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24.09.2007

Interview mit Christian Schwochow

Daniela Weber

Christian Schwochow ist 1978 auf Bergen/Rügen geboren und in Ost-Berlin, Leipzig und Hannover aufgewachsen. Nach dem Abitur 1998 begann er als Autor für Radiocomedy und als Sprecher für TV und Hörfunk zu arbeiten. Bei der ARD absolvierte er ein TV-Volontariat und war dann u.a. für die ARD, ARTE und 3 SAT als Reporter und Videojournalist tätig. 2002 begann Christian sein Studium der Filmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Er ist freier Autor, Regisseur und Producer und hat bereits mehr als 150 journalistische Magazinbeiträge sowie 6 Kurzspielfilme und 3 Dokumentarfilme (u.a. Jäger verlorener Schätze: „Der Jahrhundertraub von Quedlinburg", 2007) realisiert. Mit dem Kinderspielfilm „Marta und der fliegende Großvater" (2006) feierte er auf internationalen Filmfestivals große Erfolge. Für „Novemberkind" schrieb Christian Schwochow Drehbuch und führte Regie; der Spielfilm über Heimatverlust und Identitätssuche läuft im Frühjahr 2008 in den Kinos an und ist nominiert für den Drehbuchpreis Baden-Württemberg 2007.

Christian, dein erster langer Spielfilm „Marta und der fliegende Großvater" ist international auf Kinder- und Jugendfilmfestivals bekannt geworden, und wurde vom Bildungsministerium der Slowakei als bester Kinder- und Jugendfilm ausgezeichnet. Welche Auswirkungen hatte dieser Erfolg auf dich und deine nachfolgende Arbeit?

Wenn man gerade erst angefangen hat, Filme zu drehen, ist es wichtig, dass man irgendwann einen Film macht, der einfach gut läuft. Jeder längere Film beschäftigt mich von der Idee bis zur Premiere zwei Jahre. Man hat innerhalb dieser Zeit sehr oft Momente, in denen man alles anzweifelt, in denen man denkt, wird sich jemals jemand für den Film interessieren?! Marta ist zwar auch ein lustiger Film, aber er ist trotzdem schwierig. Es geht um Krankheit, um Abschied. Da denkt man einfach sehr häufig, vielleicht bleibe ich am Ende der Einzige, der den Film mag. Wenn man aber dann sieht, dass ein Film vom Publikum aufgenommen wird, dann bekommt man ein bisschen das Gefühl, dass man eine universelle Sprache, ein universelles Thema gefunden hat. Es ist ganz wichtig, dass man merkt, dass einem da etwas gelungen ist. Marta hat bewirkt, dass ich keine Angst vor meinem nächsten Film hatte. Ich glaube, Angst ist der größte Gegner von Kunst und Kreativität. Durch diesen Erfolg konnte ich an mein neues Projekt sehr viel angstfreier herangehen.

Deine Eltern waren beide beim Rundfunk der DDR tätig und du warst schon als Kind an vielen Hörspielproduktionen beteiligt, bei denen u.a. deine Mutter Regie geführt hat. Inwieweit haben dich deine Eltern in beruflicher Sicht beeinflusst?

Der Beruf der Eltern prägt einen auf jeden Fall, bei uns zu Hause ging es ständig um Geschichten. Ich wusste nicht sofort, dass ich Filmregisseur werden will, aber durch meine Eltern hatte ich ein sehr kreatives, schöpferisches Umfeld. Ich habe ganz früh angefangen zu zeichnen, Musik zu machen, zu fotografieren. Ich wurde in dieser Hinsicht sehr gefördert, so dass ich eigene Dinge ausprobieren konnte. Ich habe all diese Dinge in meiner Jugend fast exzessiv betrieben. Irgendwann kam dann die Frage auf, was ich eigentlich studieren möchte? Und dann kam die Idee mit dem Film. Im Film vereint sich für mich alles, was mir wichtig ist: Musik, Sprache, Bilder, Geschichten.

Du hast dein Filmregie-Studium erst 4 Jahre nach dem Abitur begonnen. Warum?

Wenn man in Deutschland an der Filmhochschule Filmregie studieren will, braucht man sich nicht gleich nach dem Abitur bewerben, da es fast ausgeschlossen ist, dass man genommen wird. Es wird davon ausgegangen, dass die Leute erst einmal leben, atmen und Filmmaterial sammeln sollen. Ich bin nach dem Abitur von Hannover nach Berlin gezogen und habe erst mal beim Radio fast 2 Jahre gearbeitet. Für mich war aber klar, wenn ich Filme machen möchte, dann muss ich zunächst in der Film- oder Fernsehbranche praktische Erfahrungen sammeln. Filmproduktionen wollten mich zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht, aber durch meinen journalistischen Hintergrund bin ich dann beim Fernsehen gelandet. Das war im nachhinein auch ganz großartig für mich, weil ich dort relativ schnell selbstständig drehen konnte. Und ich hab auch wieder großes Glück gehabt, dass ich nicht bei irgendeiner Fernsehproduktion gelandet bin, sondern dort, wo richtig gut journalistisch gearbeitet wird, nämlich bei der ARD und bei ARTE. Beim Fernsehen habe ich meine ersten Erfahrungen im filmischen, visuellen Erzählen gemacht. Auch während des Studiums habe ich noch journalistisch gearbeitet, immer mit dem Hintergedanken, dass ich das irgendwie für meine Zukunft brauche.

Trotz der vielen TV-Reportagen und Dokumentationen, die du schon gedreht hast, bleibt der Spielfilm dein Metier?

Spielfilm ist auf jeden Fall etwas, wo mein Herz dranhängt. Aber trotzdem mag ich auch Dokumentarfilme sehr gern. Ich drehe sehr gerne und einen Spielfilm macht man eben nur alle 2, 3 Jahre. Ich finde es einfach toll, mit einem Kameramann irgendwo draußen zu stehen und den Beruf auch physisch auszuüben. Die Entwicklung eines Spielfilms spielt sich im Kopf oder auf dem Computer ab, es ist eine sehr theoretische Arbeit. Am schönsten ist es für mich zwischendurch dokumentarisch zu arbeiten, um auch etwas über das Leben zu lernen, über die Menschen. Die dokumentarische Arbeit ermöglicht mir einen Zugang zu Menschen, denen ich im wirklichen Leben vermutlich nicht begegnen würde.

Zurzeit arbeitest du an deinem zweiten Spielfilm, es ist deine Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg. Du nennst „Novemberkind" einen „deutsch-deutschen Identitätskrimi". Hat dich deine eigene Kindheit in der DDR dazu bewogen, zum Thema Heimatverlust einen Film zu drehen?

Besonders für meine Generation, bei der man das Leben in zwei Hälften teilen kann – auf der einen Seite eine Ost-Biografie, auf der anderen eine wiedervereinigte – ist das Thema sehr präsent, auch nach 17 Jahren Wiedervereinigung. Sobald man anfängt, an eine eigene Familie zu denken, macht man sich Gedanken über seine eigene Kindheit. Was bedeutet sie für mich? Das Thema ist ein ganz, ganz starker Motor für mich und andere in meinem Alter. Es taucht immer wieder in Gesprächen auf und führt manchmal auch zu Streit, aber auch zu Gemeinsamkeiten. Das hat auf jeden Fall bei mir dazu geführt, dass ich sage, was ich da in mir trage, das muss in den Film! Es ist von Außenstehenden manchmal sehr schwer nachzuvollziehen, was das eigentlich bedeutet. Auch wenn es nur 11 Jahre meiner Kindheit waren, die DDR hat heute noch sehr viel mit mir zu tun.

Beide deiner Spielfilme behandeln sehr ernste Themen. Wie wichtig ist es dir, dass deine Filme etwas beim Publikum bewegen? Oder könntest du dir auch vorstellen, Komödien zu drehen?

Für mich ist das eine große Befriedigung, wenn Leute aus dem Kino gehen und das Gefühl haben, dass das, was sie eben gesehen haben, auch etwas mit ihnen zu tun hat. Da ich mich lange mit einem Film beschäftige und auch viel von mir preisgebe – wie ich finde – fände ich es sehr schade, wenn das als reine Wegwerf-Ware gesehen wird. Die Themen Demenz und Heimatverlust klingen zunächst schwer und ernst, trotzdem versuche ich immer eine Art von Leichtigkeit. Ich möchte keine Filme machen, die den Zuschauer in anhaltende Depressionen versetzen. Es gibt bei mir immer Humor, mal mehr, mal weniger. Novemberkind ist tatsächlich ein sehr dramatischer Film geworden, aber auch da gibt es leichte Momente. Nicht so viele wie bei Marta, denn da lachen sich die Kinder schlapp im Kino. Es gibt trotz aller Ernsthaftigkeit sehr viel Humor und das ist mir auch sehr wichtig. In fast jeder Dramatik steckt die Möglichkeit zu Humor, und den versuche ich auch immer heraus zu destillieren. Ein ernster Film kann in seiner Art und Weise unterhaltsam sein und auch ein trauriger Film, der mich berührt, unterhält mich. Ich würde schon sagen, dass ich Filme mache, die sich dem Publikum nicht versperren.



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