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Von lebenden Toten und invaliden Omas

Wie das finnische Künstlerpaar Pekka und Teija Isorättyä menschliche Bewegung darstellt und welche Rolle Berlin dabei spielt.

Linda Peitz
Slideshow
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Mit einem freundlichen Lächeln werde ich begrüßt, als ich die drei Stufen zu Pekka und Teijas Neuköllner Atelier in der Isarstraße hochsteige und durch die Glastür in ihr Zuhause trete. Das Lächeln einer knochigen alten Dame, die sich gekrümmt an einen blauen Gehwagen klammert. Diese sympathische Omi ist nur eins der unzähligen Kunstobjekte, die zum Ausstellungsrepertoire des jungen Künstlerpaars aus Finnland gehören.

Die „Invalid Robot Factory", Galerie, Atelier und Wohnzimmer zugleich, ein Konzept, das für Berlin erst einmal nicht sehr ungewöhnlich scheint. Umso ungewöhnlicher ist das, was man in dieser Fabrik vorfindet. Ich nehme auf einem bequemen Sessel Platz, der sich, genau wie die laufende Großmutter, elektrisch steuern lässt. Man fühlt sich wohl in ihrem Wohnzimmer, es gibt Kaffee, die Stimmung ist entspannt. Im Nachbarzimmer baumeln durch Fäden an einen mysteriösen Radmechanismus befestigte Marionetten aus Schweinehaut von den Decken und Wänden. Als ich mich ihnen nähere, beginnen sie sich zu bewegen, graziös und wie von Zauberhand.

„Wir waren schon immer von menschlicher Bewegung fasziniert", erklärt die 30jährige Teija. „Dabei suchen wir ständig nach neuen Möglichkeiten, diese Bewegung auf konzeptuelle Weise darzustellen." Was dabei herauskommt? Laufende Oma-Roboter („Invalid Robots"), Marionetten aus echter Schweinhaut („Chicharronas") oder eine ganze Armee tanzender Skelette („Maquina de Huesos").

Die Materialien ihrer Skulpturen sind originell und ungewöhnlich: Schweinehaut, Knochen, Fiberglas, Autoteile, Motoren, Fahrradräder... Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. „Für uns spielt Material eine wichtige Rolle. Dabei, die Botschaft eines Kunstwerkes zu übermitteln sowie die Beziehung zwischen dem Wirklichen und Unwirklichen widerzuspiegeln", erklärt das Künstlerpaar auf seiner Internetseite. Aber woher nehmen die beiden ihre Ideen? „Aus unserer Umgebung", so Pekka. „Wenn wir an einem neuen Ort ankommen, lassen wir uns auf das Umfeld und die Menschen ein. Diese werden dann Teil unserer Kunst." So auch in Berlin. Hier ist es vor allem die offene Lebensart, welche Pekka und Teija inspiriert. „Wir arbeiten viel mit anderen Künstlern zusammen, machen Musik, Performances, Installationen und Partys." Das passt zu Berlin, genau wie ihr multifunktionales Atelier. Derzeit arbeiten sie an einer neuen Skulptur. Diesmal aus Holz. Ein eher gewöhnliches Material im Vergleich zu Knochen oder Schweinehaut. „Wir verarbeiten Materialien, die wir in unserer Umgebung finden. So zum Beispiel auf den unzähligen Berliner Flohmärkten." Hört man den beiden zu, kann man gar nicht glauben, dass sie erst seit einem halben Jahr in Berlin sind.

Rückblick. Die Geschichte von Pekka und Teija Isorättyä beginnt vor 30 Jahren. Die beiden wachsen als Nachbarn in der lappländischen Kleinstadt Tornio an der Grenze Schwedens auf. Nach ihrem Studium der Kunst und Kunsterziehung in Helsinki bricht das Paar nach seiner Hochzeit 2006 auf, um mit der befreundeten Band Polka Madre durch Nordamerika und Europa zu reisen. Hier beginnt die Erfolgsgeschichte des Künstlerduos. Ihr nomadischer Lebensstil prägt ihre Kunstwerke. Auf Reisen sammeln die beiden Eindrücke, Ideen und Inspirationen, welche in ihre Kunst mit einfließen. Dabei lassen sie sich von Traditionen, Gebräuchen, Lebensart und Mentalität der Menschen des jeweiligen Ortes begeistern. „In Mexiko haben wir viel mit Tierknochen gearbeitet, die wir aus Schlachtereien bekamen. Knochen, Skelette und Schädel gehören als Symbole des Todes zum Leben der Mexikaner und sind dort keineswegs tabu."

Nachdem sie einige Jahre als Künstler in Mexiko City und Finnland gearbeitet hatten, verschlug es das Paar 2010 nach Deutschland. Bei der Nord Art in Schleswig-Holstein, Nordeuropas derzeit größter Ausstellung zeitgenössischer Kunst, überzeugten die sympathischen Finnen mit ihren „Chicharronas" und gewannen den mit 1000 Euro dotierten Publikumspreis. Von dem sie sich ihr Berliner Wohnzimmer-Atelier finanzierten.

Die Frage, warum die beiden Finnland verließen, scheinen sie nicht so richtig beantworten zu wollen. „Die Lebensart in Helsinki gefiel uns nicht. Bars schließen früh, alles ist ziemlich teuer und die künstlerischen Wertvorstellungen entsprachen nicht wirklich den unsrigen." Die Antwort kommt schleppend und wenig überzeugend. Und wie sieht die Zukunft aus? Hat das Nomadendasein irgendwann ein Ende? „Wohl eher nicht", sind sich die beiden einig. „Aber man kann ja nie wissen." Solange es Pekka und Teija nicht an Ideen mangelt, soll uns das egal sein. Eins ist klar: Ihre Kunst ist authentisch und macht unglaublich Spaß. Man merkt, dass bei ihren Werken vor allem der Schaffensprozess von Bedeutung ist. Ihre Skulpturen erzählen eine Geschichte. Die Geschichte einer langen Reise. Wir sind gespannt auf mehr. Im Juni 2011 sind die beiden wieder bei der Nord Art dabei und außerdem können wir uns auf ein Mitwirken ihres Ateliers im Rahmen des 13. Kunst- und Kulturfestivals 48 Stunden Neukölln freuen.

http://www.isorattya.com

http://www.48-stunden-neukoelln.de/2011/




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