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„Der junge estnische Film ist suchend, experimentell und mutig"

Olivia Verev
film

Martti Helde (1987) ist ein junger estnischer Regisseur, der zwar erst diesen Sommer sein Studium an der Baltic Film and Media School abschließen wird, aber bereits in den estnischen Kinos mit seinem Film „The day when I grew up" zu sehen war. Für diesen Film hat er bis heute als jüngster Regisseur staatliche Unterstützung erhalten.

Du bist für dein Alter bis jetzt sehr aktiv gewesen. Wie viele Kurzfilme hast Du bereits gedreht und an welchen Festivals hast du teilgenommen?

An der Universität habe ich fünf Filme (einschließlich eines Dokumentarfilms) gemacht, außerhalb zwei weitere und eine Menge Clips, Werbefilme etc.. Für Festivals hatte ich bisher keine Zeit. Es ergibt wenig Sinn, die Filme, die an der Universität gedreht werden, bei Festivals einzureichen, da sie eher mit einer bestimmten Aufgabenstellung gedreht werden – Stummfilme beispielsweise. "The day when I grew up" 2008, http://www.youtube.com war das erste größere Projekt, das ohne Einschränkungen umgesetzt wurde. Ich habe einmal an dem Sleepwalkers-Festival teilgenommen, weiterhin vor der Uni im Rahmen von Amateur Filmfestivals. Es gibt einen Clip, den ich für das isländische Kunstfestival LungA im letzten Juli erstellt habe http://www.youtube.com.

An der Schule wurdest du bereits auf einem Jung-Filmfestival als bester experimenteller Autor für den Kurzfilm "The coalition of the pigs" (2004) ausgezeichnet. Hast Du weitere Preise oder Auszeichnungen erhalten?

Ich hatte kaum Zeit, um an anderen Festivals als den Sleepwalkers teilzunehmen. Mein größter Erfolg ist die staatliche Unterstützung durch das estnische Kulturkapital und die estnische Film Foundation, die ich für den Film "The day I grew up" (2008) erhalten habe. Es gab deshalb viele Diskussionen, weil ich bis dahin der jüngste Regisseur mit staatlicher Förderung war, der sich noch im Studium befindet. Die Auszeichnung war umso schöner, als es zu diesem Zeitpunkt einen Rekord an Bewerbern gab; zwei von zehn haben das Geld bekommen. Damit kann ich die Dinge machen, die ich wirklich liebe. Ich habe sehr viel Glück mit meinem Team, mit dem zusammen ich bereits vier Filme gedreht habe. Das Team hält zusammen und die Leute respektieren sich gegenseitig. Das ist der beste Preis, wenn alle zusammen halten und ihre Sachen mit Leib und Seele machen.

Du hast einen Film über den zweiten Weltkrieg für Schulen gedreht - ein Interview mit deinem Großvater, der zu dieser Zeit 19 Jahre alt war. Welches Feedback gab es von den Schulen zu diesem Film "The portrait of the past" (2007)?

Das Feedback war sehr positiv. Im Film geht es um den Erhalt des kulturellen Erbes, das dadurch einen neuen Wert erhält. Durch die packende Erzählweise meines Großvaters ist der Film sehr kohärent. Das ist auch der Grund, weshalb ich mir die Fehler verzeihe, die ich bei diesem Film gemacht habe. Die Zuschauer beschweren sich nicht, es gibt einen Bedarf für Filme dieser Art.

Wenn man die Zusammenfassungen deiner Filme wie "The portrait of the past", "He will bite you", "The day I grew up" liest, fällt das Thema der Beziehung zwischen Vater und Sohn, Sohn und Großvater auf. Wie viel erzählst Du in Deinen Filmen über Dich selbst und deine eigene Vergangenheit?

Ich denke, das ist unvermeidbar unterbewusst Thema meiner Filme. Ich habe das nicht absichtlich als Thema gewählt, sondern es hat sich so ergeben. In jedem Film ist etwas, das ich selbst durchgemacht habe, über das ich nachgedacht oder das ich geträumt habe, vielleicht sogar Dinge, die ich vergessen möchte. Man muss in einen Film etwas Persönliches einbringen, sonst wäre er künstlich - du kannst keine Geschichte, die du nicht erlebt hast, glaubwürdig erzählen.

Mit welchem Stichwort würdest du deine Arbeiten umschreiben? Mit welchen Themen setzt du dich auseinander?

Wenn ich die Kurzfilme meiner Universitäts-Zeit als meine Arbeiten bezeichnen sollte, könnte ich vor allem die Methoden und den Stil nennen, die ich gerne verwende. Ich mag in meinen, wie auch in den Arbeiten anderer, einfache Geschichten. Die Geschichte ist erst mal ein Erzählen, sie muss verständlich sein. Selbst der dümmste Zuschauer sollte verstehen, was auf der Leinwand passiert. Die Geschichte ist das Grundgerüst des Films. Erst wenn die vordergründige Geschichte einfach ist, lässt sich etwas zwischen den Zeilen verstecken und eine tiefere Ebene durch die Charaktere erzeugen; das Licht und die Farben; Kamera und Erzählung. Ich liebe Minimalismus und eine direkte Art, einfache Geschichten, die in sich selbst komplizierte Systeme verbergen. Außerdem mag ich einzigartige Charaktere. Typen, die zwar unter uns sind, die wir aber nur selten im alltäglichen Leben treffen. Ein Film sollte mit seiner Umgebung und seinen Charakteren eine neue Welt schaffen. So wie ein Traumland, in das der Zuschauer auf einen Ausflug mitgenommen wird. Ich denke, dass das Publikum unglaubliche Orte und fantastische Charaktere sehen sollte. Auf dieser Ebene liegt der Reiz eines Films - unrealistische Geschichten in die Realität zu bringen. Ich genieße diese Art von Filmen und verfolge das in meinen eigenen.

An welchem Projekt arbeitest du aktuell und was ist das Thema deines nächsten Films?

Im Moment arbeite ich mit meinem Team an dem Szenario für einen neuen Kurzfilm mit dem Arbeitstitel "Half and half". Wir wollen mit den Filmaufnahmen im September 2009 beginnen. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Mannes namens Jeekim, der einen Bleistift in den Blumentopf seiner skeptischen Freundin pflanzt. Um zu beweisen, dass alles möglich ist, versucht er seine Freundin davon zu überzeugen, dass der Stift anfangen wird zu wachsen. Der junge Mann hält den Stift für den Samen aller guten Gedanken, da jede Zeile der Anfang von etwas Großem sein kann. Ich nehme außerdem an dem deutschen Projekt "Languages trough lenses" teil. 15 von 122 Projekten aus ganz Europa wurden für die Finanzierung ausgewählt. Im Oktober findet die abschließende Präsentation statt (http://www.prix-europa.de/).

Wie würdest du den jungen estnischen Film beschreiben?

Er schleicht, schleicht sich langsam in die Richtung einer breiteren Bildung und Erfahrung. Viele von uns schauen über die Grenze, um einen Platz zu finden, an dem neue Erfahrungen gesammelt werden können und an dem man sich selbst einsetzen kann. Sei es in Form eines Master's Degree oder in verschiedenen Projekten. Niemand bleibt sitzen und wartet, wir haben vielleicht verschiedene Wege gewählt, wie wir uns weiterbilden, aber lernen in der Zwischenzeit. Der junge estnische Film ist suchend, experimentell und mutig. Die Leute versuchen, ihre Handschrift durch sehr verschiedene Experimente und die Strukturierung ihrer Szenarien zu finden. Wenige halten sich im Rahmen einer traditionellen Film-Geschichte - vor allem in Studentenfilmen. Während des Studiums probieren die meisten Leute viel aus und unternehmen ihre ersten Flugversuche. "Mutig" ist sicher ein wichtiges Stichwort. Als eine negative Seite würde ich die Passivität nennen. Momentan produzieren meine "jungen Kollegen" mindestens einen Film pro Jahr. Das Problem ist, dass sie auf diesem Film sitzen bleiben und diesen Film nicht in Umlauf bringen. Europa ist voll von Projekten und Festivals und wir wissen davon, aber nur wenige versuchen damit ihr Glück. Als würden sie auf den Prinzen auf dem weißen Pferd warten. Ich verstehe das nicht, es sollte Mut für beides geben: den Versuch und auch das Scheitern.



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