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Letzte Generation mit Grenzen

Olivia Verev
Letzte Generation mit Grenzen

Interview mit Peter (29) aus West-Berlin, Arnold (28) aus Estland, Robert (28) aus Ost-Berlin zu ihren Erinnerungen zum Fall der Grenzen.


Wie erinnerst du dich an die Zeit vor der Wiedervereinigung bzw. der zweiten estnischen Unabhängigkeit. An die allgemeine Situation, die Lebensqualität?

Arnold: Das offizielle Datum der erneuten estnischen Unabhängigkeit ist der 20. August 1991. Ich kann mich daran erinnern, dass die ersten Ereignisse um 1987-88 stattgefunden haben. Es wurde versteckt über die Unabhängigkeit und die Freiheit gesprochen, die Farben der estnischen Flagge und andere Symbole wurden verwendet. Zur gleichen Zeit traute sich wegen der Angst vor Repressionen niemand, offen über Freiheit zu sprechen. Viele Leute waren bis dahin Mitglieder der kommunistischen Partei und bespitzelten andere, sei es freiwillig oder auf Befehl. Ich erinnere mich, dass zu dieser Zeit das Feiern von Weihnachten verboten war, man musste die Vorhänge vor die Fenster ziehen, damit von außen niemand sehen konnte, dass ein Tannenbaum in der Wohnung war; alle hatten große Angst vor der Bespitzelung.
Zur Lebensqualität: Sicherlich gab es Einschränkungen in der Meinungsfreiheit, den Menschen wurde die offizielle Ideologie aufgedrängt. Aber ich würde nicht sagen, dass das Leben zu dieser Zeit in ökonomischer Hinsicht schlecht war. Es gab nur einen Mangel an bestimmten Dingen und um ein spezielles Produkt zu bekommen, musste man jemanden persönlich kennen, der in einem Laden mit solchen Produkten arbeitete.

Robert: Für mich als Kind gab es in der DDR keinen wirklichen Mangel, da ich es nicht anders kannte. Zwar brachten Verwandte Westsachen mit, die für mich immer etwas Besonderes waren, aber ich war noch zu jung, um von den Dingen zu erfahren, die es nicht gab. Als Kind beschäftigt man sich mehr damit, was es gibt.

Peter: Ich bin geboren und aufgewachsen in West-Berlin, 1989 war ich zehn Jahre alt.
Das Gefühl, dass mir etwas fehlt, hatte ich wohl eher selten; meistens schien die Sonne, alles war gut.

Wurde zu Hause über die Situation im Land und die Möglichkeit der Wiedervereinigung/Unabhängigkeit gesprochen?

Robert: Ja, aber bis zu den großen Demonstrationen herrschte in meiner Familie die Meinung vor, dass das noch lange dauern würde.

Peter: Nein.

Arnold: Ja, darüber wurde gesprochen. Am Anfang haben es die meisten Leute nicht gewagt, über eine Unabhängigkeit nachzudenken, Gespräche drehten sich eher um eine größere Autonomie und ein Ende der Russifzierung. Erst später haben die Meinungsführer ihre Köpfe erhoben und die Idee der Unabhängigkeit geäußert und damit wurde die Unabhängigkeit sicherlich zum Wunsch.

Was war diesbezüglich deine Haltung, hast du mit Freunden darüber gesprochen oder wurde in der Schule darüber diskutiert?

Arnold: Als Kind kann man sich kaum selbst eine Meinung über diese Art von Themen bilden. Überwiegend wurde einem von seinen Eltern gesagt, was gut und was schlecht ist. Außerdem hatten die meisten estnischen Familien jemanden, der durch die UdSSR deportiert oder umgebracht worden war, so dass der Hass gegen die UdSSR im Herz vieler Esten war. Natürlich wollten alle die Unabhängigkeit.
In den Schulen waren vor allem die jungen Lehrer Verfechter der Unabhängigkeit, ältere Lehrer haben darüber am Anfang nicht gesprochen. Ich denke, sie hatten mehr Angst. Die Symbole der UdSSR fingen an aus den Schulen (und von anderen Stellen) zu verschwinden.

Peter: Nein, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern.
In der Zeit vor der Wende kann es auch gut sein, dass es kaum Gespräche darüber gab. Die DDR gab es nur auf dem Weg nach Frankreich oder bei einer Radtour an der Mauer entlang.
Zum Zeitpunkt der Wende werden meine Eltern unvermeidlich auch über die politische Entwicklung gesprochen haben. Ich kann mich daran aber nicht erinnern.

Robert: Dafür waren wir noch zu jung.

Hattest du eine Art Idee oder einen Traum, wie es nach der Wiedervereinigung/Unabhängigkeit sein würde?

Peter: Nein.

Arnold: Dieser Traum war die Freiheit. Es wurde zu dieser Zeit im Allgemeinen weniger materialistisch gedacht.

Robert: Wenn es einen Traum gab, dann eher den, in den Westen zu gehen. Aber dieser Traum war nicht konkret und auch nicht besonders ausgeprägt. Als es dann ernst wurde und wir tatsächlich in den Westen gingen, wollte ich lieber in meiner Heimat bleiben.

Gab es Symbole, die eine bessere Zukunft repräsentiert hätten? In etwa Gummibärchen, Bananen, schicke Autos, Plastiktüten?

Arnold: Ja, alles was von außerhalb kam, war cool. Ausländische Plastiktüten, Bier- und Limonade-Dosen, Zigarettenpackungen, Bonbonpapiere. Es gab eine Art Sammelwut zu dieser Zeit. Das Bonbonpapier war begehrter als das Bonbon selbst.
Vor der Unabhängigkeit waren die meisten ausländischen Produkte sehr rar. Ich erinnere mich, dass auch manche Früchte Mangelware waren. Bananen und Ananas sind die, die ich nie in Geschäften gesehen habe, aber es gab manchmal Orangen, Mandarinen und Wassermelonen.

Peter: Nein.

Robert: In dem Alter nicht wirklich.

Hast du (vermutlich mit deinen Eltern) an einem größeren Ereignissen oder Demonstrationen teilgenommen und wie erinnerst du dich daran?

Arnold: Ja, es haben verschiedene Versammlungen stattgefunden, aber ich erinnere mich nicht genau, worum es bei allen ging. Von den größeren erinnere ich mich an zwei, die baltische Kette und die Wahlen des estnischen Kongresses. Die baltische Kette war ein sehr großes Ereignis, es waren dort sehr viele Leute, alle mit Flaggen. Von Lastwagen wurde Musik gespielt, vor allem eher nationalistische Songs dieser Zeit. Es gab ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Robert: Nein, dazu war ich noch zu jung. Und meine Mutter wollte sich nicht in Schwierigkeiten begeben als damals Alleinerziehende. Beim Fall der Mauer hatten meine Mutter und ich schon unsere Sachen gepackt, da wir eigentlich am nächsten Tag über Prag ausreisen wollten, also erst nach Prag fahren und dann über die deutsche Botschaft in den Westen. Der Mauerfall am gleichen Tag hat unsere Reiseroute ziemlich verkürzt. Wir sind am nächsten Morgen direkt nach West-Berlin ausgereist.

Peter: Ja, ich war mit meinem Vater an der Mauer vor dem Brandenburger Tor.
Auf der Mauer standen hunderte Vopos und auf der West-Seite tausende Menschen. So sieht das zumindest in meiner Erinnerung aus.
Das müsste kurz vor dem Fall der Mauer gewesen sein.
Ich war dort allerdings nicht mit irgendeinem Bewusstsein von der politischen Tragweite, denke ich.

Hast du eine Erinnerung an die Regierung vor und nach dem Mauerfall bzw. vor und nach der Unabhängigkeit? Wie würdest du die politische Situation beschreiben?

Arnold: Ich weiß es nicht genau, aber ich erinnere mich an ein paar Namen, die zu der Zeit aktuell waren. Der erste Präsident war Lennart Meri. Es war eine schwierige Zeit mit vielen Spannungen.

Robert: Nun, das Bild von Erich Honecker war in der Schule gut sichtbar. Ansonsten war „Regierung" nicht sonderlich wichtig in meinem Leben.

Peter: Nein, ich habe zu dem Zeitpunkt kein politisches Interesse gehabt.

Versuch das Leben in deiner Heimat vor und nach der Wiedervereinigung/Unabhängigkeit zu beschreiben. Gab es einen Wechsel im Arbeitsbereich?

Arnold: Der größte Unterschied ist Kapitalismus im Gegensatz zum Kommunismus. Viele Menschen und Orte zwischen die Zahnräder geraten. Die ländlichen Gegenden werden verlassen, die Landwirtschaft wird immer weniger. Die Unterschiede zwischen dem Einkommen der Menschen sind wesentlich größer geworden, das Geld „wandert" in die größeren Städte. Auch das Denken der Leute hat sich stark verändert.

Robert: Diese Frage passt nicht zu meiner Biographie.

Peter: Die Wiedervereinigung hat damals kaum für mich Änderungen mit sich gebracht. Ich habe auf dem Gymnasium, auf das ich 1990 gegangen bin, die erste Person aus Ost-Berlin kennengelernt.


An was erinnerst du dich vom Tag der Wiedervereinigung/Unabhängigkeit? Warst du zu Hause oder auf der Straße? Welche Atmosphäre herrschte an diesem Tag?

Arnold: Leider erinnere ich mich nicht genau an diesen Tag. Ich habe das Gefühl, dass der Tag selbst eher eine Formalität war; die wirkliche Arbeit für das Erlangen der Unabhängigkeit hat vorher stattgefunden.
Robert: Wir waren, wenn ich mich richtig erinnere, bei meinen Großeltern. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Peter: Ich habe daran keine Erinnerung. Ich denke, dass der Fall der Mauer selbst interessanter war als die Wiedervereinigung.

Wenn du das Leben vor der Wiedervereinigung/Unabhängigkeit mit heute vergleichst: Was hat sich am stärksten verändert?

Arnold: Zu Beginn hat sich nichts verändert. Nur langsam sind ausländische Produkte in die Läden gekommen, waren aber im Verhältnis zum Einkommen sehr teuer. Nach und nach sind die Kolchosen und Sowchosen zusammengebrochen und damit auch die Landwirtschaft. Die Privatisierung der staatlichen Ländereien hat begonnen.

Robert: Kann ich nicht beurteilen.

Peter: In meiner Erinnerung war West-Berlin damals eine abgeschlossene, sichere Insel. Ruhig.
Von meinem Gefühl her, hat sich vor allem das verändert. Berlin ist größer und unruhiger geworden.

Was sind die ersten Veränderungen, an die du dich nach der Wiedervereinigung/Unabhängigkeit erinnerst (in etwa neue Währung)?

Arnold: Ja, Symbole, Geld und Massenmedien. Langsam sind ausländische Güter ins Land gesickert.
Nach der Währungsreform kam die sogenannte Kopflosigkeit, man musste sich an das neue Geld und seinen Wert gewöhnen. Wenn ich zurückblicke, dann hatten die importieren Waren „interessante" Preise im Vergleich zur Kaufkraft und manche kosten noch immer das gleiche wie zu dieser Zeit. Das monatliche Gehalt lag bei rund 200 Kronen und eine Kaffeemaschinen kostete 300 bis 400 Kronen; heute liegt das durchschnittliche Gehalt bei 13000 Kronen und eine Kaffeemaschinen kostet immer noch 300-400 Kronen. Lebensmittel und andere inländische Produkte waren im Verhältnis zum Einkommen, Brot kostete 0,2 Kronen.

Robert: Diese Frage passt nicht zu meiner Biographie.

Peter: Nein.

Hat sich irgendetwas am Schulsystem verändert? Gab mehr/weniger Unterrichtsfächer?

Arnold: Der Unterricht in sowjetischer Ideologie wurden schon vor dem Erlangen der Unabhängigkeit gestrichen. Auch der Russischunterricht lag für fünf Jahre brach. Der Unterricht fand zwar weiterhin statt, aber man musste nicht mehr viel leisten, um die Prüfungen zu bestehen. Der Geschichtsunterricht grundlegend geändert, im Wesentlichen wurden neue Bücher gedruckt.

Robert: Diese Frage passt nicht zu meiner Biographie.

Peter: Nein.

Hat der Tag der Wiedervereinigung/Unabhängigkeit für dich eine besondere Bedeutung und feierst du ihn?

Arnold: Ja, es ist etwas Besonderes. An diesem Tag besuche ich normalerweise meine Eltern.

Robert: Der Tag des Mauerfalls hat für mich biographische und emotionale Bedeutung. Die Bilder von der Öffnung der Grenzen, von feiernden und fröhlichen Menschen beeindrucken mich noch immer. Dagegen ist die staatliche Wiedervereinigung, welche ja eigentlich ein Beitritt war, für mich persönlich nicht so wichtig. Dennoch denke ich, dass die Wiedervereinigung ein glückliches Ereignis gewesen ist. Zwar muss man offen sagen, dass sie für viele mit Enttäuschungen und Verlusten verbunden war, aber für das (neue) Land war es eine Bereicherung. Neue und alte Erfahrungen, verschiedene Traditionen, Denkweisen usw. vermischten sich namentlich in Berlin, obwohl es natürlich noch immer alte Grenzen gibt. Aber die gab und gibt es im ehemaligen Westen schließlich auch. Die Grenze zwischen den Migranten-Ghettos und dem Rest der Gesellschaft braucht keine Mauer, um bestehen zu bleiben. Grenzen sind in einer differenzierten, konkurrenzorientierten Gesellschaft „natürlich". Zwischen Arm und Reich, Deutsch und Nicht-Deutsch usw. Deshalb könnte man den Tag der Wiedervereinigung (sowie den Mauerfall) als Versprechen sehen, auch die anderen Mauern in unserem Land zu öffnen. Nur ist es wohl leichter, eine Mauer mit Stacheldraht zu öffnen, als eine die vielen verwinkelten Mauern zwischen unseren Köpfen.

Peter: Das ist der 03.10. oder? Absolut nicht, keine besondere Bedeutung.

Vermisst du etwas aus der Zeit vor der Wiedervereinigung/Unabhängigkeit?

Arnold: Ja, ein paar kleine Dinge wie Kwas (Malzbier), Limonade, frisches Weißbrot, Creme-Eis, das irgendwie anders geschmeckt hat als heute. Im Bezug auf die Struktur der Gesellschaft vermisse ich nicht wirklich etwas, obwohl es dort wohl auch ein paar gute Seiten gab.

Robert: Nun, vielleicht die Passung zwischen mir und meiner Umwelt. Alles war selbstverständlich, ich wuchs in eine bestimmte Welt hinein. Seit unserer Flucht habe ich mich eigentlich nie wieder an einem Wohnort zu Hause und geborgen gefühlt.

Peter: Ich bilde mir ein, dass das Leben damals ein Ponyhof war. Wenn das stimmt, vermisse ich das.



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