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Eine Musik, die sich stilistisch nicht zuordnen lässt – wo gibt's denn sowas? In Österreich! Genauer gesagt in Graz, denn von dort aus operiert das ungewöhnliche Improvisationsprojekt `Scurdia´. Ihre Mission: Starre Grenzen zu durchbrechen und gehörig frischen Wind in die verstaubten Stilkataloge zu pusten!
Gegründet wurde das Projekt mit dem Phantasienamen von dem Grazer Konzertpianisten Markus Schirmer sowie dem kurdischen Oud-Spieler Risgar Koshnaw. Bereits in der Kombination ihrer musikalischen Lebensläufe spiegelt sich die Grundidee von ´Scurdia´ wieder: der Österreicher Markus Schirmer studierte Klavier an der Kunstuniversität in Graz und arbeitet heute als international renommierter Konzertpianist mit großen Dirigenten und Musikern zusammen. Risgar Koshnaw studierte zunächst orientalische Theorie und Laute (Oud) am Institut für irakische Melodie-Studien in Bagdad, arbeitete nach seinem Abschluss aber auch als Musikjournalist beim irakischen Rundfunk und sammelte historische Musikinstrumente. Da er sich während des irakisch-iranischen Krieges weigerte, Kriegslieder zu schreiben, musste er das Land 1981 verlassen und ging nach Graz, um dort an der Kunstuniversität Komposition zu studieren. Beide Musiker verbindet ein musikalisch ausgedehnter Horizont, der sich bei ´Scurdia´ in einem interessanten Brückenschlag zwischen klassischer westeuropäischer und traditioneller osteuropäischer Musik niederschlägt, der viel Raum für Neues lässt.
Gefüllt wird dieser Raum von den unterschiedlichen Stilen der anderen Musiker. Derzeit neun internationale Künstler erweitern das Improvisationsspiel u.a. mit venezolanischer Percussion, taiwanischer Pipa, amerikanischer Tuba und iranischer Rahmentrommel. Auf höchstem Niveau stricken die ´Scurdianer´ so an einem musikalischen Flickenteppich, der sich irgendwo „zwischen Orient und Okzident" bewegt. Wie das klingt? Na, wie Musik eben, findet zumindest Markus Schirmer. In einem Telefon-Interview gibt der Pianist Auskunft über sein ungewöhnliches Projekt und die Schwierigkeit, wie musikalische Völkerverständigung funktioniert, ohne dabei in einem musikalischen Kuddelmuddel zu landen.
Herr Schirmer, wie kommt man eigentlich dazu, so viele verschiedene Musikstile gleichzeitig spielen zu wollen?
Dazu muss man ein bischen ausholen. Das Projekt ist entstanden, nachdem mich ein sehr guter Freund - der kurdische Musiker Risgar Koshnaw, mit dem ich zusammen an der Grazer Musikuniversität studiert habe - eines Tages dazu eingeladen hat, bei seinem damaligen Projekt „Risgar & Band" mitzuspielen.Ich kam ja aus der Klassik, also habe zwar immer schon auch ein bischen Jazz improvisiert, aber ich hatte mit kurdischer Musik überhaupt nichts am Hut. Ich habe dann einfach mit improvisiert und es wurde auch gleich eine CD mitgeschnitten. Ich hab mich noch gefragt: Ob das gut gehen kann? Es ist gut gegangen, so dass wir uns gefragt haben: also wenn es mit kurdischen Musikern so gut funktioniert … Graz ist ein ziemlicher Schmelztiegel mit vielen Leuten aus Südosteuropa, die hier Jazz oder Gesang studieren, wir haben hier z.B. Leute aus Lateinamerika, aus Griechenland usw. Warum dann nicht mal in unserem Freundeskreis schauen, ob es dort Leute gibt, die ein traditionelles Instrument spielen und von ihren Roots kommend darüber improvisieren können? Wir sind dann los und haben diese Freunde aus verschiedenen Ländern dazu eingeladen, mit uns Musik zu machen. Und daraus ist schließlich das Projekt ´Scurdia´ entstanden. Im Prinzip läuft es bei uns so, das irgendjemand eine musikalische Idee vorgibt oder vorschlägt. Die anderen Musiker, die mit diesem Kulturkreis bislang noch überhaupt nicht in Berührung gekommen sind, versuchen dann entsprechend ihren Möglichkeiten, also aus ihrem Background heraus und mit ihren Fertigkeiten, etwas dazu zu spielen und so ihre Ideen miteinzubringen. Das kann ein lateinamerikanischer Percussionist sein oder ein ukrainischer Gitarrist.
Wie sieht das dann aus, wenn alle zusammen spielen? Wie verständigt man sich untereinander? Gibt es musikalische Regeln?
Es gibt diese eine Idee, die jemand mitbringt, und diese einfach frei vorspielt. Die anderen versuchen dann, etwas dazu zu spielen. Wenn es aufwändiger wird, also wenn z.B. bis zu zehn oder zwölf Leute mitspielen, dann muss man das Ganze so geringfügig wie möglich arrangieren. Dann muss man die Instrumente gut setzen und gucken, dass nicht alles wie ein Kuddelmuddel klingt und alle auseinander spielen, sondern wie gesagt schauen, dass alles sehr gut und stimmig ist. Aber im Großen und Ganzen bringt immer jemand eine Idee, aus der dann irgendetwas entsteht. Und wenn die Leute sehr flexibel sind … also die sind ja alle klassisch ausgebildet, aber eben auch in Jazz und Improvisation sehr versiert, dadurch sind sie eben auch sehr flexibel und können – wie es so schön auf österreichisch heißt – zuwispielen, das heißt "zu jemandem hinspielen", also jemandem einen Ball oder eine musikalische Idee zuwerfen. Das macht im Prinzip das Wesen von ´Scurdia´ aus.
Improvisiert ihr auch während der Konzerte?
Ja natürlich! Es gibt sehr viele völlig freie Teile und es gibt auch andere, z.B. das „Astor a la Turque", das ist dann arrangiert. Da hab ich nur die Ideen gehabt, für ein paar Takte immer die klassischen Zitate von Haydn, Beethoven, Bach, etc. zu spielen. Aber im Großen und Ganzen ist das ausarrangiert bis auf das Saxophon-Solo, das ist dann wieder komplett frei, so dass man dann einfach wieder weiß, auf Kopfzeichen, auf Nicken setzt man dann wieder ein. Aber es ist sehr flexibel, sehr frei. Und die Leute kennen sich natürlich auch sehr gut, und die spüren dann auch ungefähr, was der andere machen wird und wann sein Solo fertig ist. Das ist im Prinzip wie beim Jazz.
Gibt es auch Stile, die bei ´Scurdia´ nicht auftauchen könnten?
Wüsste ich jetzt eigentlich nicht. Wir bereiten gerade eine Tour für das nächste Jahr vor, für die wir ganz neue Musiker in das Projekt integrieren werden, da es sehr offen ist. Es gibt in Deutschland ein lustiges Projekt, das sich ´Jazzkantine´ nennt, welches zwar mit Hip Hop in eine ganz andere Richtung geht, aber es ist eben auch ein offenes Projekt mit einem festen Kern an Musikern, zu denen immer wieder neue Leute dazu einstoßen und sich da irgendwie mit einbringen. Und bei uns ist das ähnlich. Wir werden nächstes Jahr wahrscheinlich einen Jazz-Trompeter dabei haben, wir haben eine Sängerin, die steirische Mundart singt und einen nordirakischen Musiker. Da wird es sicherlich wieder komplett neue Ideen geben. Ich bin grundsätzlich sehr offen. Und wenn etwas nicht funktioniert oder musikalisch nicht aufgeht, dann spürt man das eigentlich sofort und dann lässt man das auch sein. Also ich bin da sehr sensitiv und wir – meine Mitmusiker und ich – entscheiden dann gemeinsam. Naja zugegeben: Risgar und ich haben schließlich das letzte Wort. Aber im Großen und Ganzen bin ich sehr offen und neugierig für neue Einflüsse. Wir stellen uns da überhaupt nicht gegen.
Stimmt es, dass bei ´Scurdia´ auch manchmal musikalisch gegeneinander gekämpft wird à la „meine Musik hat mehr Gewicht als deine"?
Ja, aber das hört man nicht auf der CD, sondern nur im Live-Konzert. Das ist im Prinzip so eine Art kabarettistische Einlage von Risgar und mir. Wir beide verstehen uns sehr gut und Risgar hat einen unglaublich trockenen Humor, den ich mit ihm teile.Und da sind wir auf den Gedanken gekommen, verschiedene musikalische Zitate so wettbewerbsmäßig miteinander zu verbinden. Als ich einmal etwas Klassisches gespielt habe, kam er an und meinte: „Also, das klingt ja wie dieses oder jenes Volkslied bei uns in Kurdistan!" Und als er das dann angestimmt hat, hatte das tatsächlich eine entfernte Ähnlichkeit! Wir fanden das so witzig, das wir das weiter ausgearbeitet haben und im Prinzip wie einen Sketch auf die Bühne gebracht haben. Das Publikum zerkugelt sich jedesmal, weil das einfach so witzig ist, wenn man z.B. „Für Elise" spielt und er sagt dann „Nix da! Das ist doch eigentlich ein kurdisches Volkslied!" Und er spielt das dann auch und es ist wirklich jedesmal verblüffend, weil er das auch wirklich sehr lustig macht. Und gleichzeitig bringt er dann auch ein kurdisches Lied, und ich sag dann „Nix da! Das ist doch eigentlich von dem und dem. Du kannst doch nicht behaupten, dass das von dir ist!" Und so spielen wir uns die Bälle hin und her.
Daraus leitet sich meine Schlussfrage ab: glauben Sie, dass es im Kern nur eine Musik gibt, die sich aber in verschiedene Stile aufsplittet?
Eine schwierige Frage. Nein, ich glaube nicht, dass es ´die eine´ Musik gibt. Aber ich glaube, es gibt die Lust am Musizieren selbst. Und die ist bei uns allen vorhanden. Und man sieht, wie etwas zusammenwachsen kann. Das Besondere bei ´Scurdia´ ist, dass es eben keine Berührungsängste gibt. Normalerweise entstehen ja schnell diese Kategorien, indem man so etwas sagt wie: ´Jazzmusiker können nur Jazz spielen´ oder ´Klassiker sind so steif´ oder ´Volksmusiker machen wieder etwas ganz anderes´. Charakteristisch für uns hingegen sind zwei Dinge: Einmal, dass das, was wir machen, musikalisch total aufgeht und das es einen riesigen Spaß macht. Dass es nicht aufgesetzt ist, sondern die Leute wirklich totale Freude an dem haben, was sie machen und wie sie sich da einbringen können. Und genauso kommt es auch rüber im Live-Konzert: Das Publikum geht beglückt nach Hause, weil es was ganz Neues in dieser Form gehört hat, welches gleichzeitig auf einem sehr hohen Qualitätslevel ist. Und das andere, was mir persönlich auch sehr wichtig ist, lautet: keine Berührungsängste mit Menschen aus anderen Nationen zu haben! Also ´Scurdia´ ist im besten Sinne wirklich ein völkerverbindendes Projekt. Und gerade in unserer Zeit, in der sehr oft auch von politischer Seite und politischen Fraktionen immer wieder Feindseligkeiten bis hin zu Hass geschürt werden, ist unser Projekt enorm wichtig! Weil bei uns viele Nationen auf der Bühne stehen, die gut miteinander können. Und wir einfach über die Musik und natürlich auch so miteinander befreundet sind. Aber wenn wir musikalisch zusammenwachsen: das ist eine universelle Sprache! Und ganz egal, ob diese universelle Sprache verschiedene Arme und Ausbreitungen hat in verschiedene Richtungen: ja, es gibt eine universelle Musik, das ist vielleicht die Antwort auf diese Frage! Und es gibt verschiedene Arme, wohin sich diese Musik ausstreckt. Aber dass Musik die Herzen der Menschen berühren kann, das ist das Wichtigste! Das ist unsere Aufgabe bei ´Scurdia´ und die eines jeden Musikers.