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Der Radikale Poet

Ein Interview mit dem bulgarischen Künstler Vensistlav Zankov

Yana Varbanova , Bulgarien
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Ventsislav Zankov ist ein bulgarischer Künstler, der gerne die Grenzen überschreitet. In seinen Augen ist die Kunst die Sprache der Gesellschaft, deshalb kämpft er immer gegen die Ungerechtigkeit der unsicheren Kulturpolitik in Bulgarien. Wie wird man zu so einem Kämpfer? Folgendermaßen: Ventsislav Zankov hat die Nationale Kunstakademie in Sofia (Schwerpunkt – Skulptur) abgeschlossen. Seitdem ist er ständig in dem Bereich der bulgarischen zeitgenössischen Kunst tätig und agiert sogar in verschiedenen Kunst- und Sozialrollen: als Professor an der Neuen Bulgarischen Universität, als Begründer des Risikoprojekts „E80" und des Zentrums für neue Medienkünste „Interspace", als Herausgeber und Redakteur der Zeitung „39 Grama" und schließlich als Kurator von vielen bulgarischen und internationalen Kunstereignissen. Seine Artbiografie beginnt natürlich mit Teilnahmen an vielen Gruppenausstellungen, die sich später in selbstständige Ausstellungen entwickelten (die letzte davon trägt den Namen „ER" und ist eine Mischung aus Malerei, Skulptur und Multimedia). Ventsislav Zankov ist auch im Bereich der modernen Kunstsprache aktiv, die der Performing Arts und der Videoart. Oft sind seine Arbeiten sehr provokant, oder einfach ein Augenzwinkern auf die Realität der Dinge. Ventsislav Zankov kann man auch im Internet finden und erleben, da er viele Internetprojekte leitet und betreut.

So ist Ventsislav Zankov: Ein bißchen komisch, ein bißchen lustig, aber immer engagiert in der problematischen Lebensweise der bulgarischen Kunst. Und das drückt er auch in diesem Gespräch sehr mutig aus...

Worüber spricht deine Kunst?

Das ist schon eine schwierige Frage, aber ich glaube, ich habe die Anwort, die alles ausdrücken kann: Es gibt tatsächlich Sachen, die nur durch die Kunst verwirklicht werden können. Nur die Kunst versteht sie. Es gibt keine andere Mцglichkeit. So ist auch meine Kunst. Die hat ihre eigene Art und Weise, die Welt zu beobachten und zu analysieren.

Du bist jetzt in einem Sommerkunststillstand. Bist du zufrieden mit der vergangenen Saison, in der du an so vielen Projekten teilgenommen hast (deinen eigenen und auch an fremden)?

Nein. Ich bin in keinem Sommerstillstand. Besser gesagt, ich befinde mich in einem Prozess des Ideensammelns. Zur Zeit denke ich über neue Konzepte nach, die ich verwirklichen kann. Es geht sowohl um meine eigenen Projekte, als auch um Projekte, die mit der heutigen kulturellen Situation und dem Umfeld verbunden sind. Der Hauptgedanke in meinen öffentlichen Tätigkeiten ist die Idee für den Umgang zwischen Menschen und Gemeinschaften. Und nicht nur der Umgang, sondern der Dialog zwischen den verschiedenen Gruppen. Existiert überhaupt so ein Dialog, der das aktive und fiktive Mitteilen, das in der Wirklichkeit existiert, in der wir alle leben, fordern kann?

Ich habe den Eindruck, du kämpfst um Ideen und um ihre Verwirklichung. Inwieweit hat dir die heutige kulturelle Situation in Bulgarien geholfen? Oder musst du die Hindernisse auch selbst überwinden?

Jeder überwindet die eigenen Hindernisse auf die eigene Weise und auf dem eigenen Weg. Es ist eine andere Frage, woher man weiß, dass dies dein Weg ist und dies deine Hindernisse sind. Das Traurigste in der heutigen kulturellen Situation in Bulgarien ist, dass es keinen sogenannten Underground in der Kunst gibt. Alle möchten Mainstream sein – bekannt, reich und mit großen Brüsten. Fast wie blöde Helden aus einer amerikanischen Serie an der Westküste. Die Dummheit ist unbesiegbar...

Ich spreche auch die alternative Zeitung „39 Gramms" an, die du selbstständig und natürlich mit der Hilfe vieler Freunde und Autoren veröffentlichst. Was meinst du, ist der bulgarische Medienbereich offen für solch mutige Projekte, die das Kommerzielle überhaupt nicht in sich haben?

Diese Frage ist auch mit meiner vorherigen Antwort verbunden. Als Ergänzung zum Gesagten: Es gibt niemanden von den sogenannten „liberalen Intellektuellen" in Bulgarien, den man als moralischen und alternativen Imperativ der Macht in ihrer heutigen Form zeigen kann. Hier herrscht profane Politik und merkantile Kultur mit ihrer abstoßenden Medienanwesenheit. Die unlizensierten Broker „des Geistlichen".

Du bist der Begründer der Pop-Art in Bulgarien. War es leicht für dich, so eine künstlerische Richtung zu halten?

Die Pop-Art ist kein so leicht verständlicher Bereich. Sehr oft werden Botschaften mit der Vision verwechselt. Die Hauptmission dieser Kunstbewegung ist der Gesellschaft zu zeigen, wie tief sie in den eigenen Lebensklischees steckengeblieben ist. Die Pop-Art zeigt den Leuten ihre eigenen Schwächen und Dummheiten. Und nicht nur das, sie verkauft sich auch sehr gut. Heute interessiere ich mich vor allem für die Vorgehensweise, nicht für die Vision.

In Bezug auf dich und auf die bulgarische Kunst allgemein, kannst du einen kurzen Überblick geben, was sich in der Kunst in Bulgarien seit der Wende verändert hat?

Natürlich hat sich die Kunst verändert. Nicht nur die bulgarische, sondern auch die europäische Kunst hat sich seit 1989 verändert. Wir haben uns auch verändert. Einige von uns sind älter und dicker geworden, andere sind weiser geworden, manche Männer, manche Frauen, einige schwul. Dasselbe passiert auch mit der Kunst: Sie wird auch von den Leuten gemacht.

Bekamen die bulgarischen Künstler mehr Freiheit, sich selbst auszudrücken oder war das nur eine Illusion der sich rasch entwickelnden Situation?

Was die Freiheit betrifft, war das irgendein Enthusiasmus: sehr naiv und utopisch, aber auch sehr schön. Das war eine Zeit, in der wir alle dachten, dass es menschlicher und freier wird. So etwas Ähnliches passierte in den wilden 60ern im Westen. Für uns waren diese Jahre Anfang der 90er. Heutzutage kann ich die Situation so beschreiben: Es ist eine Mischung aus Interesse, Priorität, Macht und Geld. Wenn du Freiheit möchtest, kannst du dich nicht „Dissident" nennen – du wirst einfach Außenseiter.

Ich habe mit vielen Künstlern gesprochen, die auch diese Wendezeit erlebt haben. Die sagen, nichts hätte sich verändert, nur die politische Restriktion wurde durch die ökonomische ersetzt. Was sagst du dazu?

Es war klar, dass die politische Macht vom damaligem System in eine ökonomische umgewandelt wurde. Das war das Ziel der Wende – Transformation des politischen Systems ins Ökonomische. Die Wende hat stattgefunden. Und was haben wir bekommen – Freiheit und Markt. Aber heutzutage habe ich mit denselben Leuten zu tun wie vom Anfang der Wende. Die Wende ist schon vorbei, aber ich kann keine Veränderungen sehen. In der Kultur sind dieselben Gesichter geblieben, vom Minister bis zum Direktor der Nationalgalerie. Und man beschäftigt sich immer noch mit Projekten über zivile Gesellschaft, Minderheiten, Unterschieden und Identität. Das sind Themen, die von unseren westlichen Freunden vorgegeben worden sind, um einfach unsere zivilisatorische Wahl zu ermцglichen. Darin steckt auch das Akzeptieren von den hohen europäischen Werten. Ich bin neugierig, wie Michelangelo seine Projekte „Pieta" oder „Moisei" so beschreiben könnte, dass sie von den Sponsoren genehmigt werden würden. Das Hauptproblem, das ich zu verstehen versuche, ist folgendes: Wie kann der Kapitalismus auch sozial sein und welche Folgen könnte das haben. Und noch etwas: Wie bestimmt man, was „soziale Gerechtigkeit" ist? Für mich ist der Kampf gegen die „soziale Ungleichheit" wichtig.

Machen wir jetzt einen großen Zeitsprung... Der EU-Eintritt von Bulgarien ist eine Herausforderung für alle, die sich mit Kunst in Bulgarien beschäftigen. Bedeutet das auch für dich mehr Möglichkeiten an internationalen Veranstaltungen teilzunehmen? Hast du schon eine Veränderung in dem internationalen Umfeld, was die bulgarische Kunst betrifft, gespürt?

Diejenigen, die heute aktuell sind, die werden auch später aktuell sein. Diese Tatsache zeigt sich sehr klar. Und man soll auch etwas sehr wichtiges auf keinen Fall vergessen: Die Kultur ist Bussines und sehr gewinnbringend.Wenn du versuchst, Geld für den Bereich Kultur zu organisieren, dann wirst du dich wundern, um was für große Summen es sich handelt. Vor kurzem habe ich ein Beispiel dafür gefunden. Es gab ein „ABC Project" - wie sich die Künstler in der Marktwirtschaft versuchen zurechtzufinden. Das Budjet für das Projekt betrug 400 000 lewa (ca. 200 000 Euro). Meine These ist: Es gibt Geld für Kunst. Und vor allem für Künstler, die die neuen moralischen Werte bedienen. Das sind die Werte der „aufgeschlossenen Gesellschaft" und schon der „europäischen Familie". Für die anderen bleibt die Möglichkeit, alles auf dem Instanzenweg zu machen.



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