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Der Verlust eines Symbols ist im Allgemeinen nur sehr schwer zu verkraften. Insbesondere dann, wenn dieses Symbol das bunte Image einer Stadt repräsentiert, wenn es Touristen aus der ganzen Welt, für eine ganze Nacht anlockt, und wenn obendrein Kapital durch die hauptstädtischen Venen gepumpt und die Elektro- und Minimalszene genährt wird. Der 7. Juli sollte der Tag der Love Parade sein – die Parade der befreiten Körperbewegung, der prunkvoll geschmückten Trucks und der über alles wachenden Goldenen Else. Die Parade, die Berlin bereits in vielen Farben und Färbungen erleben konnte. Aber der 7. Juli war der wohl düsterste Tag dieses Pseudo-Sommers, der den Berlinern (leider) kaum eine Schweißperle abringen konnte. Dafür gab es in diesem Jahr deprimierend dicke Regentropfen, leere Straßen und eine nahezu nordische Kälte. Eine nur logische Folge also, dass die Love Parade ihre Koffer packt und Berlin den Rücken kehrt. Die Ursachen für die Abwanderung sind komplex: Unmengen von Müll, welche die Raver jedes Jahr aufs Neue hinterlassen, der erhöhte Konsum von Aufputschmitteln, oder einfach der Geschmackswandel, die Love Parade ist wohl nicht mehr „in" in Berlin. Bye, bye Berlin. Die Love Parade hat eine neue Heimat und wird in den nächsten 5 Jahren die Städte des Ruhrgebiets beehren. Die neuen Locations der Love Parade sind Essen, welches in diesem Jahr einen erfolgreichen Anfang machte, gefolgt von Dortmund, Bochum, Duisburg und Gelsenkirchen.
Für kurze Zeit hatte die goldene Stadt ihr bekanntestes und exzentrischstes Festivalkind verloren. Um diese beunruhigende Tatsache möglichst schnell verarbeiten zu können, hat Berlin sein Ersatzprogramm ausgerufen. Ladies und Gentlemen! We proudly present die Top 3 Events, die den Berliner Festivalsommer aus seinem Winterschlaf erwecken werden:
Kultur im Blut – Karneval der Kulturen
Immer wieder stelle ich mir die Frage, ob Berlin wirklich eine deutsche Stadt ist. Ich meine ob es eine typisch deutsche Stadt ist – was auch immer das bedeuten mag. Diese Frage muss zwangsläufig gestellt werden, denn in Berlin leben mehr als eine Million Ausländer. Man nennt Berlin auch die „türkische Stadt", der König im Staate Fast Food ist mit Sicherheit der Döner Kebab, in all seinen Variationen erfüllen sein Duft und Geschmack die Straßen Berlins. Abgesehen von seinen kulinarischen Besonderheiten bietet Berlin eine nur seltene Fremdsprachenvielfalt und versucht zudem, sein multikulturelles Gesicht möglichst clever zu nutzen. In diesem Sinne haben sich die Berliner ein kulturelles Ereignis ausgedacht, jeden Mai findet der Karneval der Kulturen statt, in diesem Jahr bevölkerte das bunte Treiben bereits zum 12. Mal die Straßen Kreuzbergs und Neuköllns. Der Karneval beginnt mit einem Straßenfest und endet in einer Parade wie sie repräsentativer nicht sein könnte: eine Revue prächtiger Kostüme, exotischer Masken, bunt geschminkter Gesichter und aufwendig bemalter Wagen. Voller Energie tanzte die bunte Menge ausgelassen zu Sambarhythmen ebenso wie zu Mambo, afrikanischer Rapmusik und Berliner Techno. Obwohl es – wie sollte es anders sein – auch in diesem Jahr geregnet hat, konnte der Karneval der Kulturen wieder unzählige Zuschauer anlocken, die die unermüdlichen Tänzer aus den entlegensten Winkeln der Welt bewunderten oder es sich bei Turkish delight oder einem Berliner Kindl gutgehen ließen. Der Karneval der Kulturen ist nicht nur ein Karneval, er ist zugleich ein Festival und eine Parade. Die Hauptsache aber ist – in diesem Augenblick ist Berlin lebendig.
Das Festival frohen Mutes – Christopher Street Day
Die Geschichte beginnt am 28. Juni 1969, als auf der Christopher Street in New Yorks Greenwich Village ein Aufstand der unterdrückten Homosexuellen ausbricht, bei dem öffentlich die Diskriminierungspolitik der New Yorker Polizei angeprangert wurde. Seit diesem Tag wehen an jedem letzten Samstag im Juni die bunten Regenbogenfahnen über der Stadt. Und an dieser Stelle muss mit einem Vorurteil aufgeräumt werden: Die Parade ist nicht nur eine Parade von knackigen Männerhintern, sondern eine friedliche Demonstration, die für mehr Toleranz und Verständnis eintritt. Selbstverständlich konnte sich auch Berlin dem nicht lange enthalten und trat seine breiten Straßenzüge schon bald an diese wunderbare, open-minded Initiative ab. Für einen Tag verwandelt sich Berlin in eine echte Sin City.
Der 23. Juni 2007 war ein wahrlich schöner Samstag, nur ab und zu glitzerte der eine oder andere bunte Regentropfen. Maskiert wie eine schwarze Fee passte ich nicht besonders gut in diese freaky Welt. Aber das ist nicht weiter wichtig, denn in diesen Momenten liebt jeder jeden. Der Christopher Street Day ähnelt in vielen Dingen einer Technoparade: Die Party beginnt um 12 Uhr, am Wittenbergplatz stehen insgesamt 59 Trucks abfahrbereit und warten nur auf das Startsignal. Vom ersten Truck winken strahlende Politiker von SPD und CDU den Zuschauern. This is part of the game, too. Die Politik hat auch ihre bizarren Vorlieben. Nach den politikbeladenen Lastwagen folgen Trucks bekannter Technoclubs und verschiedener Organisationen. Und nicht zu vergessen die vielen, vielen Männer in Uniformen.
Der ganze Zug zieht durch die breiten Straßen Berlins, bis wir auf unsere alte Bekannte, die Goldene Else, treffen. Die arme Else hat keine Zeit zum Luftholen und ist zwischen riesigen rosafarbigen Ballons in phallischer Form kaum zu sehen. Der fröhliche Straßenumzug endet feierlich und mit einer Überdosis Appell für mehr Toleranz. Den wirklichen Höhepunkt jedoch setzt der bemerkenswerte Auftritt der amerikanischen Techno-Ikone Kevin Sanderson. See you soon, Christopher Street day people!
Ein Festival mit Pfirsichgeschmack – Berlin Festival
Ein richtiges Musikfestival im Sommer folgt seinen ganz eigenen Regeln: Es dauert ein paar Tage, findet irgendwo weit, weit weg von jeglicher Bequemlichkeit und indischen Restaurants statt, man schläft in Zelten und darf absolut nichts gegen harten Boden und Schlamm haben. Und Herrin über die Menge ist natürlich die Musik. Das diesjährige Open-air-Ereignis in Berlin jedoch schert sich einen Dreck um all diese Regeln und hat uns allen gezeigt, dass man ein Festival auch im Herzen der Stadt veranstalten kann. Das innerurbane Berlin Festival hatte einen strategisch wichtigen Platz okkupiert, den Platz im Poststadion nahe dem Hauptbahnhof. Eine riesige Grünfläche, auf der sich menschliche Körper, Sonne, Musik und Bier zu einem bunten Teppich verweben. Wenn man der Menge exzentrischer Partygänger durch einen improvisierten, grünen Korridor folgte, gab es eine weitere Szene zu entdecken: die Vice-Szene. Diese Szene bescherte uns wirklich viel Lust, Laune und Energie, unter der Haut kribbelte das Musikfieber. Die Organisatoren haben es geschafft, ihre Ideen erfolgreich zu verwirklichen: eine Mischung aus Indie-Sound und Electro-Beats, aus Gitarre und Vinyl, Kassette und Keyboard.
Auf dem diesjährigen Festival waren einige der bekanntesten und heißesten Bands und Solokünstler des modernen elektronisch-rockigen Sounds zugegen. Die größte Rolle spielte dabei die Indie-Szene, u.a. die legendären Vorreiter der Hamburger Schule, Tocotronic, die synthetischen Beautys Au Revoir Simone oder die Rocker von Datarock. Aber auch die Vice-Szene sorgte für angenehme Überraschungen, so z.B. die Strokes-Erben The Kilians oder die Briten Shitdisco, eine Verkörperung des NewRave, ebenso wie die Lady aus Miami, UFFIE, mit DJ Feadz.
Doch das beste kommt wie immer zum Schluss. In diesem Fall sind das nicht, wie man gleich denken möchte, die Kirschen (des Festivals) auf der Creme de la Creme. Nein, in diesem Fall wurde das Festival mit Pfirsich getoppt. Ohne Zweifel war das Konzert der Queen des Glam-Rock und der schrillen Maskerade das absolute Festival-Highlight: Lady Peaches absolvierte nach fast 6 Jahren ihren ersten Auftritt vor Berliner Publikum!!! Die übermächtige Dame aus Kanada gab Vollgas und präsentierte eine Wahnsinnsshow, welche zunächst mit DJs begann und schließlich in rockigeren Klängen endete. Peaches war im ständigen Kontakt mit dem Publikum, das vor allem aus bärtigen Teens bestand. Der eine oder andere mag sich nun fragen, warum ausgerechnet Bärte? Nun, Lady Peaches erscheint manchmal mit einem Bart, wie das Cover ihres Albums "Fatherfucker" aus dem Jahre 2003 beweist. In ihrer Show befand sie sich selbst im ekstatischen Ausnahmezustand und forderte, dass ihr das Publikum in jeder Verrücktheit folgt. Es gab zwar keine Zugabe, aber die Performance von Peaches bleibt als DAS Erlebnis Nummer 1 sowohl des Berlin Festivals als auch aller Berliner Festivals in Erinnerung.
So bunt und schrill präsentierte sich unser Berliner Festivalsommer – ein wenig regnerisch, aber immer in bester Stimmung und bereit, jedem zu zeigen, dass Berlin auch ohne Love Parade weiterleben kann. The Show must go on...