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80% Gefühl,  20% Vernunft

Ein Interview mit der japanischen Tänzerin Ayaka Azechi

Mio Fujiwara
Slideshow
Ayaka Azechi

Ayaka Azechi ist eine japanische Tänzerin, die seit diesem Jahr in Berlin lebt.

Sie tanzt hauptsächlich zeitgenössischen- und Buthotanz. Seit Januar dieses Jahres ist sie offiziell die Abgesandte der japanischen Kulturbehörde in Japan und trainiert in unterschiedlichen Tanzkompanien in Berlin.

Unterschiede zwischen Japan und Berlin

Es gibt verschiedene Beweggründe, die die junge Tänzerin aus Japan nach Deutschland brachte:

Einer davon ist die Tatsache, dass Tanz in Japan noch nicht wirklich als Kunstform akzeptiert ist, was den Beruf als Tänzerin in der Gesellschaft erheblich erschwert. Dies hat auch dazu beigetragen, dass sie sich schon früh für Europa interessiert hat. Ayaka Azechi sieht den Tanz in Europa ganz anders als in Japan:

"Das gemeinsame Fundament ist Ballett, aber die Art den Körper zu bewegen ist zuerst anders.
Der asiatische Körper ist meiner Meinung nach viel elastischer und flexibler... Dies liegt wahrscheinlich an der unterschiedlichen Körperstruktur. Das faszinierende ist, dass Asiaten und Europäer, wahrscheinlich bedingt durch die unterschiedlichen körperlichen Fähigkeiten, jeweils ganz anders tanzen, trotzdem tanzen sie aber auch zusammen. Ich möchte gerne die europäische Art, den Körper zu bewegen, erlernen. Außerdem ist das Tanzen hier in Berlin ein anderes Erlebnis, weil viele Leute hier Tanz mögen. In anderen europäischen Städten verlassen die Zuschauer, wenn ihnen das Stück nicht gefällt, mitten im Stück den Saal oder sie klatschen am Ende nicht. In Berlin dagegen klatschen die Zuschauer herzlich in die Hände, als ob sie "Gut gemacht!" sagen wollten. Selbst in kleinen Theatern gibt es mehrfachen Applaus und die Tänzer kommen nach dem Stück noch mindestens zwei mal unter starkem Applaus auf die Bühne, um sich zu verabschieden.
Außerdem ist es interessant, dass man in Berlin an vielen Orten Kunst erleben kann, egal ob Musik, Malerei oder Tanz, ohne dabei viel Geld ausgeben zu müssen. In Japan zum Beispiel ist es sehr teuer, Tanzstücke anzusehen. Für bekannte Stücke muss man oft um die 70€ Eintritt bezahlen."

Der bedeutendste Grund aber ist, dass Ayaka hier in Berlin viel Zeit zum Nachdenken findet. Hier möchte sie herausfindenden, was Tanz genau für sie bedeutet und was sie konkret mit ihrer Arbeit ausdrücken und vermitteln möchte. Sie möchte herausfinden, weshalb sie eine Leidenschaft für's Tanzen hat und in welcher Beziehung diese zu sich selber steht. Ayaka ist überzeugt, dass Berlin ein geeigneter Ort ist, um über sich selbst zu reflektieren.

Als Japanerin kann ich diese Aussage gut verstehen. Meiner Ansicht nach ist der Gebrauch von Zeit in Deutschland und Japan sehr unterschiedlich.

Das Leben in Japan ist sehr beschäftigt und wir sind zeitlich stark gebunden, aber hier ist alles viel lockerer. Morgens kann ich sogar 30 Minuten für eine Pause einlegen, ohne dass sich jemand daran stört", sagte sie lachend.

Wenn man diesen ständigen Druck von außen nicht immer spürt, wie es für viele Menschen in Japan der Fall ist, hat man auch mehr Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Deswegen können hier vielleicht auch neue Gedanken entstehen, die in Japan so nicht aufgekommen wären.

Ausserdem will sie hier in Berlin auch herausfinden, wie sie den Menschen in Japan Tanz näher bringen kann.

Ich finde, wir sind die Generation, die das Bewusstsein für Kunst und Tanz in Japan ändern können. Hier in Deutschland möchte ich das Mittel, um diese Veränderung zu bewirken, herausfinden. Ich hoffe, die Menschen sehen das Tanzstück so an wie ein Gemälde in einer Galerie oder in einem Museum. Ich glaube, die Malerei, die Musik und andere Künste sind im Grunde gleich, ich meine, alle haben den Drang „etwas auszudrücken". Deswegen denke ich, dass Tanz ebenso als solches verstanden werden kann."

Menschen, die sie beeinflusst haben

Im Alter von 17 Jahren hat Ayaka Azechi mit dem Tanzen aufgehört, obwohl sie Tanz seit ihrem dritten Lebensjahr an einer Kunstschule ausgeübt hatte.
Da ihre Mutter ebenfalls Tänzerin ist und ihr so in Tanzdingen immer helfend zur Seite stand, hatte sie Angst, sie könnte sich als Tänzerin nie von ihrer Mutter emanzipieren. Sie war sich nicht sicher, ob es wirklich ihr eigener Wunsch war, zu tanzen, oder ob sie doch in ihrem Willen zu sehr von ihrer Mutter beeinflusst wurde, da sie schon seit frühester Kindheit tanzte, bevor sie überhaupt in der Lage war, eigene Entscheidungen zu treffen.
Später beschäftigte sie sich an der Kunstschule mit "Image Creation", einem Bereich, in dem sie ihre künstlerische Ausdrucksweise völlig frei wählen konnte. Dort fand sie wieder zurück zum Tanz.
Heute sagt sie: "Es war gut, dass ich mit dem Tanzen aufgehört hatte, denn dadurch habe ich gemerkt, dass ich das Tanzen wirklich liebe".

Der Einfluss durch ihre Eltern und Tanzlehrer ist sehr stark, besonders aber wurde sie von dem Butohtänzer Akira Kasai beeinflusst, der sie im Butohtanz unterrichtete.

Butohtanz muss man ganz alleine lernen... Dabei ist es wichtig, quasi mit sich selbst zu sprechen. Damals wurde ich in die Ecke gedrängt, als ob mir jemand gesagt hat, dass ich mit dem Tanzen aufhören soll. Auch wenn es mir nicht gut ging, bekam ich keinerlei Rückmeldung, ob das, was ich tat, richtig war. Ich musste selbst überlegen, was wichtig und richtig ist oder ob es überhaupt eine Antwort gibt."

Zu dieser Zeit kam Ayaka Azechi bereits in Kontakt mit der deutschen Sprache. Ihr Lehrer Akira Kasai hatte früher in Deutschland sechs Jahre Eurythmie studiert, eine Kunstform, die mit Sprache den Körper heilen will. Seither benutzt er diese Kunst und ebenso die deutsche Sprache fürs Tanzen. Ohne Deutsch zu verstehen, bewegte sich Ayaka Azechi zu deutschen Sätzen, die ihr Lehrer von sich gab... Als sie ihn dann später nach der Übersetzung fragte, war es etwas wie "Der Berg ist wie die weibliche Brust."

Akira Kasai sagte: "Zuallererst ist der Klang wichtig", deshalb wurde ihr nicht gesagt was der jeweilige Satz bedeutet, damit sie sich nur auf den Klang und die Melodie der Wörter konzentrierte.

Über Vernunft und Gefühl im Tanzen

Meine Schwester und ich haben einmal zusammen selbst die Kostüme gemacht und nach der letzten Hauptprobe haben wir festgestellt, dass etwas fehlt. So haben wir uns kurzerhand entschieden, unser Kostüm anzumalen. Durch unser Gekritzel auf dem Kostüm wurde das Ganze irgendwie interessanter. Ich denke, dass intuitiv zu sein eine wichtige Eigenschaft ist. Es geht nicht immer darum, mit dem Kopf nachzudenken, sondern manchmal muss der Gedanke auch durch die Seele blitzen, um so zum Vorschein zu kommen. Natürlich darf man nicht komplett auf die Vernunft verzichten. Man muss die Tanzgliederung und die Positionen während des Tanzens im Kopf haben, aber damit allein kann ich nicht zeigen, was ich zeigen will. Wenn ich es in Prozent ausdrücken müsste, wären 80% Gefühl und 20% Vernunft wohl am besten. Wenn ich mit 100% Gefühl tanzen würde, wäre es nicht mehr das gewollte Tanzstück sondern eher Improvisation. Ansonsten glaube ich, um eine Sache ausdrücken zu können, muss man selbst zu dieser Sache werden. Man muss nicht wie eine Katze tanzen, man muss zur Katze werden, sonst macht man es nicht richtig."

Ihre Zukunftspläne
In Zukunft möchte Ayaka Azechi weiterhin als Tänzerin in Berlin tätig sein.
Neben Berlin mag sie Brüssel sehr gern. Dort gibt es als Tänzer viele Möglichkeiten, daher könnte sie sich auch vorstellen, dort später eine Tanzkarriere zu starten. Jedoch würde sie gerne auch weiter in ihrer Lieblingskompany in Berlin arbeiten.

Mein Eindruck

Ich habe Ayaka Azechi vor dem Interview noch nie tanzen gesehen.

Zuerst habe ich sie über ihren Blog, den sie mit schönen Fotos ergänzte, gefunden und fand ihre Texte sehr interessant. Sie schreibt kurze Texte über alltägliche Dinge; Erlebnisse, Gedanken über das Tanzen. Auch wenn sie dabei keine langen Texte schreibt, habe ich mich nach dem Lesen immer sehr gut gefühlt und schlechte Dinge vergessen.

Für mich war "Zeitgenössischer Tanz" immer etwas fremd und ich hatte die Vorstellung, dass er irgendwie eigentümlich, schwer zu verstehen und irgendwie anstrengend sei - daher haben mich ihre Texte, die so sanft und leicht waren, überrascht. Diese Diskrepanz machte mich sehr neugierig, worauf ich mich entschied Ayaka Azechi zu treffen.

Nach dem Interview sah ich sie zum ersten Mal tanzen. Ich nahm ihre Konzentrationsfähigkeit wahr und fühlte diese Aura der Unnahbarkeit, die sie in den Raum strahlte. Zeitgenössischer Tanz ist nicht einfach zu verstehen, aber durch ihre Konzentrationsfähigkeit und die überwältigende Atmosphäre, die sie ausstrahlt, habe ich verstanden, was sie ausdrücken wollte.
Nicht nur mit dem Kopf denken, sondern mit dem Herzen fühlen. Mit Worten lässt sich ihr Tanz daher nur schwer beschreiben, man muss ihn sehen, um dieses Gefühl zu erleben.

Künftig wird sie wieder häufiger hier in Berlin tätig sein, falls sie also die Gelegenheit haben, lassen Sie sich dieses Erlebnis nicht entgehen.



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