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(E)norm

Linda Peitz
Slideshow
Tension 01
Tension 01

Timothy Kendall Edser ist anders. Und das nicht nur, weil er mit seinen 1,95 Meter Körpergröße weit über dem Durchschnitt liegt. In seiner Performance-Serie „Tension" (zu Deutsch: Spannung) experimentiert der australische Künstler mit der Masse seines Körpers und zeigt, was es bedeutet, nicht zur Norm zu gehören.

Zur Norm gehören. Was bedeutet das eigentlich? Diese Frage beschäftigt den 31jährigen Australier nicht erst seit gestern. Bereits seit seiner Jugend weiß der Performance-Künstler, was es bedeutet, aus dem Rahmen zu fallen. Sich in seiner konservativen Heimatstadt als homosexuell zu outen, war für ihn die schwierigste Hürde. Seit er denken kann, eckt Edser an. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn nicht nur seine Homosexualität erregte Aufmerksamkeit, sondern auch seine Größe. Mit seinen 1,95 Meter fühlte sich der sympathische Riese immer etwas fehl am Platz. „Alles orientiert sich an der Masse. Gehörst du nicht zur Norm, hast du es immer schwerer." Der Stuhl zu niedrig, das Bett zu kurz, der Platz in der U-Bahn zu eng. Die schönen Designer-Schuhe gibt es nur bis Größe 45. Edser hat Schuhgröße 48. Ständig das Gefühl, in einem für den Durchschnitt geschaffenen Raum zu leben. So hat der Künstler ein besonderes Bewusstsein dafür entwickelt, wie sich sein Körper in dieser normierten Welt bewegt. Er herrscht eine permanente Spannung zwischen ihm und seiner Umgebung. Nicht umsonst heißt seine Performance-Serie deshalb „Tension". Seine Installationen konzentrieren sich auf die Masse seines Körpers und dessen Interagierung mit der Umwelt. Was geschieht, wenn 110kg Körpermasse durch eine Gipswand brechen? Wie viel Druck kann sein Körper aushalten, wenn er von einer Plexiglasscheibe eingequetscht wird? Edser experimentiert. Versuchsobjekt: Sein eigener Körper.

Auch wenn sich auf den ersten Blick alles um sein Äußeres zu drehen scheint, so war das „Anders sein" zunächst ein innerlicher Prozess. „Meine Jugend war nicht einfach für mich", erklärt der Künstler. Vor allem aufgrund seiner Sexualität fühlte er sich oft nicht akzeptiert. Edser wuchs in Mackay auf, einer ländlichen Kleinstadt 900 Kilometer nördlich von Brisbane im australischen Bundesstaat Queensland. Die durch seine Land- und Minenwirtschaft geprägte Stadt hat Edsers Kunst stark beeinflusst. „Die meisten Menschen dort haben eine ländlich-konservative Erziehung genossen. Es gelten Ansichten, denen ich einfach nicht entspreche, vor allem, was das Bild des Mannes in der Gesellschaft angeht. Die Leute denken zu sehr in Kategorien". Edser wollte sich nicht kategorisieren lassen. Die Kunst war für ihn das Mittel, um diese gesellschaftlichen Erwartungen zu hinterfragen und seine eigene Norm zu schaffen. Edser ist nicht die Masse und zeigt uns daher seine eigenen Vorstellungen von Männlichkeit.

Auch seine neusten Arbeiten befassen sich mit männlichem Körperkult. Dabei beschäftigt sich der Australier mit dem traditionellen Bild des Mannes im westlichen Kulturraum. Nur in Slip bekleidet stellt der Künstler Körperhaltungen römischer Skulpturen nach, um dann einzelne Gliedmaßen wieder aufzugreifen und mit Wasserfarben nachzumalen. „In der westlichen Kultur gibt es dieses Idealbild eines Mannes. Dazu gehört zum Beispiel ein gut gebauter und muskulöser Körper. Kräftige Männer gehören zur menschlichen Geschichte und sind Teil eines sozialen Konstruktes, das sich im Laufe von vielen Jahrhunden aufgebaut hat. Durch ständiges Wideraufgreifen dieser gesellschaftlichen Vorbilder entstand eine als allgemein gültig angesehene männliche Identität. In meinen Arbeiten stelle ich traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit und Schönheit in Frage", so der Künstler. Schönheit ist relativ. Für Edser kann alles und Jeder schön sein. Auf lustig provozierende Weise zeigt er uns einen neuen idealen Körper. Und zwar seinen Eigenen.

Seit Sommer letzten Jahres lebt der Australier in Berlin. Anfang Juli wird er dort seine aktuellsten Werke ausstellen. Für zwei Wochen kann man Edsers Kunst in der Zero Galerie in Kreuzberg bewundern. Seine Ausstellung wird „Again and Repeat" heißen und thematisiert eben diese durch Wiederholung konstruierten Identitäten. Neben den neusten Zeichnungen werden auch frühere Auszüge aus seiner „Tension"-Serie zu sehen sein.

Kontakt:

Timothy Kendall Edser

timothy.kendall.edser@gmail.com

http://timothykendalledser.tumblr.com/

Zero Galerie

Köpenicker Straße 4,

10997 Berlin

Tel: (+49) 30 74073309

http://www.zero-project.org/



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