Es gibt Völker, die heute noch leben wie vor Hunderten von Jahren. Oder die einen Mittelweg gefunden haben zwischen ihrer Tradition und Kultur und der Moderne. Aber wie lange können solche Lebensbedingungen in dieser Zeit stand halten?
Die "badawi", bei uns Beduinen genannt, leben auch heute noch als Wüstenbewohner in den Wüsten und Steppengebieten des Nahen Ostens und Nordafrika, zum Beispiel in den arabischen Wüsten, der Sahara, im Sinai oder in der israelischen Negevwüste.
Bis zum Beginn des 20. Jh. waren sie alle noch Vollnomaden, die mit ihren Besitztümern, also vorwiegend ihren Kamel-, Ziegen- und Schafherden sowie ihren Zelten stetig auf Wanderschaft waren und von den Erzeugnissen der Herden und vereinzelt von Raubüberfällen lebten. Das Nomadentum der Beduinen ist auf das 2. Jahrhundert v. Chr. zurück zu führen. Eine lange Zeit, in der Bräuche, Konventionen und die gesamte Lebensform sich festigen und problemlos Jahr für Jahr beständig fortgeführt werden konnten.
SozialstrukturBei den Beduinen handelt es sich fast ausnahmslos um Muslime, die soweit möglich auch ihren islamischen Pflichten nachgehen, also zum Beispiel dem täglichen Gebet oder dem Fasten im Ramadan. So geben sie zum Beispiel auch der Gastfreundschaft, wie im Islam allgemein verbreitet, einen besonders hohen Stellenwert. Gäste oder Reisende, die Hilfe brauchen, werden aufgenommen, versorgt, vor allem mit Wasser und, solange sie sich bei dem Beduinenstamm befinden, vor Feinden geschützt.
Das ist auch heute noch so. Wenn man sich als Tourist einer Beduinensiedlung nähert, kann man in der Regel mit einer Einladung zu einem Kaffee, Tee oder Kamelmilch rechnen. Und als Gast bei den Beduinen ist man sozusagen König. Wenn zum Beispiel auch Essen gereicht wird und wie üblich alle Beteiligten gemeinsam aus einer oder mehreren Schüsseln essen, ist es der Gast, der sich zuerst bedienen darf, und wenn es auch noch Fleisch geben sollte, wäre das größte Stück für ihn. Das Kaffeetrinken mit Gästen hat einen ganz speziellen Brauch bei den Beduinen. Die Kaffeebohnen werden zuerst auf dem Feuer geröstet und dann in einem Mörser auf eine spezielle Art und Weise zerkleinert. Das Zerstampfen oder Zerdrücken erfolgt in einem bestimmten Rhythmus, sodass eine Melodie entsteht. Die ist dann das Signal dafür, dass Besuch anwesend ist.
Die Beduinen sind zu Stämmen zusammen geschlossen, die sich aus Unterstämmen und großen Familienverbänden zusammensetzen. Sie glauben, dass sie alle von gemeinsamen Vorfahren abstammen und fühlen sich deshalb besonders zusammen gehörig. Die Familie wird als Zentrum der Gemeinschaft angesehen und hält in allen Lebenslagen zusammen. Der Besitz wird oft innerhalb der gesamten Familie geteilt. Wenn es Konflikte zwischen einzelnen Stammesmitgliedern gibt, werden diese vor und mit dem ganzen Stamm ausgetragen und geklärt. Beduinen haben ein eigenes Rechtssystem und sind dabei nicht darauf aus Schuldige zu finden oder Bestrafungen zu verteilen, sondern wollen die Probleme lösen, indem sie versuchen einen Ausgleich zu schaffen. Für die wirtschaftliche und soziale Führung ist meistens ein Scheich zuständig. Diese Stellung wird vom Vater auf den ältesten Sohn übertragen. Es gibt allerdings in der Regel eine Untergruppe von Männern, die aufgrund ihrer Erfahrung eine autoritäre Stellung innehaben. Sie entscheiden dann zum Beispiel, wann und wohin der Stamm umsiedelt oder welche Weideplätze in Frage kommen.
Beduinen heute Das Leben der heutigen Beduinen hat sich in vielen Regionen, vor allem in Nähe der Städte, modernisiert. Sie leben nicht nur von den Erzeugnissen ihrer Tiere oder ihres Anbaus von Früchten oder Gemüse, sondern von Tourismus. Das ist vor allem in Ägypten, Marokko oder Tunesien vorzufinden. Sie arbeiten entweder für Reiseveranstalter oder führen sogar selbst Feriencamps, sogenannte Beduinen-Camps durch . Auch als Fremdenführer, zum Beispiel für Touren in die Wüste, finden viele Beduinen eine Einnahmequelle, was mittlerweile jedoch durch internationale Veranstalter, staatliche Stellen und Landkauf beeinträchtigt wird. Die Tourismusbranche bringt aber auch noch andere Jobs mit sich: es gibt viele beduinische Taxi- oder Jeepfahrer, Verkäufer von Tüchern und Schmuck, Teeverkäufer oder sogar Besitzer von kleinen touristischen Cafes. Vereinzelt bietet aber auch die Ölindustrie Arbeitsplätze für Beduinen an. Aber auch wenn sich die Beduinen vereinzelt ein Nebeneinkommen in der Tourismusbranche schaffen konnten, haben sie dort auf Dauer keine Chance gegen große Veranstalter anzukommen.
Es gibt immer noch Beduinen, die ihre nomadische Hirtenkultur beibehalten haben und, fern vom Leben und Arbeiten in der Stadt, größtenteils von den Fleisch- und Milchprodukten ihrer Herden und von Anbau von zum Beispiel Datteln, Oliven oder Granatäpfeln leben. Es allerdings nunmehr etwa fünf bis zehn Prozent der Beduinen, die als Vollnomaden oder "Bejas", wie sie sich selbst nennen, leben.
Neben Nomaden, die mittlerweile sesshaft geworden sind, gibt es auch noch viele von den saisonalen Nomaden bzw. Seminomaden. Sie bauen Bretter- oder Lehmhütten, in denen sie im Herbst und Winter leben und die sie im Frühjahr wieder verlassen, um mit ihren Tieren in die Wüste zu bestimmten Weideplätzen zu ziehen. Dort leben sie zum Teil dann wieder in den typischen schwarzen Beduinenzelten aus Ziegenhaarplanen, die auf arabisch "bet sha'ar" - Ziegenhaarhaus, heißen.
Ein geteiltes SchicksalAuch wenn es Unterschiede zwischen den verschiedenen Beduinenstämmen im Nahen Osten gibt, so haben sie doch alle eine ähnliche Geschichte und teilen eine außergewöhnliche Lebensweise, Haltung und Kultur. Vermutlich werden sie aber alle das selbe Schicksal teilen.
Die Schwierigkeiten, die mittlerweile alle Beduinenstämme haben, ob in Tunesien oder Israel, sind nämlich die gleichen - Konflikte zwischen Stamm und Staat. Es ist die fehlende Anerkennung und die Diskriminierung von Seiten der Staaten sowie der Streit um Landbesitz und Landnutzung, der die Beduinenstämme in den Nahoststaaten zu ungewollten Fremdkörpern macht. Das Ziel der Staaten ist es, das Nomadenvolk sesshaft zu machen. Während in Ägypten zum Beispiel Bulldozer anrücken, um die von den Beduinen errichteten Touristen-Camps zu zerstören, werden in der Negevwüste Israels sogar ganze Dörfer zerstört und die beduinischen Bewohner kompromisslos umgesiedelt.
Die Beduinen im Negev (Israel) Die 170.000 Beduinen in Israel sind eine ethnische religiöse Minderheit und verteilen sich über das ganze Land, jedoch leben die meisten von ihnen, etwa zwei Drittel, im Negev, in der Wüste im Süden des Landes.
Die heutigen Beduinen im Negev blicken auf viele Ereignisse zurück, die ihnen Verlust und Benachteiligung brachten. Noch vor der Proklamation Israels 1948, lebten die Beduinenstämme, die aus benachbarten Staaten geflohen waren, in kleinen Siedlungen im Negev. Nach der Staatsgründung wurde der Lebensraum der Beduinen in der Negevwüste jedoch als Militärzone ausgerufen, welche diese damals nicht mehr ohne Erlaubnis verlassen durften. Das ist teilweise auch heute noch so. Checkpoints behindern die freie Bewegung im eigenen Land.
Illegale Siedlungen - Verkommene StädteIsrael erkennt die historischen Landrechte und somit auch die Siedlungen und Dörfer der Beduinen im Negev nicht an. Offiziell existieren die Siedlungen nicht; die Beduinen leben "illegal" auf "staatlichem Boden". Das ist auch der Grund warum sich die Dörfer in katastrophalen Zuständen befinden. Eine Infrastruktur besteht nicht - also weder fließendes Wasser, noch eine Stromversorgung, Müllentsorgung, Abwassersysteme, ein Straßennetz oder Anschluss an staatliche Gesundheitssysteme. Feste Bauten sind nicht erlaubt und werden von der Regierung abgerissen. Die ärmlichen Hütten und Zelte aus Plastikplanen, Wellblech, Holz, Leinen und Tierfellen müssen den extremen Wetterbedingungen der Wüste standhalten.
Die Beduinen wollen den Anspruch auf ihr Land nicht aufgeben, da es schließlich noch vor der Staatsgründung ihnen gehört hat. Sie wollen nicht ihr Leben und ihre Kultur, oder zumindest das, was davon übriggeblieben ist, ablegen und aufgeben, indem sie in Städte umsiedeln, wie es die Israelische Regierung von ihnen fordert. Mit kompromisslosen und überraschend duchgeführten Umsiedlungsprogrammen will Israel erreichen, die letzten Bewohner der Siedlungen in die Städte abzuschieben. Dörfer werden nach und nach abgerissen und für die noch bestehenden Dörfer ein normales Leben unmöglich gemacht. Für die Flächen im Negev gibt es immer mehr Planungen und auch schon Umsetzungen für attraktive und billige Wohngebiete für die jüdische Bevölkerung. Umzäunte Siedlungen mit üppiger Infrastruktur und Wasserreservoirs und das fast kostenfrei. Den beduinischen Bauern ist es hingegen verboten, neue Brunnen zu bohren oder bereits vorhandene Brunnen zu vertiefen.
Rund die Hälfte der Beduinen leben heutzutage in ihren selbst gegründeten Städten. Es sind mittlerweile sieben Städte; die größten von ihnen sind Tel Sheva und Rahat mit über 10.000 Einwohnern. Es sind die ärmsten Städte des Landes, die bekannt sind für Kriminalität und hohe Arbeitslosenraten. Das jährliche Durchschnittseinkommen der Beduinen liegt dort bei 38% des Durchschnittseinkommens der jüdischen Bevölkerung.
Eine Frage der ZeitFast alle Beduinenstämme im Nahen Osten befinden sich in der selben Lage; einst Nomaden, sollen sie sich nun ansiedeln, "moderner", also sesshaft werden. Sie werden von den Regierungen ihrer Staaten aus ihren Lebensräumen vertrieben, enteignet und in Städte gezwängt, fern von ihrer Landwirtschaft und ihrer Hirtenkultur. Die Nomadenstämme von heute sind rechtlose Staatsbürger, werden abgeschoben und marginalisiert.
Jeder Stamm trägt seine eigene Last, kämpft seinen eigenen Kampf um sein Leben, seine Geschichte und die besondere transnationale-beduinische Kultur aufrecht zu erhalten. Zwar gibt es Organisationen, die zum Beispiel die beduinischen Bauern im Negev mit diversen Projekten unterstützen. Doch werden sie die Bauern insoweit stärken können, dass sie den harten Lebensbedingungen doch standhalten können? Werden sie vielleicht irgendwann die Regierung von dem historischen Landrecht der Negev-Beduinen überzeugen können, oder zumindest von dem Recht auf ein frei gewähltes Leben? Oder ist es letztendlich doch nur eine Frage der Zeit, ob nun bald die Kultur der Beduinen zu Geschichte wird?