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Der Drang des Entdeckers

Ein Gespräch mit dem deutschen Beatbox-Meister Mando über die Kämpfe im Ring, die Arbeit als Theatermusiker und die Kommunikation mit Alltagsgegenständen

Massimo Maio
Slideshow
Mando

Mando steht auf der Bühne. Das kennt er bereits seit Jahren, hat viele Beatbox-Kollegen zum Schwitzen und ganze Konzertsäle zum Kochen gebracht. Doch anstelle von jubelnden Hip-Hop-Fans sitzen nun vor ihm mehrere hundert Kinder und Jugendliche, die ihn mit großen Augen anschauen. Mando hat gerade das Intro zum Theaterstück „Klasse Klasse" begonnen. Er hat nichts anderes in der Hand als ein Mikrofon, das er vor seinen Mund hält. Zunächst klingt er wie eine laut tickende Wanduhr, dann nach und nach wie ein ganzes Schlagzeug und am Ende wie ein bebendes Soundsystem aus einem Technoclub. All das ertönt einzig und allein aus seinem Mund. Das ganze Stück über bleibt Mando auf der Bühne und begleitet die Schauspieler mit seinen Geräuschen und den Klängen an seiner Gitarre. „Klasse Klasse" ist ein Maskenspiel, das ganz ohne Dialoge auskommt und lediglich von den Bewegungen der Schauspieler lebt, den expressiven Masken und der ungewöhnlichen Live-Vertonung. Die Schüler im Publikum sind sichtlich erfreut darüber, diesen Theaterausflug nicht geschwänzt zu haben.

Mando ist bereits zweifacher deutscher Meister im Beatboxen und hat mit seiner Crew 4xSample auch schon mal den Titel für das Beatboxen in der Gruppe geholt. Neben seinen zahlreichen Auftritten als Beatboxer studiert er klassische Gitarre in Berlin und macht seit zwei Jahren mit dieser ungewöhnlichen Mischung auch Musik für diverse Theaterprojekte.

Seine erste Inspiration für das Beatboxen stammt wie der Begriff selbst aus dem Hip-Hop. Um auch auf der Straße rappen und tanzen zu können, ohne ein komplettes DJ Set dafür zu benötigen, haben Jugendliche in den USA Ende der Siebziger begonnen, die entsprechenden Beats und Sounds mit dem Mund zu machen. Noch heute ist die Beatbox-Szene eng mit Hip-Hop verknüpft, die großen Beatbox-Battles finden meist in einem von Hip-Hop-Kultur geprägten Rahmen statt. Künstler wie Mando öffnen dieses Feld jedoch enorm und geben der Szene neue Impulse, indem sie sich auch für ungewöhnliche Musikrichtungen und Projekte interessieren und ihrer Neugier nach unentdeckten stimmlichen Möglichkeiten nachgehen.

Mando, du bist zweifacher deutscher Meister im Beatboxen. Wieso gibt es für das Beatboxen einen Meistertitel, den es für andere musikalische Fähigkeiten nicht gibt?

Beatboxen ist zunächst mal ein Handwerk wie ein normales Instrument spielen auch. Man muss seinen Mund ganz schön verrenken und viel üben, bis man überhaupt ein paar vernünftige Töne raus bekommt. Beatboxen ist aber auch eine Mischung, es geht nicht nur um die Musik, sondern es ist auch von der Rivalitäts- und Battlekultur des Hip-Hop geprägt. Man steht sich als Beatboxer sozusagen gegenüber und versucht, sich gegenseitig mit seinen Fähigkeiten einzuschüchtern, macht drei Sachen gleichzeitig, und der andere macht dann vier Sachen und so weiter. Dadurch hat es einen sehr sportlichen Charakter. Das Höher, Schneller, Weiter aus den olympischen Spielen trifft in gewisser Weise auch fürs Beatboxen zu. Wie im Boxring auch, muss man sich auf Tiefschläge des Gegners gefasst machen, muss damit zurechtkommen und versuchen, auf den Beinen zu bleiben. Diese Mischung aus musikalischen und sportlichen Aspekten find ich sehr spannend.

Du schließt ja gerade auch ein Studium in klassischer Gitarre ab. Was war für dich zuerst da, die Gitarre oder das Beatboxen?

Mit sieben Jahren hab ich angefangen Gitarre zu spielen, das Beatboxen kam dann ungefähr 10 Jahre später. Eigentlich wollte ich schon als kleines Kind gerne Schlagzeug spielen, was aber nie geklappt hat, weil es zu laut war und zu teuer und unsere Wohnung zu klein. Die Gitarre wurde dann so das B-Instrument und ist es für mich auch irgendwie geblieben, auch wenn ich nun schon seit 19 Jahren spiele und auf einiges zurückgreifen kann. Das Beatboxen hat aber eine Faszination in mir geweckt, die die Gitarre oder andere Sachen bisher noch nicht hervorrufen konnten. Ich hab damals sofort einen Ehrgeiz entwickelt, hab an mir und meinen Fähigkeiten gearbeitet wie nie zuvor. Das ist wohl auch der Grund, warum ich so viele Erfolge verzeichnen konnte in den letzten Jahren, weil ich wie ein Fanatiker, wie ein Junkie an den Geräuschen arbeite und es mich einfach nicht mehr loslässt. Ich mache das jetzt seit 10 Jahren und denke immer noch „Wow!", will immer noch dazulernen, tausch mich mit anderen Beatboxern aus und sehe darin eine ständige Entwicklung. Ich kann jedem, der das irgendwie spannend findet, nur empfehlen, es einfach mal auszuprobieren oder einen Workshop mitzumachen. Im Prinzip kann das jeder, nur muss man selbst entscheiden, wie viel man dafür übt und wohin man damit kommen will.

Deine Entwicklung geht mittlerweile ja schon so weit, dass du auch Theaterstücke vertonst. Wie kannst du deine musikalischen Fähigkeiten in so eine Produktion einbringen?

Mein erstes Stück ist „Klasse Klasse" in Zusammenarbeit mit dem Theater Strahl in Berlin. Da wurde nach einem spannenden Element für die Inszenierung gesucht und dann sind die über ein paar Ecken auf mich gekommen. Ich wollte das gerne machen, aber nur unter der Bedingung, Gitarre und Beatboxen darin zusammenführen zu können. Das hat sehr gut gepasst und nun läuft das Stück schon seit zwei Jahren sehr erfolgreich, wurde bereits für einige Preise nominiert und hat Spieltermine für die nächsten zwei Jahre.

Bist du bei dem Stück live auf der Bühne mit dabei?

Ja, ich sitze am Rand und man sieht genau, wie ich mit den verschiedenen Mikros arbeite, immer wieder zur Gitarre wechsle und hin und wieder auch ins Geschehen eingespannt werde. Es ist alles komplett live und das macht es für den Zuschauer auch so spannend, weil er sozusagen zwei Geschichten auf einmal geboten bekommt und die Möglichkeit hat, sich mal mehr auf das Schauspiel und mal mehr auf die Geräuscherzeugung zu konzentrieren.

Insofern hat Beatboxen auch was sehr Theatralisches, weil die größte Faszination ja darin liegt, das Ganze live zu sehen und zu beobachten, wie die Sounds produziert werden.

Ja, es gibt auch eine sehr starke Verbindung zur Pantomime. Die Pantomimespieler haben früher ihre Bewegungen auch mit wenigen, aber selber gemachten Geräuschen vertont. Beim Beatboxen ist es genau anders herum. Man macht hauptsächlich Geräusche, bewegt sich dazu aber so, als würde man sie gerade tatsächlich irgendwo herholen. Wenn man z.B. einen Plattenspieler scratchen will, dann macht man dazu automatisch die passende Handbewegung und wenn man ein Didgeridoo imitiert, dann tut man so, als hätte man das Rohr in den Händen und schaut dabei so schräg nach unten. Das geht mit dem Pantomimespielen Hand in Hand, ist eben nur anders verteilt. Deshalb ergänzt sich das Maskenspiel von „Klasse Klasse" auf eine besondere Weise mit dem Beatboxen.

Beatboxen wird ja vor allem mit Hip-Hop in Verbindung gebracht und wird oftmals auch als fünftes Element dieser Kultur bezeichnet. Inwiefern ist da für dich eine Verbindung zum Hip-Hop?

Das Beatboxen ist ganz klar aus dem Hip-Hop entstanden, aber jetzt, 30 Jahre später, ist vielleicht mehr möglich. Man kann Drum and Bass Beats machen, Hörspiele, Theater, Reggae, Dancehall, Techno... Man kann also mit der Kunst, Geräusche und Musik mit dem Mund zu erzeugen, so gut wie alles machen. Man ist eigentlich Geräuschemacher und Musiker in einem. Klar, Beatboxen hat seine Wurzeln im Hip-Hop, hat sich aber mittlerweile so stark weiter entwickelt, dass es nicht mehr nur im Hip-Hop verankert ist, sondern in allen Musikbereichen zu finden ist. Die Songs von Michael Jackson sind z.B. sehr oft mit Beatbox-Elementen bestückt. Oder auch Musiker und Produzenten wie Justin Timberlake oder Timbaland benutzen viele Sounds, die mit dem Mund gemacht werden, um dem Zuhörer ein Gefühl von Wärme und Menschlichkeit zu vermitteln. Das kann Beatboxen besonders gut, weil es eben vom Menschen gemacht ist und damit als vertraut und schön empfunden wird.

Es gibt ja auch ganz andere Musiker wie Bobby McFerrin oder Mike Patton, die als Stimmkünstler gelten und die mit Hip-Hop gar nichts zu tun haben. Sind solche Sachen für dich auch interessant?

Auf jeden Fall! Ich hab zwar selber vor 10 Jahren durch Hip-Hop meinen Bezug zum Beatboxen gefunden, aber es war für mich auch sehr schnell klar, dass ich nicht nur im Hip-Hop-Bereich bleiben will. Ich wollte eher ein Forscher sein und schauen, wie die Rhythmen aus anderen Musikrichtungen funktionieren, was sie ausmacht, was ich dabei noch entdecken kann. Dieser Drang des Entdeckers war bei mir immer sehr stark, deshalb hatte ich bei Hip-Hop schnell das Gefühl, dass die Möglichkeiten sehr begrenzt sind, die Beats und Melodien sich irgendwann ähneln. Ich glaube, es ist für die eigene Entwicklung sehr wichtig, sich auch woanders umzuschauen und zu wissen, was drum herum passiert.

Du sagst selbst, dass man als Beatboxer auch Geräuschemacher ist. Hast du so was wie ein Lieblingsgeräusch?

Ich habe jahrelang an einem Alltagsgeräusch gefeilt, nämlich dem Reißverschluss (Mando macht ein Geräusch, das wie ein herkömmlicher Reißverschluss klingt). Und dann hab ich mir überlegt, dass es ja ganz verschiedene Reißverschlüsse gibt und hab mir ein paar Jahre später den Reißverschluss einer Sportjacke angeeignet (macht ein entsprechendes Geräusch), der ein bisschen höher klingt und so was wie ein Lieblingsgeräusch geworden ist, zusammen mit dem Klang einer Grille (macht ein Geräusch, das wie eine zirpende Grille klingt). So feilt man eben an seinen Sounds.

Du sagtest vorhin, dass das jeder lernen könne. Aber wie viel davon ist wirklich Übung und wie viel ist Begabung?

Ein gutes Gehör ist auf jeden Fall von Vorteil, weil man die Sounds erstmal in seiner Struktur erkennen muss. Auch musikalische Kenntnisse erleichtern das Lernen natürlich. Aber Beatboxen ist sehr vielschichtig und was ich gerade mit den Geräuschen gemacht habe, ist nur ein Teil des Ganzen. Es gibt z.B. aber auch den rhythmischen Bereich, den man mit ganz einfachen Mitteln lernen kann. Ich gebe viele Workshops für Kinder und Jugendliche und fang da oft mit Wörtern an, die sehr rhythmisch sind, wie z.B. „Pizzakatze". Wenn man „Pizzakatze" oft hintereinander sagt, dabei die Vokale weglässt und laut flüstert, wird daraus „P z K z" und damit hat man bereits einen ersten sehr einfachen Beat. Das kann eigentlich jeder machen, weil jeder die Wörter kennt und mit der Sprache vertraut ist. Wenn man jetzt aber jemandem sagen würde, er soll in den Wald gehen und dort die Geräusche imitieren, dann wird es natürlich schon schwieriger und bedeutet viel Arbeit, die nicht unbedingt jedermanns Sache ist. Ich hab auf jeden Fall viel Spaß daran, durch die Straßen zu gehen und die Sounds dort zu erkunden. In Frankfurt hab ich z.B. mal in einer Allee die Stimme eines Vogels so lange analysiert und geübt, bis das Tier mir geantwortet hat und ich nicht mehr wusste, ob ich jetzt der Vogel bin oder er. Das bestärkt einen natürlich sehr in der Arbeit.

Gibt es auch Geräusche, die du unbedingt gerne mal imitieren würdest, aber an die du nicht ran kommst?

Ja, z.B. der Klang eines Flügels, der ist sehr spezifisch. Da ist dieses Hämmerchen, was auf die Saiten schlägt und da sind die Metallsaiten, die den riesigen Klangkörper zum Schwingen bringen. Das ist ein Sound, der bisher unerreicht ist und bei dem ich auch keine Idee hab, wie man den angehen könnte, ohne auf elektronische Effekte zurückzugreifen.

Gibt es bestimmte Musikrichtungen, die du dir stimmkünstlerisch gerne noch aneignen möchtest?

Es gibt schon viele Leute, die ich sehr bewundere, wie z.B. Ricoloop aus Berlin, der ein sehr guter Freund von mir ist und der mit einer Loopmachine arbeitet und dabei hauptsächlich improvisiert. Das bewundere ich sehr und hab mir deshalb vor einiger Zeit auch eine Loopmachine gekauft mit der ich sehr gerne experimentiere. Dann ist da Bobby McFerrin, der für mich ein Urmusiker ist und der einen kompletten Trend gesetzt hat. Beim Beatboxen merkt man sofort, ob jemand eher aus der amerikanischen Hip-Hop-Ecke kommt oder ob er eher aus der musikalisch geprägten Bobby McFerrin-Richtung kommt. Außerdem bewundere ich den französischen Beatboxer Eklips sehr, dessen Stärke vor allem darin liegt, Stimmimitationen mit Beatbox zu kombinieren. Es ist immer sehr spannend und inspirierend, sich mit anderen Stimmkünstlern auszutauschen und sich im besten Fall gegenseitig mit seinen jeweiligen Fähigkeiten zu unterstützen.



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