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Grenzgänger

Interview mit Hannes Lingens über das erste Berliner Umlaut Festival für gegewärtige Musik und Kunst

Massimo Maio
Slideshow
Umlaut Festival

Sprechen wir über Musik, bleibt uns oft nichts anderes übrig, als auf vorgefertigte Stichwörter zurückzugreifen. Kleine Andeutungen reichen oftmals aus, um beim Gesprächspartner einen ganzen Strom an Eindrücken, Klängen und Bildern auszulösen. Dabei entstehen gerne auch sehr vielschichtige und ausufernde Beschreibungen, weil es kaum Musik gibt, die mit einem einzigen Genrebegriff zufriedenstellend charakterisiert werden kann. Um diese vorgefertigten Kategorien gar nicht erst bemühen zu müssen, hat sich das Berliner Umlaut Festival, einfach „Festival für gegewärtige Musik und Kunst" genannt. Ein Festival also, das Musik und Kunst miteinander verbindet und sich auf keine Genregrenzen festlegen und beschränken will.

Das Festival fand vom 8. bis zum 11. Oktober in der Theaterkapelle und dem Atelier AT.18 in Berlin Friedrichshain statt. Veranstaltet wurde es von den drei Berliner Musikern Florian Bergmann, Pierre Borel und Hannes Lingens, die sich selbst in einem sehr weiten musikalischen Feld bewegen und am liebsten Musik machen, die sich kaum einem bestimmten Genre zuordnen lässt. Sie sind alle drei Teil des europaweiten Umlaut Netzwerkes, das Musiker und Künstler aus Brüssel, Paris, Stockholm und Berlin miteinander verbindet und einen intensiven Austausch ermöglicht. Das Festival in Berlin gab diesen Künstlern die Möglichkeit, zusammen zu kommen, ihre gemeinsame Idee auszubauen und einem interessierten Publikum zu präsentieren.

Ein verbindendes Element der sehr unterschiedlich arbeitenden und klingenden Künstler ist die Improvisation. Das Publikum bekommt nicht nur detailliert ausgearbeitete Stücke zu hören, sondern hat in vielen Fällen die Gelegenheit, am Entstehungsprozess der Musik teilzuhaben und die Entwicklung live zu erleben. Die Sounds und Stücke wirken oftmals außergewöhnlich und sind nicht immer leicht zugänglich. In manchen Momenten entsteht aber gerade durch die Konzentration auf den gemeinsam gefühlten Moment, der für Musiker und Publikum der selbe ist, eine besondere emotionale Spannung, die es schafft, für alle Beteiligten die Faszination der Musik erfahrbar zu machen. Nach Genrebegriffen fragt in diesem Moment keiner mehr.

Das Gespräch mit Hannes Lingens fand einen Tag vor Beginn des Festivals statt.

Hannes, ihr bezeichnet eure Veranstaltung als Festival für zeitgenössische Musik und Kunst. Das lässt erstmal einen sehr weiten Assoziationsraum zu. Was genau versteht ihr unter zeitgenössisch?

Wir haben das Festival bewusst so genannt, weil wir vermeiden wollten, dass jemand an ein bestimmtes Genre denkt. Zeitgenössische Musik klingt eben nach neuer Musik, also nach gegenwärtiger, komponierter Musik, was für einen gewissen Teil der Sachen auch zutrifft, aber nicht für alles. Wir haben auch durchaus Interesse daran, dass das Programm ein bisschen verschieden ist. So gibt es z.B. einen Singer-Songwriter, der in gewissem Maße allerdings auch experimentell ist. Und es gibt ein Programm mit Songs von John Dowland, ein Renaissance Komponist. Also es ist nicht alles rein experimentell, aber es ist eben gegenwärtig.

Diese Unbestimmtheit ist von euch also durchaus gewollt. Gibt es dennoch einen Aspekt, der die Kunst und Musik, die ihr ausgewählt habt, irgendwie zusammenhält?

Auf jeden Fall der improvisatorische Ansatz, das Interesse daran, dass alles nicht unbedingt so wird, wie es gestern vielleicht war, dass man bereit ist, das Ganze für den Moment zu machen und nicht einfach nur zu reproduzieren. Das ist auf jeden Fall allen Leuten gemeinsam, die da auftreten. Man kann schon sagen, dass Improvisation die eigentliche Schnittmenge ist, aber eben nicht die Jazzimprovisation, sondern die freie Improvisation.

Bei der Bezeichnung „zeitgenössische Musik" drängt sich mir auch der Gedanke an elektronische Musik auf. Bei eurem Programm fällt aber auf, dass nur sehr wenige elektronische Elemente mit dabei sind. Ist das mit Absicht so gewählt?

Also es dreht sich ja alles auch um das Umlaut-Netzwerk. Wir haben für das Festival keinen musikalischen Schwerpunkt, weil unser primäres Anliegen ist, die Musiker des Netzwerkes zusammen zu bringen. Das sind Leute, die wir sehr schätzen für das, was sie tun. Und wir wollten, wie gesagt, kein Festival für ein bestimmtes Genre machen, sondern eines, das bewusst auf Begrenzungen verzichtet. Die Musiker, die bei uns auftreten, sind eigentlich alle Grenzgänger und das entspricht unserem Anliegen. Wir haben Sachen dabei, die mit Tanz arbeiten und auch mit Kunst. Zwei Veranstaltungen finden auch im AT 18 statt, einem Atelier hier in Friedrichshain.

Setzt ihr bewusst auch auf die Verwischung der Grenzen zwischen Musik und Kunst?

Wir wollten gerne deutlich machen, dass das Festival nicht rein auf Musik beschränkt ist. Teilweise hat die Musik bei uns auch einen installationsmäßigen Anstrich oder auch was Performanceartiges. Und in unserem Bewusstsein ist es auf jeden Fall Kunst, was da stattfinden soll.

Es ist zudem auch in unserem Interesse, mal andere Leute anzusprechen, als es vielleicht sonst der Fall ist, wenn man ein Konzert mit improvisierter oder neuer Musik ankündigt. Das ist dann oft so spezifisch, dass viele Leute sich ausgeschlossen fühlen. Wir versuchen mit unserem Programm und unserer Werbung auch Leute zu erreichen, die sich eher für Kunst als für Musik interessieren. Und am liebsten wollen wir auch Leute erreichen, die sich bisher noch gar nicht so sehr für Zeitgenössisches begeistern konnten. Ich erlebe das eigentlich ziemlich oft, dass Leute sagen, dass sie gar nicht gedacht hätten, wie sehr sie diese Musik berühren würde, dass sie immer dachten, das wäre alles abstrakt und unverständlich und dann eben doch berührt sind. Es ist auf jeden Fall unser Wunsch, dass die Menschen bei unserem Festival solche Erfahrungen haben.

Was tut ihr dafür, um dieses Anliegen umzusetzen?

Wir versuchen, über die Insiderkreise hinaus zu werben, wissen aber auch, dass man das noch viel besser machen könnte. Wir machen das alles ja ohne Budget und haben alle viele andere Sachen zu tun. Deshalb haben wir auch öfter mal den Gedanken, dies oder jenes beim nächsten Mal anders und besser zu machen.

Wie erlebt ihr Berlin als Standort für solch ein Festival?

Berlin ist praktisch wie ein Magnet für Menschen, die sich für das Hier und Jetzt in der Musik interessieren. Vielleicht ist es für solche Leute auch einer der weltweit interessantesten Orte im Moment. So ein Festival z.B. in Hannover hochzuziehen, wäre, glaub ich, unmöglich. Wir haben das ja wie gesagt alles ohne Budget organisiert und haben jetzt diese 25 oder 30 Künstler zusammen, die alle bereit sind ohne Gage zu spielen und die teilweise aus Brüssel oder Paris anreisen, um hier ein paar Tage zu verbringen. Das ist vielleicht ohnehin ganz interessant für jemanden aus Paris, ein paar Tage nach Berlin zu kommen um zu schauen, was hier sonst noch passiert.

Was interessiert und begeistert dich persönlich denn am Musik machen?

Für mich hat sich herausgestellt, dass freie improvisierte Musik die optimale Kommunikationsform ist. Je weiter ich da vordringe, desto überzeugter bin ich, dass das für mich am besten passt. Ich hab ein Musikstudium abgeschlossen und alles, aber bei der Improvisation hat man die Möglichkeit, Leuten von null auf hundert zu begegnen, man trifft sich und es geht los. Es ist nicht unbedingt immer brillant, wenn man sich zum ersten Mal trifft, aber es ist eine ganz bestimmte Form der Kommunikation, die dadurch möglich ist. Ich beschränke mich aber nicht nur auf freie Improvisation, sondern mache auch viele andere Sachen irgendwo zwischen aktuellem Jazz, komponierter Musik oder auch Theatermusik, die dann eben nicht mehr frei ist, sondern sich sehr nach dem Stück richtet. Es geht wohl den meisten Künstlern, die bei diesem Festival auftreten, so, dass sie ständig mit solchen Grenzen konfrontiert sind. Man hat ein Projekt, möchte damit irgendwo spielen und dann stellt sich die Frage: kann ich das in einem Jazzclub unterbringen oder geht es denen dann schon zu sehr in Richtung komponierter Musik oder ist es ihnen schon zu experimentell oder abstrakt. Teilweise ist es auch umgekehrt, dass es den Orten für experimentelle Musik zu freundlich ist oder zu melodisch oder ich weiß nicht was. Es wundert mich manchmal, dass die Leute diese Stilistikgrenzen so ernst nehmen. Das tun wir jedenfalls nicht und das soll dieses Festival auch zum Ausdruck bringen.

Seid ihr so euphorisch, dass ihr bereits Pläne für ein weiteres Umlautfestival habt?

Als wir dieses Jahr angefangen haben zu organisieren, kamen uns bereits sehr früh auch Ideen für das nächste Jahr und ich würde sehr gerne daran anknüpfen. Wir versuchen, das Festival jetzt so gut wie möglich zu dokumentieren, damit wir dann vielleicht die Möglichkeit haben, Anträge zu stellen und solche Sachen. Das wäre schon phänomenal, nächstes Jahr ein Festival mit Budget zu machen! Grundsätzlich war es auf jeden Fall unser Anliegen, das Umlaut Netzwerk zu erweitern und ein weiteres Festival wäre dafür schon super.

Das Umlaut Festival bei myspace:

www.myspace.com/umlautfestival



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