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„Wenn ich nach Wurzeln suche, dann in mir. In mir ist Folk, das sind die Wurzeln. Wenn ich außen suche, finde ich Avantgarde. Deswegen nenne ich meine Musik auch Avantgarde-Folk, weil ich den traditionellen Ansatz aus meinem Inneren nach Außen projiziere und den Begriff erweitere."
Der Musiker Arto Tunçboyaciyan benennt in dieser musikalischen Selbstbeschreibung gleich zwei wichtige Komponenten, die den Kern seiner Musik ausmachen: erstens die Besinnung auf die eigenen Wurzeln, die er als musikalisches Material verwendet. Und zweitens der Wunsch nach permanenter Weiterentwicklung dieser Wurzeln. Arto Tunçboyaciyan - ein Folklorist mit dehnbarem Traditionsbewusstsein?
Dass er seine musikalischen Wurzeln in der armenischen Folklore wiederfindet, ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, denn geboren wurde der armenische Musiker 1957 in Istanbul in der Türkei. Aufgewachsen mit der türkischen und der armenischen Kultur war es vor allem seine Familie, die ihn am stärksten in seinem künstlerischen Werdegang und in seiner Hinwendung zur armenischen Folklore beeinflusste: zusammen mit seinem Bruder Onno begann Tunçboyaciyan im Alter von 11 Jahren traditionelle armenische Musik zu spielen und aufzunehmen. Bis heute bezeichnet er seinen Bruder als sein größtes musikalisches Vorbild. Nachdem dieser tragischerweise bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, widmete ihm Arto ein musikalisches Denkmal: das Album Onno wurde 1998 von dem griechischen Label Libra Music/Svota Music herausgebracht.
Zu dem Zeitpunkt war Arto Tunçboyaciyan in Europa und der Türkei bereits als professioneller Studio- und Sessionmusiker etabliert. 1981 hatte ihn ein USA-Aufenthalt Kontakte zu Musikern wie Chat Baker, Joe Zawinul und Don Cherry knüpfen lassen, an deren Seite er im Folgenden als Mitmusiker auftrat. Seine Wurzeln vergaß er hierüber nicht: 1985 nahm er seine beiden ersten Solo-Alben mit armenischer Folklore auf und besonders seine beiden späteren Alben Tears of Dignity (in Kooperation mit dem armenischen Oud-Spieler Ara Dinkjian) und Onno brachten klanglich das auf den Punkt, was Tunçboyaciyan selber als "sound of my life" bezeichnet. Es folgten eine Vielzahl weiterer internationaler Kooperationen mit z.B. ´System of a Dawn´-Sänger Serj Tankian oder dem Saxophonisten Paul Winter. Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner umfangreichen Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Musikern blieb Arto Tunçboyaciyan auf seine Art immer den heimatlichen Klängen verbunden. Dass er dazu auch die türkische Folklore zählt, bewies er mit dem 2005 erschienenen Album Türkce sözlü hafif anadolu müzigi (tr. „türkischsprachige leichte anatolische Musik"), welches er seinen anatolischen Fans widmete.
Einen Bogen zwischen seinen Heimatklängen spannte er schließlich mit seiner 1998 gegründeten ´Armenian Navy Band´, in der er Elemente aus der anatolischen und armenischen Folklore mit aktueller Musik verbindet. "Avantgarde-Folk" eben, der die zum Teil jahrhundertealte Musik aus Armenien im Hier und Jetzt lebendig werden lässt. Dazu verwendet Arto Tunçboyaciyan Töpfe als Percussioninstrument und verbindet das Schlagzeugspiel mit armenisch geprägten Gesangspassagen. Seine Vision einer zeitgenössischen armenische Folklore zielt dabei nicht auf Repräsentationszwecke ab, sondern vielmehr auf den Ausdruck musikalischer Authentizität:
"Music is the sound of my life. I don't pretend to lead anyone. I leave it up to one's imagination. What I try to express is love, respect and the truth."