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Shnur: Der Mann, der nicht nur singen kann

Vom Lastwagenfahrer zum Millionär

Ioulia Isserlis
Avrora

11 Jahre lang existierte in Russland die Gruppe Leningrad. Konzipiert als eine Underground-Band, ragt ihr Bekanntheitsstatus und ihre Popularität heute wohl bis zur Spitze des Moskauer Fernsehrturms und noch weiter hinaus. Mit ihrer Musik sind Generationen Russisch sprechender Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt aufgewachsen. Menschen, die etwas Radikaleres, Realitätsnahres brauchten als den „Ich-wünsch-dich-so-sehr-zurück" Schlager-Pop, der in Russland wie auf einem Laufband produziert wird.

Doch assoziiert man Leningrad nicht wirklich mit einer Truppe Musiker (eigentlich 15 an der Zahl), die gemeinsam Musik machen, sondern mit nur einem Mann: dem Frontmann Sergei „Shnur" Shnurov. Dieses fatale Muster einer Band ist nicht selten zu beobachten und in jedem Musikgenre aus jedem beliebigen Land aufzufinden. Wer, außer natürlich den eingefleischten, fanatischen Fans, kann sich denn noch an die Namen, geschweige denn die Gesichter der Kollegen von Jim Morrison oder Iggy Pop erinnern? Natürlich sind Fälle der Emanzipation verkannter Talente in der Musikgeschichte aufgetreten, wenn auch eher selten. Ein gelungenes Beispiel wäre da der Fall aus Dave Grohl: von einem langhaarigen, schlaksigen Schlagzeuger hinter Kurt Cobain wurde der zum charismatischen Leader der Foo Fighters.

Bei Leningrad kann jedoch, wie man es auch dreht, von keiner „Emanzipation" die Rede sein. Schon der Titel der vor kurzem hier in Deutschland erschienen Dokumentation des Regisseurs Peter Rippl über die Band lautet: „Leningrad - Der Mann, der singt". Shnurov war die Band, ihre Triebkaft, Seele und der Erschaffer und zugleich Träger ihres Images. Er schrieb die Texte, sang oder brüllte sie raus und sorgte dank seiner oftmals provokativen und betrunkenen Erscheinung für nahrhafte Skandale und erwähnenswerte Auftritte. Er wurde zum unbewussten Helden und bewunderten Anti-Helden der Bevölkerung.

Was hat dieser Mann an sich, dass er so viele Menschen, nicht nur Russisch-Sprechende so lange faszinieren konnte und es höchstwahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin tun wird?

Geboren am 13. April 1973 in eine Arbeiterfamilie in Leningrad (heute Sankt Petersburg), kann er nicht gerade mit einer wohlbehüteten Kindheit und Jugend glänzen. Nach dem erfolglosen Versuch eines Bauingenieurwesen Studiums wechselte Shnurov zur Religion und Philosophie. War Restaurateur und Kunstfälscher, Kindergärtner und Lastwagenfahrer, Schmied sowie Werbedirektor für einen Radiosender. Er ist ein vielseitiger Mann, nicht privilegiert und auch nicht anpassungsfreudig, ein Sprecher des mit den harten Lebensverhältnissen unzufriedenen und müden Volkes. Ein Mann, der das macht, was er gerade will, ohne auf Erwartungen, Meinungen oder Kritik zu achten. Shnur sieht aus, als würde er dich gleich nach ein paar Rubel fragen für die Metro oder etwas Herzer wärmendes zu trinken, doch diese Oberfläche täuscht und wurde nun zu seinem Markenzeichen. Er ist das schon im russischen Musikbusiness etablierte Gesicht, welches im starken Kontrast zu den anderen plastischen, halbnackten und überschminkten Charakteren des Geschäfts steht.

Der rebellierende „Proletarier" ist zur festen Konstante des Geschäfts geworden. Pro Konzert bei einem neureichen Fan verdient er schon mal über 100.000 US Dollar, dreht TV Shows, spielt in populären Filmen mit und eröffnete vor kurzem seine erste Kunstausstellung in Moskau. Also könnte man sich nun fragen, ob auch er nun zu einem Zirkusäffchen der russischen Unterhaltungsindustrie mutiert ist. Ist er sich selbst treu geblieben oder in seiner Rolle als enfant terrible verloren gegangen?

Diese Fragen könnte man sich stellen. Doch ist die wahre Antwort darauf wirklich unwichtig, denn solange sich jemand erlauben kann in einem kommerziellen Kinoerfolg ein Liedchen über politische Wahlen zu trällern mit dem Text „Выборы! Выборы! Кандидаты - пидоры!" („Wahlen, Wahlen, die Kandidaten sind W*****"), hinterfragt man nicht die Ehrlichkeit seiner Gründe, sondern genießt diesen Ausflug in die Meinungsfreiheit.

Shnurov hat keine Gnade alles was ihm nicht passt oder sogar was er selbst macht, in Kritik zu zerreißen. Seine Aussagen muss man filtrieren. In vielen steckt sehr viel Wahrheit, formuliert auf eine direkte Art und Weise und meistens „verschönigt" durch das Benutzen der dazu passenden Kraftausdrücke. Manche Aussagen jedoch klingen einfach nur absurd.

Seiner Auffassung nach macht er keine Musik, sondern nur eine Performance mit dem Einsatz von Musikinstrumenten. Er meint, dass es nach Nirvana keine ernstzunehmenden Musiker mehr gab und in Russland schon gar nicht, da fehlt es an Individualität und der nötigen Überdosis. Obwohl Shnurov, wie schon erwähnt in zahlreichen Filmen mitgewirkt hat, sagt er dass der russische Film nicht existiert, nur der Russisch-sprachige. Es handelt sich dabei um eine Art Antwort auf Hollywood, ohne dass Hollywood jemals eine Frage gestellt hat. Er kritisiert, dass Auftritte seiner Band verboten waren, er kritisiert Verbote allgemein und meint dass es sich dabei nur um eine feige Flucht vor dem eigentlichen Problem handelt, ohne dieses dabei lösen zu können oder zu wollen. Verboten werden sollte seiner Meinung nach nur die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare und der Drogenkonsum für ungebildete Menschen…

Seine Lieder handeln, wie er es selber beschreibt, hauptsächlich von „Wodka und Weibern". Während seiner Musikerlaufbahn wechselte er seinen Stil und Einflüsse so oft, wie Deutschland den „Superstar". Von Punk über Hip Hop bis zu lateinamerikanischen Klängen war schon alles vertreten. Die Texte, die über diese breite Palette von Instrumentals draufgesungen, gesprochen, gebrüllt, geschrien oder draufgeschwiegen werden, sind wie die Stimme des Sängers markant und anders: Das im Vergleich magere Assortiment der deutschen Vulgärsprache macht es leider nicht möglich, die Intensivität der Kraftausdrücke in den Liedern nur im Entferntesten darzustellen. Es verfolgt eine oft das Gefühl es eher mit einem Hörbuch der мат- Enzyklopädie (Begriff für die russische Vulgärsprache) zu tun zu haben, als mit einem Musikstück. Dieser Eigenschaft verdankt Leningrad aber auch zum Teil seinen Erfolg, denn die Sprache, die eigentlich von jedem mal mehr oder weniger im Alltag benutzt wird, wurde zum ersten Mal so offen als Teil der Musikkunst dargestellt, so dass die eigentlich am meisten geliebten Wörter nun auch melodisch unterlegt waren.

Seine Kritiker, zu denen auch der Moskauer Bürgermeister Lushkow gehört, von dem Leningrad einen Auftrittsverbot in der Hauptstadt kassierte, meinen er treibe seine Hörer zur Kriminalität, würde starken Alkoholkonsum verherrlichen, Frauen diskriminieren und den Lebensstil des „Nichtstuns" propagandieren. Seine Befürworter und Fans kontern gleich darauf, dass man in Shnurovs Texten einen hohen satirischen Wert findet und in ihnen eine sarkastische Kritik am durchschnittlichen, russischen Mann und der Gesellschaft versteckt ist. Den Meisten ist es jedoch egal, sie hören diese impulsive, mal einfach nur laute, mal melancholische Musik und das gefällt.

Wahrscheinlich haben sowohl seine Kritiker, als auch seine Befürworter recht, denn diese Musik ist so vielfältig und wechselhaft, wie deren Macher selbst. Es gibt keine berschönigungen und auch ist das Bild der in seinen Liedern aufgezeigten Welt eher pessimistisch, sinn bis hoffnungslos. Trotz allem verbreiten seine Lieder fast immer eine gute und trinkfreudige Laune und wurden auch hierzulande durch den auf Deutsch schreibenden, russischen Schriftsteller und passionierten Partyveranstalter Wladimir Kaminer und seine „Russendisko" bekannt.

Bei Shnur gilt die klischeehafte Aussage: Entweder liebt man ihn oder man hasst ihn. Man könnte sagen, dass er selbst die Kontroverse um seine Person genießt und nicht aufhören kann weiteren Zündstoff für Diskussionen zu liefern. Das Label „Shnur" lässt gut verkaufen, das hat er erkannt. Auch erkennt er die wunden Punkte der Gesellschaft und spricht ungesagte Wahrheiten aus.

Nachdem Shnurov 2008 die Auflösung von Leningrad verkündete, gab es keinen Grund zur großen Trauer. Denn einerseits wird Leningrad immer lebendig bleiben, so lange die Anlage noch funktioniert und der Zugang zu youtube nicht gesperrt ist. Und andererseits hat Shnur es schon geschafft ein neues Projekt zu starten: Die Band „Rubl". Diese spielt „Fitness-Rock", seine Definition für ältere Rockmusiker, die immer noch spielen, um in Form zu bleiben. Das erste Konzert von „Rubl", das in der „Stadt des Verbotes" Moskau stattfand, war beleidigend, laut und im Zeichen des Alkohols. Anders hätte man es nicht erwartet und nicht gewollt. Russland braucht den „Anti-Glamour", auch in Zeiten der neureichen „Rubljovka" und Shnur ist dabei ein sicherer Bereicherungsfaktor. Denn solange er noch das Mikro festhalten kann, wird er nicht aufhören das zu tun, worauf er gerade Lust hat und an der Musik, wie auch am Alkohol kann diese nur schwer verloren gehen.

Er selbst sagt, dass es ihm peinlich wäre mit über 40 noch auf der Bühne zu stehen, aber wie gesagt, jede seiner Aussagen kann ins Absurde überlaufen.



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