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Ein Bedürfnis nach europäischer Sensibilität

Ein Interview mit Vincent Favrat über den Rolls Royce der Musikfestivals, die positiven Aspekte der Krise in der Musikindustrie und die vielversprechende Zukunft des Radios

Massimo Maio
Vincent Favrat

Die Schweiz liegt mittendrin, gehört aber noch immer nicht dazu, zur mittlerweile 27 Nationen umfassenden Europäischen Union. Das kleine Land geht in vielerlei Hinsicht ganz eigene Wege, die keineswegs an Europa vorbeiführen müssen, sondern manchmal auch mitten in das Herz der europäischen Kulturszene hinein. Das Montreux Jazz Festival ist eines der großen Events in der Schweiz, das die europäische und internationale Jazzwelt einmal jährlich am Genfer See vereint. Seit 1968 findet das Festival bereits statt und ist mittlerweile zu einem der weltweit renommiertesten Festivals für Jazz, Rock und Pop geworden.

Vincent Favrat hat das Festival zwei Jahre lang als Pressesprecher begleitet und die aktuellen Entwicklungen und den Umgang mit der weltweit beschworenen Krise der Musikindustrie in Montreux miterlebt. Neben seiner Tätigkeit als Pressesprecher hat Favrat auch bei der Programmgestaltung des schweizerischen Klassik- und Jazzsenders Mezzo-TV mitgewirkt. Seit über einem Jahr ist Favrat nun Entwicklungsmanager bei dem Schweizer Radiosender Radio Jazz International. Dieser widmet sich ausschließlich der Jazzmusik und ist dabei der erste seiner Art in Europa.

Vincent, du hast bereits für viele erfolgreiche und etablierte Projekte gearbeitet, bei denen immer die Musik im Mittelpunkt stand. Bist du denn selbst auch Musiker?

Nein. Ich habe einige Jahre Saxophon gespielt, aber nur als Hobby. Es ist mir immer sehr wichtig gewesen, dass ich kein richtiger Musiker bin, sondern dass ich viel mehr auf der organisatorischen Seite der Musik und der Kunst stehe. Ich bin froh, dass ich ein Instrument spiele, aber ich glaube, es ist nicht notwendig, ein professioneller Musiker zu sein, um ein guter Produzent oder Veranstalter sein zu können.

Woher kommt deine spezielle Faszination für Jazzmusik?

Das besondere an Jazz ist, dass es eine sehr offene Musik ist. Man muss einerseits gut ausgebildet sein, kann sich auch auf intellektuelle Weise mit Jazz befassen, gleichzeitig gibt es aber auch eine starke Öffnung für den Moment und die Improvisation. Ich finde es sehr interessant, dass in einer Jazzband, jeder auf seine sehr individuelle Weise spielt und trotzdem alles miteinander stattfindet. Es gibt das Individuum, die Band, das Publikum und die Gesellschaft und diese verschiedenen Ebenen interagieren miteinander.

Zudem finde ich Jazz sehr interessant, weil es mit dem Jazz zum ersten Mal eine Mischung in der Musik gab, die auch kompliziertere Rhythmen und Harmonien integriert und die Musik sehr geöffnet hat. So sind auch spätere Musikrichtungen wie Rock n Roll, Funk, Soul und auch die elektronische Musik auf Jazz zurückzuführen. Und deshalb ist das Montreux Jazz Festival auch kein reines Jazzfestival, sondern versteht sich als ein Musikfestival für Jazz, Pop, elektronische, zeitgenössische Musik mit einer starken Öffnung auch für neue Entwicklungen in der Musik.

Diese Öffnung ist in Montreux in den letzten Jahren sehr ausgeprägt gewesen. Die Festivals wurden von Namen wie Alice Cooper, Travis oder Black Eyed Peas dominiert. Bands, die mit Jazz nicht viel zu tun haben, die aber so groß sind, dass sie das Line-up stark prägen. Gibt es denn Schwierigkeiten, mit Jazzacts genügend Publikum zu erreichen?

Montreux ist da sehr speziell, weil es keine große Stadt ist. Das Publikum kommt von außerhalb, aus der Schweiz aber auch aus der ganzen Welt. Und man muss immer diese Balance halten zwischen populärer Musik, damit die Tickets verkauft werden und sehr bestimmten, spezialisierten Bands.

In Montreux gibt es insgesamt unglaublich viele Konzerte. Wenn man sich das ganze Line-up ansieht, merkt man, dass es genau so viele Jaccacts gibt wie auf anderen Jazzfestivals. Es ist eine Mischung aus sehr großen Popacts und vielen bekannten Jazzacts. Zudem gibt es viele improvisierte Events und Konzerte, die nicht geplant werden und die oft nur einen Tag vorher angekündigt werden. Viele Jazzkünstler, vor allem amerikanische Musiker, sind es gewöhnt, sich in Montreux zu treffen, weil es eine familiäre Sache ist. So kann man vielleicht Monty Alexander oder irgendeinen anderen großen Star auf einer offenen Bühne erleben, ohne Eintritt zu zahlen. Die besten Konzerte in Montreux sind nicht unbedingt die, die auf der Hauptbühne stattfinden.

Gibt es bei der Größe des Festivals denn auch Platz für junge und interessante Jazzbands, die die Veranstaltung für sich und ihren Erfolg nutzen können?

Montreux hat zwei Seiten. Es gibt einerseits die Stars, aber es gibt auch viele Workshops, die zusammen mit der neuen Generation stattfinden. Montreux ist eine Begegnungsstätte für Musiker und Publikum. Und es gibt internationale Wettbewerbe, mit einer Jury aus großen Stars und Presseleuten. Viele Musiker aus Europa und der ganzen Welt nehmen daran teil, um vielleicht einen der Montreux Jazz Festival Preise zu bekommen. Viele Musiker, die jetzt sehr groß sind, haben mit so einem Preis angefangen. So gibt es in Montreux viele neue Entdeckungen und wer dort Erfolg hat, der hat auch großen Chancen auf gute Plattenverträge und weiteren Erfolg.

Es wird in den letzten Jahren ja oft und ausführlich über die Krise in der Musikindustrie gesprochen, meist in Verbindung mit der Digitalisierung von Musik und der Verbreitung durch das Internet. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf den Bereich des Jazz?

Es kommt darauf an, welche Aspekte man dabei betrachtet. Dass die Plattenindustrie stirbt, das ist sicher. Es gibt keine Möglichkeit, dass es nicht geschieht. Aber das Ganze hat auch eine Kehrseite, denn der Livemusikmarkt ist stark gewachsen und viele Gruppen sind zurück auf die Bühne gekommen, was dem Publikum eine Vielzahl an Möglichkeiten eröffnet. Die Live-Musikbranche ist stärker als je zuvor, auch weil das Publikum bereit ist, mehr Geld für Konzerte auszugeben. Musikliebhaber hatten vorher ein Budget für CDs, das sie jetzt auch für teurere Konzerte aufwenden können. Montreux hat immer einen sehr hohen Preis gehabt, es wollte immer der Rolls Royce unter den Festivals sein und deshalb hat es immer viel Geld ausgegeben, um z.B. die besten akustischen Konditionen zu schaffen und dem Publikum damit eine Art Traumerfahrung bieten zu können. Das war immer sehr wichtig, kostet aber auch viel Geld.

Du arbeitest ja auch für „Radio Jazz International", einen Schweizer Radiosender, der ausschließlich Jazzmusik spielt. Wie erlebst du die Nachfrage und das Interesse für solch ein Spartenprogramm?

Das Feedback ist sehr gut. Es ist der erste Radiosender in Europa, der 24 Stunden lang Jazz sendet. Angefangen hat das Ganze 1997 im Internet. Der Gründer hat damals schon sämtliche Namen und Domains rund um Radiojazz gekauft, was sehr klug war. Er ist ein großer Jazzliebhaber, hat eine sehr große Sammlung von 100 000 Platten und hat einfach seine eigene Sache aufgebaut. Ich war sehr beeindruckt von der Qualität des Programms, das ohne Werbung und Marketing mittlerweile 600 000 Hörer im Monat hat! Die Idee dahinter ist, eine Community aufzubauen für Personen, die in der Jazzbranche sehr wichtig sind, wie z.B. der Direktor vom Newport Festival, Claude Nobs vom Montreux Festival oder auch Quincy Jones. Wir haben bisher 30 große Musiker als Paten gewinnen können und die Idee ist, diese Leute zusammen zu bringen, um sehr spezielle Events zu veranstalten. Nicht aus kommerziellen Gründen, sondern einfach, um Begegnungen zu schaffen, zwischen Künstlern, die bisher vielleicht noch nicht zusammengespielt haben, das aber gerne mal tun würden. Diese Konzerte werden dann live auf Radio Jazz International übertragen.

Glaubst du, dass so ein Projekt wie Radio Jazz International ohne Internet auch möglich gewesen wäre?

Nein, denn auf analogem Weg sind Radiosender immer sehr national ausgerichtet. Wenn man einen deutschen FM-Kanal hören möchte, muss man in Deutschland sein. Es ist sozusagen nicht möglich, ein europäisches Projekt zu schaffen. Jetzt stecken wir in diesem Europaprozess und ich glaube, dass es wirklich ein Bedürfnis nach kulturellen Objekten und Medien gibt, die eine europäische Sensibilität besitzen. Und dem wollen wir gerne mit Radio Jazz International nachgehen. Ich bin überzeugt, dass Radio nie mehr dasselbe sein wird. Wer nur FM Radio hören will, hat eine Auswahl von vielleicht 50 Sendern und oftmals keinen guten Empfang. Wenn man sich auf digitales Radio konzentriert, bekommt man oft sehr guten Klang und hat nicht nur 50 sondern 4000 Radiosender. Schon jetzt kann man auch über Handy problemlos Internet empfangen, sodass es kaum Zweifel daran gibt, dass digitales Radio in den nächsten zwei bis drei Jahren in der ganzen Welt dominieren wird.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Entwicklung des Internets nicht nur negative Folgen für die Musikindustrie hat.

Ja, ich glaube, die Künstler sind nicht böse auf das Internet. Ich glaube auch, dass, wenn die Musikindustrie zu viel mit Geld zu tun hat, das kein Vorteil für Europa ist. Denn wir haben es versäumt, einen einheitlichen europäischen Markt zu schaffen. Das Verlagswesen funktioniert in Frankreich anders als in Deutschland anders als in England. Das ist totaler Mist, wir haben diesen Markt nicht organisiert. D.h. wenn Musik sehr kommerziell wird, dann wird vieles aus Amerika kommen, weil es dort einen einheitlichen Markt für drei Mio. Personen gibt. Wenn es aber beispielsweise eine sehr starke deutsche Band gibt, heißt das noch lange nicht, dass daraus ein erfolgreicher europäischer Act wird. Da gibt es ein sehr großes Problem. Und ich glaube, die Lösung dafür wird sich erst durch gemeinsame europäische Medien und kulturelle Artefakte ergeben.

Siehst du denn deine persönliche Zukunft auch im Bereich der Musikbranche?

Das kann ich nicht wirklich sagen. Ich habe auch Filmregie studiert und ich werde vielleicht auch diese Seite weiter vertiefen. Aber ich möchte gerne zunächst mal die Sache mit Radio Jazz International weiterführen, um daraus einen Erfolg in Europa zu machen. Und dann werde, ich glaube, ich nicht mehr so viel für die Musik, sondern mehr mit der Musik arbeiten. Auch bei meiner Arbeit für das Montreux Jazz Festival lag mein Interesse nicht hauptsächlich darin, für die Presse zu arbeiten, sondern darin, das Festival und seine Strukturen von innen kennenzulernen.

Welche Art von Musik liegt dir dabei besonders nahe?

Ich habe z.B. in den letzten fünf Jahren zusammen mit anderen Musikern ein Projekt geschaffen, das sich „Stade" nennt. Das ist improvisierte, elektronische Musik mit Samplern, die als Liveinstrumente genutzt werden und nicht nur für Studioarbeiten. Die musikalische Entwicklung, die mich momentan am meisten interessiert, ist der kreative Umgang mit elektronischen Instrumenten. Denn elektronische Musik ist nicht unexpressiv sondern sogar oft noch expressiver als Instrumentalmusik!



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