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Bücher verbinden. So könnte die Idee der deutsch-türkischen ´Buchmesse Ruhr.2010´ lauten, die derzeit zum sechsten Mal in Essen stattfindet. Vom 22. bis 31. Oktober stellen sich über dreißig Autoren aus der Türkei und Deutschland einem Publikum vor, das jenseits von Debatten über verfehlte Integrationspolitik ein Interesse an deutsch-türkischer Kultur hat. Die diesjährige Messe gibt sich mondän: thematischer Schwerpunkt ist die Metropole Istanbul, welche ja neben dem Ruhrgebiet ebenfalls den Titel „Kulturhauptstadt Europa 2010" erhalten hat. „Liestanbul" präsentiert Geschichten rund um und über eine Stadt, die mit ihrer jahrtausendealten Tradition zwischen Orient und Okzident nicht nur die älteste Stadt Europas ist, sondern vielleicht auch die kulturell Vielfältigste und Zerrissenste. Doch: vermag dieses ehrgeizige Projekt tatsächlich mit allen Vorurteilen aufzuräumen?
Begonnen hat alles vor fünf Jahren in einem kleinen Dortmunder Buchladen: bereits kurz nach der Eröffnung rief der Betreiber Fikret Günes eine Buchmesse ins Leben, die der zeitgenössischen deutsch-türkischen Literatur ein Forum bieten sollte. Unter dem schlichten Titel ´Buchmesse Ruhr´ verschickte Günes eifrig Einladungen, vernachlässigte jedoch die Finanzierung – die erste Messe misslang! Fünf Jahre und Buchmessen später gibt es nun nicht nur ein solides finanzielles Konzept, sondern auch gleich mehrere Koorganisatoren, die dafür Rechnung tragen, dass die ´Buchmesse Ruhr´ auf einem sicheren Fundament steht: die Schirmherrschaft übernimmt der NRW-Minister für Arbeit, Integration und Soziales Guntram Schneider und organisatorische Unterstützung erhält Fikrat Günes vom Interkulturellen Bildungszentrum Essen (IBZ). Ehrengast ist in diesem Jahr der literarische Übersetzer Cornelius Bischoff, der in Hamburg und Istanbul aufgewachsen ist und bereits mehrere Auszeichnungen für seine türkisch-deutschen Übersetzungsarbeiten erhielt. Als „Inbegriff einer gelungenen Symbiose der zunächst unterschiedlich erscheinenden deutschen und türkischen Kultur"gilt er den Organisatoren der Buchmesse Ruhr als Vorbild für die jungen Deutschtürken, deren angebliche Integrationsunwilligkeit ja gerade in jüngsten Debatten für Schlagzeilen sorgte.
Und so beschäftigt sich „Liestanbul" zunächst mit den aus der Stadt abtrünnig gewordenen Landsleuten: „Schmelzen im Ruhrpott" heißt die Auftakt-Veranstaltung, in der Autoren Texte vorstellen, die vom Leben türkischer Migranten im Ruhrgebiet erzählen: welchen Beitrag leisten sie hier im kulturellen Leben? Und inwiefern prägt das Ruhrgebiet wiederum ihre eigene türkische Kultur? Mit der Fragestellung im Hinterkopf, welche kulturellen Elemente eigentlich deutsch und welche türkisch sind, wird der Besucher in das literarische Istanbul geschickt – eine
„Gebrauchsanweisung für Istanbul" von dem deutschen Wahl- Istanbuler Kai Strittmatter gibt es einführend noch schnell dazu.
In den anschließenden rund zweiundzwanzig Veranstaltungen beweist das Programm seine Vielfältigkeit: ob beim „politischen Forum Türkei", „Verfilmte Literatur – literarische Verfilmung" oder „Istanbul Kulinarik": beleuchtet wird eine Vielzahl an kulturellen Phänomenen, die in der türkischen Gegenwartsliteratur verarbeitet werden und die bei näherem Hinsehen auch der deutschen Kultur nicht fremd sind. Zu Gast sind Autoren wie u.a. Murat Uyurkulak, Buket Uzuner, Petros Markaris und Ayşe Kulin: ihre Bücher setzen sich mit Themen auseinander, die in und außerhalb der Türkei zu finden sind – ob soziale Ungerechtigkeiten, interkulturelle Konflikte oder die schwierige Frage danach, was Freundschaften zu Fall bringen kann: „Die Literatur hat sich internationalisiert", weiß Fikrat Günes, „die Erzähltechniken haben sich angeglichen".
Von Exotik also keine Spur. Und auch religiöse Themen finden auf dieser Messe keine explizite Beachtung. Stattdessen werden Themen behandelt, die beide Nationen streifen, wenn nicht sogar charakterisieren. So fällt der Blick auf eine zunächst ganz und gar unliterarische Veranstaltung in der Mitte des Programms: „Fußball als Kulturphänomen in Istanbul und Ruhrgebiet: die unerzählte Geschichte des türkischen Fußballs" berichtet von einer sehr vitalen Fußballkultur in der Türkei, die eine erstaunliche Nähe zur deutschen Fußballmanie aufweist. Und eine der letzten Veranstaltungen: „Süper Freunde – Was Türken und Deutsche sich wirklich zu sagen haben" traut sich sogar der Frage nachzuspüren, wie europäisch eigentlich die Türkei und wie türkisch eigentlich Deutschland ist. Vorgestellt wird hier ein Buch, welches von Journalisten der beiden größten deutschen und türkischen Tageszeitungen ‚Bild' und ‚Hürriyet' verfasst wurde und auf der Buchmesse Ruhr unter der Leitung von Kai Diekmann und Ertuğrul Özkök höchstpersönlich diskutiert wird.
Die Messe scheint ein literarisches Zeitzeichen setzen zu wollen, welches die Botschaft aussendet: ja, die türkische und die deutsche Kultur unterscheiden sich. Es gibt aber eine Brücke, die zum Verstehen beider Kulturen führt, und die heißt Literatur. Denn wenn, wie Guntram Schneider formuliert, der Zugang zu Literatur die Bildung verbessert, dann könnte die ´Buchmesse Ruhr.2010´ die Tür hierfür sein.