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18.01.2008

Lawine und Mensch

Gamze ARSLAN, Turkei
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Eine Lawine als Gegenstand bloßer menschlicher Wahrnehmung ist einfach ein Naturphänomen. Aber unternimmt jemand, der dies Phänomen kennt, es zu beschreiben, so vermag er dies Phänomen im Nu zu verändern. Eben das tut Tuncer Cücenoglu: er beschreibt die Lawine nicht als ein Naturereignis, sondern als ein gesellschaftliches. Er konstruiert das Stück ausgehend von einem wirklichen Vorfall. Und Ayse Emel Mesci, die die Dramaturgie und Regie des Stückes erarbeitet hat, läßt es beginnen mit einem Charakter, den sie Stephen Hawking's "Eine kurze Geschichte der Zeit" entlehnt hat: Einem Zuschauer aus dem Weltall. Diese Figur erläutert uns, wie der Begriff der Zeit in dem Stück positioniert wird.

Der kosmische Zuschauer – Wenn Sie von der Erdkugel aus ins All fliegen und nach einer Weile sich umschauen, sehen sie einzig und allein einen tiefblauen Ball. Und eine Hälfte dieses blauen Planeten befindet sich stets im Dunkeln. Wenn Sie sich weiter entfernen, bleibt schließlich nichts weiter als ein Himmelskörper zurück, der ihnen ein immer trüberes Licht zusendet. Vergessen Sie nicht: das Licht, das vom am weitesten entfernten sichtbaren Objekt kommend Sie erreicht, ist ca. 8 Milliarden Jahre unterwegs, seit es von dort ausstrahlte. Das bedeutet, was Sie sehen, während Sie ins All blicken, ist dessen Vergangenheit. Nun gut, und was sehen die, die da aus 8 Milliarden Jahren Entfernung auf Sie blicken?

Von diesem Punkt aus begreifen wir, daß die Zeit hier nicht als eine nationale, sondern als eine kosmische behandelt wird. Wie bei Heidegger wird die Zeit hier als das angesehen, innerhalb dessen die Dinge geschehen. Das wiederum heißt: es gibt keine absolute Zeit. Die hier gemeinte Zeit können wir, wie auch Bergson sagt, ahnungsvoll erfassen, wenn wir in sie eindringen. Wir müssen hier nicht etwa mit unserem Wissensinstrumentarium vorgehen, sondern mit Intuition. Dass der Zeitbegriff im Stück auf diese Weise behandelt wird, hat zum Ziel, dass jeder Betrachter zu einem gleichsam kosmischen Betrachter wird, also dass man übergehe zu der kosmischen Zeit, die durch die Uhr an unserem Arm negiert wird, und von da aus in das All zu blicken vermag. Auf diese Weise kann man sich sowohl von der Messbarkeit der Zeit losreißen und in sie eintreten als auch das Stück als mehr denn ein bloßes Naturgeschehen aufnehmen.

Von einem wirklichen Vorfall ausgehend, verläuft das Stück in einem Gebirgsdorf. Dies Dorf ist neun Monate des Jahres hindurch geradezu unter Stille begraben, in den übrigen drei Monaten ist es ein Festort. In diesem Zeitfenster von drei Monaten können die Menschen dort Hochzeiten feiern, Geburten oder sonstige Gemeinschaftsfeste. Um diese Zeit zu messen, wird ein Wasserbassin benutzt. Ist dies Bassin vollständig mit Schmelzwasser gefüllt, sind die 9 Monate um. 9 Monate herrscht Stille, denn es besteht Lawinengefahr. Da das leiseste Geräusch, bspw. das Weinen eines Babys, eine Lawine auslösen kann, können die frisch verheirateten Paare erst nach 4 Monaten des Wartens zur Hochzeitsnacht schreiten. Auf diese Weise fallen Geburten in die 3-Monatsphase und sind ungefährlich. Diese Regel ist im Dorf zu einer Tradition geworden und sie nicht zu befolgen wird hart bestraft. Die schwangere Frau wird lebendig begraben. Der junge Mann ist sich sicher, die Regel eingehalten zu haben, aber er fürchtet sich, denn bei seiner Frau haben die Wehen eingesetzt. Und es fehlen noch drei Fingerbreit, bis das Bassin randvoll ist. Sie verbergen die Wehen vor der Famile, aber umsonst. Die Familie wird misstrauisch. Es ist nötig die Hebamme zu rufen, damit sie die Situation prüfe. Auf diese Weise wird die Familie von einem gespannten Warten und Angst regiert. Der junge Mann erzählt mit den Worten eines alten Weisen: Während Angst den Menschen regiert, entwickelt sich seine Denkfähigkeit nicht. Angst ist der Zustand, der das menschliche Denken am meisten hindert und in die Irre führt. Wie eigentlich die gesamte Dorfbevölkerung, so hat auch jeder einzelne in der Familie Angst. Der alte Mann im Stück sagt: "Die Angst ist dem Menschen der Wolf."

Dieser Formulierung entnehmen wir, wie der im Stück gebrauchte Angstbegriff gebildet ist. Die Aussage: "Die Angst ist dem Menschen ein Wolf" vervollständigt die Aussage des Th. Hobbes: "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf". Hobbes gelangt zu seinem Dictum auf folgende Weise: Er entwirft einen Naturzustand. In diesem Naturzustand gibt es zwischen den Menschen eine recht rohe Gleichheit, die Gleichheit in der Fähigkeit, einander zu töten. Diese Gleichheit schafft Misstrauen zwischen den Menschen. Und aus dem Misstrauen entsteht Krieg, also dass der Mensch dem Menschen Wolf ist. Das Misstrauen im Stück ist nicht gegen den Menschen gerichtet, sondern gegen die Lawine. Aber die Lawine ist schon längst kein Naturphänomen mehr, sondern hat soziale Qualität erlangt. "Vielleicht hat nicht ein Naturphänomen, sondern wir diese Angst in unseren Hirnen erschaffen." Diese Worte des alten Mannes erklären uns alles. Im Stück sind inzwischen drei Begriffe miteinander verbunden: die Macht, durch die Lawine vertreten; die durch sie ausgelöste Angst; die durch die Lawine(ngefahr) bemessene Zeit. Die hier gemeinte Macht ist, wie auch Foucault sagt, kein bloßes Konstrukt. Sie ist eine reale Macht ohne Zentrum, und gleichzeitig eine, die sich über die gesamte Gesellschaft ausgebreitet und in jeden ihrer Winkel hinein erstreckt. Diese Macht ist überall, nicht weil sie alles umfasst, sondern weil sie aus allem hervorgeht. In diesem Zusammenhang vertritt die Lawine diese zentrumslose Macht. Der Richter-Rat und die Patroullien in diesem Stück vertreten nicht die Macht. Auch sie leben in dieser Furcht, wie dazu verurteilt.

Kehren wir erneut zum Stück zurück: Die zu Hilfe gerufene Hebamme sagt, dass die Situation umgehend dem Richter-Rat gemeldet werden müsse, da die junge Frau gebären werde. Das daraufhin erscheinende Oberhaupt des Rates und die übrigen Mitglieder fällen die Entscheidung: Die Regeln sind anzuwenden.Um eines Menschen Willen kann nicht das gesamte Dorf in Gefahr gebracht werden.

Der junge Mann reagiert, als er erfährt, dass seine Frau lebendig begraben werden soll. Er teilt dem Oberhaupt des Rates mit, dass sie nicht früher als erlaubt ehelichen Verkehr hatten und so alles zu seiner Zeit geschehe. Die Geburt sei eine Frühgeburt, erklären der junge Mann und die Hebamme übereinstimmend. Das Oberhaupt des Rates erklärt, dass man dies nicht erwogen habe und dass im Falle einer Geburt eine Lawine niedergehen werde. Die Geburt möge eine Frühgeburt sein, aber das bedeute an und für sich nichts. Eine Lawine sei ein Naturgeschehen, das sich nicht darum schere, ob eine Geburt zu früh sei oder nicht, ebenso sei die Geburt ein Naturgeschehen. Die eine, die Lawine, bedeute Tod, die Geburt bedeute neue Hoffnung. Daher sind sie einander entgegengesetzt.

Der junge Mann erkennt nicht an, dass seine Frau lebendig begraben soll und greift zu seinem Gewehr. Es liegt darin ein individualistisches Aufbegehren des jungen Mannes gegen das Gesellschaftliche. Er hat die Möglichkeit des Aufbegehrens, wie Albert Camus sie nennt, gewählt. Er hat seine eigene Existenz ergriffen und gegen die Gesellschaftlichkeit gestellt. Während der junge Mann, das Gewehr in der Hand, wartet, beginnen die Wehen seiner Frau und die Hebamme bereitet sich auf die Geburt vor. Der Mund der Schwangeren wird zugebunden und das Baby kommt zur Welt. Aber das Erwartete ist nicht eingetreten. Es ist keine Lawine niedergegangen.

Das Aufbegehren des jungen Mannes hat damit begonnen, dass er die Furcht, die auf ihm lastete, abschüttelte. Daraufhin verschwand auch die allgegenwärtige Macht, die sich aus der Furcht nährte. Der junge Mann hat verstanden, dass sie (die Angst) kein Naturereignis war, er hat die Zeit intuitiv erfaßt. Was die Angst hervorbrachte, war die Macht, und die Macht ist gleichzeitig das, was den Moment kontrolliert. Sobald die Angst überwunden wird, wird die Zeit in ihrer Unendlichkeit wahrgenommen und die Macht zieht sich machtlos zurück. Wie das All und die Zeit mit einer riesigen Explosion begonnen haben, so hat die endlose Zeit mit dem Abfeuern des Gewehrs begonnen. Diese Zeit ist nunmehr ein intuitiv erfasstes Fließen. Zum Ende des Stückes hat der junge Mann wie der kosmische Beobachter von außen auf das All geblickt. Und er hat so verstanden, dass sie leben. Er überwindet seine Angst und lässt die endlose Zeit beginnen. Wenn der Vorhang sich schließt, Empfinden wir die Vorfreude darüber, das All gleichsam von außen betrachten zu können...

Autor: Tuncer Cücenoğlu

Regisseur : Ayşe Emel Mesci



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