Cyprien Gaillard The Recovery of Discovery, 2011
Foto: Cyprien Gaillard The Recovery of Discovery, 2011 Cyprien Gaillard The Recovery of Discovery, 2011 Pappe, Glas, Metall, Bier / Cardboard, glass, metal, beer ca. / app. 12 x 8 x 4,25 m Foto / Photo: Uwe Walter
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Prozess. Gaillard untersucht in seinen Werken die absurden Entwicklungen architektonischer Monumente und verbleibender Ruinen: Zerstörung, Abriss, Verfall, Bewahrung, Erhalt, Umgestaltung. Für den Künstler bedeutet die Erhaltung einer historischen Entdeckung auch gleichzeitig ihre Zerstörung. Oft werden Kulturdenkmäler, Reliquien oder historische Bauten an andere Orte gebracht, um sie vor Verfall zu bewahren. Dabei werden die Monumente aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen, was zu einer gewaltigen Umdeutung des Monumentes selbst und seiner Geschichte führt. So auch die Geschichte des Pergamonaltars, welcher Ende des 19. Jahrhunderts in der Türkei ausgegraben wurde und sich heute nach äußerst kostspieligen Restaurationen im Berliner Pergamonmuseum befindet. Das Abtragen historischer Denkmäler kann sich über Jahrhunderte strecken und zu einer Verstreuung einzelner Fragmente über die ganze Welt führen. So befinden sich Fragmente der Tempelanlagen von Efes (griechisch Ephenos) heute unter anderem in London, Wien, Istanbul oder Efes selbst.
In Anlehnung an die Versetzung des Pergamonaltars entwarf der französische Künstler für seine Ausstellung in den KW eine Skulptur, die sich im Prozess vervollständigt. Der Moment der Ausstellungseröffnung war gleichzeitig der Moment, in dem das Kunstwerk an die Besucher übergeben wurde. Durch das Erklimmen der Bierpyramide, sowie durch das Trinken des Bieres, setzte der Zerstörungsprozess der Skulptur ein. Hierbei scheint die Herkunft des Bieres mit zunehmendem Konsum immer unwichtiger zu werden. Der Verfall des Kunstwerkes geht einher mit dem Verfall von Geist und Körper durch den Alkohol. Susanne Pfeffer, Kuratorin der Kunst-Werke Berlin, erklärt Gaillards künstlerischen Ansatz folgendermaßen: „Alkohol ist etwas, was immer sehr stark an Geografien gebunden ist. Wir trinken französischen Wein aus Bordeaux, wir trinken Whisky aus Schottland , wir trinken Wodka aus Russland." Eben diese Bindung aber verliert sich bereits nach dem zweiten Glas Rotwein. Der Ursprungsort gerät in Vergessenheit. So auch bei der Verschiebung eines historischen Monumentes. Hinzu kommt der Aspekt der Wahrnehmungsverschiebung. Mit steigendem Alkoholkonsum nehmen die Menschen das Kunstwerk anders wahr. Während sich die Besucher mit Alkohol füllen, fangen sie nicht nur an, die Skulptur nach und nach abzutragen, sondern sie verlieren sich auch selbst in dem Kunstwerk. Bewusst kalkuliert oder interessanter Nebeneffekt? Kommen die Leute wirklich, um sich Kunst anzuschauen oder nur, um billig Bier zu trinken?
„Natürlich kommen die klassischen Kunst-Werke Besucher, die einfach diese Arbeit sehen wollen", betont die Kuratorin. Das Interesse an dem Werk spiegelte sich bereits kurz nach Eröffnung der Ausstellung in den zahlreichen im Internet verbreiteten Fotos wider. „Auf der anderen Seite ist es natürlich auch schön, einfach auf der Pyramide zu sitzen und zu trinken." Trotz allem blieb bei den Besuchern das Bewusstsein, dass es sich um ein Kunstwerk handelte. Dies wurde nicht zuletzt durch den etwas sterilen Ausstellungsraum der KW unterstrichen, welcher Gaillards Arbeit in eine Art weißen Rahmen setzte. Eine interaktive Ausstellung, die durch Einbeziehen des Besuchers zu einer achtwöchigen Performance wurde. Die tägliche Veränderung der Stimmung sowie der Arbeit selbst haben einen starken Eindruck hinterlassen. Viele Besucher kamen mehrmals, um die Entwicklung des Werkes zu verfolgen. Wie viele Liter Bier insgesamt getrunken wurden, konnten wir nicht erfahren. Auf jeden Fall werden die KW auch nach Beendigung der Ausstellung noch einige Monate Freude an Gaillards Arbeit haben...