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Von Hanoi nach Berlin - Eine Reise, die noch nicht zu Ende ist

Ina Wolf
Thuy Tran-Thanh
Thuy Tran-Thanh

"Berlin ist irgendwie nicht Deutschland, hier kommen so viele Nationen zusammen", hat Thúy mal gesagt. Sie lebt seit acht Jahren in Berlin und hat auch nicht vor, die Hauptstadt zu verlassen.

Thúy Tran-Thanh ist eine zierliche junge Frau, die schon einige Hürden in ihrem Leben gemeistert hat. Sie kommt aus Hanoi, der Hauptstadt Vietnams und ist vor elf Jahren mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen. Ihr Vater war zu dem Zeitpunkt schon etwa zehn Jahre in Deutschland als Gastarbeiter beschäftigt. Die Familie kam endlich zusammen. Sie begannen ihr neues Leben in einer Kleinstadt in Brandenburg und landeten schließlich in Berlin. Thúy war 14 Jahre alt, als sie nach Deutschland kam und sprach kein Wort Deutsch. Heute ist sie 25 Jahre alt, frisch verheiratet und schließt dieses Jahr ihr Studium ab.

Wie sah dein Start in Deutschland aus?

Am Anfang war es sehr schwer, denn ich konnte überhaupt kein Deutsch. Wir haben zuerst in Bernau, in einer kleinen Stadt in Brandenburg, gelebt. Dort habe ich zwei Monate lang einen Sprachkurs besucht und bin danach gleich auf die Gesamtschule in Bernau gekommen. In der Schule war ich aber nicht gut, weil ich die Sprache noch nicht beherrscht habe.

Wie wurdest du in Deutschland aufgenommen?

In der Gesamtschule in Bernau war ich die einzige Vietnamesin der Schule. Ich war sehr schüchtern und außerdem ja nicht besonders gut, weil ich vieles noch nicht verstanden habe. Es gab immer Mitschüler, die sehr frech zu mir waren. Aber andererseits habe ich trotzdem sehr nette deutsche Mitschüler und Freunde gehabt, die mir geholfen haben und auch meine damalige Klassenlehrerin hat mich sehr unterstützt. Zwischen Brandenburg und Berlin gab es aber nochmal einen Unterschied. In Brandenburg war ich schon mal Ausländerfeindlichkeiten ausgesetzt und wurde zum Beispiel von Jugendlichen in der Bahn oder auf der Straße beschimpft. In Berlin war das anders, ich habe viele andere Vietnamesen kennengelernt und wurde so nach und nach viel offener.

Und wie war es dann in Berlin?

Wir haben etwa drei Jahre in Bernau gelebt, bevor wir nach Berlin gezogen sind. Hier habe ich noch mal zwei Monate einen Sprachkurs besucht und kam dann in die neunte Klasse einer Gesamtschule. Das war wieder besonders schwer für mich, weil ich von da an in jedem Fach benotet wurde und alles schon vorbereitend fürs Abitur war. Ich musste wirklich viel lernen. Aber ich habe in der Schule meinen Freund kennengelernt. Er ist auch Vietnamese und ist insgesamt schon vier Jahre länger in Deutschland als ich. Er hat mir sehr geholfen und mich fast dazu gezwungen, mein Abitur zu machen und viel zu lernen. Ich wollte eigentlich eine Ausbildung machen und wäre schon früher von der Schule abgegangen. Mit seiner Hilfe habe ich dann mein Abitur bestanden und angefangen, an der Freien Universität Berlin Ostasienwissenschaften zu studieren. Dieses Jahr werde ich meine Bachelorarbeit schreiben und habe mein Studium dann abgeschlossen.

Wie war dein erster Eindruck von Deutschland, als du hierher gekommen bist?

Für mich war es wie eine andere Welt, als ich vom Flughafen zu meinem neuen Zuhause gefahren bin. Es war Winter und ich habe zum ersten Mal Schnee gesehen und angefasst, das war wirklich sehr schön. Aber ich habe mir Deutschland anders vorgestellt: Im Vergleich zu Vietnam ist es ein sehr ruhiges Land.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Deutschland und Vietnam?

Ich finde die Unterschiede sind sehr groß, weil Deutschland und Vietnam einfach zwei völlig verschiedene Staaten sind mit unterschiedlichen politischen Systemen und Gesetzen und auch die Kulturen unterscheiden sich sehr. Die Leute sind einfach ganz verschieden. In Vietnam scheint alles viel komplizierter zu sein und das Leben dort ist stark von Konkurrenz geprägt.

Wie sind die Jugendlichen in Hanoi, der Hauptstadt Vietnams?

Die Jugendlichen in Vietnam bzw. in Hanoi sind den deutschen Jugendlichen ein bisschen ähnlich, sie unternehmen ähnliche Dinge. Die Jugendlichen in Vietnam werden nämlich mehr und mehr vom Westen beeinflusst und nehmen neue westliche Lebensgewohnheiten an.

Was gefällt dir an Vietnam?

Ich mag die vietnamesische bzw. allgemein die asiatische Kultur. Zum Beispiel schätze ich sehr, dass sie viel Wert auf die Familie legen. Wir verbringen viel Zeit mit unseren Familien und sehen es als Pflicht an, gut miteinander umzugehen. Allgemein ist die Beziehung unter den Menschen in Vietnam viel enger und hat einen hohen Stellenwert. Ich finde gut, dass sich das Land im Moment sehr verändert; Vietnam hat einen Platz in der Globalisierung eingenommen und öffnet sich mehr und mehr nach außen.

Wie sehen die Vietnamesen Deutschland?

Alle Vietnamesen wollen nach Deutschland bzw. allgemein nach Europa kommen. Sie haben ein sehr gutes Bild von Deutschland. Sie glauben, dass hier alles einfacher ist und sie viel mehr Möglichkeiten haben, an Arbeit zu kommen und Geld zu verdienen.Aber wenn sie hierher kommen, erleben die meisten erstmal einen Rückschlag. Vor allem die Sprache ist in der Regel anfangs ein großes Problem. Außerdem glauben sie auch oft, dass sie sich hier in Deutschland leicht selbstständig machen können. In Vietnam geht das nämlich, hier sieht das dann natürlich viel schwieriger aus.

Und wie lief es bei deiner Familie?

Meine Eltern haben anfangs in deutschen Firmen gearbeitet. Inzwischen besitzen sie einen kleinen Laden. Aber das ist auch nicht so einfach. Es reicht für den Lebensunterhalt, aber nicht für mehr. Vor allem jetzt in der Zeit der Wirtschaftskrise läuft es nicht so gut.

Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Willst du irgendwann nochmal in den Vietnam zurückkehren?

Mein Freund, den ich in der neunten Klasse hier in Berlin kennengelernt habe, und ich haben letztes Jahr geheiratet. Wir sind jetzt fast zehn Jahre zusammen. Er hat letztes Jahr sein Diplom gemacht und einen Job gefunden. Ich werde dieses Jahr auch mein Studium abschließen. Wie haben eigentlich nicht vor, in den Vietnam zurückzukehren. Wir werden erstmal in Deutschland bzw. in Berlin bleiben. Unsere Eltern sind in Berlin und wir wollen gerne in der Nähe bleiben. Aber vielleicht machen wir im Sommer einen Monat Urlaub im Vietnam.

Du bist jetzt seit zehn Jahren in Deutschland. Meinst du, dass du das Land, die Kultur und die Leute jetzt richtig kennst?

Ich bin inzwischen viel offener und selbstbewusster, als ich es am Anfang war. Ich kenne viele Deutsche, durch die ich immer wieder neues in er deutschen Kultur entdecke und lerne, was ich vorher noch nicht gewusst habe. Und auch von den Vietnamesen hier lerne ich etwas über die Deutschen, wenn wir uns darüber austauschen. Und je mehr ich erfahre, desto größer wird mein Interesse. Ich denke das ist einfach ein unaufhörlicher Prozess.



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