Foto: Georgi Dimitrov
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Nur wenig dringt von Bulgarien an westliche Ohren. Zur Zeit des Kalten Krieges wurden selbst diese nur sehr dürftigen Informationen noch verfälscht, auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs haben die unermüdlichen Propagandamaschinerien ganze Arbeit geleistet. Umringt von Rumänien, dem Schwarzen Meer und Griechenland, der Türkei und den Ländern des früheren Jugoslawiens, Mazedonien und Serbien, präsentiert sich das kleine Land auf der Balkan-Halbinsel mit malerischen Landschaften, einer reichen und traditionsbewussten Kultur sowie gastfreundlichen Bewohnern. Seine Hauptstadt Sofia wurde nach dem altgriechischen Wort für „Weisheit" benannt, seit dem 1. Januar 2007 ist Bulgarien ein offizielles Mitglied der EU.
Bulgariens Bevölkerung setzt sich zusammen aus etwa 6.500.000 Bulgaren und zwei großen Minderheiten: etwa 800.000 Türken und Pomaken (Bulgaren, welche unter der osmanischen Herrschaft vom Christentum zum Islam konvertierten) sowie den Roma, welche offiziell mit 400.000 gezählt, an anderer Stelle jedoch auf ungefähr 1.000.000 geschätzt werden - Ursache dieser Differenzen sind die zahlreichen Roma, die sich selbst aufgrund dessen, dass sie türkisch sprechen, auch als Türken verstehen; eine kleinere Anzahl von Roma sieht sich als bulgarische Staatsbürger.
Voller Stolz erklärt die bulgarische Regierung ihr Land frei jeglicher ethnischer Konflikte, trotz kultureller Unterschiede leben seine Einwohner in Frieden. Sogar die Hauptstadt kommt wie ein Jerusalem en miniature daher: Innerhalb von 500 Metern reihen sich christliche (orthodoxe und katholische), islamische und jüdische Gotteshäuser aneinander. Unter dieser friedlichen Oberfläche jedoch kämpft das Land mit sozialen Problemen: Missstände wie Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildung und unterentwickelte Infrastrukturen sind mögliche Konsequenzen des Zusammenlebens völlig verschiedener Kulturen in einem Land und unter einheitlichen Gesetzen.
Das Land Bulgarien wurde im 7. Jahrhundert gegründet, im 14. fiel das Königreich für die Dauer von weiteren fünf Jahrhunderten unter osmanische Herrschaft - eine sehr lange und sehr dunkle Periode der bulgarischen Geschichte. Die erste Immigrationswelle der Roma ging mit der türkischen Invasion einher, die zweite Welle kam im 19. Jahrhundert aus dem Nachbarland Rumänien. Nach der Befreiung Bulgariens zum Ende des 19. Jahrhunderts kehrte ein Teil der türkischen Bevölkerung in seine Heimat zurück, ein Großteil aber entschied sich zu bleiben. Die Nachkommen derer, die blieben, ließen sich vor allem im südlichen Rhodopi-Gebirge sowie im Nordosten des Landes nieder.
Nach der Befreiung führten die drei größten ethnischen Gruppen ein Dasein in friedlicher Koexistenz. In einigen Gebieten verfügt nahezu jedes Dorf über eine aktive Moschee und mancherorts leben Menschen, die ausschließlich Türkisch sprechen - trotzdem gibt es keinerlei Konflikte mit der ansässigen bulgarischsprachigen Bevölkerung. Man lebt und arbeitet gemeinsam, feiert seine Feste zusammen und teilt die Widrigkeiten des Alltags. Diese Dörfer erscheinen dem Betrachter nicht nur idyllisch angesichts der malerischen Bergansichten, sondern auch, weil die örtlichen Uhren scheinbar irgendwann aufgehört haben zu schlagen. Die Frauen tragen traditionelle, farbenfrohe Gewänder, die Männer lenken einfache Pferdekarren und während die Frauen das Feld bestellen, trinken ihre Männer auf dem Dorfplatz Kaffee. Die Traditionen sind lebendig. Nicht einmal das Internet hat bisher seinen Weg hierher gefunden.
Leider zeigte sich die politische Lage nicht immer in so friedvoller Eintracht. Nach dem Einzug des Kommunismus in den 1940er Jahren wurde die muslimische Bevölkerung noch weitestgehend toleriert: Neben Zeitungen und Radioprogrammen gab es auch Theateraufführungen in türkischer Sprache. Die Regierung begründete ihre Toleranz damit, dass Kommunismus volksnah und verständlich sein müsste; Familienbesuche in der Türkei konnten der Verbreitung kommunistischer Ideen nur zuträglich sein. Plötzlich jedoch änderten sich die Dinge. Jahrelang sollten sämtliche türkische Medien verboten sein, an Universitäten durfte Türkische Philologie nicht mehr gelehrt werden und in der Öffentlichkeit war es untersagt, türkisch zu sprechen. Höhepunkt dieser Eingliederungsmaßnahmen war die forcierte Änderung türkischer Namen in den 1970er und vor allem gegen Ende der 1980er Jahre. Während dieses sogenannten Renaissance-Prozesses musste jeder, der einen türkischen Namen trug, per Unterschrift sein Einverständnis erklären und einen bulgarischen annehmen. Folge dieser Diskriminierung war eine buchstäbliche Massenflucht in die Türkei, ganze Dörfer wurden sich selbst überlassen und blieben leer bis zum heutigen Trend unter englischen Geschäftsleuten, über ebendiese verlassenen Dörfer und Häuser herzufallen. Die kommunistische Obrigkeit rechtfertigte ihre Maßnahmen mit der Begründung, die Betroffenen seien vor ihrem Konfessionswechsel eigentlich Bulgaren gewesen. Dies entsprach natürlich nicht der ganzen Wahrheit. Eine denkbare, jedoch unausgesprochene Ursache war die Befürchtung, die Türkei könne dieses riesige türkischsprachige Territorium für sich selbst beanspruchen. Erst im Jahr nach dem Fall des kommunistischen Regimes erhielten die Betroffenen ihre ursprünglichen Namen zurück.
Eine ähnliche Eingliederungspolitik mussten die Roma während dieser Zeit über sich ergehen lassen. Nomaden wurden zum Siedeln gezwungen und ihrer Pferde und Karren entledigt, die Roma waren ab sofort jedermanns „dunkelhäutige Brüder". Offiziell hatte das kommunistische Regime in Bulgarien keine Minderheiten zu verzeichnen.
Die Realität jedoch sah anders aus. Eine bulgarische Hochzeit - wie in einem Film von Emir Kusturica - ist ohne Zigeunerorchester eigentlich keine richtige Hochzeit. Weit über Bulgariens Grenzen hinaus sind die Roma bekannt für ihre Liebe zu Musik und Tanz und für ihre Handwerkskunst. Aber leider ist es nur einem Bruchteil dieser Kultur gelungen zu überleben. Ein Großteil der Roma lebt in Armut, vor allem in den großen Städten, und die wenigen reichen Familien sind eine Ausnahme. Die meisten Roma leben in Wohnblöcken oder kleinen Hütten, mit vielen Kindern auf viel zu engem Raum, ganze Nachbarschaften sind nicht in der Lage, ihre Rechnungen zu bezahlen. Das Bildungsniveau ist niedrig und die Chance, eine gutbezahlte Arbeit zu finden, tendiert gegen null. Manche sehen in Bildung keine Zukunft, andere heiraten und gründen bereits mit 13 oder 14 Jahren eine eigene Familie. Einige müssen vorzeitig die Schule verlassen, um Geld zu verdienen und ihre Familien zu ernähren, und werden so niemals zur Universität gehen können. Viele Roma arbeiten als Reinigungskraft oder durchkämmen die Städte nach Papier und Metallteilen, einige Frauen prostituieren sich. Auf dem Land ist die Situation weniger dramatisch, in den Städten jedoch geht die Armut oft mit Kriminalität einher. Die Medien schlachten diese hoffnungslose Lage aus und vertiefen so mit einem vornehmlich negativen Bild der Roma den Riss zwischen der bulgarischen Gesellschaft und den Roma.
Integration ist eine Angelegenheit beider Seiten, oft sind die konkreten Probleme jedoch nur schwer auszumachen. So leben auch die bulgarischen Minderheiten in engen und geschlossenen Gemeinschaften. Sowohl die türkische als auch die Kultur der Roma ist patriarchalischer und traditionsorientierter als viele andere Kulturen, was besonders in den westlichen Ländern deutlich wird, wo muslimische Einwanderer sich nicht mit der einheimischen Bevölkerung vermischen. Unter den Roma ist die Mischehe kaum akzeptiert, eine Ehe mit einem Bulgaren oder einer Bulgarin wäre völlig undenkbar.
Eine der negativen Konsequenzen von Globalisierung und Imperialismus ist die Dominanz eines kulturellen Modells gegenüber einem anderen, eine Art Neo-Kolonisation. In den meisten Fällen erscheint den Einheimischen dieser „Zivilisierungsprozess" in einem negativen Licht. Weder die amerikanischen Ureinwohner noch die Bevölkerung Afrikas oder die australischen Aborigines vermochten es, sich dem europäischen Kulturmodell anzupassen. Die einheimische Bevölkerung wurde folglich zu einer Minderheit, welche sich dem fremden Lebensstil unterordnen musste. Aufgrund der großen kulturellen Diskrepanzen ist dieser Anpassungsprozess schwierig und seine Ergebnisse fatal: niedriger Bildungsstand, Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität. Um dieser niederschmetternden Realität zu entkommen, scheinen Alkohol und Drogen oft der vermeintlich einzige Ausweg.
Bulgariens Minderheiten dagegen stellen nicht die Urbevölkerung des Landes dar, bemerkenswert in Bulgariens Fall ist vor allem das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Kulturen. Was sich bei der türkischen Bevölkerung relativ unkompliziert gestaltet, erweist sich im Falle der Roma als weitaus schwieriger. Die Interaktion zwischen den türkischen und bulgarischen Einwohnern ist trotz ihrer verschiedenen Religionen problemlos, die türkischen Kinder gehen zur Schule, ihre Eltern haben anständige Arbeit, man lebt von dem, was man herstellt. Eine der größten politischen Parteien im Land vertritt die Rechte der Minderheiten und viele der wichtigsten Positionen sind durch Vertreter türkischer Herkunft besetzt.
Die Integration der Roma dagegen ist problematischer. Über Jahrhunderte hinweg haben sich die Roma zu Nomaden entwickelt, ihr Wesen und ihre Bedürfnisse sind sehr eigen und mit anderen Kulturen nicht zu vergleichen.
Fälschlicherweise hält die europäische Kultur ihr Modell für das einzig richtige: Diejenigen, die nicht nach dem „Gut der Zivilisation" streben, und die, die vom Weg abweichen, müssen aus dem Verkehr gezogen werden. Ohne Frage sollten für jeden die wichtigsten Dinge wie Nahrung, Kleidung, ein Zuhause und Grundrechte gesichert sein, aber anstatt ständig über Integration zu reden, sollte vielleicht die Frage gestellt werden, in welchem Ausmaß eine Kultur einer anderen überhaupt einverleibt werden sollte? Wäre es nicht besser, einer Minderheit das Leben ihrer eigenen Traditionen zu gestatten solange dies in keinem Konflikt mit den nationalen Gesetzen steht oder Menschenrechte verletzt? Einen Mittelweg zu finden erweist sich als äußerst schwer.
Durch Toleranz, Verständnis und Akzeptanz von Anderssein könnte die Welt eine bessere werden. Überall da, wo es eine Minderheit gibt, ist auch Diskriminierung nicht weit. Menschen aus Osteuropa haben nicht die gleichen Rechte wie Westeuropäer, das gleiche gilt für Afrikaner und Asiaten. Der Begriff eines „Dritte Welt-Landes" existiert offiziell nicht mehr, aber eben nur offiziell. Eines Tages wird hoffentlich die Frage „Wer bist du?" wichtiger sein als die Frage „Woher kommst Du?"