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Die visuelle Wirkung und Gestaltung hat heutzutage hat an unglaublicher Bedeutung dazugewonnen. Egal was die Menschheit produziert, benutzt oder bedient, es muss unbedingt einem bestimmten optischen Rahmen entsprechen: Kleidung, technische Geräte, Wohn- und Arbeitsausstattung, alles Materielle, was uns als Konsumgesellschaft umgibt, dient zur unserer Darstellung und Repräsentation, als kreative, innovative und moderne Menschen. Die Optik muss stimmen. Individueller Geschmack soll gezeigt werden, meist unbewusst beeinflusst von vorgegebenen ästhetischen Richtlinien der Medien und den verschiedenen Kunst- und Designströmungen. Sogar wenn man in einem Restaurant einen Salat bestellt, sollte dessen Arrangement am liebsten ausgefallen und entweder durch Schönheit oder bloße Kreativität das Auge begeistern.
Die optische Effektivität wird zum Statussymbol, zur ästhetischen Selbstverwirklichung und einer heimlich injizierten Gesellschaftsnorm. Man könnte meinen, dass der Alltag sich immer mehr der Kunst zuwendet und die Oberfläche wichtiger wird als der Inhalt. Das ist nett, denn die Kunst wendet sich im Gegenzug in Richtung einer anderen Materialität, der des ungreifbaren menschlichen Agierens und Daseins.
Schon seit den 60er Jahren hat die Bewegung der nicht materiell-beschaffenen Kunst an Dynamik gewonnen: Der eigene Körper wurde zum Instrument der Verbildlichung und Intensivierung eines Protests oder einer bestimmten Meinung. Performance Art hatte den Status einer radikalen, neuen und aussagekräftigen Kunstrichtung. Künstler wie Joseph Beuys, der zum Beispiel für die Aktion "Coyote; I like America and America likes me" für drei Tage nach New York flog, um sich dort für die ganze Dauer seines Aufenthalts in einem Raum mit einem Kojoten einzuschließen und damit auf das "amerikanische Trauma" zwischen Ureinwohnern und europäischen Eroberern aufmerksam zu machen oder wie Carolee Schneemann, die mit einem offenherzigen, radikalen Körpereinsatz Kritik an der Reduzierung der Frau auf ein Objekt der Begierde ausübte.
Doch was damals noch als radikal galt erfolgreich ist heute zu einem Teil des Mainstreams geworden. Mit solchen Aktionen kann man nicht mehr schockieren, im Gegenteil manche "Schocker" werden umgearbeitet und als Element der Vermarktung einer Person oder eines Produkts verwendet (siehe Phänomen Lady Gaga oder M.I.A), denn die schlauen Köpfe der Medienindustrie haben längst eingesehen, dass Körper sich als der bester Bote der Werbung anbietet und sich als Aufmerksamkeitsmagnet ausweist, in provokativer Form natürlich am effektivsten.
Vielleicht ist diese Entwicklung auch der Grund, wieso Künstler wie Marina Abramovic, eigentlich ein Urgestein der Körperkunst, nun auf Slow Art setzen: Kunst bei der es nicht mehr um Körper, sondern um den menschlichen Geist geht, und glücklicherweise hat der Konsumgott noch keinen Weg gefunden, diesen hübsch einzukleiden und auf den Markt zu schubsen.
Marina Abramovic, eine serbische Künstlerin, die sich mit Performances einen Namen gemacht hat, die meist mit Masochismus, Schmerz und grenzwertiger physischer und mentaler Ausdauerkraft verbunden waren. Mal hat sie so lange geschrien, bis ihre Stimme brach, mal so lange auf einem Fleck getänzelt, bis sie ihr Bewusstsein verlor oder sich die Haare so lange gebürstet, bis ihre Kopfhaut blutete. Während ihrer Performances durften die Besucher sie schon mal schlagen und aufschneiden, sie hungern und leiden sehen, sie bei ihrer Selbstkasteiung beobachten. Ihr Leitfaden war: so lange das Blut und der Schweiß spritzt, wird sich immer ein Publikum dafür finden.
Ihre letzte Performance war für sie bisher die härteste, ohne dass ihrem Körper offensichtlich Schmerz zugefügt oder etwas Lebensnotwendiges versagt wurde. Drei Monate lang saß sie in diesem Frühling jeden Tag sieben Stunden lang fast vollkommen bewegungslos auf einem Stuhl im 2. Stock des New Yorker Museum of Modern Art. Ihr gegenüber stand ein weiterer Stuhl auf den sich jeder Besucher des Museums für eine unbegrenzte Zeit setzen konnte, um mit der Künstlerin Blickkontakt zu halten, zu schweigen, sich nicht zu bewegen und nur zu existieren. Diese Stühle, ein wenig passende Beleuchtung und die nötige Portion an Kameras, die alles filmten, war das einzige, was der riesige Ausstellungsraum zu bieten hatte. Man möchte meinen dies sei sehr mager und unspektakulär, wenn man bedenkt, dass gleich nebenan auf einen die aufwendigen Film-, Bild- und Lichtinstallationen von William Kentridge wartet oder auch die mit bunten, leuchtenden und schrillen Bildern, Plastiken und Filmrequisiten vollgestopfte Ausstellung des höchstpopulären Tim Burton.
Jedoch verweilten die meisten Besucher am längsten bei Abramovics Performance, manche saßen sogar Stunden davor und beobachteten die bewegungslose Künstlerin. Viele kamen in den nächsten Tagen oder Wochen wieder. Die Ausstellung trug den Namen "The Artist is Present", es ging also um pure Präsenz, nicht nur die der Künstlerin, sondern auch die der Besucher, denn ohne die hätte das Werk nicht funktioniert.
Etwa zur gleichen Zeit fand im Guggenheim Museum New York die neuste Ausstellung des Berliner Künstlers Tino Sehgal statt. Wenn bei Abramovic noch zusätzlich zur Performance eine Retrospektive ihrer Kunst auf der höchsten Etage des Museums zu finden war, gab es für Seghals Werk keinen einzigen fassbaren Beweis, nicht eine einzige materielle Spur von ihm im ganzen Museum, außer einem Plakat am Eingang, das den Besucher informierte, welche Ausstellungen gerade im Museum zu besichtigen waren, wobei Sehgals Name an erster Stelle erwähnt wurde.
Wenn man ein kleines Kind am Eingang des Museums ignorierte, das fragte, ob es einem die Ausstellung zeigen könnte und sich selbst auf die Suche begab, dann war man erfolglos. Niedergeschlagen und hilfesuchend kehrte man dann zum Ursprung und zum Kind zurück, mit dem letzten Funken Hoffnung, dass man einfach eine dunkle Museumsecke samt der Sehgal Ausstellung übersehen hatte.
Mit der Rückkehr und dem Eingehen auf das Kind wurde man jedoch zum aktiven Teil der eigentlichen Ausstellung, die sich ausschließlich auf die zwischenmenschliche Interaktion bezog. Nun lief man auf der Guggenheim-Spirale nach oben, diesmal aber mit einem abwechselnden und immer älter werdenden Begleiter (insgesamt gab es 4 davon), der oben angelangt verschwand und einen wieder sich selbst überließ.
Während des Voranschreitens wurde man in Gespräche über den Fortschritt und dessen Bedeutung, über Globalisierung oder auch über die Liebe zur U-Bahn verwickelt. Es waren ganz normale Themen, die Charaktere, mit denen man sich unterhielt, waren gewöhnliche Menschen. Da sich diese Konversationen jedoch in einem Stätte eines Museums entwickelten, fing man später an, über das Gesagte intensiver nachzudenken, alles auszuwerten, nach einem tieferen Sinn und Metaphorik zu suchen, bis man etwas finden konnte und im Stande war, etwas für sich selbst oder sogar über sich selbst hineininterpretieren zu können.
Solche Kunst kann anfangs sinnlos erscheinen. Sehgal wird von vielen sagen Scharlatanerie vorgeworfen, vor allem weil er seine Werke auch zu hohen Preisen verkauft. Wenn man einen "Sehgal" kaufen will, kauft man eine Idee, ohne diese auch nur schriftlich zu erhalten. Einen Vertrag gibt es auch nicht, man muss nur gut bei dessen Abschluss zuhören können. Irgendwie erinnert solch ein Kauf an ein gaunerisches Märchenkonzept, doch interessant ist , dass man wenn man sich später den Museumsbesuch in Erinnerung ruft, eher an diese einfachen Unterhaltungen denkt, als an den wunderschönen einsamen "Picasso" der in einem der anderen Ausstellungsräume platziert war.
Wie man zu solchen Werken steht, ist jedem selbst überlassen und es ist nur natürlich, dass die Meinungen darüber in beide Extreme entgleisen. Bedenken müsste man aber den Aspekt, dass Kunst nicht gleich "Feuerwerk fürs Auge" bedeutet, sondern man kann alles als diese anerkennen, was die Kraft hat, einen zum Nachdenken zu bewegen.
Solche Ausstellungen stehen im Zeichen der Simplizität, theoretisch gesehen erlebt man da nichts, was man nicht auch im Alltag haben könnte. Doch das hat man irgendwie nicht mehr, man rennt von einem Ziel zum nächsten, jagt jeder Schlagzeile und den passenden Trends hinterher, um dabei sich selbst zu vergessen und in der gehetzten Masse unterzugehen.
Beide Ausstellungen dieser "Kunst der Krise" fanden in New York statt, dem Symbol für das moderne Leben schlechthin, wo man sich nicht einmal 10 Minuten für einen Kaffee "to stay" nehmen kann. Viele Museumsbesucher fanden da eine Pause von ihrem Leben, eine Art von Meditation oder auch gerechtfertigtes "Nichtstun", denn als eingefleischter Workaholic konnte man sich immer noch einreden, dass man nicht etwa 3 Stunden einen Menschen bloß angestarrt hat, sondern dass dies eine künstlerisch wertvolle Aktion war zur eigenen kulturellen Weiterbildung.
Es ist auch irgendwie traurig, dass für so viele Menschen der Museumsbesuch eine rare Gelegenheit zum Zeitnehmen für die eigene Besinnung, Stille und für die Wahrnehmung der Mitmenschen darstellt. Das menschliche Verlangen nach der Idylle des Nichts, einer immunen Leichtigkeit der momentanen Leere ist wohl nicht erloschen, nur irgendwie in Vergessenheit geraten. Diese "Marktlücke" ist sehr lukrativ für denjenigen, der sie gefunden hat und diesmal war es die Kunst.