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Nach dem Zerfall der Sowjetunion mussten sich ihre nun zur Unabhängigkeit berufenen Republiken unzähligen Herausforderungen stellen und ob nun im politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Sinne, ein neuer Platz in der Weltordnung ist nicht so ohne weiteres gefunden. Trotz Hindernissen auf dem Weg zu (Selbst)Entwicklung und Identitätsfindung sind aber durchaus auch positive Erfahrungen und Erfolge festzumachen.
So ist es für Armenien dank seines reichen kulturellen Erbes ein leichtes, sich in Sachen Kultur mit anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zu messen. Die armenische Geschichte reicht weit zurück, im Jahre 301 n. Chr. war es das erste Land, welches das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Armenien befindet sich genau da, wo Asien und Europa aufeinandertreffen. Über die Jahrhunderte hinweg war die geographische Lage Anlass für Zusammenkunft und - nicht immer friedliches - Zusammenleben verschiedener Völker und ethnischer Gruppen. Sie alle hinterließen materielle wie spirituelle Spuren, welche heute noch erfahrbar sind.
Das alljährlich in der Hauptstadt Eriwan ausgerichtete internationale Filmfestival ist einer der Kanäle, durch die Armenien sich heute der Welt öffnet, gleichzeitig wird die kulturelle Entwicklung des Landes belebt. Zum ersten Mal fand das Festival 2004 statt, für gewöhnlich finden sich Filmschaffende und Filmliebhaber im Juni und Juli jeden Jahres zusammen - pünktlich zur Zeit der Aprikosenreife. Armeniens berühmteste Früchte standen nicht nur für das Filmfestival selbst, sondern auch für dessen Auszeichnung des besten Films als Namensgeber Pate: die Goldene Aprikose. Weitere Preise sind die Silberne Aprikose und, nicht zu vergessen, Parajanows Taler, der für ein Lebenswerk verliehen wird. Benannt ist dieser Preis in Form einer Silbermünze nach Sergej Parajanow, einem der außergewöhnlichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Während Parajanow in Gefangenschaft saß, gravierte er mit den eigenen Händen Aluminiumdeckel von Milchflaschen und nannte sie "Taler".
Im Vergleich mit anderen internationalen Filmfestivals beeindruckt die Goldene Aprikose nicht durch Größe an sich, wohl aber durch stetig wachsende Aufmerksamkeit. Die Filmbeiträge werden innerhalb einiger weniger Kategorien programmiert, d.h. Spielfilm, Dokumentar- und Kurzfilm sowie Animation. Der Grundgedanke des Festivals besteht darin, eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen, ethnischen Gruppen und Religionen zu schlagen, zu sehen gibt es daher Filme aus allen Teilen der Welt.
In diesem Jahr fand vom 9. bis 14. Juli bereits die vierte Ausgabe des Festivals statt. Das Programm rief sowohl Tränen als auch Gelächter hervor, regte in jedem Fall zum Nachdenken an und erwirkte ein klein wenig mehr Bewusstsein für die Welt in und um jeden von uns. Der Zuschauer konnte Zeuge werden, wie Kinder in den Straßen Limas aufwuchsen - ein Bild, welches stellvertretend für so viele Orte in der Welt steht, für einen Alltag aus Drogen, Armut und Kriminalität (The Children Beyond / Peru, Spanien, Guatemala 2006). Man konnte Kinder eines Waisenhauses begleiten, ihren Gedanken und Träumen lauschen, sowie in eine Welt von Naturphänomenen und guten und bösen Magiern eintauchen (Angels That Live on Earth / Russland 2007). Ein anderer Beitrag lud dazu ein, dem Volk der Kirgisen zu folgen, welche ursprünglich aus dem Pamir-Gebirge in Zentralasien stammen und im Osten der Türkei nach langer Flucht vor dem kommunistischen Regime ein neues Zuhause gefunden haben (37 Uses for a Dead Sheep / GB 2006). Was es heißt, Ausländer in einem fremden Land zu sein, spürte der deutsche Film Callshop (2007) nach. In den heutigen kosmopolitischen Großstädten gibt es Callshops an jeder Ecke, an sich farblos und unspektakulär, nichts weiter als ein Telefon in einer winzigen Kabine und trotzdem täglicher Schauplatz von zahllosen, in den verschiedensten Sprachen mitgeteilten Geschichten und Schicksalen, für viele die einzige Verbindung zu ihrer fernen Heimat. Der Film The Other Russians (Russland 2006) versuchte zu ergründen, wie es ist, sich im eigenen Land wie ein Ausländer zu fühlen.
Die Goldene Aprikose für den besten Spielfilm wurde in diesem Jahr dem österreichischem Film Import-Export verliehen. Er erzählt die Geschichte einer ukrainischen Krankenschwester, die, wie so viele andere auch, nach einem besseren Leben im Westen strebt. Das einzige, was ihr der gelobte goldene Westen jedoch bieten kann, ist eine Stelle als Putzfrau. Gleichzeitig verfolgt der Film die Geschichte eines Mannes aus Österreich, der während seiner Suche nach dem Sinn des Lebens eine Reise gen Osten unternimmt und schließlich in der Ukraine landet. Als bester Dokumentarfilm ging A Story of People in War and Peace aus Armenien hervor, welcher Leben und Überleben der Betroffenen des armenisch-aserbaidschanischen Karabach-Konfliktes dokumentiert und mit äußerst seltenem Archivmaterial aufwartet. Die Auszeichnung für den besten Film erhielt die britische Produktion Screamers. Die Rockband System of a Down konfrontiert darin mit dem Genozid an den Armeniern und anderen ethnischen Gruppen und Nationen, und zeigt, wie die Verantwortlichen leider allzu oft reagieren, nämlich durch Verleugnen der Tatsachen.
Diese und viele andere Themen einer globalisierten Welt und schnelllebigen Zeit, globale Probleme genauso wie die Tiefen der menschlichen Existenz wurden ausgelotet durch fesselnde Stories und ungewohnte Sichtweisen. Fast 120 Filme präsentierte das 4. Filmfestival der Goldenen Aprikose, darunter zahlreiche armenische Filme, neue und alte, schwarz und weiße sowie Filme, die exklusiv auf diesem Festival zu sehen waren. Nähere Informationen zu den Filmen findet man auf der Festivalseite www.gaiff.am. Zusammen ergeben sie eine vielfältige Collage verschiedener Geschichten, erzählt voller Einfallsreichtum und Einfühlungsvermögen.
Die 5. Ausgabe der Goldenen Aprikose wird vom 13. bis zum 20. Juli 2008 stattfinden, die Teilnahmebedingungen sind auf der Homepage erläutert, Einsendeschluss für Filmbeiträge ist der 31. Mai 2008. Die Organisatoren des Festivals beschreiben ihre Zielsetzung wie folgt: "Der Schwerpunkt des 5. Internationalen Filmfestivals Goldene Aprikose ist Crossroads of Cultures and Civilizations. Das Thema ist verankert in der Idee einer globalen menschlichen Landschaft im Prozess von Transformation und den Anforderungen, die diese Veränderungen der Menschheit stellen. Wir begrüßen Filme, die verschiedene ethnische Gruppen, Religionen und Nationen repräsentieren. Filme, die das alltägliche und nichtalltägliche Leben darstellen, die Sorgen und Freuden der Menschen, wenn sie sich um Bedeutung und einen Standpunkt in einer sich ständig verändernden Welt bemühen, in einer Welt, die immer weniger Grenzen kennt."
Das Festival ist offen für jeden, der etwas zu sagen hat. Jeder, der interessiert ist an alternativem und ernsthaftem Kino und sich noch unsicher ist, wohin die Reise im nächsten Sommer gehen soll, der sollte ernsthaft darüber nachdenken, mal die goldenen armenischen Aprikosen zu probieren. Es wäre auf jeden Fall eine sehr gute Wahl.