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Die Taube auf dem Dach – Realität, die nicht sein durfte

Sabrina Loos
Die Taube auf dem Dach

Der Anfang:

Klingend-schwebende Musik. Menschen in der Schwerelosigkeit. Eine Reihe von Raketenstarts. Dann ein schriller Ton, der sich als das Quietschen eines Zuges entpuppt.

Das Ende:

Ein Raum voller Christbaumkugeln, die von der Decke schwingen. Zwei Menschen, die scheinbar ziellos über ein Feld wandern. Im Hintergrund erneut ein Zug und der vertraute schrille Ton. Die Dramaturgie: Offen.

Dazwischen:

Thematisch und stilistisch stark kontrastierte Szenen, die in sich geschlossen, aber scheinbar auswechselbar sind. Außerdem ein Spiegel der Gesellschaft in Form dreier Charaktere: Ein junger Freidenker, der Spenden für den Vietnam sammelt und über die Jahrtausendwende nachsinnt. Eine junge emanzipierte Frau, die nicht nur die vorgesetzte Bauleiterin ist, sondern darüber hinaus mit mehr als einem Mann ihren Spaß hat. Und schließlich ein bewanderter Sozialist und Arbeiter, der als tragische Figur skizziert wird und mehr verliert als gewinnt.

Iris Gusners Debütwerk war unangepasst. Zu groß waren inhaltliche und stilistische Interpretationsfreiheit, zu viel die Frage nach Erfüllung und Identität, nach Geschlechterrollen und der Möglichkeit auf Unabhängigkeit. Die DEFA machte kurzen Prozess. „Die Taube auf dem Dach" geriet in den Ruf ein verzerrtes Bild der DDR-Realität darzustellen, der Film wurde als reiner Kunstirrtum und Beleidigung der Arbeiterklasse bezeichnet. Obwohl Korrekturversuche von Seiten Gusners erfolgten, wurde der Film verboten und vernichtet.

Heute, 37 Jahre nach Fertigstellung ihres Debütwerkes, hat „Die Taube auf dem Dach" nun endlich ihre Kino-Berechtigung erhalten. Der Film läuft seit dem 9.September 2010 im Berliner Programmkino „Babylon". Hier war er im Herbst 1990 bereits zweimal uraufgeführt worden, da man zuvor eine zufällig erhalten gebliebene farbige Arbeitskopie wiedergefunden hatte, von der eine schwarz-weiß Kinokopie angefertigt wurde. Danach verlor sich die Spur des Filmes jedoch erneut und er galt bis im letzten Jahr als verschollen. Vergangenen Herbst wurde bei Aufräumarbeiten in Babelsberg die 1990 gezogene Kopie wiedergefunden und restauriert und damit der DEFA-Nachlass um ein wichtiges Werk erweitert.

„Die Taube auf dem Dach" hat kein Einzelschicksal erlebt. Den Filmemachern der DDR war das Wort Zensur nicht fremd - viele Filme sind bis heute verschwunden oder nie gezeigt worden. Doch die Tatsache, dass ein Film bereits zweimal als verloren galt und nun wiederentdeckt wurde, gibt Anlass zur Freude und zum Gespräch.

Aus diesem Grund war die Regisseurin am 13.September selbst zu Gast im Babylon Kino und stand nach der Filmvorführung dem Publikum für Fragen zur Verfügung.

Dabei schien es die Zuschauer besonders zu interessieren, auf welche Art und Weise Gusner den damaligen K.O.-Schlag verkraftet und was sie dazu bewegt habe, weiter Filme zu machen.

Nach kurzem Überlegen formuliert Gusner ihre Antwort:

Der Umgang mit diesem Rückschlag sei für sie als damalige Debütantin natürlich umso schwerer gewesen, hauptsächlich habe sie sich jedoch durch die Vorgehensweise der DEFA verraten und verletzt gefühlt, die niemals ein Verbot ausgesprochen hatte, sondern nach plötzlicher heftiger Aburteilung den Film mit Vernichtung strafte.

Sie habe danach versucht nach vorne zu schauen und sich an ihr neues Projekt zu klammern, was ihr gut gelang, und Rückhalt in der Familie genossen. Die Gunst des Publikums, das ihr nach Erscheinung ihrer ersten Werke schnell zugetan war, habe einen weiteren Halt für sie dargestellt und ihr eine zusätzliche Bestätigung geliefert mit dem Filmemachen fortzufahren. Heute sei sie über das was war hinweg und habe damit abgeschlossen.

Das Gusner den Rückschlag ihres Debütfilms nach fast vier Jahrzehnten verkraftet hat, liegt auf der Hand. Die Welt hat sich weiter gedreht, das Land ist seit langem wiedervereint und der Name „Iris Gusner" ist vielen filminteressierten Menschen ein Begriff. Dennoch demonstriert sie mit ihrer abschließenden Danksagung an das Publikum, wie tief die Wunden einmal gewesen sein müssen und das verarbeiten nicht vergessen heißt: „Wenn mir in den letzten 37 Jahren nur annähernd so viel Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre wie heute, dann wäre ich sehr glücklich gewesen."



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