völkerverständigung, in gemeinsamen Konzerten und Alben mit Mikis Theodarakis warb er für die türkisch-griechische Aussöhnung. Er komponierte die Filmmusik für Yilmaz Güneys „Yol / Der Weg" und „Sürü / Die Herde". Seine türkische Heimat musste er aus politischen Gründen mehrmals verlassen und ging ins schwedische, französische, griechische und vorübergehend auch deutsche Exil. Zusammen mit Tschingis Aitmatow, Arthur Miller, Peter Ustinov und anderen Intellektuellen nahm er auf Einladung Michail Gorbatschows im Vorfeld der Perestroika an einem Forum teil, auf dem die aktuellen Probleme in der damaligen Sowjetunion diskutiert wurden. 1998 wurde er zum UNESCO-Botschafter ernannt, es folgte ein kurzer Ausflug in die Politik. Inzwischen wurde sein Werk auch in der Türkei mehrfach ausgezeichnet. Auf dem Nürnberger Filmfestival erhielt Livaneli, dessen erster eigener Spielfilm „Yer Demir Gök Bakir / Eisenerde Kupferhimmel" 1988 von Wim Wenders koproduziert wurde, den Ehrenpreis. Ein Gespräch über Kunst, Völkerverständigung und die angespannte politische Lage in der Türkei.
Frage: Bei der Eröffnung des Filmfestivals sprachen alle Redner aus Politik und Kultur die augenblicklichen Debatten über „Integration" und „Assimilation" an ...
Livaneli: Ich war vor 35 Jahren das erste Mal in Deutschland. Die deutschen Regierungen haben sich seitdem sehr darum bemüht, die türkische Gemeinschaft in die Gesellschaft zu integrieren. Sie haben dafür sehr viel Geld ausgegeben. Ich denke aber, dass zwischen beiden Ländern noch keine wirkliche kulturelle Interaktion stattgefunden hat. Deutschlands Intellektuelle wollten, dass die intellektuellen Türken hierzulande als Dolmetscher funktionieren. Es wäre sicher besser gewesen, wenn wir mehr gemeinsame Projekte gemacht hätten, so wie dieses Festival hier. Das fängt erst jetzt an. Ich bin im übrigen nicht der einzige, der mittlerweile genug von dieser Debatte hat. Sie wird ja nunmehr seit fast 40 Jahren geführt. Wir müssen endlich akzeptieren, dass wir verschiedene Identitäten haben und für eine echte Integration sich beide Seiten annähern müssen, wie bei einer Ehe. In der türkischen Gemeinschaft gibt es heute sehr viel Nationalismus und eine Vielfalt politischer und religiöser Organisationen, die in der Türkei auf Grund des laizistischen Systems verboten sind. Diese Organisationen sind in Deutschland stark geworden und haben dann ihre kleinen Ableger in der Türkei unterstützt. Das ganze wurde zunächst von Deutschland in die Türkei exportiert, und jetzt wird es neu re-importiert. Vor diesem extremistischen Hintergrund kann ich nicht nachvollziehen, warum die deutschen Regierungen das toleriert haben.
F: In „Eisenerde Kupferhimmel", Ihrem ersten Film als Regisseur, geht es um die Bewohner eines abgelegenen Dorfes, die sich in ihrer hoffnungslosen Situation einen Heiligen erschaffen. Was haben Sie empfunden, als Sie diesen Film zur Festivaleröffnung wieder auf der Leinwand gesehen haben?
L: Das war zunächst ein nostalgisches Gefühl. Dabei ist die Geschichte von „Eisenerde Kupferhimmel" nicht in die Jahre gekommen, der Film ist sogar aktueller geworden. Die durchschnittlichen Menschen in dem Dorf versuchen, sich eine Hoffnung zu erschaffen. Weltweit entstehen heute Sekten, religiöse Bewegungen haben an Wert gewonnen. Das ist ein universelles Thema, wir hätten die Geschichte auch in Japan drehen können.
F: Wie war die Zusammenarbeit mit Yaşar Kemal?
L: Yaşar Kemal und mich verbindet eine lange Freundschaft. Einmal machten wir eine Bootsfahrt, auf der wir über die Möglichkeiten sprachen, seine Romane zu verfilmen. Als das Gespräch bei „Eisenerde Kupferhimmel" angekommen war, sprang ein grosser Fisch aus dem Wasser in unser Boot. Wir haben das für ein Zeichen Gottes gehalten.
F: Sie haben damals betont, wie anstrengend das Filmemachen sei ...
L: Damals war der Zustand der Kinotechnik in der Türkei sehr rückständig. Wir haben das technische Equipment auf drei Lastwagen aus Deutschland geholt und in das abgelegene Bergdorf gefahren, wo der Film gedreht wurde. Danach mussten wir die Sachen wieder zurückfahren, dabei noch die Grenzen der Warschauer-Pakt-Staaten überqueren und wurden immer wieder der Schmugglerei verdächtigt. Heute gibt es die notwendige Kinotechnik auch in der Türkei. Zur Zeit werde ich öfters darauf angesprochen, wieder einen Film zu machen.
F: In der Türkei gibt es zur Zeit sowohl ein starkes kommerzielles Kino als auch ein starkes Autorenkino. Wie ist das Verhältnis zwischen beiden?
L: Es gibt einen riesigen Kinomarkt. Einige kommerzielle Filme, vor allem regionale Komödien, konnten Zuschauerzahlen von bis zu vier Millionen verbuchen. Die Besucherzahlen für einheimische Produktionen sind wesentlich höher als in vielen europäischen Ländern. Das ist ein großes Geschäft, schließlich sind die Eintrittspreise in der Türkei mit acht bis zehn Dollar fast genauso hoch wie woanders. Diese Filme versprechen also hohe Gewinne, und deswegen entstehen viele kommerzielle Produktionen. Auf der anderen Seite gibt es Regisseure, die Autorenfilme machen wollen. Damit erreichen sie vielleicht um die 20.000 Zuschauer, zeigen aber ihre Arbeiten auf Festivals in der ganzen Welt.
F: In letzter Zeit ist der Name Fatih Akin zum Synonym für die deutsch-türkischen Filmbeziehungen geworden. Wie beurteilen Sie die deutsch-türkische Zusammenarbeit im Kinobereich?
L: Fatih Akin ist eine sehr gute Entwicklung. Wir hatten in den 60ern einen „Goldenen Bären" für den türkischen Film „Susuz Yaz / Sommer ohne Wasser". Yilmaz Güneys „Der Weg", für den ich den Soundtrack geschrieben habe, hat 1982 in Cannes die „Goldene Palme" gewonnen. Wir hatten also einige Erfolge, aber die sind inzwischen vergessen, und neue Regisseure sind gekommen. Ich habe großen Respekt für Akin, und ich finde, es sollte mehr solcher Akins geben.
F: Die Enzyklopädie der Filmmusik hebt Ihre Musik in „Der Weg" und „Sürü / Die Herde" hervor ...
L: „Die Herde" wurde 1978 gedreht. Damals hatte ich zum ersten Mal auch Gesang integriert, bis dahin war Filmmusik fast ausschließlich instrumental. In diesem Gesang gab es auch einige Worte, die Kurdisch anmuteten, obwohl sie eigentlich überhaupt keine Bedeutung hatten. Aber sie klangen Kurdisch, und an diesen Stellen wurde in den Kinos applaudiert. Daraus hat sich ein politisches Statement entwickelt, was eigentlich gar nicht beabsichtigt war.
F: Wie kamen Sie an den Auftrag, die Filmmusik für „Der Weg" zu schreiben?
L: Als „Der Weg" gedreht werden sollte, war ich gerade in Athen. Güney lebte in einem Dorf in Frankreich und wollte, dass ich die Musik für den Film mache. Man hat mir aber gesagt, dass ich in der Türkei kurz vor der Begnadigung stünde. Wenn ich nun diese Musik unter meinem richtigen Namen schriebe, würde ich sicher die Staatsbürgerschaft verlieren. Also haben wir nach einem Pseudonym gesucht. Ein Freund mochte die französischen Dörfer in der Normandie. So haben wir die Karte aufgeschlagen, und eines der Dörfer hieß „Argol". Seine Frau mochte den Vornamen Sebastian. So kamen wir auf Sebastian Argol. Anschließend haben sich alle gefragt, wer dieser Sebastian Argol ist. Die Musik wurde vor kurzem in Cannes unter die 50 besten Soundtracks gewählt. Niemand hat mir geglaubt, dass ich Sebastian Argol bin, doch ich hatte die Musik damals hier unter meinem richtigen Namen bei der GEMA angemeldet, das war mein Beweis.
F: Sie schreiben, komponieren, machen Filme ... welche Kunstrichtung bevorzugen Sie?
L: Warum arbeite ich auf so vielen Feldern – darauf habe ich zwei Antworten. Zunächst mag ich den kreativen Prozess – Romane schreiben, Musik komponieren, Filme machen, das ist mein tägliches Lebenselixier. Ich mag diesen Prozess. Mir geht es nicht darum, mehr Geld zu verdienen oder noch erfolgreicher zu werden. Zweitens glaube ich nicht an diese falsche Idee der Spezialisierung, die sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat. Der Komponist Hanns Eisler hat einmal gesagt, „wenn ein Musiker nur etwas von der Musik versteht, kann er die Musik eigentlich gar nicht verstehen." Ich beschäftige mich lieber parallel mit unterschiedlichen Disziplinen, wie es in der Renaissance üblich war. Im 21. Jahrhundert kommt das mit Multimedia ein bißchen zurück.
F: Wie kam es zu der Kooperation mit der Jazz- und Bluessängrin Jocelyn B. Smith?
L: Jocelyn B. Smith ist eine der besten Stimmen der Welt. Seit Jahren haben sehr viele internationale Musiker meine Lieder gesungen, in Spanien, Italien, Griechenland und in Deutschland, Udo Lindenberg in den 80er Jahren. Ich mag solche Kooperationen. Der deutsche Produzent Helmut Schmidt hatte Jocelyn meine Lieder vorgespielt, und sie hat dann 15 Songs interpretiert. Demnächst erscheint ein neues Album, auf dem viele internationale Künstler versammelt sind. In Spanien hat man eine Flamenco-Variante eines meiner Lieder entwickelt, die Amerikaner singen meine Lieder als Blues. Das ist ein interessantes musikalisches Experiment.
F: Sie mussten mehrmals die Türkei verlassen. Wie vermitteln Sie Ihren jüngeren Lesern den ganzen geschichtlichen und politischen Erfahrungshorizont Ihrer Generation?
L: Ich bezeichne meine Romane als eine Art Memoiren, eine Erzählung aus erster Hand, was damals passiert ist. Manchmal kann ich selbst nicht glauben, was uns damals widerfahren ist.
F: Wie kommentieren Sie die Eskalation des kurdischen Konflikts durch den Einmarsch der türkischen Armee in den Norden Iraks?
L: Seit Jahren schreibe ich zum Kurdenproblem, und meine Meinung dazu hat sich nicht geändert. Die Kurden in der Türkei sind eine enorme Bereicherung für das Land. Leider hat die falsche Politik der türkischen Regierung diese kurdische Identität nicht anerkannt. Ich habe Angst vor dem Zeitpunkt, an dem sich Kurden und Türken zu vollkommen anderen Völkern entwickeln. Ich hoffe aber, dass die bisherige Brüderlichkeit weitergeführt wird. Es ist die Pflicht der Intellektuellen, sich gegen den Krieg zu stellen.
F: Wie sehen Sie die Zukunft der Türkei?
L: 2005 habe ich einen Text darüber geschrieben, wie sich die politische Lage in der Türkei entwickeln wird. Wenn man genau hingesehen hat, war das damals alles voraussehbar. Nachdem tatsächlich alles eingetreten ist was ich beschrieben habe, werde ich immer wieder gefragt, welche Prophezeiungen ich heute geben könne. Am meisten Angst habe ich vor der gegenwärtigen Polarisation in der Türkei. Wir haben einen islamischen Pol, einen kurdischen und einen türkisch-nationalistischen Pol. Alle drei funktionieren wie Magneten, die die Bevölkerung an sich ziehen. Auf der Straße grüßt man sich inzwischen nicht mehr, wenn man verschiedenen Lagern angehört.
F: Diese Entwicklungen gibt es auch in anderen Teilen der Welt ...
L: Dazu gehört auch Huntingtons populistische These vom „Clash of Civilisations", an die ich nicht glaube, weil ich der Meinung bin, dass die menschliche Zivilisation ungeteilt ist. Es gibt einige unterschiedliche Varianten dieser Zivilisation, die benutzt werden, um Kriege zu erklären, und um anderen Ländern den Krieg zu erklären. In der Türkei ist die Polarisation allerdings sehr weit vorangeschritten, weil wir gerade eine sehr starke religiöse Bewegung haben. Sie kontrollieren die Regierung, den Präsidenten, das Parlament und damit die großen Institutionen. Die Gegenseite hat sich ebenfalls polarisiert und der Armee angenähert. Hier werden diese großen nationalistischen Gefühle gepflegt, die eine andere große Gefahr darstellen – wir sind Zeugen des Mordes von Hrant Dink und all den anderen Verbrechen geworden. Die nächste Fraktion ist die kurdische Fraktion, die sich nicht mehr der Türkei zugehörig fühlt, sondern auf eine eigene Föderation abzielt. Diese drei Pole haben sich entwickelt, weil die zwei großen politischen Antagonisten, die linke und die rechte Mitte, fehlen. Die Armee hat diese Entwicklung nach dem Putsch zerstört, besonders die Linke. Sie hat die Linke zerstört. Ein Ausweg wäre es, die Politik um die politische Linke und die politische Rechte zu entwickeln, wie das in normalen Demokratien funktioniert. In Deutschland regieren mal die Sozialdemokraten, mal die Konservativen. Da werden keine evangelikalen und katholischen Parteien gegründet. Dieses Links-Rechts-Schema in demokratischen Ländern ist besser als ein Krieg zwischen Protestanten und Katholiken. Es ist besser, wenn der Streit auf politischer Ebene zwischen SPD und CDU geführt wird, ein religiöser Streit würde wesentlich schmerzhafter verlaufen. Die Türkei dagegen wird langsam in eine ethnische und religiöse Teilung gedrängt.
F: Gab es einen persönlichen Grund für Sie, sich politisch zu engagieren?
L: Das ist meine Identität, meine Persönlichkeit. Ich definiere mich als Humanist. Vor kurzem hat mich der frühere französische Kulturminister Jacques Lang in Istanbul besucht, wir haben darüber gesprochen, was die Linke für uns in den 60er Jahren bedeutet hat. Was ist die Idee hinter diesem „Links-Sein"? Warum wurden wir Linke? Für uns bedeutete das Humanismus. Ich bin für Versöhnung und friedliche Beziehungen innerhalb der Gesellschaft, das ist ein wesentlicher Teil meiner Identität. Ich bin diesen Weg aber nicht aus einem politischem Bewußtsein gegangen, es ist meine Lebensform.
F: Sie waren kurze Zeit Mitglied der Republikanischen Volkspatei CHP. Warum sind Sie 2004 aus der Politik ausgestiegen?
L: Nachdem ich in der Politik angekommen war, habe ich bemerkt, wie aussichtslos das ist. Wir reden abends immer über die Probleme in der Türkei. Im Parlament wird darüber überhaupt nicht gesprochen. Es wird nur darüber geredet, wie die Politiker oder ihre Verwandten Vorteile herausholen können. In der Politik wird eine andere Sprache gesprochen. Als Künstlerpersönlichkeit können Sie in der Politik nicht erfolgreich sein. Als Künstler kann man alles frei herausreden, als Politiker müssen Sie alles für sich behalten. Deshalb konnte ich in der Politik auch nicht wirklich erfolgreich sein.