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„RAW wir sind gekommen um zu bleiben"

Ein schöner und rührender Film über Urbanismus und Entwicklung von unten von Louise Culot

Aline Bonvin
Slideshow
RAW wir sind gekommen um zu bleiben

Am 5. Oktober findet die Filmvorführung von „RAW, wir sind gekommen um zu bleiben", eine Doku über den Städtebau und RAW Tempel, in der Theaterkapelle statt. Das Publikum lässt nicht auf sich warten; die Vorführung wird zu Vorführungen, sodass alle bei dem Film zusehen können. Nach der Projektion kommt die junge Regisseurin, Louise Culot, auf die Bühne und sagt etwas zu dem Film. Wir hatten Lust darauf, mehr über sie und ihr Projekt zu wissen.

Hallo, kannst du dich kurz vorstellen? Was möchtest du, dass die Leser über dich wissen?

Hallo, ich heiße Louise, hm, Culot, ich bin 1,70m hoch und wiege 53 Kilo. Ich komme aus Belgien, aus Wallonien und das ist alles! Um mich vorzustellen, möchte ich nur meinen Namen sagen, wenn die Leute sich an meinen Namen erinnern, ist es schon gut.

Du hast an der Freien Universität Brüssel, Madrid und dann in Berlin studiert - hast du Berlin ausgewählt oder hat dich das Leben hierhin geführt?

Eigentlich wollte ich für meinen zweiten Studiengang nochmal weg von Brüssel. Ich habe mich beworben und konnte zwischen Palerma und Berlin wählen. Dieser Moment ist total entscheidend für den Rest meines Lebens gewesen. Wenn ich nach Palerma gefahren wäre, würde ich jetzt eine Pizza für meine Kinder backen – das wäre im Übrigen nicht so schlimm (lacht). Ehrlich gesagt, habe ich Berlin gewählt, weil es mein Traum als Journalistin war, bei dem Sender Arte zu arbeiten und dafür muss man Deutsch sprechen. Ich hatte noch nie einen Fuß in Deutschland gesetzt und hatte keine Ahnung von Berlin.

Du hast dein Studium abgeschlossen und hast danach bei Oval Filmemacher gearbeitet. Warum hast du dich für Dokufilme entschieden?

Der Dokumentarfilm ist das beste Medium, um ein so breites Publikum wie möglich zu erreichen. Man soll und kann nicht die Leute zum Lesen oder Radiohören zwingen. Die meisten Leute gucken Fernsehen, ich bin kein Freund des Fersehens, aber die Dokumentarfilme sind das, was das Fernsehen retten kann. Das ist ein Genre, das erlaubt Information zu behandeln, dabei eine große künstlerische Freiheit zu haben und mit der Dramaturgie zu spielen: ein sehr schönes Hilfs- oder Informationsmittel.

Du behauptest auf deinem Profil beim OvalFilmemacher - wo du gearbeitet hast - „das Recht auf informelle Selbstbestimmung ist für mich eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine funktionierende Gesellschaft.". Kannst du das erklären?

Alle sagen, dass wir in einer Informationsgesellschaft leben, aber meiner Meinung nach leben wir in einer „Werbungsgesellschaft", in einer digitalen, zahlenmäßigen Gesellschaft, wo es einen konstanten und ständigen Informationsfluss gibt, 1-0, 1-0.

Die Fernsehbilder sind sehr oft sinnlos, nichtssagend und bloß nur Skandalbilder. Für mich bedeutet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dass man sich intelligent informieren kann.

Ich finde es nicht sehr konsequent zu behaupten, dass man auf der einen Seite in einer Demokratie lebt, in der alle das Recht haben, an der Politik teilzunehmen, und auf der anderen Seite kann man sich nur schwer über den Zustand der Welt ausreichend informieren. Ich gehe von dem Prinzip aus, dass die Leute nicht dumm sind, man muss ihnen nur einen guten informellen Inhalt, der erreichbar und verständlich ist, anbieten.

Wie setzt du dich dafür ein?

Dokumentarfilme zu machen oder zu drehen ist mein Engagement für diesen Zweck. Aber ich nehme auch an Demos teil; auf einer persönlichen Ebene, versuche ich, so viel wie ich kann mit den anderen über dieses Informationsproblem zu reden und zu diskutieren. Ich schreibe auch manchmal was für Zeitungen in Belgien und persönliche, subversive Texte.

Du hast den Film « RAW wir sind gekommen um zu bleiben » realisiert: Wie bist du auf die Idee gekommen? Warst du schon selbst in RAW tätig?

Als ich in Berlin angekommen bin, war ich ziemlich alleine im Kiez, kannte niemanden und konnte kein Deutsch. Ich habe nach und nach entdeckt, wie man das Stadtgebiet nutzt und unter anderem RAW. Ich war stark beeindruckt und fasziniert nach einem Jahr, zwei Jahren, die ich im Kiez war. Ich war keine fremde Beobachterin mehr, sondern auch in dem Kiezleben aktiv.

In RAW Tempel habe ich ein paar Partys mit einem Kollektiv organisiert (cf. www.tuneupberlin.de) und habe oft Konzerte besucht. Das ist ein geiler Ort, es gibt Platz und es ist für alle geöffnet. Und ich habe erfahren, dass das Gelände verkauft wurde und das RAW vielleicht verschwinden würde.

Diese Situation hat mich betroffen gemacht. Wenn RAW verschwinden würde, haben viele Leute keine Bühne mehr, um Musik zu spielen, keine billige Musikkurse mehr und so weiter und so fort. Ich miete selbst jetzt ein kleines Studio, um zu malen und es kostet einen Apfel und ein Ei.

Mit wem hast du für den Film gearbeitet?

Um den Film zu realisieren, habe ich nicht direkt mit den Leuten von RAW gearbeitet. Sie haben mitgearbeitet in dem Sinne, dass sie die Protagoniten waren. Ich habe keinen Werbefilm für den RAW Tempel gemacht, sondern einen Film über die Stadtentwicklungsprozesse und ich habe als Beispiel RAW gewählt. Ich habe viel mit jungen Leuten gearbeitet, die im Kiez leben. Wir haben einen « no-budjet » Film gedreht, nicht einmal einen « low-budjet » Film. Den Film zu drehen, um ihn dann an einen Fernsehsender zu verkaufen, war außer Frage, da alles bis zum Äußersten formatiert ist.

Kannst du das Konzept von Entwicklung von unten, mit dem du dich im Film ausführlich beschäftigt hast, darlegen?

Sowohl das Phänomen, als auch die Funktionsweise haben mich aufgrund meiner Erfahrung und des Konzepts angesprochen. In einem demokratischen System ist es ein Grundprinzip, dass die Leute auch für das öffentliche Leben verantwortlich sind und ein Wörtchen mitzureden haben.

Friedrichshain stellt als bestes Beispiel für die Entwicklung von unten eine absolute Ausnahme. Bürger sein heißt eben auch, Projekte auf einer lokalen Ebene für die Gemeinschaft zu realisieren. Ich kann mir schwer vorstellen, wie der Durchschnittsbürger an der Politik der Europäischen Union teilnehmen könnte. Tatsächlich versteht fast niemand, bzw. nur die wenigsten, worum es geht, das ist ein Technokratending. Im Gegensatz dazu, ist die einzige Voraussetzung um mitzumachen, Interesse mitzubringen und sich zu informieren. Wenn man mitmacht, hat man konkrete Effekte vor Augen, was zum « Tugendkreis » führt.

Du erzählst diese Geschichte über Friedrichshain und den RAW Tempel durch zwei Charakter - die Clownin und den Cellist. Wie bist du auf die Idee der Clownin und des Cellisten als roten Faden gekommen?

Ich mag diese Art der Dokus nicht, in denen eine Offstimme von nirgendwo erzählt, was ein kaltes und fremdes Gefühl hervorruft. Ich wollte einen Charakter, der zu sehen und zu hören ist und der die Geschichte auf eine zarte Weise erzählt, obwohl es sehr „old school" im Milieu ist. Politische Themen müssen nicht unbedingt aggressiv und krass dargestellt werden. Ich wollte auch, dass Kinder und Jugendliche den Film sehen können – im Übrigen wird der Film jetzt in Gymnasien gezeigt.

Weiterhin hat mir der Charakter von der Clownin, die ich in RAW getroffen habe, persönlich gefallen, denn ich bin selbst eine Clownin. Ich finde die Figur des Clowns echt faszinierend, zumal man das Leben nicht zu ernst nehmen sollte - ohne zynisch oder nihilistisch klingeln zu wollen. Engagieren sollte man sich, weil wir sowieso da sind.

Die Clownin erleichtert es uns, die Geschichte zu verstehen, dadurch dass sie uns an die Hand nimmt und uns durch den Film führt. Aber dieses Format ist auch neu für die Leute; sie fragen sich „Was machen die da, die Clownin und der Cellist?".

Ich weiß auch nicht genau, warum der Cellist da ist. Er spielte in der U-Bahn Samariterstraße, es war im Winter und ich war ein bisschen traurig. Dann höre ich diesen Typen Cello spielen, der wie ein polnischer Punk aussieht, und ich habe die Szene so schön gefunden, dass ich geweint habe. Ich habe ihn gefragt „Wo kann ich dich finden?" und er hat mir geantwortet „Ah, ich spiele hier". Ich wurde schön übers Ohr gehauen – da ich ihn nie mehr dort gesehen habe...Und eines Tages kam ein Freund mit der Nummer zu mir.

Ist deine Geschichte mit dem Kiez verbunden?

Ich habe die Charaktere der Clownin und des Cellisten als Symbole für den Kiez gewählt. Das ist nicht ernst gemeint. Das Projekt hat auch eine unerwartete und unorthodoxe Seite, schon ein bisschen „freaky". Meine Message lautet auch: Wir sehen schon wie Freaks aus, was aber nicht bedeutet, dass wir stinken, faul oder unfähig sind. Und wie viele Musiker hier ist der Cellist von der Gentrifizierung bedroht. Wenn Friedrichshain so wie Mitte wird – wo keiner auf der Straße spielt, geschweige denn sich die Miete leisten kann – haben wir ein Problem!

Wolltest du auch, dass ein starker Kontrast auf der einen Seite zwischen der Clownin, des Cellisten und auf der anderen Seite den zwei Unternehmern entsteht?

Ich habe ihnen das Projekt verkauft als einen Film über den Konflikt um das Gelände, ihr Gelände. Ich habe gesagt „Ich filme eine Seite – RAW – aber es ist mir sehr wichtig auch die andere Seite darzustellen und wenn sie es ablehnen, dann muss ich auch das im Film sagen.".

Ich habe sie nicht besonders auf dem Kieker, ich will nicht ihr Leben haben und sie wollen meines nicht. Ich nehme Stellung für die eine Seite und das ist mein Recht als Journalistin. Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass sie sich ein bisschen lustig vorgestellt haben. Ich habe den Film nicht subversiv geschnitten.

Sag uns mehr über die Unternehmer.

Sie haben mich und das Team nicht ernst genommen und haben gefragt: „Was soll das sein? Hast du eine Musikband, oder was?" oder etwas in der Art. Sie wollten, dass ich ein Dokument unterschreibe, welches vorschrieb, ihnen den Film zu zeigen, bevor er veröffentlicht wird. Da sind wir schnell abgehauen, sodass ich nichts unterschreiben musste.

Sie dachten, dass wir den Film nie fertig machen würden und sie haben die Plakate gesehen und Angst gekriegt. Sie haben mir gedroht, eine Abwehrklage zu beantragen oder etwas in der Art – ich kenne mich damit nicht so gut aus. Ich hatte sowieso kein Geld, also habe ich meinen Mitbewohner – der übrigens auch mein Produzent ist – geschickt, damit er den Film mit den zwei Unternehmern in ihrem Büro anguckt. Er hat ihnen gefallen und alles hat gut geendet. Ich habe jetzt das Projekt, den Film einem Fernsehsender zu verkaufen.

Wie ist es als fremde Frau im Bereich Kunst in Berlin zu arbeiten?

Im Rahmen von Mainstream-Dokumentarfilmen für das Fernsehen – im Gegensatz zu künstlerischen Videos – hat die Tatsache, dass ich eine Ausländerin bin, so viele Vorteile wie Nachteile. Aber ich glaube, dass es sozusagen auch ein Problem ist, dass ich sehr jung bin im Vergleich mit Deutschen, die mit 30 Jahren zu arbeiten anfangen. Es ist auch nicht mein Ding, die Ellenbogen zu gebrauchen: Ich setze mehr auf Charisma als auf Aggressivität und ich bin übrigens auch nicht so ernst.

Aber im Bereich der Videos von Aktivisten gibt es meistens Männer, deutsche Männer. In dieser Welt ist eine Frau oder Ausländerin zu sein ein Nachteil. Sie behandeln mich oft wie einen Mann und das stört mich. Ich bin keine Hardcore-Feministin. Ich freue mich drauf, dass wir Rechte bekommen haben, die zu lange nicht existierten. Ich denke aber nicht, dass wir so wie Männer sein sollten. Ich mag die Verteilung der Genres; ich mag es, meine Handtasche zu tragen und sowas... (lacht)

Wie würdest die drei Konzepte von Weiblichkeit, Kreativität und „Fremdheit" zusammensetzen?

Meine Muttersprache ist Französisch und ich denke, dass das ein Vorteil ist: Die Deutschen mögen Exotik. Sie nehmen mich nicht so ernst, aber ich habe keine Lust darauf, meine Show abzuziehen. Aber ich habe bemerkt, dass sie mich trotzdem ziemlich ernst genommen haben, nachdem ich die Doku veröffentlicht habe.

Ich habe vor nichts Angst und Charisma; ich bin außerdem eine junge, fremde Frau und das zählt auch.

Es stimmt auch, dass ich mein eigenes Ding mache und spreche nicht wirklich darüber, obwohl ich mich auf sozialer Ebene wohl fühle. Wir haben gerade den Film zum ersten Mal gezeigt und ich stehe ein bisschen unter Schock: Es gibt so viele Leute, die ihre Dankbarkeit und Anerkennung beweisen, aber es war total anders während der Arbeit. Es gab viele Leute, die nicht wussten, was wir machen und ich kam vorbei und sie sagten „Ah, hier ist die kleine Belgierin, die Freundin von dem einen...". Und danach haben wir unsere Arbeit gezeigt und sofort wirst du für die anderen interessanter. Ich bin auf mein Projekt stolz, ich bin ein Risiko eingegangen und ich habe viel gearbeitet.

Spielst du manchmal mit deiner Weiblichkeit, um etwas zu erhalten oder Kontakte aufzubauen?

Natürlich spiele ich mit meiner Weiblichkeit und ich denke nicht, dass ich mich dadurch herabsetze. Ich finde Frauen wunderschön, ich sehe gerne eine Haltung, eine Brust oder einen Po. Aber bei mir ist es ziemlich paradox, an mir ist ein bisschen ein Junge verloren gegangen (lacht). Ich spiele mit den beiden Seiten, auch weil ich nicht auf den Mund gefallen und kein Zierpüppchen bin.

Am Anfang habe ich hier keine Dekolletés getragen, weil ich bemerkt hatte, dass die Deutschen sich nicht so wohl damit fühlten. Aber jetzt mache ich das, ich stehe dazu und denke, dass es ihnen gut tut.

Ich habe schon immer mit Weiblichkeit gespielt, aber in dem Sinne, dass ich die Qualitäten zeigen möchte, was gut da dran ist. Ich denke, dass mein Akzent mir mehr als mein Körper hilft, etwas zu bekommen.

Ich bin den anderen gegenüber aufmerksam und das ist wahrscheinlich nicht typisch für Frauen in Deutschland. Dank dieser Zusammensetzung vertrauen mir viele Leute hier und haben Interesse für das, was ich mache. Und wir sind aus romanischen Ländern, du kennst das: am Anfang, als ich die Leute zum Grüßen zweimal geküsst habe, dachten sie, dass ich ein schräger Vogel bin.

Aber sie haben sich daran gewöhnt und finden es jetzt gut (lacht). Ich bin mir bewusst, dass es eine Frage von Erziehung und Kultur ist, aber ich sage mal, ich habe Deutsch gelernt und esse Schweinefleisch, also kann ich euch auch was beibringen! Das gehört zu Integration, ein wechselseitiger Prozess.



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