Es hat wieder gescheppert in der Balkan Beat Box! Im Frühjahr 2010 ist ihr viertes Album Blue Eyed Black Boy erschienen, und dieser blauäugige schwarze Junge hat es in sich: Ein bischen Hip Hop hier, ein bischen Klezmer da, gewürzt mit einem Schuss Reggae – Weltmusik also, schubladet zumindest die einschlägige Presse. Falsch, sagen die musikalischen Köpfe Ori Kaplan und Tamir Muskat, was wir machen, ist authentischer New York Sound. Und werfen damit die berechtigte Frage auf: was ist denn heute ´Weltmusik´?
Populär geworden ist der Begriff in den 1980er Jahren vor allem durch Peter Gabriels Label Real World und das von ihm initiierte WOMAD (World Of Music, Arts and Dance) -Festival. Seine Idee war es, Musiker aus „anderen", nicht-westlichen Kulturen einem westlichen Publikum vorzustellen. Das Festival hatte Erfolg – und der Begriff ´Weltmusik´ fand seinen Einzug in die großen Genre-Etiketten. Doch die Probleme dieser Bezeichnung lassen sich bis heute nicht abschütteln: geboren aus einer eurozentristischen Sicht auf Musik versteckt sich hinter dem Begriff ein unüberschaubares Sammelsurium an Stilen und Genres – Musikstile aus aller Welt eben – als deren einziges Charakteristikum die Vermischung von westlicher Popmusik mit traditionellen, nicht-westlichen Musikformen gilt.
Das Musiker-Kollektiv Balkan Beat Box wurde in New York gegründet. In einer Stadt also, die sich aus so vielen verschiedenen ethnischen Gruppen zusammensetzt wie kaum eine Andere in der Welt: allein im Stadtteil Queens leben mittlerweile über 150 verschiedene Nationen. Ein Potpourri an Klängen von überall her durchwabert hier die Straßen und sorgt für eine heterogene musikalische Bepflasterung, die kein WOMAD-Festival mehr braucht, um wahrgenommen zu werden. Überspitzt könnte man sogar sagen: In New York bestaunt die traditionelle östliche Musik die Westliche und nicht umgekehrt.
Auf diesem Terrain treffen die Gründer der Balkan Beat Box Ori Kaplan (Saxophon) und Schlagzeuger Tamir Muskat aufeinander. Beide haben nicht-amerikanische Wurzeln: Kaplan stammt aus Tel Aviv, Muskat wurde in Rumänien geboren, wächst jedoch ebenfalls in Tel Aviv auf. Unabhängig voneinander hat es beide zu Beginn der1990er Jahre nach New York verschlagen, wo sie neben vielen anderen Projekten Mitte der 90er zusammen in der Band Firewater und Gogol Bordello spielen. Der Sound dieser Bands – ein Mix aus osteuropäischer Folklore und Punk, Folk und Ska – bleibt haften, als sich Kaplan und Muskat 2003 dazu entschließen, eine eigene Band zu gründen, allerdings mit einem anderen Schwerpunkt: die Klezmer- und osteuropäischen Folklore-Klänge kombinieren sie nicht mit schrammeligen Gitarren, sondern einer Beat Box. Ihr Plan: This sound needs a dancefloor!
Und ihr Stil schlägt ein: 2005 wird das Debut-Album Balkan Beat Box bei Shantels ´Essay Recordings´ veröffentlicht. Es folgen das mediterran-angehauchte Nu Med (2007) und schließlich das Remix-Album Nu Made (2008). Alle drei Alben überraschen mit einem wilden und tanzbaren Mix aus griechischen Gitarren, Balkan-Fanfaren und orientalischen Harmonien, die mit treibenden Hip Hop- und Elektrobeats angeschubst werden. Schon bald rutschen Balkan Beat Box in den USA in die Kategorie „Helden des gypsy rock movements". Auch ihr neues Album Blue Eyed Black Boy fährt weiter in dieser Tradition, wirkt aber insgesamt ein bischen weniger knallig: Statt abgehackter Sprechgesänge wie in "Meboli" auf dem ersten Album chantet MC Tomer Yosef in der Reggae-Nummer "Dancing with the moon" oder dem text-kritischen "War again". Wie gewohnt gibt es aber wieder jede Menge Sounds von überall her: Bläser aus Pakistan, tablasgesteuerte Beats aus Indien und Gypsy-Melodien aus Bulgarien. Mit der Weltmusik-Vorstellung aus den 80ern hat das nicht mehr viel zu tun, wohl aber mit jener Art kultureller Heterogenität, wie sie in New York zu finden ist und wie sie Balkan Beat Box bereits in ihrem Song "Digital Monkey" besungen haben: "I come from the Middle East / But belong to no country".
Quellen:Wikipedia Weltmusik
Wikipedia Balkan Beat Box
www.balkanbeatbox.de
http://www.spex.de/2007/04/13/Balkan-Beat-Box/