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Sprungmarken: Navigation, Schnellsuche. „Jazz ist im Prinzip die einzige Weltmusik!"

Ein Interview mit dem Organisator Philippe Ochem über das 4. französische Jazzfestival Jazzdor Strasbourg-Berlin

Beate Stender
Jazzdor

Gebannt folgen die Zuhörer dem Geschehen auf der Bühne im Kesselhaus. In einem ekstatischem Spiel schleudert der blutjunge Saxophonist Yoann Durant Klangfetzen in den Raum, begleitet von groovenden Patterns von Schlagzeug, Bass und Vibraphon. Die junge französische Band Rétroviseur ist die letzte von insgesamt drei Bands, die das diesjährig Eröffnungskonzert von Jazzdor Strasbourg-Berlin bestreiten. Und die zeigen, dass aktueller Jazz nach wie vor innovativ und aufregend klingt.

Bereits zum vierten Mal findet das französische Jazzfestival vom 02. - 05. Juni 2010 in Berlin statt. In einem „noch nie dagewesenen deutsch-französischen Projekt in der Musikgeschichte der beiden Länder" präsentiert sich hier die aktuelle französische Jazzszene einem Berliner Publikum. Und das mit Erfolg: neben dem großen Bruder Jazzdor Strasbourg gilt das Berliner Festival mittlerweile als Kleinod unter den Jazzfestivals und als melting-pot für neue, innovative, schräge und ungewohnte Klänge, die am Puls der Zeit klopfen.

Organisator des Festivals ist der französische Musiker Philippe Ochem. Seit 1989 leitet er Jazzdor in Strasbourg, 2007 brachte er das Festival zur Förderung der deutsch-französischen Jazz-Partnerschaft zum ersten Mal nach Berlin in das Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Vis-á-vis mit der Berliner Volksbühne sah er hier den nötigen Zeitgeist vorhanden, der den Nährboden für das Festival geben sollte.

Doch Zeitgeist ändert sich. Und so wurden dieses Jahr die plüschig-roten 20er Jahre-Sessel mit aufgestellten Stuhlreihen ausgetauscht und Jazzdor Strasbourg-Berlin in das industrielle Kesselhaus in die Kulturbrauerei verlegt. Warum auch ein Festival hin und wieder einen Tapetenwechsel braucht, verrät Philippe Ochem in einem Interview auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Ein Gespräch über deutsch-französische Freundschaften, globalisierten Jazz und Berlin als Musikmetropole.

Monsieur Ochem, welche Idee steckt hinter dem Festival?

In Strasbourg arbeiten wir schon seit zwanzig Jahren mit französisch-deutschen Kooperationen zusammen. Vor fünf Jahren bekam ich dann plötzlich einen Anruf von dem "Bureau Export de la musique française" und der Direktor von dem Büro fragte mich: Hey Philippe, was hälst du von einem französisch-deutschem Musikfestival in Berlin? Wir dachten, die Idee ist großartig und – é voila – haben es gemacht! Ich liebe Berlin über alles, außerdem kannten wir hier bereits eine Menge Musiker, und so haben wir dann vor vier Jahren mit dem Berliner Jazzdor-Festival begonnen. Zuerst im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, später dann im Kesselhaus in der Kulturbrauerei.

Warum seid ihr ins Kesselhaus umgezogen?

Oh, weil wir vor ein paar Jahren die Leute vom Kesselhaus kennengelernt haben und die Idee hatten, mal etwas anderes zu machen. Vielleicht auch, um ein anderes Publikum zu finden. Und der Ort ist einfach super, ich mag das Kesselhaus sehr. Aber zurück zur Idee: unser Festival versteht sich vorrangig als Plattform für neuen französischen Jazz. Darüber hinaus versuche ich, jedes Jahr mindestens drei, vier oder fünf französisch-deutsche Bands zu buchen. Das Festival findet jeweils im November in Strasbourg und im Juni in Berlin statt, so dass es für die deutschen und französischen Musiker eine Möglichkeit gibt, sich in beiden Ländern zu präsentieren.

Wenn wir über diese musikalischen Kooperationen sprechen: glaubst du, es gibt heute im Zeitalter globalisierter Musikstile noch so etwas wie einen typisch französischen Jazz und einen typisch deutschen Jazz?

Nein, natürlich nicht! Aber es ist so: die meisten Musiker, die auf unserem Festival spielen, kommen aus Frankreich. Das heißt nicht, dass sie französischen Jazz spielen, sondern dass sie französische Musiker sind, die Jazz spielen. Vielleicht kann man von französischen oder deutschen Akzenten sprechen, die man in der Musik hört. Aber gleichzeitig … ja, gleichzeitig ist es trotzdem Musik, die man überall auf der Welt hören könnte.

Ist das Festival ein Versuch, diese verschiedenen Akzente miteinander zu vernetzen?

Das Festival versteht sich vor allen Dingen als eine Plattform, deutsche und französische Musiker einem professionellen Publikum zu präsentieren. Das ist zumindest ein Teil der Idee. Deswegen laden wir immer auch jede Menge französischer, deutscher und internationaler Promoter und Journalisten ein, sich das anzuhören. Aber darüber hinaus wollen wir natürlich auch, dass sich hier grundsätzlich verschiedene Leute treffen, also Künstler und Hörer aus ganz verschiedenen Bereichen. Und Berlin bietet dafür den perfekten Nährboden. Ich kenne soviele Musiker, die heutzutage hierhin ziehen. Zum Beispiel sind gerade Freunde von mir aus England in die Stadt gezogen, einfach weil es so billig ist, hier zu leben, viel besser als in London. Berlin ist ein fantastischer Ort zum Musik machen. Ich könnte mir vorstellen, dass hier viel mehr Projekte möglich sind als heutzutage in irgendeiner anderen Stadt. Und das ist natürlich auch eine gute Voraussetzung für uns, hier ein Festival zu veranstalten, das bestrebt ist, deutschen und französischen Musiker eine Plattform zu geben.

Aber wir leben doch in einer mittlerweile nahezu vollständig vernetzten Welt. Brauchen da deutsch-französische Musiker überhaupt noch ein offizielles Kooperationsprojekt? Hat etwa Myspace im Jazz versagt?

Was ich weiß, ist, dass wir in Frankreich nicht die Möglichkeit haben, so viele deutsche Jazzmusiker live in Frankreich zu hören. Aus diesem Grund lade ich ja auch immer soviele professionelle französische Promoter in Berlin und Strasbourg ein. Aber gleichzeitig ist es auch für französische Musiker nicht leicht, in Deutschland Fuß zu fassen. Da scheint es noch eine Grenze in den Köpfen der Leute zu geben – irgendwie zumindest! lacht Also, das ist zumindest mein Gefühl. Naja, und da bin ich in einer einzigartigen Situation: denn ich arbeite mit deutschen Musikern jetzt schon seit über 30 Jahren zusammen. Ich habe in Deutschland mit deutschen Bands gespielt. Und zusammen mit Anderen organisieren wir seit Jahren eine Menge Konzerte in Deutschland mit deutsch-französischen Kooperationen. Und tatsächlich gehen aus dem Jazzdor Strasbourg-Berlin immer wieder Kooperationen hervor.

Siehst du einen Unterschied zwischen Jazzdor Strasbourg und Jazzdor Berlin?

Ja klar, es gibt einen großen Unterschied: das Festival in Strasbourg ist ein richtig großes Event. Es dauert zwei Wochen und über vierzig Bands spielen in mehreren Städten in und um Strasbourg herum. Also, das ist wirklich anders als in Berlin, hier sind wir ja nur für ein paar Tage …

immerhin 4 Tage!

Ja, das ist auch schon was! Aber die Atmosphäre ist natürlich eine andere.

Es heißt, dein Festival besticht durch eine außergewöhnlich hohe musikalische Qualität …

Lacht Na das hoffe ich!

und durch eine entspannte Atmosphäre. Wie organisiert man denn eine entspannte Stimmung?

Hmm. Ehrlich gesagt: bevor das Festival offiziell losgeht, ist nichts entspannt! Ein Festival zu organisieren ist Stress pur, und dazu kam, dass wir dieses Jahr unter einem enormen Zeitdruck standen, weil Arte Live Web und DeutschlandradioKultur das Festival live in ihrem Programm ausgestrahlt haben. Das heißt, wir konnten uns bei dem Eröffnungskonzert keine einzige Sekunde Verzögerung erlauben! Das war wahnsinnig stressig! Aber nachdem wir dann gestartet waren, wurde alles cool. Ich kenne meine Musiker seit Jahren, mit den meisten bin ich sogar befreundet. Wir sind quasi sowas wie eine kleine Familie. Und wenn dann endlich alle technischen Probleme gelöst sind, man glaubt ja gar nicht, wie umfangreich die technische Organisation tatsächlich ist, dann wird es entspannter. Dann wird alles cool.

Nach welchen musikalischen Kriterien stellst du dein Programm zusammen?

Puh! Ich versuche, offen für alle mögliche Musik zu sein. Für mich ist die entscheidende Frage: wie ist es möglich, im Jahr 2010 Jazz live zu spielen, der in sich all das subsumiert, was wir über die Musik des 20. Jahrhunderts wissen? Deswegen suche ich auch nicht nur reine Jazzprojekte aus, sondern halte Ausschau nach etwas Neuem, etwas Einzigartigem. Also nach Musik, die wirklich offen ist gegenüber der Musik von heute.

Also offen im Sinne von einer großen Bandbreite an verschiedenen Sounds? So wie bei der Sängerin Mina Agossi, die dieses Jahr auftritt und die als „Björk des Jazz" bekannt geworden ist?

Schwer zu sagen, was das heißt. Wenn du z.B. das Quartett von Vincent Courtois und ihrem Song „What do you mean by silence" mit Mina Agossi vergleichst, dann liegen stilistisch wirklich Welten zwischen den beiden. Das hängt dann aber wiederum davon ab, wie man über Musik denkt. Für mich ist das kein Problem, dass die beiden Musiker so verschieden sind. Mina hat für eine Jazz-Sängerin eine sehr eigene und sehr spezielle Art zu singen entwickelt, die sie sich zusammen mit ihrer Band in offenen Formen erarbeitet hat. Deswegen ist sie auch keine straighte Sängerin jetzt im klassischen Sinn. Sie macht absolut ihr eigenes Ding, was ich sehr interessant finde. Und daneben gibt es dieses Jahr noch ein Projekt von David Chevallier, die „Gesualdo Variations". Das ist unglaublich! Im Mittelpunkt stehen die Kompositionen von Gesualdo, einem barocken Komponisten, die David Chevallier als Basis für seine Arrangements nimmt. Seine Band besteht aus ein paar Jazzplayern, einem barocken Chor und einigen Improvisatoren, die zusammen barocke Musik mit Jazz-Improvisation miteinander verbinden. Und wenn man das dann hört, ist es der absolute Wahnsinn: es klappt!

B. Du bist selber auch Musiker. Warum ausgerechnet Jazz?

Ich hatte keine Wahl! lacht Im Ernst: ich habe das nie hinterfragt. Ich habe angefangen, klassisches Klavier zu spielen und bin dann irgendwann zum Jazz über gewandert, weil ich ein paar Leute getroffen habe, die Jazz gespielt haben. Dann habe ich noch ein paar Jazzplatten in die Finger bekommen und das war´s dann: ich habe es einfach gemocht! Ich wusste: das ist es, das ist mein Leben! Aber ich höre natürlich auch andere Musik, klassische Musik und zeitgenössische Sachen. Aber Jazz ist für mich im Prinzip die einzige Weltmusik!

Weil sich die Leute über das Improvisieren miteinander vernetzen können?

Ja. Jazz-Musiker arbeiten überall auf der ganzen Welt zusammen und treffen dabei so viele verschiedene Musiker. Aber trotzdem kann man zusammen spielen. Seit den Anfängen von Jazz verbinden sich so traditionelle Einflüsse mit zeitgenössischen im Jazz. Es ist einfach etwas Besonderes!

Letzte Frage: Gibt es Pläne, Jazzdor weiterzuentwickeln? Vielleicht Jazzdor Strasbourg-Berlin-Wien?

Ja, wir denken darüber nach. Wir überlegen, Amsterdam mit ins Boot zu nehmen. Aber das ist eine Frage des Geldes und natürlich eine Frage der Kooperation. Wir werden sehen. Und dazu kommt noch die Frage nach der Planung, momentan haben wir ja schon zwei Festivals und die brauchen bereits ein Jahr Planungszeit. So ein Festival nimmt wirklich viel Zeit in Anspruch. Aber wenn wir die Möglichkeit bekommen, dann wäre es toll, einen Abend eine Band in Berlin spielen zu lassen und am nächsten Abend in Amsterdam. Aber das steht noch in den Sternen.

Jazzdor Strasbourg-Berlin im Internet: http://www.jazzdor-strassburg-berlin.eu



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