Fotos © Theater im Palais
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Am 21. Oktober feiert Richard Langridges selten gezeigtes, äußerst beunruhigendes Stück „The Act - Die Clownsnummer" am Theater im Palais Premiere. Der an namhaften deutschen Häusern wirkende Regisseur und Schauspieler Peter Rauch bringt damit ein Thema auf die Bühne, das durch seine epochen- und kulturenübergreifende Relevanz und fortwährende Aktualität besticht: Wie funktioniert der Mechanismus der Unterdrückung, wie können totalitäre Systeme in einer aufgeklärten Gesellschaft entstehen bzw. bestehen und was führt dazu, dass sich eine fehlbare Macht anmaßt, die mannigfachen Formen menschlichen Denkens und Glaubens willkürlich in schwarz oder weiß, gut oder böse, Freund oder Feind einzuteilen?
Rauchs Inszenierung hat in der Tat nichts Bequemes, sondern irritiert ab dem ersten Moment: In einem karg eingerichteten Raum, durch dessen Trostlosigkeit sich eine Art Laufsteg diagonal und honiggelb den Weg zu einem aus allerlei unüblichem Instrumentarium bestehenden „Orchester" bahnt, treffen zwei Künstler ein, um sich für ihren bevorstehenden Auftritt vorzubereiten. Es sind zwei Clowns, die angeblich mit einer längst bewährten und zugegebenermaßen etwas grotesken Nummer im Rahmen einer Feierlichkeit das Publikum belustigen wollen. Bot die lakonische Einladung, der sie gefolgt sind, bereits Anlass zur Beklommenheit, so wirft der Mangel an detaillierten Anweisungen den Verlauf des Abends betreffend die beiden unterschiedlich wirkenden Männer immer stärker aus der Bahn. Das durch den quer gelegten Steg entzweigerissene Zimmer, die ungewöhnliche Geräuschkulisse sowie das Rätselraten um den befremdlichen Aufenthaltsort und die zu bewältigende Aufgabe ermüden ihre Sinne und überreizen ihr Denken. Auf diesem spiegelglatten Terrain der Ungewissheit und Ohnmacht versucht jeder der Clowns auf seine eigene Art, der Situation Herr zu werden: Während sich Hansen (Stefan Kleinert) verzweifelt hinter seiner Rolle als liebenswerter, tollpatschiger Spaßmacher zu verstecken sucht, versinkt Frink (Carl Martin Spengler) in einer scheinbar ruhigen, nachdenklichen Gelassenheit. Nur hier und dort bricht bei den Männern, deren Kameradschaft stellenweise an eine Ehegemeinschaft erinnert, die pure Existenzangst durch – dann allerdings mit umso größerer Vehemenz.
Der Auftritt von Steiner (Maximilian Claus), des obersten Chefs und Hauptverantwortlichen für die anstehende Feier, trägt nur noch stärker zur zermürbenden Unsicherheit bei und scheint zunächst einen Keil zwischen die Freunde zu treiben. Denn anstatt der erprobten Nummer, die als letzter Anker in diesem Sog aus Furcht, Misstrauen und Hilflosigkeit fungiert, verlangt Steiner die prompte Einstudierung seines eigenen Stückes, das auf die Abschaffung der höchsten moralischen Instanz – nämlich von Gott – abzielt. Während sich Hansen mit der Flexibilität eines Überlebenskünstlers der neuen Situation anpasst und die ihm zugedachten Wörter gedankenlos „runterzuspulen" bereit ist, festigt sich in Frink immer mehr der Widerstand gegen eine Ideologie, die Recht und Unrecht für austauschbar hält und er lehnt sich schlussendlich gegen ein System auf, das fremdes Leid für notwendig erklärt. Während er seine bisher mit Sorgfalt gehütete Maske – wie die losen Blätter des steinerschen Stückes – zu Boden fallen lässt und als nunmehr sichtbare Zielscheibe der Befehlshaber um sein Leben bangen muss, droht paradoxerweise Steiner selbst zum Opfer der Ereignisse zu werden: Denn als sich auch Hansen auf die Seite seines Duopartners stellt, stehen mit der Aufführung des Stückes zugleich Ruhm und Autorität des Verfassers auf dem Spiel. Somit wandert für einen kurzen Augenblick die Macht zu den Unterdrückten und die Kontrolle zu jenen, denen sie gewaltsam entrissen wurde. Werden die Clowns auftreten und was passiert dann? Kann das Überleben nur um den Preis der vollkommenen Ergebenheit an das regierende System erworben werden – dem Beispiel des Dieners (Peter Rauch) folgend, dessen Wille, Denkvermögen und Sprache auf ein Minimum reduziert wurden?
„The Act" ist viel mehr als simple Clownerie. In einer Welt, in der Kritikfähigkeit und Gewissen ausgeschaltet, Denken und Fühlen kontrolliert, Schwache oder Andersartige unterdrückt, Grenzen überschritten, Rechte missachtet und Feindbilder entworfen werden, beginnt notgedrungen ein bitteres Macht- und Versteckspiel, bei dem es letzten Endes um Leben oder Tod geht. Wer spielt was, wer spielt wen, wem spielt wer was vor? Wenn jeder jeden auszuspielen droht, kann schließlich nur das Zusammenspiel retten.
Rauchs Inszenierung, die an Fantasie und Reflexion gleichermaßen appelliert, lässt ein Stück Universum entstehen, das nicht zuletzt dank der musikalisch-akustischen Ausführungen von Ute Falkenau, des desorientierenden Bühnenbildes (Alexander Martynow) sowie der treffsicheren Kostüme (Ute Rathmann) für jeden zur Falle werden kann, der sich verwundbar zeigt. Vor diesem Hintergrund der konstanten Bedrohung agiert Hansen zunächst gegen, Frink bald für seine Überzeugung, und zwischen beiden Clowns bedient Steiner mit nonchalanter Jugendlichkeit und gekonnter Präzision die Maschinerie der Macht – bis auch er das Gefühl der Abhängigkeit und Ohnmacht erfährt. „The Act" ist somit ein Stück, das wach rüttelt und berührt – oder wie Steiner sagt: „Das ist keine Clownsnummer".
Zu sehen ab dem 21. Oktober am Theater im Palais (www.theater-im-palais.de).