Sprungmarken: Navigation, Schnellsuche.

Goodbye Lenin. Das Schicksal des russischen Films in Deutschland nach der Wende

Interview mit Alexander Mamontov

Ioulia Isserlis
Iwans-Kindheit.jpg

Für den russischen Film lassen sich keine allgemein typischen Charaktereigenschaften finden. Man springt die ganze Zeit zwischen Extremen, entweder ist ein Film grottenschlecht oder berauschend gut, genial oder primitiv, nachdenklich oder völlig sinnfrei. Das Einzige, was alle Werke vereint ist dieser gewisse russische Geist, den jeder Film in sich trägt. Die russische Seele, für die man soweit keine klare Definition finden könnte und die man im Westen auf das Klischee des Wodka-Konsums reduziert. Es handelt sich dabei vielleicht um diese Mischung aus Melancholie, aus einer eisigen Kälte, aber auch stechend, erfüllender Wärme zugleich, aus einem bitteren Humor und morbider Leichtigkeit, einer messerscharfen Ehrlichkeit, die im Einklang mit einer gravierenden Lüge existiert. Man weiß einfach nie genau woran man ist. Ein Film hat aber definitiv immer das gewisse Etwas: mal das gewisse Etwas an Schlechtsein, mal an Genialität.

Heute ist das Problem, dass man sich vieles in der russischen Filmindustrie nicht mehr traut und geblendet ist von High-Budget Blockbustern aus dem Westen. Man lässt sich viel zu sehr von der Meinung der Öffentlichkeit beeinflussen, was jeden Genius in seiner Kreativität einschränkt. Ein Beispiel dafür liefert der Kult-Regisseur Sergej Solowjow, dessen Film „2-Асса-2", ein Meisterwerk des Art Cinema, während des Moskauer Filmfestivals 2008 von den Kritikern vollkommen niedergeschmettert wurde, denn es handelte sich hierbei um kein Popcornkino. Nach diesem Vorfall trägt der Regisseur den Film nun immer bei sich, aus Panik er könne in den Verleih kommen und eine weitere Welle von Kritik mit sich bringen.

In Deutschland kennt man sich eher weniger mit der russischen Filmkunst aus, woran das liegt, ob an Vorurteilen, Schwierigkeiten in der Übersetzung, keiner wirklichen Vermarktung oder einfach Desinteresse, kann man nicht sagen.

Es gibt seit 2007 jedoch die Organisation „Rusfilm GbR", die dieses Problem langsam zu beheben scheint und den russischen Film an das deutsche Publikum bringen möchte.

Das mit einigen technischen Schwierigkeiten auf Russisch geführte Telefoninterview mit dem Leiter der Organisation und gleichzeitig Veranstalter des Sankt-Petersburger „Festival of Festivals" Alexander Mamontov lieferte einen aufschlussreichen Einblick in die deutsch-russische Filminteraktion, den russischen Film an sich und die Tätigkeit von „Rusfilm GbR":

Die Hauptaufgabe von „Rusfilm GbR" ist die Verbreitung des russischen Films in Deutschland. Wie läuft diese ab?

Wir beschäftigen uns mit dem Verleih und Vertrieb von russischen Filmen von denen wir die Rechte aufkaufen. Es handelt sich um Werke, die sonst eher unwahrscheinlich das deutsche Publikum erreichen würden. Wir organisieren russische Filmreihen/Festivals und Filmtage in zahlreichen deutschen Kinos. Außerdem unterstützen wir die Ausstrahlung der Filme bei Festivals, wie zum Beispiel bei der Berlinale.

Nach welchen Kriterien und Parametern suchen Sie sich die Filme für Ihren Verleih aus?

Wir wählen Filme, die für das deutsche, aber auch für das russische Publikum von Interesse wäre. Vor allem sollten es Werke sein, die auch für einen Zuschauer ohne russische Abstammung ansprechend und verständlich wären.

Die Palette ist groß: Unser Archiv beinhaltet Filme aus den verschiedensten Genres und Jahrzehnten. Sehr oft handelt es sich um russische Beiträge auf internationalen Festivals. Es sind Filme, die dem Publikum nicht nur die russische Kinokunst nahe bringen, sondern auch gleichzeitig Inhalte ansprechen, die allgegenwärtig sind. In unserem Verleih befinden sich sowohl Werke aus der Sowjetunion, als auch neue Filme, wie zum Beispiel „In einem Krieg" von Vera Glagoleva. Dieser erzählt die Geschichte russischer Frauen die während des Zweiten Weltkrieges Kinder deutscher Besetzter zur Welt brachten und dann nach der Befreiung in russische Straflager gesperrt wurden. Es behandelt also ein lange verschwiegenes, auf wahren Begebenheiten beruhendes Thema , welches die russische und die deutsche Kultur anspricht.

In dem besagten Archiv findet man also sowjetische Klassiker und auch brandaktuelle Filme. Welche sind beim Publikum populärer?

Ich würde sagen da gibt es keine Sparte, die besonders bevorzugt wird. Der in der DDR aufgewachsene Teil des Publikums war mit dem russischen Kino aufgewachsen und der höchstwahrscheinlich letzte Film, der bei den Zuschauer angekommen ist, war „Москва слезам не верит" (Moskau glaubt den Tränen nicht), danach gab es eine Stagnation. Vorher war der „Konsum" des russischen Films regelmäßig in der DDR, denn der Transport dessen war gezielt. Nach der Wende wurde dieser gestoppt und es entstand eine 20 jährige Pause und unsere Organisation versucht jetzt diese Lücke nachzuholen und aufzufüllen.

Trifft man bei Ihren Veranstaltungen eher auf ein deutsch- oder russischsprachiges Publikum?

Ich würde sagen es steht 50 zu 50. Vor allem in Berlin. Die deutschsprachigen Zuschauer sind meistens Studenten, die Linguistik oder Russisch studieren und sich mit der russischen Kultur auseinander setzen wollen. Auch in anderen Städten zählen Studenten zu unserem Stammpublikum.

Würden Sie sagen, dass die Nachfrage nach Ihren Veranstaltungen steigt?

Ja. Das kann man sagen. Inzwischen organisieren wir jährlich 10 bis 12 russische Filmtage in verschiedenen Städten Deutschlands. Der genaue Plan der Hauptevents ist auf der Website www.rusfilm.net zu finden. Die nächste Veranstaltung ist am 16. September und zwar wird im Russischen Kulturhaus in Berlin der Film „Missing Man" der Filmemacherin Anna Fenchenko gezeigt. Im Berliner Kino Krokodil läuft jetzt auch schon länger der Film „Rusalka" von Anna Melikjan und im August finden drei Vorführungen statt.

Das Publikum in Deutschland ist eher am Schaffen Hollywoods, aber auch an Filmen aus Europa, Asien und Indien interessiert. Die Begeisterung für den russischen Film hält sich eher in Grenzen. Wieso?

Ich glaube der Teil der Bevölkerung, der das russische Kino kennt, aber auch die Russisch-sprechenden Einwohner Deutschlands, verfolgen die neusten Produktionen. Natürlich ist es in West-Deutschland anders, die Zuschauer dort kennen wahrscheinlich zwei bis drei russische Filme, solche wie „Die Kraniche ziehen" oder diejenigen, die man auf der Berlinale oder anderen internationalen Festivals sehen konnte. Ein wirkliches Interesse gab es nur von denjenigen die Russisch lernten oder russische Wurzeln haben, diese Menschen zählen auch zu regelmäßigen Besuchern unserer Veranstaltungen. In den westlichen Teilen Deutschlands fanden eher französische, indische, spanische und italienische Filme ein breites Publikum.

Solche spezifischen Filme, wie die russischen, türkischen, albanischen oder auch rumänische stellen eine ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung dar. Die Zuschauer, die im Kino einen Hollywood Blockbuster anschauen, vergessen meistens den Inhalt des Films gleich nachdem das Licht im Kinosaal wieder angeschaltet wurde. Der russische Film im Gegenteil regt zum Nachdenken an. Die Menschen, die das erste Mal solch einen Kinofilm angucken, werden es schwer haben. Deshalb wählt man auch eher aus Unterhaltungsgründen einen Hollywood Streifen und keinen russischen aus, welcher einen zwingen wird nachzudenken und welchen man noch die nächsten 2 Wochen im Kopf behalten wird.

Der momentan erfolgreichste russische Regisseur Timur Bekmabetov hat vor kurzem gesagt, dass fast 40 % der Kinobesucher das Anschauen von russischen Filmen vermeiden, nur aus dem Grund, da diese russisch sind. Er selbst dreht gerade eine Russland/Hollywood Komödie mit Milla Jovovich und einen Film über eine Attacke von Außerirdischen „endlich" mal auf Russland und zwar auf Moskau. Denken Sie der russische Film ist in Gefahr ein primitives Remake von Hollywood zu werden?

Ich glaube nicht. Bekmabetovs Filme zeigen einem, dass wir noch weit von Hollywood entfernt sind und man muss jetzt nicht irgendjemanden aufholen oder überholen, vor allem nicht die Amerikaner mit ihren CGI-Effekten. Es ist sinnlos, was Bekmabetov versucht. Der russische Film ist anders und würde mit dem Stil Hollywoods absolut nicht zusammen passen. Die Seele des russischen Kinos würde da verschwinden. Wirklich russische Filme sind low-budget Filme und sobald das Budget steigt, wird der Film nur schlechter.

Die internationale, aber auch die russische Presse kritisiert das Fehlen von Meisterleistung und Originalität in russischen Filmen der letzten Jahre. Stimmen Sie dieser Kritik zu?

Ja, das ist wirklich unser Problem. Das Problem des guten Drehbuchs, denn das ist das Wichtigste an einem Film. Es gibt keine Einfälle, keine Ideen, die man erfolgreich auf der Leinwand umwandeln könnte. Viele Filmemacher sind vom Leben gesättigt und da kommt es zu einer gewissen Gleichgültigkeit. Es gibt also keinen genialen Zug des Regisseurs. Die Aussage, dass es angeblich an Geld fehlt, ist nicht der Wahrheit entsprechend: Geld ist in der russischen Filmindustrie ausreichend vorhanden.

Als ich vor drei Wochen das letzte Mal in Moskau war, stieß ich überraschenderweise in jedem DVD Verleih auf deutsche Filme: „Das weiße Band" und „Die Päpstin" waren sogar außerordentlich erfolgreich. Das war früher nicht so. Würden Sie zustimmen, dass das Interesse am deutschen Film in Russland steigt?

Ja, im Prinzip schon. In den letzten drei Jahren wurden sie immer populärer. Angefangen hat es mit „Goodbye Lenin". Dieser Film war ein regelrechter Kassenschlager, da das Thema nicht nur den deutschen, sondern auch den russischen Zuschauer anspricht.

Während des „Festival of Festivals" in Sankt Petersburg würde der Film von Leander Haußmann „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" und das war so erfolgreich, dass ein Sankt Petersburger Kino eine ganze Retrospektive zu dem Regisseur veranstaltete. In Russland kennt man inzwischen viele deutsche Schauspieler und Regisseure und schaut sich deren Filme gerne an.



Sprungmarke: Seitenanfang.

Navigation


Schnellsuche:

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.