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Wer den diesjährigen Eurovision Song Contest in Oslo verfolgt hat, der hat ihn vielleicht gesehen: den weißhaarigen Dudukspieler, der die armenische Sängerin Eva Rivas bei ihrer Bühnen-Performance unterstützt hat. Aber nur die wenigsten werden gewusst haben, dass dieser große, ruhige Spieler weltweit eine musikalische Legende ist: Jivan Gasparyan.
Der heute 82-jährige Instrumentalist und Komponist wurde 1928 in der armenischen Stadt Solag geboren. Aufgewachsen in einem Waisenhaus lernte Jivan Gasparyan schon früh die Schattenseiten des Lebens kennen, aber auch die Möglichkeiten, diesen zu entfliehen. Bereits im zarten Alter von sechs Jahren hielt er einen Duduk – ein armenisches Blasinstrument, welches einer Oboe ähnlich ist – in den Händen, worauf er der Legende nach sofort intuitiv zu spielen begann. Nachdem der bekannte Musiker Margar Margaryan ihm ein eigenes Instrument schenkte, erarbeitete er sich das Spiel dieses Blasinstrumentes autodidaktisch, indem er den großen Musikern lauschte und deren Lieder nach Gehör nachspielte. Noten lesen konnte er nicht.
Das Duduk-Spiel hat in Armenien eine über 3.000 Jahre alte Tradition. Auch als „Armenische Flöte" bekannt, gehört der Duduk aufgrund seines langen, doppelschilfblättrigen Mundstücks zu der Familie der Kurzoboen, die vom Balkan bis nach Ostasien weit verbreitet sind. Hergestellt wird ein Duduk aus dem Holz des Aprikosenbaums, was ihm den Beinamen „soul of the apricot tree" beschert hat. Mit einem tiefen und samtigen Klang erzählen die Duduk-Spieler in ihrer Musik von ihrem Land und ihrem Schicksal, wobei es falsch wäre zu behaupten, dass die langsamen Töne nur die tragische Geschichte Armeniens reflektieren, wie beispielsweise den Genozid an den Armeniern, der 1915/16 von den Türken verübt wurde. Wie in jeder anderen Folklore auch, geht es im Duduk-Spiel vor allem um das Leben der Armenier und dessen guten und schlechten Momenten, der jahrtausendealten Geschichte des Landes, den Bergen und den Seen, dem kulturellen und sozialen Leben sowie ihren Hochzeiten und Beerdigungen.
Jivan Gasparyan beherrscht den Duduk wie kaum ein Anderer, was ein Grund für seine beispiellose Karriere ist. 1947 gibt er zusammen mit dem ´national amateur ensemble´ sein einziges Konzert im Moskauer Kreml. Unter den Zuhörern befindet sich auch Stalin, der von seinem Spiel derart beeindruckt war, dass er ihm nach dem Konzert als Zeichen seiner Bewunderung eine russische "Pobeda"-Uhr zum Geschenk machte. Dieses Treffen geht in die Geschichte der armenischen Folklore ein und öffnet Gasparyan sämtliche Tore für seine musikalische Zukunft.
1949 tritt Jivan Gasparyan dem Ensemble von Tatul Altunyan bei, deren Programm er sich binnen zwei Tagen erarbeitet. 1956 erhält er den 1. Preis in einem Duduk-Wettbewerb, dem zahlreiche weitere Auszeichnungen folgen. Noten lesen kann er da immer noch nicht. 1988 kommt es zu einem Treffen in London mit Brian Eno, woraufhin er sein erstes Album "I will not be sad in this world" mit armenischen Volksliedern und -balladen herausbringt. Gewidmet ist das Album den Opfern jenes großen Erdbebens im Dezember 1988, welches den Norden Armeniens verwüstete. Politische Unruhen in Armenien zwingen Gasparyan in den 80er Jahren für eine längere Zeit in die USA. Heimisch wird er dort nicht, aber die internationalen Kontakte verbreiten sein Duduk-Spiel auf der ganzen Welt. In den 1990er Jahren kehrt er schließlich nach Armenien zurück und folgt einem Ruf an die Yerevan State Conservatory, wo er bis heute doziert. Zahlreiche weitere Veröffentlichungen, Kooperationen sowie Kompositionen u.a. für US-Blockbuster wie "The Gladiator" oder "Die Passion Christi" haben seine Musik weltbekannt gemacht.
Jivan Gasparyan gilt heute vielen als die „Seele von Armenien". Seine Fähigkeit, mit dem Duduk wunderschöne, transzendente Melodien zu zeichnen, verbindet er mit einer zarten Expressivität, die voll Trauer und Hoffnung zugleich ist. Woher seine Fähigkeiten rühren, weiß er dabei ganz genau: "You can feel inspiration and power only in your homeland."
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