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„Raoul Schrott - Gehirn und Gedicht. Genial geschrieben oder genial verkauft?"

Maja Schüler
Raoul Schrott - Gehirn und Gedicht
In diesem Fall sind es der habilitierte Lyriker, Dada-Forscher und Romanautor Raoul Schrott und Psychologe Prof. Dr. Arthur Jacobs, die dieser Frage gemeinsam im Rahmen des Exzellenzclusters „Languages of Emotion" auf den Zahn fühlen. Die beiden Autoren stellten in der Akademie der Künste am 15. März 2011 ihr gemeinsames Buch zu diesem Thema vor. Souverän moderiert wurde der Abend von Prof. Dr. Winfried Menninghaus, Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und Initiator des Exzellenzclusters „Languages of Emotion".
Der eigentliche Moderator oder besser noch Regisseur des Abends war Raoul Schrott, der es verstand sein Publikum mit seiner Redegewandtheit zu verzücken. So vermochte es der habilitierte Lyriker innerhalb kürzester Zeit Spannung und Bilder aufzubauen, sodass sein Publikum erwartungsvoll lauschte, gebannt seine Worte hörte und dem eloquenten Rhetoriker amüsiert folgte. Erst als die knisternde Spannung in der Luft abrupt endete, wurde einem als Hörer bewusst, was in diesem Moment geschehen war. Auch als Leser wird einem nicht unbedingt immer gleich klar, was der Autor doch so geschickt vermag. Niemand versteht es so gut wie Raoul Schrott seine Zuhörer und Leser auf subtile Art und Weise für sich zu vereinnahmen.

Wer ist eigentlich dieser Raoul Schrott? „Genie oder Scharlatan?" hieß es 2003 von einem seiner Kritiker.

Beim vergleichenden Querlesen seiner Literatur fällt eines sofort auf: Der Mensch versteht es, je nach Thema und Bezug auf vergangene Werke, Orte etc. in Gedichten und Romanen mit seinem vielseitigen Stil dem Thema sprachlich gerecht zu werden. Wenn Raoul Schrott etwas versteht, dann mit Worten umzugehen und sich seines enormen Wissens über die Antike zu bedienen, um dieses kreativ und unterhaltend in unsere heutige Zeit zu transferieren. In seinem neuesten Buch, das er wie schon oben erwähnt in Zusammenarbeit mit dem Psychologen Prof. Dr. Arthur Jacobs geschrieben hat, ist es ihm erneut gelungen, seinen Stil dem Thema anzupassen.

Er ist interessant, dass viele seiner Werke einerseits scharf kritisiert, andererseits jedoch vielfac gelesen werden. Man denke nur an sein Werk „Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe" (München 2008). Seine homerischen Thesen sind von vielen Wissenschaftlern kritisiert worden und werden als problematisch und sogar fachlich falsch angesehen. Desto bemerkenswerter ist es, dass sich die gesamte Fachwelt der Altertumswissenschaften, der Sprachwissenschaften etc. mit diesem Buch auseinandergesetzt hat. Doch ist es ein Raoul Schrott, der in vielen Köpfen präsent ist und nicht etwa die Altertumswissenschaftler, da er den Dialog mit der Öffentlichkeit sucht.
Auch sein jüngstes Werk „Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren." zeigt ein Gespür für aktuelle Themen, Lücken in der Wissenschaft und spiegelt mangelnden Austausch der Forscher mit der Gesellschaft, der breiten Öffentlichkeit wider. Während die literarische Welt sich ausschweigt, scheint die Kognitionsforschung die Linguistik in Hinblick auf unser Bild von Sprache, Gefühl und Bewusstsein grundlegend verändert zu haben.
So haben beide Autoren stellvertretend für ihre Fächer folgende Fragen gestellt: „Auf welche Weise hat die
Schrift unser Denken verändert? Wie wirkt sich die Melodik eines Gedichts auf uns aus? Was sagen die Stilfiguren der Dichtung über die menschliche Wahrnehmung aus, und inwieweit entsprechen sie optischen Täuschungen?" (Raoul Schrott – Arthur Jacobs 2011). Nach Raoul Schrott klaffe in der Forschung zwischen Gehirn und Gedicht eine große Lücke, die die beiden Autoren mit diesem Werk in Angriff nehmen. Das Gedicht ist dabei der kleinste gemeinsame Nenner der Poesie und Neurowissenschaft. Beide Wissenschaften sind sich einig, dass unser Gehirn analog operiert.
Auch in diesem Buch sind Unstimmigkeiten (Dirk von Petersdorff, FAZ.NET, 10.03.2011) von Seiten Raoul Schrotts zu bemerken und trotzdem ist auch dieses Werk sprachlich ausgezeichnet umgesetzt worden. Viele Kritiker bemängeln trotz der gemeinsamen Ansichten der Autoren, den fehlenden Dialog beider miteinander. Raoul Schrott und Arthur Jacobs stellen klar abgegrenzt und dadurch verständlich in ihrem gemeinsamen Werk die sprachwissenschaftliche und die empirisch neurowissenschaftliche Sicht in den jeweiligen Kapiteln vor.
Und genau das scheint Raoul Schrotts Erfolgsrezept zu sein. So werden Themen aus Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft erheiternd und scheinbar leicht nachvollziehbar mit eigenen Thesen an den Leser herangetragen, wobei es gilt, diese kritisch zu hinterfragen. So waren sich beide Autoren bei der Vorstellung ihres Buches einig, dass das literarische Lesen die emotionale Kompetenz fördere. Warum aber haben wir Lieblingswörter? In wieweit ist das mit Emotion verbunden? Die Autoren mussten diese Frage offen lassen, aber alle drei Fachleute (Prof. Dr. Winfried Menninghaus und die beiden Buchautoren) waren sich an diesem Abend einig, dass die Beantwortung nur mit Einbeziehung der Emotionen von statten gehen kann.
Doch in jedem Fall ist diese Vorgehensweise dem Fach dienlich und gedanklich anregend. Raoul Schrott vermag es, die Leute auf spektakuläre Art und Weise zum Lesen, Nachdenken und Diskutieren anzuregen.
Wenn man bedenkt, dass in Deutschland mit dem steigenden Konsum von digitalen Medien immer weniger gelesen wird, könnte man dies doch als genial bezeichnen oder nicht?
Und was treibt Wissenschaft an, wenn nicht der Meinungs- und Ideenaustausch in einem toleranten und offenem Umfeld. Man darf also anderer Auffassung sein und sollte es nur sachlich wie fachlich korrekt begründen. Provozieren ist dabei auch erlaubt.


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