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11.01.2008

Von Film, Theater und dem Schauspieler sein – ein Interview mit den Zwillingsschwestern Biliana und Vesela Kazakovi

Virjinia Shmarova, Bulgarien
VESELA KAZAKOVA

Vesela und Biliana Kazakovi sind in Sofia, Bulgarien geboren. Mit vier Jahren standen sie bereits das erste mal auf der Bühne. Beide spielten sie in der Kinder Theatergruppe "Kambana" ("Glocke") mit, die von ihrer Mutter Snezhina Kazakova – einer Schauspielerin – gegründet worden war.

Beide studierten Schaupiel an der National Academy for Theatre and Film Arts (NATFA) bei Professor Stefan Danailov. Allmählig fingen sie an, in diversen Theateraufführungen mitzuspielen, produzierten aber auch mit Begeisterung unabhängige Theater Projekte, die an ungewöhnlichen Orten stattfanden.Hier konnten sie als Autorinnen und als Schauspielerinnen wirken und Vesela komponierte sogar die Musik für die Stücke. In der Zwischenzeit beendeten sie 2003 erfolgreich ihr Studium des "Kunst Managements" an der University of National and World Economy in Sofia.

Im Kino erschienen sie zum ersten mal 2001 in den Hauptrollen der Filme "A Leaf In The Wind" und "Warming Up Yesterday's Lunch". Für diese Rollen gewannen sie 2002 zusammen den angesehendsten Preis für debut-Schauspieler in Bulgarien: den "Nevena Kokanova" Award in der Kategorie "Best Young Actress". Seitdem hat Vesela Hauptrollen in drei weiteren Kinofilmen gespielt: Crazy Day, Mila From Mars und Stolen Eyes. Für diese Rollen gewann sie den "Best Actress" Award bei den Moskauer Filmfestspielen 2005 und schließlich den Hamburg Shooting Stars Award beim Internationalen Film-Festival in Berlin. Biliana wurde in dieser Zeit Mutter, ihr Tochter ist heute vier Jahre alt.

Ich kenne die Schwestern aus meiner Zeit bei "Kambana", wo ich auch einen großen und wichtigen Teil meiner Teenager-Zeit verbracht habe. Danach ging jedoch jeder seiner Wege und wir haben uns für rund zehn Jahre nicht gesehen. Ich schaute mir natürlich ihre Filme an und freute mich für sie über die Awards, die sie gewannen, aber den Kontakt hatten wir verloren. Bis zu dem Moment, als ich zu einer bulgarischen Theateraufführungen - Stereolove - in Berlin ging und wir uns zufällig wiedertrafen.

Das Interview mit Biliana (Bibi) haben wir übers Internet gemacht. Mit Vesela traf ich mich in der gemütlichen Videothek Filmkunst in der Revaler Straße, wo man übrigens auch die DVD "Mile From Mars" findet. Wir tranken Yogi Tee und redeten über das Leben und was es heißt, Schauspielerin zu sein.


Wenn man deine Biographie liest, bekommt man den Eindruck, du warst von Anfang an fürs Theater predestiniert - du bist in einer Küntler Familie aufgewachsen und hast große Teile deiner Kindheit auf der Bühne verbracht, aber es hätte natürlich auch andere Möglichkeiten gegeben. Warum hast du dich dazu entschlossen, Schauspielerin zu werden, was fasziniert dich so an diesem Beruf?

Vesela: Die Inspiration, genau das als meinen Weg zu wählen, kam von verschiedenen Menschen und Orten. Es wird schließlich zu etwas, ohne das man nicht mehr leben kann, wirklich so etwas wie Schicksal. Im Theater fühle ich so einen Antrieb und bin einfach glücklich. Wenn etwas in mir drin kocht, dann muss ich einen Weg finden, es zu realisieren. Wenn wir hinter den Erfolg schauen (Die Rollen, die ich gespielt habe, die Awards), dann kommt meine eigentliche Befriedigung daher, dass ich mich selbst ausdrücken kann. Ich bin eigentlich am glücklichsten, wenn ich arbeite.

Biliana: Ich erinnere mich daran, dass ich als Kind Astronautin werden wollte, aber eigentlich konnte ich mir nie wirklich vorstellen, etwas anderes als Schauspielerin zu werden. Es gab keine andere Wahl für mich. Meine ganze Kindheit hindurch war die Theaterszene Teil meines Alltags. Aber der Beruf faszinierte mich erst, als ich anfing selbst auf der Bühne zu stehen. Jetzt weiß ich, dass Schauspieler sein genauso wundervoll ist, wie ein Job mit hoher Verantwortung. Das ist einfach mein Platz, hier gehöre ich hin.

Wahrscheinlich ist einer der Hauptgründe, euch für das Theater zu eintscheiden auch die Theatergruppe "Kambana" gewesen, die von eurer Mutter Snejina Kazakova gegründet worden war. Erzählt mal ein bisschen davon – wann wurde sie gegründet, wie hat sie sich entwickelt und was sind eure persönlich Erfahrungen aus dieser Zeit?

Biliana: Die Gruppe wurde 1982 gegründet. Meine Mutter versammelte ein paar Kinder, die noch sehr klein waren – vier bis fünf Jahre alt. Meine Schwester und ich waren auch dabei. Und zusammen haben wir uns den Namen ausgedacht: Musical und Theatergruppe Kambanki (kleine Glöckchen) – und so macht man plötzlich Geschichte. Später haben wir den Namen dann allerdings in Kambana (Glocken) geändert.

Die Stücke, die wir damals spielten und die Dramaturgie, die wir erarbeiteten, waren so ernst, dass, hätten wir sie damals verstanden, wir uns wahrscheinlich ziemlich gefürchtet hätten. Aber unsere Mutter konnte es uns immer wieder nahelegen. Shakespeare, Lorka, Mayakovsky haben uns damals genauso berührt, wie die erste Jugendliebe, die Parties...

Vesela: Ich verstehe jetzt mehr und mehr, wie wichtig es ist, als Jugendlicher, der noch nicht weiß, welchen Weg er gehen soll, Jemanden zu haben, dem er vertrauen kann, der ihm den Weg weist und ihn liebt.

Alle von uns, die wir bei Kambana waren, haben sich immer die Neugier auf das Leben bewahrt – eine spontane und freie Art. In diesen Jahren haben wir das Theater und das Leben für uns neu erfunden, wir haben erfunden, wer wir sind und haben das dann gespielt. Danach ist man bereit für das Leben.

In dieser Zeit haben sich Beziehungen fürs Leben gebildet. Dies sind die Leute, die mir am nächsten stehen, manche von ihnen sind wie spirituelle Brüder und Schwestern für mich.

Biliana: Die Gruppe hat dieses Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum! Seit dem Tod meiner Mutter, wird sie von unserer älteren Schwester Katja Kazakova geleitet. Zu diesem Jubiläum haben Vesela und ich einen kleinen Dokumentarfilm gemacht, um den Kinder, die jetzt dort sind, die Geschichte von Kambana zu erzählen. Wir haben die Leute gefilmt, die vorher in der Gruppe waren – sie berichten von ihren Erinnerungen und davon, was sie heute machen. Der Film heißt "Because of her" und er wurde bereits zwei mal erfolgreich auf Filmfestivals gezeigt.

Vesela: Der Film ist wie eine Verneigung vor unserer Vergangenheit. In einem Film werden die Gefühle zu Bildern und Gedanken werden zu Sprache. Der Film ruft eine starke emotionale Reaktion hervor, denn er zeigt Menschen, die frei sind und für ihre Träume leben. Und in dieser einsamen Zeit in der wir leben, sich sehr nahe stehen.

Biliana: Zur Zeit ist Kambana die erfolgreichste Jugend-Theatergruppe in Bulgarien. Jedes Jahr werden Kinder aus der Gruppe an der National Theatre and Film Academy angenommen und werden professionelle Schauspieler.

Wie ist es möglich in Bulgarien von der Schauspielerei, sei es für Theater oder Kinofilme, zu leben? Welche der beiden Künste entwickelt sich heute besser und was ist leichter zu realisieren?

Biliana: Ich beschwere mich nicht, zu wenig Geld zu haben. Ich glaube ganz fest daran, dass Schauspieler Bulgarien bald besser bezahlt werden. Manche Schauspieler verkaufen sch selbst für die Werbung. Solche Kompromisse gehe ich aber kaum ein. Es ist wichtig, was dein Gesicht den Menschen sagt. Und ich will nicht zum Beispiel mit einem Waschpulver assoziiert werden.

Andererseits ist das Theater in Bulgarien auf einem hohen Niveau. Bulgarische Schauspieler und Regisseure sind international bekannt.

In der Filmproduktion ist das allerdings anders. Die Zeit nach dem Fall des kommunistischen Regimes 1989 war sehr schlecht für die Filmbranche. Junge und talentierte Schauspieler und Regisseure wurde nicht akzeptiert. Die einzigen, die Filme machen konnten, waren die ganz bekannten aus der "sozialistischen" Generation. Aber in den letzten Jahren kam Bewegung in die Branche. Die letzten Filme, die ich sah, waren sehr aufregend und originell. Als Kunstform sind mir Filme lieber und ich denke, dass sich da in nächster Zeit die Situation verbessern wird. Ich denke, ich bin einfach besser in diesem Genre und ich hoffe, dass ich in Zukunft noch viel in diesem Bereich machen kann.

Vesela: Ich denke, die Welt erfährt langsam mehr und mehr über Bulgarien – ein Ort mit einer großartigen Kultur und vielen wunderbaren Schauspielern. Andererseits ist es natürlich überall schwer, von Kunst zu leben, da ist Bulgarien keine Ausnahme. Man muss natürlich den richtigen Ort, die richtigen Leute, mit genügend Geld, zur richtigen Zeit finden, um das tun zu können, was man will. In Bulgarien gibt es viele talentierte Leute, aber auch viele, die ihnen im Weg stehen. Nach der großen politischen Veränderung gab es viele Probleme in der Filmbranche, unter anderem weil die Regierung aufhörte, die Filmproduktion finanziell zu unterstützen.

Jetzt gibt es keine Grenzen mehr. Junge Regisseure können ihre Filme machen und auf Festivals zeigen oder sich mit Kurzfilmen bei Film- und Theaterzentren bewerben, damit diese die Prouktion größerer Projekte dann finanzieren. Heutzutage wächst eine neue Generation heran - ohne die Komplexe und die Last der Vergangenheit.

Ich bin stolz auf das, was ich und die Leute, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, gemacht haben. Es gibt wirklich viele taletierte Schauspieler. Die "Alten" stehen auch noch auf der Bühne, aber es gibt keinen Krieg zwischen den Generationen. Die Jungen bringen frischen Wind herein, die Alten bewahren klassische Standards - und zwischen ihnen gibt es eine Brücke der Energie. Allerdings ist die Gesamtsituation für Schauspieler nicht gut, vielleicht lernen sie deswegen, zusammenzuhalten. Als die sozialistische Partei wieder an die Macht kam, fing die Regierung wieder an, die Fäden in der Theater Branche zu ziehen. Ins Theater zu gehen, wurde zum teuren Luxus – trotzdem sind die Säle gefüllt. Aber Keiner kann sich erklären, wo das Geld hingeht, denn die Schauspieler bekommen nach wie vor niedrige Gagen. Wenn man keinen festen Vertrag bei einem Theater hat, hat man keine Chance.

Um sich dem entgegen zu stellen, haben einige private Theater eröffnet. Aber es gibt trotzdem kaum Orte, an denen man independent-Projekte aufführen kann. Ein solcher Ort, aber leider der einzige in Sofia, ist das „Red House". Leider sind auch bulgarische Filme in den Kinos nicht sehr erfolgreich. Ich hoffe, das wird in Zukunft besser. Ich bin da optimistisch.

Sowohl im Kino als auch im Theater spielt man eine Rolle und kreiert neue Charaktere. Ihr habt Erfahrungen in beiden Künsten. Kann man sagen, wo das innere Gefühl ergreifender ist, wo die Energie, einen Charakter zu spielen stärker ist als die eigene Person?

Vesela: Manche Menschen spielen lieber nur in Filmen, andere nur im Theater. Wieder andere sind am Theater und wollen gerne zum Film. Aber die Kamera ist hinterhältig und sucht sich selbst aus, wer in ihrem Fokus steht.

Ich persönlich liebe beides, ich würde eines nicht für das andere aufgeben. Im Theater kann man mit Vorstellungskraft arbeiten – sowohl mit seiner eigenen, als auch mit der des Publikums. Diese Kunstform ist so unendlich reich an Möglichkeiten – selbst eine leere Bühne, auf der man alleine steht, ohne irgendwelche Hilfsmittel kann etwas ausdrücken. Ich bin wirklich fasziniert von der Ausdruckskraft, die unser Körper hat. Das Theater ist wie ein Herumwühlen im wirklich Leben, eine grundliegende Kenntnis von der Welt. Ich bewundere besonders das zeitgenössische Theater – manchmal steht da nur ein einziger Stuhl auf der Bühne oder man hört nur einen Laut. Es gibt nichts Konkretes zu sehen, aber man fühlt die Hinweise. Das mag ich am Theater, es lässt dem Zuschauer so viel Platz und dem Schauspieler so viel Freiheit bei seiner Darbietung. Die Kommunikation mit dem Publikum, die Kommunikation auf der Bühne... das gibt es beim Film nicht. Aber Filme haben einen anderen Charme. Der Zuschauer kann sich mit den Figuren identifizieren. Im Film ist das Wichtigste die Realitätsnähe, die Authetizität der Figuren und Bilder. Alles muss sehr natürlich wirken. In diesem Sinne spiele ich gerne in Filmen mit. Einen Film zu machen ist immer eine aufregende Sache, denn man muss die ganze Zeit seine Gefühle und seine gesamte Verfassung auf einem konstanten Level halten – von morgens bis abends. Da ist keine Magie, wenn man spielt. Das Kino ist eine große Lüge. Andererseits ist die Hingabe und das Engagement das gleiche, nur das wie ist anders.

Biliana: Beim Film ist es gut du selbst zu sein. Eine Figur zu spielen, die sehr anders ist als du ist immer ein Risiko, aber wenn Jemand es dennoch tun muss und es gut macht, dann gibt es keinen Vergleich. Für mich ist die Arbeit beim Film ergreifender. Die Magie dieser Kunstform lässt mich nicht los bis zum letzten Drehtag, und selbst danach nicht. Dennoch hat jede meiner Rollen mich so voller Energie gepackt, dass sie stärker war als meine Person in diesem Moment. Ich kann nicht sagen, wo das Gefühl stärker ist.

Wie spiegelt sich das in eurem Privatleben wieder? Wenn ihr zum Beispiel eine Rolle einstudiert, bis zu dem Punkt, wo sie wirklich Besitz von euch ergreift auf der Bühne oder vor der Kamera?

Biliana: Ich lerne von meiner Arbeit. Am Meisten, wie man in einer Gruppe arbeitet. Dieser Job ist ein kollektiver Job und man muss bereit sein, sich in ein Team einzugliedern und persönliche Sypathien und Launen außer Acht zu lassen für das Endergebnis. Ich habe so gelernt geduldig und tolerant zu sein. Und ich habe eine Art sechsten Sinn entwickelt – ich sehe einen Menschen an und erkenne seine Schwächen oder auch die lustigen Dinge an ihm. Etwas wie Psychologie.

Zu diesem Besitz ergreifen habe ich ein Beispiel: ich spielte gerade ein aut..istisches Mädchen in einem Theaterstück von Takred Dorst. Ich ging so tief in die Figur herein, dass ich selbst Stunden nach der Aufführung noch kein Wort sagen konnte. Diese Heldin hieß Anita und ich mochte sie sehr. Zur Zeit, als wir das Stück wiederholten wurde ich schwanger. Dann habe ich diese Rolle weiter gespielt bis meine Tochter drei Jahre alt war. Rate mal, wie ich sie genannt habe...

Vesela: Wenn ich eine Rolle spiele, versinke ich total in ihr. Jede Rolle verändert mich. In meinem Privatleben bin ich dann auch immer etwas anders als ich eigentlich bin, obwohl ich eigentlich gar nicht weiß, wer ich wirklich bin. Die Rolle lässt dann etwas in mir erwachen, das ich sehr mag und dann lebe ich komplett in dieser Rolle, wie ein Kind. Nachdem ich zum Beispiel eine Prostituierte gespielt hatte, fing ich an, mit Männern auf eine bestimmte Arte zu reden – als würde ich mich ihnen anbieten. Ich hatte mit Männern immer auf gleichem Level kommuniziert, aber in dem Moment fing ich an, sie als Objekte zu sehen. Es gab sogar Momente, wo ich in Männern auf der Straße potentielle Klinenten sah... natürlich habe ich nichts wirklich getan, so verrückt bin ich nicht. Ich stelle es mir nur vor. Für mich war es wahnsinnig interessant, das Leben durch die Augen einer Frau zu sehen, die ein Opfer des männlichen Triebs ist.

Das war eine Rolle in einem ungarischen Film und alles fing in Berlin an, bei der Berlinale 2007. Der Film heißt "Prima-Primavera" und der Regisseur war Janos Edeleni. Wir hatten uns auf dem Festival getroffen, ich las das Skript und wir aßen mit den Produzenten zu Abend. Wir lachten viel. Nachher erfuhr ich dann, dass das eigentlich ein Casting gewesen war.

Bei den Dreharbeiten hatten wir auch viel Spaß. Ich wollte aber nicht von einer anderen Stimme gesprochen werden, also habe ich meine Sätze in ungarisch gelernt.Ein Teil des Filmes wurde in Bulgarien gedreht, so hatten auch andere bulgarische Schauspieler die Chance, mit zu machen. Ich lerne von jeder Figur, die ich spiele. Und manchmal denke ich, vielleicht passieren ausgerechnet mir diese Rollen, weil ich Charaktereigenschaften dieser Figuren schon in mir trage.

Habt ihr eine Lieblingsrolle unter all denen, die ihr gespielt habt? Oder eine, die ihr mal gerne spielen würdet?

Biliana: Die erste Frage habe ich eigentlich ja schon beantwortet – Anita. Aber ob ich eine Traumrolle habe? Jede neue Rolle, die ich spiele ist die Rolle von der ich geträumt habe.

Vesela: Ich würde gerne realistische Filme machen – etwa Dokumentarfilme, aber bis jetzt hat es sich noch nicht ergeben. Die Rollen, die ich bis heute gespielt habe, klassifiziere ich aber nicht, ich mag sie alle. Sie waren immer sehr stark, tiefgehend und aufregend. Meine erste Rolle war ein taubstummes Mädchen, dann eine Malerin. In "Mila From Mars" ein Mädchen aus dem Waisenhaus, das von der Stadt aufs Land zieht, und dort ein Kind bekommt ... Ich mochte sie sehr, weil sie sich vor nichts gefürchtet hat. In "Stolen Eyes" spielte ich eine Art türkische Jeanne D'Arc – eine Frau, die die Männer anführte. Die Rolle in dem ungarischen Film war auch sehr interessant, hatte aber auch etwas lustiges. Alle diese Figuren waren sehr stark und ich liebe sie, denn sie sind meine. Sie haben mir durch schwierige Phasen in meinem Leben geholfen, genauso wie die Menschen, mit denen ich gearbeitet habe. Ich hatte wirklich Glück, dass ich mit Menschen arbeiten konnte, die mich inspirieren.

Vese, für dein letztes Theaterstück – Stereolove, das auch in Berlin aufgeführt wird, hast du am Text mitgeschrieben und die Musik komponiert. Denkst du daran, in Zukunft mehr in anderen Bereichen aktiv zu sein, wie das Schreiben, die Regie oder das Komponieren von Musik?

Vesela: Schreiben – nein. Ich drücke mich besser mit fertigen Texten aus. Es sei denn, ich würde mit Jemandem zusammen arbeiten, der schreibt, so wie bei Stereolove. Regie? Vor ein paar Monaten hätte ich auch dazu Nein gesagt, aber nach dem Film "Because Of Her", der Arbeit im Studio, die Montage etc. hatte ich das Gefühl ich habe das Potential dazu. Und ich denke schon darüber nach, mir eine Kamera zu kaufen. Es scheint, als wäre da eine Leidenschaft von mir erwacht, die die ganze Zeit in mir schlummerte, von der ich aber nichts wusste. Außerdem habe ich auch festgestellt, dass ich Menschen gut koordinieren und motivieren kann. Das würde ja zur Regie passen.

Und die Musik... Schauspielerin zu sein ist sehr anstrengend, die Kommunikation mit den Menschen – sehr intensiv. Musik zu machen ist in meinen Augen eine sehr einsame Kunst. Für mich ist es eher eine Art Medizin, die mir hilft, mich wieder auf mich selbst zu besinnen. Musik ist für mich und für meinen Job von großer Wichtigkeit. Das Schauspielen verlangt äußerste Disziplin und absolute Hingabe, deshalb ist es so anstrengend. Die Dinge passieren nur durch Dialog mit den Menschen, mit denen man zusammen arbeitet.

Disziplin ist etwas, was den Menschen erst einmal grundsätzlich fehlt, woran man arbeiten und sich weiterentwickeln muss. Die Musik fordert für mich nicht dieses Engagament. Du kannst relaxen, tun was du willst und dabei andere Welten kreieren.

Wenn ich ruhig sein möchte, schreibe ich Musik, wenn ich laut sein möchte spiele ich Theater.

Was sind eure nächsten Projekte?

Biliana: Für mich starten bald die Wiederholungen von Harold Pinter. Die Rolle ist sehr interessant. Aber auch der Film ("Because Of Her") war sehr erfolgreich und wir denken darüber nach, in Zukunft wieder zusammen zu arbeiten.

Vesela: In naher Zukunft möchte ich Filme machen – am liebsten eine Mischung aus Dokumentar- und Zukunftsfilm. Und Regie führen.

Zudem war ich vor Kurzem zum fünften mal in Berlin und habe dort in einem Kurzfilm von zwei jungen Regisseuren – Evi und Yoakim – mitgespielt. Die hatten mich im Internet gefunden und dann kontaktiert. Ich mochte die Art, wie sie schrieben. Sie haben beim "Cinema For Peace" Festival einen Preis für ihr Drehbuch bekommen. Die Story handelt von einem Mädchen und einem Jungen und spielt zu Kriegszeiten. Das Mädchen hat eine Prothese – das ist meine Rolle. Der Film ist sieben Minuten lang und heißt "I don't feel like dancing" und wird bei der nächsten Berlinale und Kurzfilm Festivals gezeigt. Die Organisation war super, viel besser als bei großen Produktionen. Außerdem haben sie nicht mit einer digitalkamera gedreht, sondern mit noch mit richtigem Film, das hat mich auch sehr inspiriert. Die beiden leben in Potsdam und das wird ihr Diplom-Abschlussprojekt.

Was bedeutet dir Berlin, Vese?

Vesela: Berlin ist mir sehr wichtig. Jedes mal, wenn ich hier bin, habe ich das Gefühl, es geschieht etwas mit mir. Dieser Ort hat einen Einfluss auf mich, er zieht mich magisch an. Ich würde sogar gerne Deutsch lernen und für längere Zeit hier wohnen, wenn ich ein interessantes Bühnen-Projekt finde. Ich bleibe nie lange an einem Ort.

Was inspiriert euch in der Kunst oder im Leben generell?

Biliana: Die Liebe. Und meine Tochter.

Vesela: Reisen, die Menschen, die man kennenlernt, Musik, manchmal auch das allein sein, ein gutes Theaterstück oder einen guten Film zu sehen, Auto fahren, gute Menschen.

Und was würde euch an einem tristen Regentag wieder glücklich machen?

Biliana: Meine Tochter. Meine Arbeit. Ein schönes Essen, das ich zu Hause koche, für Freunde oder Familie. Im Bett ein gutes Buch lesen oder ein guter Film.

Vesela: Eine nette sms von einem geliebten Menschen.

Gibt es eine Frage, die ihr gerne beantworten würdet, die euch aber noch Niemand gestellt hat?

Biliana: Nein, eigentlich nicht.

Vesela: Was ich mit einer Million Dollar machen würde... Und die Antwort wäre: selbst das ist zu wenig für all die Dinge die ich tun möchte.



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