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28.07.2007

Das neue bulgarische Kino – eine Renaissance der Gefühle

Yana Varbanova,Bulgarien
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Das bulgarische Kino ist nicht mehr stumm und schwarz-weiß. Obwohl das zwei wichtige Komponenten für einen guten Film sein könnten, konnte die bulgarische Filmindustrie davon nicht profitieren. Oder besser gesagt: diese nicht klug nutzen.

Das schöne Märchen des bulgarischen Kinos begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem stürmischen Versuch auf individuelle Weise kleine Spielfilme zu drehen. Und es hat funktioniert: Mitte des Jahrhunderts konnte sich das bulgarische Kino auch stolz Filmindustrie nennen, es wurden 50 Filme pro Jahr (Kino, Fernsehen, sowie Dokufilme und Animationen) produziert. Das Thema: Geschichten über Helden aus der bulgarischen Folklore und Patriotismusfeeling. Selbstverständlich beanspruchte die sozialistische Verwaltung ein großes Stück von der Kinotorte und investierte stark in das sich rasch enwickelnde bulgarische Kino. Das Ergebnis war Kunst als lebendige und gutklingende Stimme der Politik. Das damalige Leitmotiv war nicht zu übersehen: Die Macht der Regierenden sollte noch einmal künstlerisch betont werden. Positive Lichtblicke waren Filme wie „Der Dieb von Pfirsichen" (1964) (nach einer Erzählung des bekannten bulgarischen Schriftstellers Emilijan Stanev, mit Schauspielern wie Nevena Kokanova und Naum Schopov), „Der Inspektor und die Nacht" (1963) (ein emblemhaftes Kunstwerk vom Regisseur Rangel Valchanov) oder einer der besten Filme in der bulgarischen Kinogeschichte - „Kosijat rog" (ein Film im Stil des italienischen Neorealismus, unter der Regieführung von Metodi Andonov).

Hat die Wende Anfang der 90er Jahre auch das bulgarische Kino beeinflusst? Man kann positiv darauf antworten, aber auch noch hinzufügen, dass diese künstlerische Veränderung ein bitteres Gefühl vor allem bei den Zuschauern hinterließ. Die meisten Filme stellten das schwierige, manchmal fast unerträgliche Leben des bulgarischen Menschen dar, der nie in der Lage war, um sein Glück richtig zu kämfen und es dann zu behalten. Selbstverständlich gab es Ausnahmen, aber die blieben nebensächlich und schwer begreiflich: „Wagner" (1998), die schwarz-weiße Absurdität vom Regisseur Andreij Slabakov, „Glaskugeln" (1999), ein Film von Ivan Scherkelov, dem Philosophen unter den bulgarischen Filmemachern, oder auch „Pension für Hunde" (2001), das Regiedebüt von Stefan Komandarev. Diese Filme leisteten eine Art Gegensatz zu der damaligen postsozialistischen Filmsprache.

Die Ergebnisse dieses erklärten Nonkonformismus sind erst heute zu sehen. Das neue bulgarische Kino hat sich endlich entschlossen, aus den angestaubten Mustern auszubrechen und die gute Erzählung, die märchenhafte Vision und die ausgezeichnete Schauspielerleistung miteinander zu verbinden. Raus aus dem Alltag, ab in die Phantasiewelt des Realismus. Der Film der jungen Regisseurin Zornitsa Sofia „Mila vom Mars" (2004) war die größte Überraschung dieser Bemühungen und wurde nicht nur in Bulgarien, sondern auch außerhalb des Landes mit Begeisterung aufgenommen. Die amüsante Geschichte beschäftigt sich mit der 16-jährigen Mila (hervorragende Leistung des bulgarischen Nachwuchsstars Vesela Kazakova), die auf der Flucht vor einem gefährlichen Mann in ein abgelegenes Dorf gelangt. Die Einheimischen sind nette alte Leute, die sich ihr Geld mit illegalen Marihuanaplantagen verdienen. „Mila vom Mars" war der Anfang der neuen Kinosprache, weil er viele überraschende Wege geht. Dieser frische Hauch in der bulgarischen Filmindustrie wurde auch von ausländischen Filmemachern und Kritikern gespürt und „Mila vom Mars" gewann den Preis für den besten Film des Kinofestivals in Sarajevo. Und der Film von Radoslav Spasov „Gestohlene Augen" (eine türkisch-bulgarische Koproduktion, die ein Stück Geschichte in eine leidenschaftliche Liebesgeschichte verwandelt) festigte noch einmal den Shootingstar-Status von Vesela Kasakova: Auf dem Moskauer Filmfestival 2005 erhielt sie einen „Silver George" als Preis für die beste Darstellerin.

Aber die große Zeit des bulgarischen Kino ist mit Sicherheit Ende 2006, Anfang 2007. Es ist schwierig mit einem bestimmten Film anzufangen, deshalb werde ich versuchen die bedeutendsten Filme der neuen Kinowelle mit einem Namen zu verbinden. Es mag überraschen, aber es ist der Kameramann Rali Raltchev, der an den wichtigsten Kinoereignissen des Jahres 2006 beteiligt war, weil er talentiert immer neue und andere filmische Perspektiven schafft. Nach der erfolgreichen Partnerschaft mit der Regisseurin Iglika Triffonova im Film „Brief nach Amerika" (2001) drehte Ralchev noch einen Film, der Ende 2006 in den Kinos zu sehen war. „Untersuchung" ist die bulgarische Version Jonathan Demmis Meisterwerks „Das Schweigen der Lämmer", in der die ermittelnde Detektivin (Svetla Yancheva) und der Verdächtige (Krassimir Dokov) in den Teufelskreis von Wahrheit und Lüge geraten. „Umgedrehter Weihnachtsbaum" (Regie – Ivan Tscherkelov und Vasil Zhivkov) dagegen ist eine Film-Parabel, zusammengesetzt aus sechs verschiedenen Geschichten, die nur eine Gemeinsamkeit haben: den Weihnachtsbaum, genauer gesagt die Fahrt des Baumes nach Sofia.

Das dritte Filmprojekt, an dem der Kameramann Rali Ralchev teilgenommen hatt, ist eine tiefe und berührende Geschichte über die Suche nach Liebe und Glück oder über die Suche nach dem Glück in der Liebe. Der Film trägt den merkwürdigen Namen „Affen im Winter" (Regiedebüt von Milena Andonova) und ist wieder nach dem Prinzip des Fragments gedreht worden: verschiedene Jahrzehnte, drei Frauen, drei verschiedene Schicksale und ein großer Film. Der erste Kinofilm der Tochter des bekannten bulgarischen Regisseurs Metodi Andonov war so stark und beeindruckend, dass er den Preis für den besten Film auf dem angesehenen Festival in Karlovi Vari bekommen hat. Nicht nur ein Debüt, sondern richtiges Kino.

Das bulgarische Kino hat frische Luft geschnappt. Das bulgarische Publikum ist auch zufrieden und das ist sicher ein wichtiges Zeichen für die positive Veränderung in diesen Jahren (die Kunst braucht Öffentlichkeit). Die Renaissance hat vom 14. bis zum 17. Jahrhundert gedauert, hoffentlich überschreitet das bulgarische Kino die Grenzen einer Epoche.



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