Foto: Murat Yazar
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Sprachlosigkeit
Aufgewachsen in Urfa, 45 km entfernt von der türkisch-syrischen Grenze, in einer Zeit des Widerstands (die kurdische Arbeiterpartei hatte sich in seinem Geburtsjahr 1978 gegründet und war auch rund um Urfa sehr aktiv) inmitten einer typischen kurdischen Großfamilie, besuchte Murat Yazar zunächst die Grundschule und später das Gymnasium in Urfa. Wie alle kurdischen Schüler war er, der zuhause nur Kurdisch sprach, mit Schuleintritt gezwungen Türkisch zu reden, was die Lehrer größtenteils mit Anwendung von Gewalt durchsetzten.
Die Erkenntnis über die eigene (erzwungene) Sprachlosigkeit fiel zusammen mit der Entdeckung einer anderen Sprache: die der Bilder. Murat Yazar erinnert sich: "Fotografie zog mich seit meiner Kindheit an". Vor allem in Zeitungen und Büchern fand er Fotos, die er mit Staunen betrachtete.
Um die "weite Welt" kennen zu lernen und gleichzeitig der Enge der Familie zu entkommen, entschied er sich für ein Studium in Istanbul. "Tourismus und Hotelwesen" erschien ihm am nahe liegendsten, wo er doch immer schon großes Interesse an anderen Menschen zeigte: den (wenigen) Touristen sowie den veschiedenen ethnischen Gruppierungen in Urfa.
Erst mit Abschluss des Studiums Ende der 1990er Jahre ergab sich die Gelegenheit einen Fotoapparat zu erstehen: "Seit ungefähr 8 Jahren fotografiere ich nun. In meiner Kindheit waren Fotoapparate nicht so verbreitet wie heutzutage und digitale Kameras gab es schon gar nicht. Es war nicht leicht, einen Apparat aufzutun, die Filme zu entwickeln und gerade dort, wo ich lebte, in Urfa, gab es in dieser Hinsicht nicht viele Möglichkeiten."
Bildimpressionen
Eine alte Frau, sitzend, in traditionellem Gewand, ein Tuch um den Kopf gebunden, barfuß, Silberringe an den dünnen Fıngern ins Auge stechen aber die Tattoos (Kurdisch: Deq) auf den Händen und im faltigen Gesicht.
Ein vielleicht sechsjähriges Mädchen, gedankenversunken auf steinigem Feld, auf dem Rücken ein Kleinkind, mit Tüchern festgebunden – Reminiszenz an den ersten kurdischsprachigen Spielfilm "Zeit der trunkenen Pferde" von Bahman Ghobadi, der zu Recht im Jahr 2000 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.
Eine zunächst romantisch anmutende Komposition in Blau. Im bläulichen Nebel zu erkennen die Silhouetten von zwei Männern, die Säcke geschultert über ein Feld gehen. Erst auf den zweiten Blick der Schock: das Feld ist eine Müllhalde, der Nebel aufsteigender Rauch und die Männer versuchen für sie irgendwie Nutzbares aus dem Müll zu klauben.
Eine Nahaufnahme von zwei Händen, die traditionelle Häkelarbeit verrichten: die tiefen Falten zeugen vom Alter der Frau und erzählen zugleich von einem Leben voller Arbeit.
Zahlreiche Kinder-Portraits, unter denen besonders die von Leyla mit ihren so vielsagenden Blicken hervorstechen.
Eine Serie von Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Roma und Sinti, die ihr Alltagsleben sowie ihre Feiern zeigen und an Kusturicas "Time of the Gypsies" erinnern.
Problematische Schicksale
Bereits in Urfa hatte Murat Yazar Kontakt zu Roma und Sinti, wobei ihm jedoch erst die Kamera ermöglichte eine nähere Beziehung aufzubauen. Auch wenn diese Beziehung oftmals nicht einfach ist: "Meistens fotografiere ich das schwere Leben eines problembeladenen Volkes in äußerst problematischem Raum. Manchmal erzählen dir die Menschen, die du fotogafierst, was sie bedrückt. Vielleicht, weil ihnen ihr ganzes Leben lang kein einziger zugehört hat, schütten sie, sobald sie jemanden mit einer Kamera in der Hand sehen, diesem ihr Herz aus. Dass ich ihnen nicht helfen kann, macht mir schwer zu schaffen. Ein Beispiel: Im Regierungsbezirk Polatli im Departement Ankara ging ich mit zwei Freunden die Saisonarbeiter, die Zwiebeln ernteten, fotografieren. Als wir dorthin kamen, hatte es einen Tag vorher schwer geregnet und ihre Zelte waren überflutet worden. Die Kinder liefen barfuß zwischen Dornen und Gebüschen umher. Ein Mann lud uns zum Tee in sein Zelt. Er war aus dem Departement Urfa gekommen. Mit ihm seine Frau und seine 14-jährige Tochter. Während wir uns unterhielten, fragte das Mädchen: Papa, warum fotografieren die uns? Werden sie uns helfen? Sein Vater antwortete: Nein, sie fotografieren nur aus Leidenschaft. Die Unterhaltung wurde auf Kurdisch geführt, daher verstanden ihn meine zwei Freunde nicht. Sie waren Türken. Wie sehr ich mich auch mühte dem Mann zu erklären, dass ich mich bemühe, die Situation der Saisonarbeiter zu dokumentieren und ihre Probleme dem Betrachter erlebbar zu machen, er glaubte doch, dass ich ihm in seiner Situation nicht würde helfen können, denke ich. Ich konnte dort kein einziges Bild machen und legte die Kamera zurück in die Tasche. Dieser Vorfall hat mich sehr berührt. Denn ich sehe das Fotografieren nicht als bloße Arbeit an. Was ich fotografiere, sind die aktuellen Widerspiegelungen dessen, was ich erlebe und fühle."
Unterdrückung und Assimilation
Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Unterdrückung, das sind die großen Themen in Murat Yazars Fotoarbeiten. Laut Angaben der türkischen Presse sowie der Stiftung für wirtschaftliche und soziale Studien der Türkei (TESEV) wurden in den 1990er Jahren ca. 1 Mio. Menschen "aus Sicherheitsgründen" umgesiedelt bzw. vertrieben. Murat Yazars Interesse besteht darin, "Traditionen, Musiken, Lebensformen und Religionen der Kulturen [...], die unter der ausbeuterischen und auf Assimilation zielenden Politik der herrschenden Krafte ausgelöscht werden sollen" zu dokumentieren und dadurch zu bewahren. "All diese Dinge sind so unfassbar reichhaltig und vielfältig, dass es mich sehr sehr betrübt, dass einige dieser Kulturen danach trachten, sich anders zu zeigen als sie wirklich sind. Die Roma und Sinti sind vielleicht die, die am meisten versuchen, der ihnen ureigenen Kultur zu entfliehen. Die Gründe dafür sind, wie ich schon sagte, der Druck und die Assimilationspolitik, die die Türkei gegenüber anderen Religionen und Minderheiten ausübt. Während die Kurden in Hinblick auf das Bemühen, sich selbst treu zu bleiben, äußerst hartnäckig sind, fällt es schwer, das Gleiche von den anderen Kulturen zu sagen."
Nachdem er angefangen hatte zu fotografieren, begann er laut eigener Aussagen das Leben besser und tiefer zu empfinden. Einen Ort, an dem er früher schon einmal war, hat er begonnen besser zu beobachten, seine Beziehungen zu Menschen haben sich vertieft: "Sobald man anfängt zu fotografieren, beginnt man auch, alles im Leben aufmerksamer zu betrachten."
Portrais und Nahaufnahmen
Auffallend und auch meistkommentiert auf seiner flickr.com-Seite sind die vielfältigen Portraits. Dazu Murat Yazar: "Der menschliche Körper und das Gesicht sind wie eine lebendige Geschichte. Die Gefühlswiderspiegelungen auf ihnen sind oft sehr tief und das wiederum berührt uns tief. Zwischenmenschliche Kommunikation und die Ereignisse, für die sie wiederum Ursache ist, also alles, dem wir im Leben Bedeutung geben, sind in gewisser Weise Widerspiegelungen des menschlichen Lebens. Ich bemühe mich, die verborgenen Züge dieser Widerspiegelungen in meinen Fotografien zu zeigen."
Und weiter: "Ein Fotograf, dessen Vortrag ich in der Türkei besuchte, sagte Folgendes: Jeder durchschnittlich intelligente Mensch kann in drei Tagen lernen, wie ein Fotoapparat zu handhaben ist und anfangen zu fotografieren. Aber das Wichtige ist, was folgt, wie du schaust, was du fotografierst und wie du dich selbst ins Foto einbringst. Ich habe mir das Fotografieren selbst beigebracht. Mit einer kleinen Kompaktkamera habe ich begonnen und mich Tag um Tag bemüht, mich weiterzuentwickeln. Nur eine kurze Zeit dieser Erforschung galt der bloßen Technik. Den größeren Teil meiner Zeit verbringe ich damit, die Weltfotografie zu verfolgen und zu verstehen. Die Technik im Fotografieren ist der Blick des Fotografen auf das Leben und diesen in seinen Fotografien sich wiederspiegeln zu lassen. Ich schätze es sehr, auf meinen Bildern Gefühlstatsachen zu benutzen. Meine Technik beim Fotografieren ist die Sprache der Gefühle, möchte ich sagen."
Angesprochen auf seine fotografischen Vorbilder: "Es gibt viele Fotografen, deren ein oder andere Arbeit ich schätze. Aber Fotografen, deren gesamte Arbeit ich schätze und die mich beeinflusst haben, sind Nikos Economopoulos und Josef Koudelka."
Politische Fotografie
Murat Yazars Arbeiten haben meist einen politischen Hintergrund, was in der in der Türkei mit besonderen Schwierigkeiten verbunden ist. Einerseits werden diejenigen, die fotografiert werden, nervös, andererseits erlebt er seitens der Sicherheitskräfte des Staates strenge Kontrollen. "Namentlich um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, ist es notwendig, ihnen lang und ausführlich meine Arbeit zu erklären. Denn durch den seit Jahren andauernden Bürgerkrieg und die aus diesem entstehenden Ängste sind die Menschen gezeichnet und gegeneinander tief mißtrauisch geworden." Da er selbst der in der Türkei als problematisch angesehenen kurdischen Kultur angehört, verfolgt er sehr genau auch die Probleme, die andere Kulturen dort haben.
Üblicherweise erfolgen Murat Yazars Dokumentationsarbeiten im Rahmen eines Plans. "Sagen wir, ich fotografiere die Roma und Sinti. Morgens stehe ich dann früh auf und gehe zu ihrem Lager. Dort verbringe ich mit ihnen Zeit, manchmal ohne meine Kamera auch nur aus der Tasche zu holen. Sobald ich die Fremdheit, die sie mir gegenüber empfinden, etwas aufgelöst habe, beginne ich zu fotografieren, bisweilen den ganzen Tag. Das läuft bei all meinen dokumentarischen Arbeiten nahezu immer gleich. Bei Aufnahmen außerhalb des Themas achte ich zunächst auf die Wetterbedingungen des Tages und dann erst auf meine Stimmung. Denn eigentlich sollte das Fotografieren ganz von innen heraus kommen. Dann konzentriert man sich viel besser auf das Sujet, das man betrachtet und fotografiert."
Zukunftspläne
Für die Zukunft hat sich Murat Yazar einiges vorgenommen: "Zurzeit führe ich im Kurdengebiet meine Fotoarbeit mit dem Thema Deq (Tattoos) weiter. Daneben fotografiere ich im Rahmen des Projekts Städtischer Wandel in Istanbul den Bezirk Tarlabaşi. Dann verfolge ich weiter meine Dokumentation über die Roma und Sinti, an der ich schon seit drei Jahren arbeite."
Unter dem Titel "Die Samstagsmütter" möchte er die Mütter der jungen Männer, die im Bürgerkrieg in der Türkei gefallen sind, fotografieren. Sowohl die türkischen als auch die kurdischen Mütter, während sie auf das Begräbnis ihrer Söhne warten, wenn sie zum Begräbnis gehen, ihren Sohn ein letztes Mal umarmen und er dann in die Erde gesenkt wird. Murat Yazars Grundbotschaft soll sein: "Unser gemeinsamer Schmerz über die Mütter."
Ein weiteres engagiertes Projektvorhaben Murat Yazars sieht vor, die Gebets- und Begräbniszeremonien der Religionen der Welt zu fotografieren. "Schlussendlich jedoch möchte ich alle Gegenden Kurdistans und ihre Menschen auf Foto bannen."
Wir wünschen Murat Yazar bei all seinen Projekten viel Erfolg und freuen uns mit ihm, dass die erste Ausgabe der kurdischsprachigen "Le Monde Diplomatique" (erschienen am 20. Mai 2010) mit seinen Fotos bebildert ist!
Ausstellungen von Murat Yazar:http://www.flickr.com/photos/29173023@N08