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„Mein Heimatdorf war mein kindliches Universum"

Heimatgedanken eines Siebenbürger Sachsen

Hanna Gabel
Alwin Schindler

Siebenbürgen, irgendwo hat man das doch schon mal gehört. Da war doch auch jemand der dort geboren ist? Viele Fragen rund um das Gebiet, das es eigentlich noch gibt aber andererseits auch nicht, sind vor allem unter den Einheimischen nicht geklärt. Das liegt daran, dass Siebenbürgen politisch wie auch geschichtlich genau definiert ist, jedoch vielmehr als das, ein starker ideologischer Zusammenhalt die Landsleute verband und teilweise noch verbindet. Viele der Menschen die dort geboren sind finden sich heute in unterschiedlichen Teilen der Welt, darunter Deutschland und Österreich, jedoch nur ein geringer Prozentsatz lebt noch dort. Doch wo ist dieses Siebenbürgen und gibt es eigentlich noch „echte" Siebenbürger Sachsen?

In einem der zahlreichen Siebenbürgisch Sächsischen Heimatlieder heißt es „Siebenbürgen, Land des Segens, Land der Fülle und der Kraft, mit dem Gürtel der Karpaten um das grüne Kleid der Saaten, Land voll Gold und Rebensaft, Land voll Gold und Rebensaft." Das verrät zumindest schon einmal, dass obwohl der Name durchaus deutsch klingt, die Rede von einem Gebiet nahe der Karpaten ist. Die genaue Begrenzung Siebenbürgens verschob sich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung Rumäniens und Ungarns erheblich und ist auch heute noch oft „Ansichtssache". Grob wird oft das Zentrum und der Nordosten Rumäniens als Siebenbürgen bezeichnet, welches aus Kreisen und Teil-Kreisen besteht. Wurden vor 1918 noch 100.293 km² als Siebenbürger Land bezeichnet waren es danach politisch gesehen nur noch 57.000 km². Ebenso wie die Fläche zeigen auch die Einwohnerzahlen Siebenbürgens große Schwankungen auf und lassen auf eine turbulente und ergreifende Geschichte schließen. Was mit einer ungarisch-deutschen Ordensgründung 1225 als sozial-wirtschaftliches Gebilde begann, entwickelte sich im Laufe der Zeit durch den Siedlerstrom aus dem Rhein-Moselgebiet zum Verbannungsgebiet österreichischer Protestanten bis hin zum eigenständigen Wirtschaftsgebiet. Vehement verteidigten die Siebenbürger Sachsen ihr Land das zwischen den österreichisch-ungarisch-rumänischen Großmächten Jahrhunderte lang hin und her geschoben wurde gegen einfallende Wandervölker. Ihr Land bedeutete für viele vor allem die Bewahrung ihres kulturellen Erbes und der Muttersprache. So sind Bilingualität bzw. Trilingualität zur Wahrung der unterschiedlichen Muttersprachen (Siebenbürger Sächsisch, Hochdeutsch oder Alt- Kärntnerisch), religiöse Entschiedenheit und Traditionsverbundenheit die wohl wichtigsten Merkmale der Siebenbürger Sachsen. Immer wieder wurden die Bevölkerungszahlen durch politische Regime beeinflusst, doch bis zuletzt machte es den Anschein, die Siebenbürger Sachsen könnten das von ihren Vorvätern bewirtschaftete Land wahren. Doch Kriege und Diktaturen hinterließen ihre Spuren und so kam es nach der Rumänischen Revolution 1989 zu einer Landflucht. Zurück geblieben sind nur jene, die zu alt waren, was den sicheren Rückgang der Siebenbürger Sächsischen Bevölkerung in Rumänien bedeutete. Heute ist die deutsche Einwohnerzahl in Siebenbürgen von Höchstwerten mit über 10 Prozent auf 0,73 Prozent geschrumpft - eine Minderheit bilden die Siebenbürger Sachsen damit in Rumänien nicht mehr lange.

Die Verteilung der Ausgewanderten erinnert an eine Diaspora, zahlreiche Siebenbürgisch Sächsische Verbände wurden in Deutschland, Österreich aber auch Ländern außerhalb Europas gegründet. Das nostalgische Schwelgen in Erinnerungen an die Kindheit und das Land, in dem sie aufgewachsen sind, sind vor allem für einige der älteren Generationen zu einer Art Hobby in der Wahlheimat geworden. Das Sammeln Siebenbürgisch Sächsischer Requisiten, Siebenbürgisch Sächsischer Tanzveranstaltungen und Treffen sind nach wie vor unter den ausgewanderten Siebenbürger Sachsen in Deutschland ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Diejenigen allerdings, die die „süße Heimat", wie sie in einem weiteren Heimatlied genannt wird, nur kurz hatten, also die letzte Generation, die in Siebenbürgen geboren wurde aber schon bald auswanderte, haben einen andern Bezug zur Heimat und zur Heimatliebe.

Der heute in Berlin lebende Künstler und unter dem Namen Yoolio als Jongleur und Comedian auftretende Alwin Schindler (33) ist in Siebenbürgen geboren und verbrachte seine Kindheit in einem idyllischen Dorf zwischen Hermannstadt und Kronstadt. Mit 13 ist er mit seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland als Aussiedler ausgewandert. Den Bezug zur Heimat hat er nicht verloren, lediglich in Erinnerungen schwelgen will er allerdings auch nicht.

Klare Ansage zu Beginn des Interviews: wer ist, deiner Meinung nach, Siebenbürger Sachse und wer nicht?

Ich denke, dass es wichtig ist, dass man das Land kennt, aber auch die Siebenbürger Sachsen und ihre Traditionen. Leider leben die meisten davon ja nicht mehr dort, deswegen ist es sehr schwierig zu sagen, wer noch „echter" Siebenbürger Sachse ist und wer nicht. Die Ressentiments der Siebenbürger Sachsen sind ein wichtiger Teil davon, die Geschichte unserer Vorfahren gehört ebenso wie die Sprache, die Trachten, die Essgewohnheiten und Bräuche dazu. Ich denke, um das alles zu kennen, muss man dort geboren sein oder zumindest gelebt haben, man sollte ja die Geschichte und die daraus entstandene Mentalität der Menschen kennen und verstehen.

Sprichst du noch Siebenbürger Sächsisch?

Als ich klein war, haben wir in der Familie nur Siebenbürgisch Sächsisch gesprochen, unsere offizielle Sprache bei öffentlichen Anlässen wie bei Festen oder im Gottesdienst war Hochdeutsch. Das hat sich dann aber in Deutschland geändert. Obwohl die Sprache mit dem Deutschen verwandt ist - dem Niederländischen und dem Luxemburgischen übrigens noch viel mehr, da unsere Vorfahren ja vom Rhein und der Mosel stammten - ist es schwer zu verstehen für die Menschen hierzulande. Wir, die junge Generation, haben uns da angepasst und sprechen nur noch Hochdeutsch. Ich finde aber, dass auch Rumänisch ein wichtiger Teil davon ist, da die Siebenbürger ja alle dreisprachig aufgewachsen sind und in engem Kontakt mit den rumänischen Muttersprachlern gelebt haben und Rumänisch als Kinder gelernt haben. Ein Automatismus, der für kleine Kinder ja kein Problem ist.

Wie würdest du das Verhältnis zwischen Siebenbürgern und Rumänen beschreiben?

Da Siebenbürgen ja nach dem I Weltkrieg von Rumänien annektiert wurde, waren die Rumänen neben den Ungarn ebenso Teil der Gemeinschaft und wurden geschätzt wie alle anderen die im Dorf mithalfen und füreinander da waren. Fleiß ist wohl eine der wichtigsten Tugenden der Siebenbürger Sachsen, das unermüdliche Arbeiten und Schaffen war die treibende Kraft der Siebenbürgischen Landsleute - da wurden keine ethnischen Unterschiede gemacht. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Siebenbürger halfen den Menschen, die harten Zeiten während des Kommunismus zu überstehen und Herzlichkeit und Gastfreundschaft wurden jedem gegenüber aufgebracht, der beim Zusammenleben im Dorf mit half.

Wie würdest du deinen Bezug zu Siebenbürgen heute beschreiben?

Mir geht es wie vielen Siebenbürger Sachsen, ich vermisse die Heimat sehr. Mein Heimatdorf war mein kindliches Universum, ich habe dort mit Steinen und Stöcken gespielt, die Bienen meines Opas beim Ein- und Ausfliegen aus den Bienenstöcken beobachtet, bin auf den Bergen herumgestreunt und habe selbst vom Fliegen geträumt. Die Mentalität hier in Deutschland ist anders, ich denke das hängt aber auch mit dem Wachstum der Städte zusammen – Entpersonalisierung ist bei so großen Einwohnerzahlen nun mal eine natürliche Entwicklung. Ich denke aber, dass, wenn der große Exodus in Siebenbürgen nicht passiert wäre, es schon noch eine Chance auf das Fortleben des Siebenbürgischen Erbes gegeben hätte, dessen meiner Meinung nach wichtigstes Bestandteil die "Nachbarschaften" waren, gemeinschaftliche Hilfe von der Wiege bis zur Bahre. Heute gibt es das in dieser Weise nicht mehr!

Ich erinnere mich gerne an die Zeit früher, ich interessiere mich vor allem aber auch für die Zukunft. Abgesehen davon ist Siebenbürgen auch indirekt ein wichtiger Bestandteil der Gegenwart, denn meine Berufswahl und Lebensgestaltung entstammt einem Erlebnis meiner Kindheit in Siebenbürgen. Als ich 7 Jahre alt war habe ich zum ersten Mal einen Jongleur gesehen der mich so in Bewunderung und Faszination versetzte dass mein Wunsch eigentlich von da an feststand: ich wollte die Leute unterhalten und Jongleur werden. Meine Reisefreudigkeit hat auch bestimmt damit zu tun, dass ich nach der Umsiedlung sehr neugierig und offen in Bezug auf unterschiedliche Kulturen, Menschen und Länder wurde.

Ist Siebenbürgen für dich also nicht passé?

Ich reise berufsbedingt sehr viel in der Weltgeschichte herum, ich bin als Entertainer sehr viel unterwegs, in Deutschland und auch auf Kreuzfahrtschiffen in aller Herren Länder. Es gibt aber nur einen Ort, wohin ich immer wieder gerne zurückkehre, und das ist Siebenbürgen. Im Winter zum Snowboarden, im Sommer zum Gleitschirmfliegen. Ich habe das Haus meiner Großeltern zurück erstanden und möchte auch in Zukunft so gut es geht in Verbindung mit meiner Heimat bleiben. Ich lasse dieses Kapitel, da es mir finanziell möglich und persönlich sehr wichtig ist, nicht hinter mir, sondern sehe es eher als Ziel für die Zukunft: irgendwann möchte ich meinen Kindern zeigen, wo ich gespielt habe. Die Verbindung zum Land und der Natur war ein wichtiger Teil meiner Kindheit. Außerdem ist es mir wichtig über Siebenbürgen zu sprechen und den Menschen die sich dafür interessieren, auch etwas davon zu erzählen.

Wie würde deine Siebenbürgen Utopie aussehen?

Eine Rückwanderung der Leute wäre natürlich das Schönste! Wenn sich deutsche Firmen vermehrt um Hermannstadt, Kronstadt und Klausenburg ansiedeln würden und die Wirtschaft wieder angekurbelt würde, wären vielleicht auch die Dörfer wieder stärker bewohnt. Allerdings sollte man da nicht an alte Dorfstrukturen und Lebensgewohnheiten denken: westliche Lebensweisen jener, die dort hinziehen würden, gehörten genauso wie Medien und andere Aspekte der westlichen Gesellschaft zu so einer Entwicklung dazu. Auf jeden Fall müssen die Menschen eine Verbindung zwischen dem neuen und dem alten Siebenbürgen herstellen. Denn Siebenbürgen gibt es noch und es ist im Wandel, nach wie vor.

Mehr zum Jongleur und

Entertainer Yoolio:

www.yoolio.com



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