Vom 14. August bis 12. September findet in Berlin das Internationale
Klangkunstfest statt. Unter dem Titel „Tiefklang" widmet es sich in
diesem Jahr der Erkundung und akustischen Vermessung fast vergessener
Orte unter der Oberfläche Berlins. Die Veranstaltungen finden in dem
nie fertig gestellten U-Bahnhof in der Dresdener Straße und in den
„Nordräumen" des U-Bahnhofs Gesundbrunnen statt. Diese
außergewöhnlichen Resonanzräume unter der Erde bieten internationalen
Musikern, Klang- und Performancekünstlern eine inspirierende Plattform
für ihre Arbeiten. Eine dauerhafte Klangausstellung in den „Nordräumen"
begleitet das Festival und vereint visuelle, auditive und auch
haptische Arbeiten, die in ständiger Interaktion mit den Klängen und
Vibrationen der vorbeifahrenden S- und U-Bahnen stehen. Thomas Gerwin
ist Initiator und Veranstalter dieses bereits zum fünften Mal
stattfindenden Festivals. Er ist zudem international bekannter
Komponist, Hörspielautor und Klangkünstler und lebt seit vielen Jahren
in Berlin.
Herr Gerwin, wie erleben Sie während des Festivals das Interesse der Berliner Bevölkerung an der Klangkunst?
Ich bin mit der Resonanz ganz zufrieden. Es ist sogar ein bisschen
mehr, als ich es eigentlich haben wollte, weil es ja wirklich sehr
spezielle Räume sind. Wenn das große Hallen wären, dann könnten wir
noch mehr Leute rein lassen, aber viel mehr hätten nun nicht mehr
reingepasst. Das Interesse ist schon sehr gut und es baut sich langsam
auf. Berlin ist ja mittlerweile ein bisschen die Hauptstadt der
Klangkunst kann man sagen. Alle internationalen Kollegen, die ich
kenne, haben mindestens ein Zimmer in Berlin oder einen guten Freund,
den sie oft besuchen, weil hier einiges los ist und auch ständig neue
Sachen entstehen.
Ist es auch Ihr Anliegen, mit solch
einem Festival die Menschen für Klangkunst zu sensibilisieren und neues
Interesse zu wecken?
Ja. Das ist im Prinzip fast mit jeder
Arbeit so, dass es auch eine Art Wahrnehmungserweiterung oder
Sensibilisierung ist. Ich hab ja auch viel mit Soundscape zu tun gehabt
und habe z.B. das World Forum mit gegründet, das 1998 in Stockholm zu
einer Weltorganisation wurde. Und in meine Arbeiten fließt ganz viel
ein, was ich von Soundscapes gelernt hab, also wie die Klanglandschaft
aufgebaut wird, wie sich alles gegenseitig kommentiert, kontrapunktiert
und aufbaut mit verschiedenen Zonen und so. Das ist immer ein bisschen
ein Anliegen von meinen Klangkunstarbeiten und auch meinen konzertanten
Sachen, die Wahrnehmung zu erweitern. Und auch natürlich Spaß zu
machen! Also es geht nicht um Provokation oder solche Sachen, das kann
man zwar machen, wenn es dem Thema entspricht, aber der Inhalt ist für
mich am wichtigsten.
Wie setzen Sie das um? Wie ermöglichen Sie mit Ihren Arbeiten eine Erweiterung der Wahrnehmung?
Das ist sehr unterschiedlich, aber es gibt z.B. eine Werkgruppe, die
ich 2000 zum ersten Mal gemacht habe, die heißt „Soundscape Nr. X". Das
sind so weiße Stehlen, die im Raum verteilt sind und denen Klang oder
Duft entströmt. Da kann man sich durch bewegen und das ist eine
Umgehensweise mit gestaltetem Klang, die eine Art Interaktion auch
ermöglicht, ein sich-einlassen. Da wird z.B. auch ganz evident, dass je
länger man hört, man desto mehr auch hört.
Was macht für Sie persönlich die Faszination an der klangkünstlerischen Arbeit aus?
Das ist die Faszination am Hören und auch die Faszination am Entdecken.
Also eine Skulptur unterscheidet sich ja von einer Installation
dadurch, dass sie am liebsten einen White Cube haben will. Die Skulptur
steht ganz für sich und möchte einen Raum drum herum haben, der
möglichst wenige Eigenschaften hat, um nicht vom Werk abzulenken. Die
Installation hingegen lässt sich auf den Raum ein und funktioniert
vielleicht gar nicht ohne den Raum. Die ist natürlich abhängig dadurch,
aber andererseits auch vererdet und angebunden, die schwirrt nicht da
rum, sondern ist wirklich hier und jetzt.
Sie arbeiten
als Künstler, haben aber auch Komposition und elektronische Musik
studiert. Wie würden Sie den Unterschied sehen zwischen dem
klangkünstlerischen Arbeiten und dem musikalischen Arbeiten?
Das
ist eigentlich ein großer Unterschied, aber für mich persönlich nicht.
Ich weiß von vielen Kollegen, die ganz anders ran gehen, aber für mich
ist im Prinzip alles irgendwie Musik. Also selbst wenn wir hier
zusammensitzen und es gibt ein Geben und Nehmen und Rhythmen, das kann
man auch als Musikstück auffassen. Insofern unterscheidet sich auch die
Verortung und Anordnung von Klängen in Raum und Zeit nicht wesentlich
von einem Konzert. Ich finde eben auch Konzertformen interessant, die
es ermöglichen, andere Formen des Hörens zu finden. Meist gibt es in
Konzerten ja nur eine ganz bestimmte Art des Hörens, nämlich dass man
nur dasitzt, mucksmäuschenstill ist und sich nur konzentriert. Doch es
gibt ja 50 000 Arten des Hörens, und es ist manchmal auch interessant,
nicht die ganze Aufmerksamkeit zu haben, oder sich sogar zu zerstreuen,
das finde ich total spannend.
Die Stadt als Klangraum bringt ja eine unheimliche Fülle an Klangereignissen mit sich. Wie erleben Sie das?
Es ist oft nicht schön, aber total interessant. Manchmal sind nicht so
schöne Sachen interessanter als schöne. Ich finde es vor allen Dingen
interessant, wenn es einen Aufbau hat. Ein Musikstück ist ja oftmals
organisiert auf eine bestimmte Weise, und hat bestimmte
innermusikalische Gründe, z.B. harmonische oder rhythmische. All das,
was uns umgibt, hat auch bestimmte Gründe, allerdings nicht
musikalische. Und das ist aber oftmals viel interessanter, weil das
könnte ich mir überhaupt nicht ausdenken. Zunächst denke ich
vielleicht, es passt nicht zusammen, aber danach merke ich, es ist
perfekt.
Wenn Sie jemandem ein ganz besonderes Klangerlebnis in Berlin schenken wollten, welchen Ort würden Sie wählen?
Was ein sehr interessanter und wirklich toller Platz ist, aber auch
weil ich ihn eben kenne, ist hier die Brücke über die Spree. Da ist
nämlich eine S-Bahn, da kommen ab und zu Schiffe, da ist ein Spielplatz
mit Kindern in der Nähe, da kommen Leute hoch mit Koffern z.B., die
dann zur S-Bahn müssen und das ist unglaublich reich und interessant.
Und je nachdem, wie der Wind steht, ist mal das eine mehr und mal das
andere. Aber es gibt eigentlich keinen Ort, der nicht interessant ist.
Es sei denn irgendwelche Leute verbinden irgendwelche Interessen damit,
einen zuzudröhnen und man wird die ganze Zeit mit Musik beschallt, in
Restaurants oder Kaufhäusern oder so, das ist dann langweilig oder auch
wirklich lästig.
Aber ich empfinde es eher so, dass Klänge Lebewesen
sind. Und wenn man das so anfasst, dann ist es total interessant zu
sehen, was sie miteinander machen. Das ist auch ein Unterschied
zwischen Klangkunst wie ich sie verstehe und klassischer Komposition.
Eine klassische Partitur ist eigentlich ein Zahlenwerk, das vom
Orchester ausgefüllt wird und in der Klangkunst bin ich eher wie ein
Regisseur, der mit Akteuren umgeht, die ich aussuche und die sich im
Laufe der Zeit auch verändern und was miteinander machen, das ich
vielleicht gar nicht wollte. Und da muss man immer auch selbst ein
bisschen lernen und wahrnehmen, sich auch trauen, erstmal noch nicht
Bescheid zu wissen, was die Arbeit natürlich viel spannender macht.