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Ein Interview mit der australischen Singer-Songwriterin Kat Frankie

„You carry your secrets like a pocket knife that might just bring a man down."

Anne Ackermann und Janet Lejcek
Slideshow
Kat Frankie
Kat Frankie

Kurz vor Veröffentlichung ihres ersten Albums trafen wir die australische Singer-Songwriterin Kat Frankie zum Interview im Salon Schmück in Kreuzberg.

Das war 2007 und „Pocketknife" sollte wenig später, Anfang 2008 in Deutschland erscheinen. Es wurde und ist ein Album - und wäre das hier ein reines Musikmagazin, müsste man es genauso schreiben – voller Stimmgewalt, ausgefüllter Töne von kraftvoll bis leise & sanft. Pocketknife ist gespickt mit einem breit gefächerten Sample an Songwriterkunst, die nicht in der persönlichen Emotionalität verharrt, sondern über den zwischenmenschlichen Beziehungsrand hinausblickt. Mitreißender kann nur eins ihrer Live-Konzert sein, mit oder ohne Band.

Nun schreiben wir das Jahr 2010, im September erscheint bereits ihr zweites Album und die Albumtour hat schon längst begonnen. Wohl Grund genug, dieses Interview aus der Mottenkiste zu holen und des allgegenwärtigen „Work in progress" zum Trotz ein kleines Porträt einer Musikerin zu zeichnen, anno 2007.


Die klassische erste Frage: Warum bist du nach Berlin gekommen?
Kat: Ok, die klassische erste Antwort ist: Ich wollte reisen. Ich war noch nicht oft weit von Zuhause (Australien) verreist und ich wollte nach Europa kommen und dort leben. Berlin liegt ja in der Mitte von Europa und hat eine wirklich großartige Lage. (…)

Und ich hatte gehört, dass es eine gute Szene in Berlin gebe und man billig dort wohnen könne. Deswegen kam ich hierher. Es ist eine Stadt, in der man es sich leisten kann, Musiker/in zu sein.

Und ich wählte Europa, um einen neuen Kontext zu haben. Denn wenn man Musik macht, wenn man den Ort wechselt an dem man Lieder schreibt, dann verändern sich auch die Lieder. Ich brauchte eine neue Umgebung, in der ich neue Songs schreiben und in der ich mich als Songwriterin verbessern konnte. Der Hauptgrund für die Reise war dennoch, eine neue Inspirationsquelle zu finden.

Und hattest du Erfolg?
Kat (lacht): Ja, ich hatte. Wenn ich mein Writing heute mit dem vor drei Jahren vergleiche, dann bin ich heute viel selbstsicherer. Es ist eine schwierige Frage, aber ich fühle mich wohl damit und hier in Berlin kann man den ganzen Tag und jeden Tag Musiker/in sein.


Zurück zu deiner Inspiration: Sind es persönliche Erfahrungen, die dich inspirieren oder auch politische Themen, wie z. B. soziale Ungerechtigkeit?
Kat: Mmh, es ist ein bisschen von beiden. Vor einigen Jahren waren es hauptsächlich persönliche Erfahrungen, das was jeder über Beziehungen und Liebe, deren Durcheinander und deren in die Brüche, gehen schreibt. Heute habe ich das Gefühl, ich muss nicht mehr darüber schreiben. Dennoch: Manchmal schreibe ich über die Beziehungen anderer, die sind viel dramatischer als meine. Aber genauso schreibe ich heute über Städte und z. B. Berliner Polizisten.

Wenn ich einen Song schreibe, dann geht es nicht nur um die Thematik, also worum es inhaltlich geht. Für mich kann ein Lied mit einer Melodie, einem Konzept beginnen. Vor einigen Wochen schrieb ich einen Song und die ganze Zeit fragte ich mich: Wie schreibe ich einen Song, bei dem sich das Verhältnis zwischen Vers und Refrain - dem traditionell melodischen und wichtigen Liedteil – umkehrt. Was passiert bei einer Umkehrung, wenn der Refrain minimiert wird und monoton klingt, seine Struktur eingeschränkt wird? Solche Dinge, die nichts mit der Geschichte zu tun haben, beschäftigen mich. Aber auch die Konstruktion eines Liedes und dem Spielen damit inspirieren mich und interessieren mich.


Würdest du sagen du bist eher eine Songwriterin oder Sängerin? Oder beides? Wie empfindest du das?
Kat: Für mich ist das Wichtigste das Songwriting und die Lyrics. Lyrics sind wirklich wichtig. Singen ist nicht so wichtig für mich.


Ehrlich? Dein Gesang ist so eingänglich.
Kat: Ja, ich weiß, ich singe sehr laut. Ich genieße den Moment des Performens. Es ist einfach schön, auch einmal zu schreien und leidenschaftlich zu sein, die Dinge auszudrücken, die man manchmal im Alltag nicht ausdrücken kann.

Aber der Unterschied ist doch, dass ein paar hundert Leute dich beobachten. Stört dich das nicht oder macht dich nervös?
Kat: Es ist lustig, denn ich übe Zuhause und singe dabei überhaupt nicht laut. Ich singe viel lauter, sobald Leute da sind. Das ist schon komisch. Es ist auch wichtig, dass ein wirklich gutes Publikum anwesend ist. Sobald man in dem Moment gefangen ist, denkt man wirklich nur an den Song und was er bedeutet. Man muss an den Song denken und nicht über das Publikum nachdenken, denn man will die Geschichte erzählen.


Auch wenn du das Lied schon zum 10. Mal singst, fühlt es sich noch authentisch an?
Kat: Das ist eine heikle Angelegenheit, denn viele Lieder können sehr emotional sein und ich habe sie schon Hunderte Male gesungen und somit ist es für mich eine Herausforderung, auf die Bühne zu treten und das Lied so zu singen, als wäre es das erste Mal. Für mich persönlich ist dies das Wichtigste.

Das Publikum ist mir sehr wichtig und ich versuche mein Bestes zu geben. Ich möchte, dass sie mir glauben, was ich sage. Deswegen muss ich mich wieder in den Moment zurückversetzen, damit ich es glaube. Und ich weiß, wenn ich es glaube, glauben sie es auch.


Es funktioniert!
Kat: Gut.


Möchtest du auf Deutsch singen? Hast du das vor? Vielleicht auch Songs auf Deutsch zu schreiben?
Kat: Auf jeden Fall. Vor einem Jahr (2006) habe ich es schon einmal probiert und es war wirklich schlecht.

Es wird schwierig – und ich meine, das es deutschen SongwriterInnen genauso geht, wenn sie in Englisch schreiben - , wenn es sehr wörtlich und eigentlich wird, wenn es darum geht, die Geschichte zu schreiben. Außerdem, wenn man in seiner Zweitsprache singt, kann man nicht mit der Sprache, mit den Worten spielen. Man erlangt nicht dieses Gefühl für die Poesie, wie in der eigenen Muttersprache und deren subtilen Gebrauch. Das hält mich vom Schreiben auf Deutsch ab. Ich möchte nicht nur einfache Novelty Songs schreiben.


Berlin wird im Moment als kreativer Melting Pot Europas angesehen. Wie hast du dir damals Berlin vorgestellt, als du noch in Sydney warst?
Kat: Eine interessante Frage. Wisst ihr, ich hatte darüber nicht wirklich nachgedacht. Ich hatte keine Informationen und kannte niemanden hier. Keiner meiner Freunde war in Berlin gewesen. Und jetzt, da ich hier bin, kann ich sagen, dass es viel besser ist als ich erwartet hatte und die Musikszene in Berlin ist eine derart unglaublich unterstützende Gemeinschaft. Das ist fantastisch. Es hat meine Erwartungen übertroffen.


Also du hast in Berlin „deine Szene" gefunden?
Kat: Ich weiß nicht. Das Interessante an Berlin ist, in Bezug auf die Songwriter-Szene, das es tatsächlich sehr divers ist. Mir kommt es so vor, als gäbe es eine Menge Unterschiede zwischen dem, was jeder macht. Das ist großartig. Berlin kann man mit der New Yorker Anti-Folk-Szene kontrastieren. Aus meiner Perspektive entspringt der Szene dort viel Musik, die sich sehr, sehr ähnelt. Eine Menge von MusikernInnen arbeiten zusammen und machen Musik, die gleich klingt. In Berlin gibt es eine Menge MusikerInnen, die zusammen arbeiten und Musik machen, die sehr unterschiedlich klingt.


Wie war das in Sydney?
Kat: Ich war damals nicht wirklich… Ich hatte in Sydney einen anderen Beruf. Ich arbeitete für einen Architekten und war Innenarchitektin.


Du warst demnach noch keine Musikerin?
Kat: Nein. Schon als Kind schrieb ich Songs und sang. Ich sang, bevor ich richtig sprechen konnte. Und ich schrieb immerzu Lieder. Aber ich hätte nie geglaubt, das zu meinem Beruf machen zu können. Ich studierte an der Universität, bekam einen Job. Ich dachte nicht, dass es möglich war, Musikerin zu werden.

Dann passierte folgendes: Eine Freundin aus der Unizeit fing an, Konzerte in Sydney zu geben. Das überraschte mich und ich fragte sie: Ich wusste nicht, dass das jeder einfach machen kann. Kann man? Wie hast du das gemacht? Und sie antwortete mir: Zuerst nimmst du eine CD mit deinen Songs auf und dann verschickst du die an Leute.

Danach hat ich einen Freund ein paar Lieder aufzunehmen und ich verschickte sie. Zwei Tage später erhielt ich tatsächlich einen Anruf und darauf folgend noch weitere Anrufe. Ich war überrascht: „Leute wollen es hören! Das ist unglaublich." Ich hatte einfach keine Ahnung. So ging es dann weiter, ich kündigte meinen Job und bin hierher gekommen, um die ganze Zeit Musik zu machen.


Das heißt, dein Leben hat sich komplett verändert?
Kat: Es hat sich völlig verändert. Als ich nach Berlin kam und die Leute mich fragten, was ich so mache, habe ich geantwortet: Ich bin Designerin. Wenn ich im Flugzeug das Einreiseformular ausfüllte, schrieb ich Designer. Aber seit einem Jahr schreibe ich Musikerin. Davor glaubte ich nicht, dass ich gut genug bin. Ich dachte, ich mache keine richtige Musik. Ich wusste es einfach nicht.


Die letzte Frage: Was bedeutet der Titel deines Albums Pocketknife (2008 erschienen)?
Kat: Das ist eine Zeile aus einem anderen Lied von mir „The wrong side of midnight" und sie geht so: „..You carry your secrets like a pocket knife that might just bring a man down. ...". Ich mochte den Gedanken, dass Taschenmesser und Geheimnisse auf eine Art sehr ähnlich sind. Sie können sehr klein und gut versteckt sein, aber genauso tödlich. Da ist etwas dran.

Sind wir fertig?

Ja, danke.


Nachzuhören: http://www.myspace.com/soundslikekatfrankie

Tourdaten: http://www.katfrankie.com/

Interview: Anne Ackermann und Janet Lejcek

Fotos: © Anne Ackermann www.anneackermann.de

Text: Janet Lejcek




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