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Tausend Kraniche und ein mexikanischer Traumfänger

Hanna Gabel
Slideshow
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Als Carlos Esponda die Gesamtheit seiner Kunstwerke für eine erste Ausstellung ins Sprachenatelier Berlin brachte, brauchte er vor allem eins: Helfer mit viel Geduld und Feingefühl. Denn seine Ausstellungsstücke umfassen über tausend kleine und große, zumeist sehr fragile Kunstwerke, die nur in vollständiger Zahl jene Bedeutung zum Ausdruck bringen, auf der ihre Schaffung beruht.

Carlos Jorge Esponda Juárez kommt aus Mexiko, ist 23 Jahre alt und lebt seit Oktober 2010 in Berlin. Er ist Künstler und Sprachstudent, empfindet sich selber aber vor allem als Cazadar de Sueños, Traumfänger. Alle Menschen sind Traumfänger, erklärt er im Interview und so lautet auch der Titel seiner Ausstellung. Jedem seiner Ausstellungsstücke ist ein Traum oder eine Vision vorangegangen, die Essenz der Ausstellung ist zugleich die Philosophie der Traumfänger. Carlos hat sich Gedanken zu menschlichen Träumen, Wünschen und Sehnsüchten gemacht und verwendet dafür außer Papier und Holz eigentlich nur Schnüre – um seine Ideen im figurativen, aber auch im wörtlichen Sinne „einzufangen". Die Papierkunstwerke sind verschiedene Origami-Objekte, vom bekannten Kranich bis hin zum mystischen Pegasus. Carlos setzt sie alle in hölzerne Rahmen und schafft so regelrechte Szenarien für seine unterschiedlichen Origami. In seinen vier im Sprachenatelier Berlin ausgestellten Kunstwerken befasst er sich mit der Metamorphose von Ideen, Wünschen und Träumen. „Sobald Wunschvorstellungen in das menschliche Bewusstsein gelangen, werden sie gefangen, sie werden zum Verlangen und somit Teil eines schönen, aber auch gefährlichen Abenteuers", so der Künstler. Das Ziel der Traumfänger ist die Realisierung einer Vorstellung, die Integration einer Idee in die Welt der Gesetze von Raum und Zeit. Bei den unterschiedlichen Kunstwerken die Carlos war Carlos neben der Umsetzung seiner Vorstellungen besonders wichtig, dem Betrachter genügend Raum für eigene Gedanken und Interpretationen zum Thema Traumfänger zu geben.

In seinem „liebsten" Werk steigen Elefanten eine abgeschrägte Holzrampe empor. Am Ende dieses beschwerlichen Wegs hebt das vorderste Tier der Kolonne mit Hilfe einer Schar Kraniche ab. Inspiriert ist dieses Werk durch eine Kindheitserinnerung von Carlos an eine über seinen Kopf hinweg ziehende, riesige Vogelschar. Die Reise der Elefanten soll eine Parallele zum menschlichen Lebensweg darstellen. Die Hoffnung auf Erlösung, das Paradies am Ende, trägt jeder einzelne der Elefanten als Bändchen um den Bauch. Die Idee dazu hatte Carlos auf seiner eigenen Reise nach Berlin – wohin ihn diese führen würde, war, wie auch der weitere Weg seiner Elefanten, ungewiss.

Die großen Origami-Wale im nächsten Kunstwerk fesseln die Aufmerksamkeit des Betrachters vor allem durch ihre dramatische Situierung in einem Netz. Die Absonderung des roten Wales von den anderen und die beiden kreisförmigen Öffnungen des Holz-Schnurgespannes stehen für soziale Normierung und Einzigartigkeit. „Die Akzeptanz, anders zu sein, reicht oftmals nicht aus. Um seine Ideen und Sehnsüchte umzusetzen, muss man genau diese Differenzen als besonderes Potential betrachten." Dass Carlos Esponda sich hier auf Erfahrungen aus seiner Jugend und Kindheit beruft, spürt man sofort. Im Grunde handelt es sich hierbei sogar um den Beginn seines künstlerischen Schaffens: nach einem unglücklichen Küchenbrand, den er als siebenjähriger Junge verschuldet hatte, wurde von Seiten der Ärzte ADHS diagnostiziert. Dass seine Eltern seine Ruhelosigkeit und Energie durch künstlerische Aktivitäten aller Art produktiv umzuwandeln versuchten, ist für Carlos ein großes Glück gewesen, das er sehr zu schätzen weiß.

Das Streben nach Glück und das kontinuierliche Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln und eine Zustandsänderung herbeizuführen, sind auch die Themen des vermeintlich eindimensionalen Projektes der Ausstellung. Die Entwicklung des Pferdes zum Pegasus und schließlich zur Orion-Sternkonstellation ist eine durchweg positive Metapher für Sehnsucht und Verlangen des Menschen. Evolution wird oft geradlinig dargestellt, tatsächlich jedoch ist sie das nicht, und das merkt man auch, wenn man die Entwicklung des Pegasus im Lichtspiel betrachtet. Die Schatten, die die Netzwand auf die dunkelrote Wand im Salon des Sprachenateliers wirft, geben der Anschauung eine weitere Dimension.

Eintausend Kraniche die in einem Schwall durch ein Netzgewinde fliegen, sind das wohl zeitaufwendigste Projekt der Ausstellung. Die meisten davon hat Carlos nebenbei gemacht, also beim Spazierengehen oder während er zur U-Bahn gelaufen ist. Dass jedoch jeder einzelne Kranich mit sehr viel Liebe und Aufmerksamkeit gemacht wurde, merkt man, wenn Carlos von den Erlebnissen erzählt, die er mit jedem der zahlreichen Faltvögel verbindet. Carlos weiß, wo der kleinste der Kraniche seinen Platz hat und hat auch ein paar Lieblinge unter der Vogelschar. Warum es eigentlich eintausend sein mussten, die in seinem Netz eingefangen sind, kann Carlos nicht genau sagen. Es war ihm wichtig, die atemberaubende Stimmung, die er als Kind beim Vorbeiziehen der Vogelschar verspürte, zu vermitteln. Außerdem ist es für den Künstler ein Symbol dafür, dass das Unmögliche möglich gemacht werden kann. Die Tatsache, dass laut japanischer Philosophie demjenigen, der tausend Kraniche faltet, von den Göttern ein Wunsch erfüllt wird, lässt Carlos strahlen. Bald werden seine Kunstwerke in einem neuen Ausstellungsraum inklusive zwei neuer Projekte zu bewundern sein, letztlich möchte er jedoch, dass alle seine Kunstwerke ein Zuhause finden. Einen Platz mit viel Licht und Raum, denn das steht Träumen zu.



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