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Foto: Min Dît
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Das 10-jährige Mädchen Gulistan und ihr kleiner Bruder Firat leben mit ihren Eltern in Diyarbakir, im Herzen des kurdischen Teils der Türkei. Auf dem Rückweg von einer Hochzeit müssen Gulistan und Firat vom Rücksitz des Autos mit ansehen, wie ihre Eltern bei einer nächtlichen Straßenkontrolle von türkischen Paramilitärs erschossen werden.
Gulistan und Firat werden von ihrer politisch aktiven Tante Yekbun aufgenommen, die über ihre Kontakte zum kurdischen Widerstand versucht, für die ganze Familie Flugtickets zu ihren
Verwandten in Schweden zu organisieren. Doch eines Tages verschwindet auch Yekbun spurlos. Von nun an sind die beiden Geschwister auf sich allein gestellt. Ihr Weg führt unweigerlich in Armut und soziales Elend. Da sie Strom und Miete nicht mehr bezahlen können, müssen sie die Wohnung ihrer Tante räumen und finden sich auf der Straße wieder. Sie schließen Freundschaft mit der 12-jährigen Zelal, die schon länger als Obdachlose auf den Straßen Diyarbakirs lebt. Nachts schlafen sie in den Ruinen einer alten armenischen Kirche.
Als Gulistan in der Stadt den Mörder ihrer Eltern zufällig wieder begegnet, weiß sie, dass der Tod ihrer Eltern nicht ungestraft bleiben darf. Der Mann, dessen Gesicht weder Gulistan noch Firat vergessen konnten, lebt als ungescholtener Familienvater unter ihnen. Niemand ahnt etwas von seinem Doppelleben als Mitglied der türkischen Geheimpolizei.
Schließlich erreicht Gulistan ihr Ziel ganz ohne Gewaltanwendung, indem sie – so, wie sie es in einem kurdischen Märchen gehört hatte – „dem Wolf eine Glocke um den Hals bindet".
Miraz Bezar Min Dît - Die Kinder von Diyarbakir ist das Langfilmdebut des dffb-Absolventen Miraz Bezar. Zuvor führte Miraz Bezar Regie bei mehreren Kurzfilmen, die auf Festivals weltweit gezeigt und prämiert wurden, so zum Beispiel in Montreal, Oberhausen, Istanbul, München, Aix-en-Provence, Hamburg, Valladolid, Florenz und Berlin. Der Kurzfilm BERIVAN war zugleich Bestandteil der Filmreihe „Neuer Europäischer Realismus" neben Beiträgen von Mike Leigh und Wolfgang Becker. Miraz Bezar wurde 1971 in Ankara geboren. Nach dem Militär-Putsch 1980 wanderte er mit seiner Familie nach Deutschland aus. Dort studierte er Kulturwissenschaft an der Berliner Humboldt Universität und beteiligte sich als Schauspieler an Off- Theater-Produktionen. Er studierte Regie an der Berliner Film- und Fernsehakademie.
Autor / Regisseur Miraz Bezar über den filmDie Stadt Der Film entstand komplett in Diyarbakir, wo er auch spielt. Seit den Tagen des Bürgerkriegs in den 90er Jahren ist die Stadt von 300.000 Einwohnern auf 1,5 Millionen angewachsen. Die unablässige Zuwanderung von Bürgerkriegsflüchtlingen hat die historische Kleinstadt in eine Metropole verwandelt. Ich bin Ende 2005 von Berlin nach Diyarbakir gezogen, um dort einen Film zu drehen. Ich kam ohne eine vorgefaßte Geschichte dort an. Ich brauchte diese Unvoreingenommenheit, um mich auf die Stadt einzulassen. Denn sie entsprach überhaupt nicht dem Bild, das ich mir vorher von ihr gemacht hatte. Nicht etwa der Ausnahmezustand bestimmt das Straßenbild in Diyarbakir. Es ist eine Stadt, in der sich die Menschen einen Alltag geschaffen haben, der ihre Narben und Traumata außen vor lässt. Für viele von ihnen ist es scheinbar zur Normalität geworden, mit den Folgen politischer Gewalt zu leben. Als indirekte Folgen des kriegsartigen Zustandes grassieren Drogenkonsum und Prostitution. Der Krieg hat die Menschen, wie die Protagonisten in meinem Film, ein für alle Mal aus ihrem vorherigen Leben herausgerissen. Aber er hat ihnen auch ihre Zukunft geraubt. Die Menschen erleben ihre Gegenwart als ein auswegloses Chaos ohne Chance auf Entwicklung. Dies gilt insbesondere für die Kinder. Dabei überrascht und fasziniert immer wieder der Wille, dieses Chaos aus eigener Kraft heraus umzugestalten.
Viele Familien bemühen sich nach Kräften, ihren Kindern eine Perspektive jenseits des grausamen Alltags zu bieten. Doch andere Familien sind psychisch so stark zerrüttet, dass sich quasi jeder zuerst um sich selbst kümmern muss. Mit Gewalt und Armut wächst auch der Individualismus. Die traditionellen sozialen Netze reißen. An ihre Stelle treten neue, dynamische, aber auch sehr ambivalente Organisationsformen, wie ich sie in meinem Film versucht habe darzustellen.