Foto: Ildiko Bognar
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„Als junge Ärztin habe ich in Ungarn 116.000.-HUF (413.-€) pro Monat verdient, so E., wobei allein die Warmmiete unserer 60 m² großen Wohnung 100.000.-HUF (356.-€) betrug. Es blieben daher 16.000.-HUF (57.-€) zum Leben." – In der Tat desillusionierend nach einem sechsjährigen Studium an der renommierten medizinischen Fakultät in Pécs, einer fünfjährigen Fachausbildung als Residentin (Praktikumsärztin) mit nur 50.000.-HUF (178.-€) Anfangsgehalt, einer ehrenamtlichen Tätigkeit im Pécser Kindergarten für Autisten sowie zahlreichen Fortbildungsseminaren – selbst in den drei Jahren ihrer Karenz.
Zuletzt arbeitete sie in der Kinderpsychiatrie des berühmten Nationalinstituts für Psychiatrie und Neurologie (Országos Pszichiátriai és Neurológiai Intézet) in Budapest,besser bekannt unter dem Namen Lipót bzw. Lipótmező (Leopoldfeld), das nach 139 Jahren im Rahmen der Gesundheitsreform und trotz verzweifelter Proteste seitens der Bevölkerung im Dezember 2007 die Krankenversorgung einstellte. Obwohl E. daraufhin mit der gesamten – bundesweit einmaligen – Abteilung für Kinderpsychiatrie wegen Platzmangel auf dem Korridor eines Übergangskrankenhauses untergebracht wurde, war es in erster Linie die unbefriedigende finanzielle Situation, die in ihr den Wunsch nach einer grundlegenden Veränderung ihrer Lebensumstände weckte.
Auf der Suche nach Stellenangeboten im Ausland gelangte sie über die Homepage der Ungarischen Ärztekammer an die Organisation Medicolink, einer internationalen Vermittlungsagentur, die ungarische, deutsche, tschechische und slowakische Ärzte aller Sparten für Dänemarks Gesundheitswesen rekrutiert. Nach bestandenen Eignungstests und mehreren beide Seiten zufriedenstellenden Gesprächen finanzierte das Unternehmen nicht nur E.s 6-monatigen, sich über 6 Stunden am Tag erstreckenden Unterricht in Dänisch, sondern bezahlte für die Zeit des intensiven Spracherlernens auch das Dreifache ihres bisherigen Lohnes. Zudem wurde der Familie eine erste Erkundungsreise in ihre Zweitheimat in spe ermöglicht, E.s Mann, dem Maler und freischaffenden Künstler Ö. (42), die Unterstützung bei der Stellensuche und den beiden Töchtern die Unterbringung im örtlichen Kindergarten zugesichert. Der neue Arbeitgeber sollte des Weiteren die ersten drei Monatsmieten vor Ort übernehmen.
So tauschte die vierköpfige Familie K. im August 2009 Ungarns pulsierende, 1,7 Millionen Seelen Metropole Budapest gegen die rund 100.000 Mann starke dänische Stadt Aalborg ein, die am Limfjord gelegen neben seinem Schloss und einem Marinemuseum u.a. 700 Wikingergräber zu bieten hat. Eine ganz schöne Veränderung, die sie jedoch nicht bereut haben. E. bekommt heute das 10fache ihres einstigen Gehaltes für eine geregelte 37-stündige Arbeitszeit. Die 60m²-Wohnung ist einem exakt doppelt so großen Reihenhaus mit Garten gewichen, die Familie fährt einen Citroën und kommt gerade aus dem Urlaub in der Toskana. – Alles Annehmlichkeiten, die sie sich früher nicht leisten konnten. Und obwohl ihr Mann bislang keine zufriedenstellende Arbeit gefunden hat, zieht die Kinderpsychiaterin eine positive Bilanz: „Zwar vermissen wir Verwandte, Freunde, Kollegen sowie die kulturellen Angebote einer Millionenhauptstadt, doch war es für uns der einzig mögliche Weg, ein finanziell abgesichertes, stressfreies und kinderfreundliches Leben zu führen."
Und was hat sich in der Zwischenzeit in Ungarn getan? Durch eine vor einem Jahr in Kraft getretene Verordnung versucht das Land, Absolventen der medizinischen Fakultät an das heimische Gesundheitswesen zu binden. Das sogenannte Residentensystem sieht vor, dass jeder Praktikumsarzt mit dem ihn beschäftigenden Krankenhaus einen Arbeits- und Bildungsvertrag abschließt, der ihn verpflichtet, nach Beendigung seiner Fachausbildung weitere vier Jahre im inländischen Gesundheitssektor tätig zu sein. Bei Vertragsbruch müssen die vom Staat getragenen Ausbildungskosten in der Höhe von 1,7 bis 3,8 Millionen HUF pro Jahr zurückerstattet werden. – Bleibt die Frage, ob dies die richtige Maßnahme ist, um die Auswanderung ungarischer Jungmediziner zu stoppen und dem wachsenden Ärztemangel entgegenzuwirken, der sich laut Fachleuten bis 2020 noch erheblich verschärfen wird.