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Mal nennt er ihn einen „Fluchtraum", mal seinen „inneren Tempel". Auf jeden Fall ist der Ort sein Zuhause und Ausgangspunkt für seine künstlerische Arbeit. Der vierfache Weltmeister in Breakdance und weltweit gefragter Choreograph Kadir „Amigo" Memis (35) gestattete uns einen sehr persönlichen Einblick in seinen Werdegang, sein kreatives Schaffen sowie die Suche nach einer multikulturellen Identität.
Geboren in Danismend, einem winzigen westanatolischen Dorf in der Türkei und die ersten 10 Jahre von seinem Onkel großgezogen, entdeckt der junge Amigo beim Hüten der Schafe das erste Mal jene innere Abgeschiedenheit von der Welt, die ihm zugleich das Gefühl von Heimat und grenzenloser Freiheit schenkt. „Mit den Glockenklängen der Schafe im Ohr und einem Lied, das ich kontinuierlich vor mich hinsummte, gelang es mir, den Kopf auszuschalten", berichtet der inzwischen gefeierte Tänzer über jene frühe Erfahrung innerer Loslösung von jeglicher Form rationalen Denkens.
1985 folgt Amigo, der sich diesen Künstlernamen in der Jugend aufgrund der damit verbundenen positiven Assoziationen wählt, seinen Eltern nach Berlin und fühlt sich von den Betonwänden und Asphaltstraßen der geteilten Hauptstadt regelrecht erschlagen. Woran er sich aus diesem Lebensabschnitt gern zurückerinnert und was gleichzeitig seine erste Begegnung mit Bühnenkunst darstellt, ist die Performance zweier Illusionisten, die auf Berlins Straßen eine imaginäre Glasfläche mit weißen Handschuhen abtasteten. – Zwei Jahre später findet er zu Breakdance und erlebt beim Tanzen erneut das Gefühl innerer Befreiung.
Es beginnt eine intensive Phase professioneller Auseinandersetzung mit diversen Tanzstilen, in erster Linie mit dem Hip Hop, der zu jener Zeit noch in den Kinderschuhen steckt und als niedrige Kunstform einer zwielichtigen Szene abgestempelt wird. Bei seiner größtenteils autodidaktischen und auf die drei im Umlauf befindlichen Tanzfilme basierenden Weiterbildung geht es Amigo in erster Linie darum, ins Gefühl einzutauchen, um die Bewegungen nicht nur zu kopieren, sondern auch nachzuempfinden.
Am Scheideweg zwischen einem Architekturstudium und der Tänzerkarriere bringt 1998 der umjubelte Auftritt mit dem Storm & Jazzy Project an der Semperoper die Entscheidung. Die positive Aufnahme der Hip Hop Performance seitens des Publikums bestätigt, dass sich Urban Dance als Tanzkunst von der Straße ins Theater vorgekämpft hat und veranlasst Amigo, sich nunmehr ganz seiner Leidenschaft zu widmen.
Zusammen mit dem Düsseldorfer Tänzer und Choreographen Takao Baba gründet er Dance Unity, eine Begegnungsplattform für professionelle Tänzer und tanzbegeisterte Amateure und ruft 2004 Funkin' Stylez, den ersten internationalen Urban Dance Wettbewerb, ins Leben. Dieses Tanzevent, das aktuell zu den größten deutschlandweit zählt und in diesem Jahr vom 26. bis 28.11. im Tanzhaus NRW stattfinden wird, setzt auf die Integrationskraft von Hip Hop und dient zur Förderung des Respekts gegenüber religiösen und kulturellen Minderheiten. Den Tänzer Amigo führen andererseits diverse Auftritte mit der E-Motion Company bis nach China, bevor er sich erneut seinen orientalischen Wurzeln widmet und 2009 sein erstes abendfüllendes Stück „Zey'break" im Berliner Ballhaus präsentiert. Bei dieser Produktion verschmilzt der traditionelle anatolische Tanz der Zeybeks mit Elementen des Breakdance –Amigos Herkunft trifft auf seine urbane Gegenwart. Dabei fügen sich im Laufe der Vorstellung jeweils beide Komponenten gleichrangig zu einer einzigartigen Tanzform bzw. einer bereicherten Identität zusammen.
Einen weiteren Erfolg feiert er im Juni diesen Jahres als Choreograph der deutsch-türkischen Sprech-, Spiel- und Tanzoper „Gegen die Wand". Unter der Regie von Neco Celik wird die auf Fatih Akins mehrfach ausgezeichnetem gleichnamigem Liebesfilm basierende Ethno-Oper von Ludger Vollmer im Stuttgarter Kammertheater begeistert aufgenommen.
Nun, all das gibt genügend Grund zur Freude und Zufriedenheit. Trotzdem schwingt in Amigos Worten stets eine gewisse Sehnsucht nach mehr, nach etwas anderem mit. „Ich bin von Natur aus melancholisch, lächelt der Tänzer, wie viele meiner Landsleute. Ein gewisser Hang zu Schwermut gehört zu unserem Charakter." Ausgerechnet der Beschäftigung mit dieser zu Sentimentalität und Poesie neigenden Identität widmet sich seine nächste Produktion, die Mitte Dezember im HAU2 in Berlin Premiere feiert. Auf zwei Ebenen – einer sprachlichen sowie tänzerischen – findet die Suche nach dem gesellschaftlichen Wert, der Gefühlswelt sowie Selbstdarstellung des türkischen Mannes statt. Eine Handvoll Tänzer, ein Poet sowie drei Musiker, unter denen ein Rapper, werden eine Jahrhunderte übergreifende Mischung aus Dicht- und Tanzkunst auf die Bühne zaubern.
Für den zwischen zwei Kulturen hin- und herpendelnden Amigo, der bei diesem Projekt gleichzeitig als Choreograph und Tänzer auftritt, heißt es dann wieder: „So schnell wie möglich in die Bewegungen einzutauchen, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen."