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Willkommen
zu einem Experiment der besonderen Art. Allerdings können Sie den
Kittel im Schrank hängen lassen und die Gummihandschuhe brauchen Sie
auch nicht. Diesmal geht es nämlich nicht um Ihre aktive Mitarbeit,
sondern um das genaue Gegenteil: Ihre Abwesenheit!
Sie betreten
jetzt das Labor „Erde“ und erleben, was passiert, wenn alle
Angehörigen der Spezies „Mensch“ aus ihr gelöscht werden. Wäre
unser Verschwinden ein Fluch oder ein Segen für den Planeten? Wie
ergeht es unserer Zivilisation ohne uns? Werden alle kulturellen und
technischen Hinterlassenschaften irgendwann verschwinden? Oder werden
einige Spuren des Homo Sapiens bis in alle Ewigkeit existieren? Der
amerikanische Journalist Alan Weisman findet in seinem Buch „Die
Welt ohne uns“ Antworten auf die Fragen einer posthumanen Welt.
Jetzt ist es als Taschenbuch bei Piper erschienen.
Um einen
Eindruck zu bekommen, wie ein mögliches Ergebnis in unseren
Protokollen aussehen könnte, müssen wir uns zunächst nach Polen
begeben. An der Grenze zu Weißrussland befindet sich der
Białowieża-Nationalpark, der letzte Überrest des europäischen
Urwaldes, der einst von Sibirien bis nach Irland reichte. Das war,
bevor der Mensch Europa kultivierte. Trotz polnischer und litauischer
Fürsten, den Zaren, den Weltkriegen, dem Sozialismus und schließlich
der Demokratie überlebte dieses „biologische Altertum“ die
Zeiten. 600-jährige Eichen, 40-Meter-Fichten, Wisente, Bisons,
Wölfe, Luchse und knapp 12.000 andere Arten tummeln sich hier. Da
wir alle Angehörigen unserer eigenen Art aus der Versuchsanordnung
entfernt haben, erlebt Europa eine komplette Verwilderung seiner
Kulturlandschaften. Brach liegen die Ländereien, über die der Wind
unzählige Samen verteilt. Durchpflügte landwirtschaftliche
Nutzflächen bieten eine gute Basis für keimende Bäume und
Sträucher. Monokulturen und Hybridpflanzen, die auf Pestizide
angewiesen sind, werden schnell von den wiederkehrenden Wildpflanzen
verdrängt. Eingeschleppte Arten und Mutationen bilden allerdings
eine harte Konkurrenz. Schon nach 20 Jahren hat der Wald die Äcker
wieder in Besitz genommen. Noch weitere 500 Jahre mehr und ein neuer
Urwald hat Europa zurückerobert, der dem von einst weder in Dichte
noch in Artenvielfalt nachsteht.
Beim weiteren Verlauf des
Experiments würde sich wohl das Tragen einer Schutzbrille und eines
Mundschutzes empfehlen, da es ziemlich rabiat zugeht. Wir sind jetzt
von den Äckern in die städtischen Vororte gelangt und erleben, wie
sich Mutter Natur unsere Eigenheime zurückholt. Damit beginnt sie
übrigens schon lange, bevor es die Banken tun. Es ist nur eine Frage
der Zeit, bis Regenwasser einen Weg durch das Dach findet. Der
Verfall breitet sich dann auf dem Tragwerk darunter aus und weicht
Balken und Wände auf. Unsichtbare Sporen dringen durch Ritzen und
bilden Schimmelpilze, die sich durch Rigips und Fußböden fressen.
Zu ihnen gesellen sich kleine Tiere und Bakterien, die organische
Materialien zerlegen. Die übrigbleibenden Mineralien zersetzen
zusammen mit der Feuchtigkeit auch langlebige Stoffe wie Aluminium,
Verzinkungen und Vinyl. In unseren Breiten dringt der
Frost-Tauwetter-Zyklus durch kleine Risse ins Mauerwerk ein und löst
den Mörtel auf, ohne den die Steinmauern wie Pappwände
zusammenfallen. Mit vereinten physikalisch-biologischen Kräften
schafft es das Abrisskommando der Natur, je nach Qualität der
Bausubstanz, in 10 bis 100 Jahren unsere Altersvorsorge zu ruinieren.
Im Dickicht des neuen Urwaldes lassen sich allerdings immer noch
fossile Kunststoffrohre, Fliesen und edelstählernes Kochgeschirr
finden.
Mit vom Staub geröteten Augen und Reizhusten stolpern
wir nun auf eine moderne Großstadt wie New York zu. Je nachdem, wann
wir die Metropole erreichen, lässt sich mehr oder weniger das
Feuchtgebiet erkennen, das hier vor der Besiedlung existierte. Die
Wasserwege wurden in das enge Korsett der Kanalisation gepresst und
beginnen augenblicklich nach dem Verschwinden der Städter mit der
Rückeroberung ihrer alten Flussbette. Als erstes würden sie die
U-Bahn überschwemmen, da keiner mehr da ist, um die Wassermassen
abzupumpen. Auch London und Moskau erginge es so. Temperatur und
Blumen haben den Asphalt unter unseren Füßen aufgebrochen. Hier und
da zeugen große Löcher von den Explosionen der Gasleitungen.
Blitzschläge haben Teile des Central Parks und Holzfassaden
entfacht. Kein Wunder, sind doch die Blitzableiter schon lange
verrostet. Ohne beheizte Keller und Abfälle haben angeblich
unverwüstliche Tiere wie Kakerlaken oder Ratten nicht lange
überlebt. Stattdessen sind Elche und Bären aus dem Norden zurück
gekommen und durch den Harlemriver geschwommen. Kojoten und Füchse
kommen in Rudeln über noch stehende Brücken und töten die letzten
Nachkommen verhätschelter Haushunde. Dagegen kommen verwilderte
Hauskatzen recht gut zurecht. Wanderfalken nisten auf den Masten der
George Washington Bridge und Gräser wachsen hoch oben auf dem Empire
State Building. Während die Finanzinstitute jetzt auch baulich den
Bach runtergehen, stehen die Tresorräume noch, wenn auch das Geld
darin schon lange verschimmelt ist. Dem Schimmel sind auch die
Kunstwerke in den Museen ohne Luftfeuchtigkeit- und
Temperaturregelung ausgeliefert. Aber das Innenleben der Stadt wird
früher oder später sowieso vom Schutt begraben, wenn alle
Stahlträger durchgerostet sind und die Bauwerke unter ihrem eigenen
Gewicht zusammenbrechen.
Was ist mit den Industriekomplexen,
die unsere Megacities mit Energie versorgen? Sie haben sich einst mit
brachialer Gewalt in die Natur gefressen und scheinen sie besiegt zu
haben. Doch ohne die Arbeiter in den Elektrokraftwerken fällt die
Stromversorgung aus. Die Raffinerien der Ölindustrie laufen zwar
noch weiter, aber nur solange die Notstromaggregate noch Treibstoff
haben. Dann fällt die computergesteuerte Regel- und Messtechnik aus,
die die entstehenden Gase durch Ventile entlässt. Dann steigen die
Temperatur und der Druck in den Kesseln und Leitungen, bis irgendwo
ein Leck entsteht. Explosionsartig befreien sich die Gase und lösen
Brände aus, die sich ohne Feuerwehr rasch auf den Komplexen
fortpflanzen. Wie der Golfkrieg zeigte, brennen derartige Großfeuer
wochenlang. Nur, dieses Mal brechen sie weltweit aus und an
Gasvorkommen wie in Mexiko oder Kuwait brennen sie so lange, bis die
Ressourcen erschöpft sind! Doch sollte vor unserem Verschwinden noch
jemand die Anlagen herunterfahren, dann sinken die Temperaturen in
den Kesseln, die schweren Bestandteile im Öl bilden feste Bodensätze
und leichte Gase verflüchtigen sich. Ohne regelmäßige Wartung der
Brennstofftanks und Ölsilos korrodieren die Böden und die
chemischen Inhalte ergießen sich ins Umland. Bakterien und Insekten
machen sich über das harte Altöl her und der wieder freiwerdende
Kohlenstoff düngt die Böden, sodass auch die Pflanzen zurückkommen.
Millionen Jahre später ist alles Restöl abgebaut und die letzten
Metallteile sind weggerostet. Im Boden werden lediglich glitzernde
Bänder aus Nickel und Chrom von der Petrolindustrie zeugen.
Ohne
uns gibt es auch niemanden, der uns vermisst. Außer vielleicht Flöhe
und Milben, die sich genetisch an uns angepasst haben. Der Rest der
Tierwelt erobert ohne zu zögern die Ruinen zurück. Tschernobyl
zeigte, dass sogar kontaminierte Landstriche und Minenfelder, die
zwangsläufig unberührt blieben, zu Zufluchtsgebieten für bedrohte
Arten wurden. Allerdings haben sie mit hohen Sterberaten und
Genschäden zu tun, die sie allerdings durch erhöhte sexuelle
Aktivität auszugleichen versuchen. Weltweit wird vor allem die
Vogelwelt eine Renaissance erleben. Bis jetzt sind 130 Vogelarten
direkt oder indirekt ausgerottet worden. Wenn dann endlich alle
Sendemasten verrostet und eingestürzt sind, erleiden 500 Millionen
Zugvögel pro Jahr keine tödlichen Kollisionen mehr. Auch würden
ihre südlichen Überwinterungsgebiete nicht länger durch Rodung und
Besiedlung schrumpfen. Wenn alle Fensterscheiben geborsten sind, dann
werden 1 Milliarde Flugtiere pro Jahr nicht länger dagegen fliegen.
Dennoch würden die verwilderten Hauskatzen weiter ihrer Mordlust
nachgehen und auch lange nach unserem Abflug weltweit mehrere
Milliarden Singvögel pro Jahr töten.
Da sitzen wir nun und
starren widerwillig auf unsere Protokolle. Es scheint, als würde
alles von uns Geschaffene wieder in seine Bestandteile zerlegt werden
und niemand stört sich daran. Allerdings haben wir uns noch nicht
den chemischen Kreationen zugewandt, die ohne uns niemals entstanden
wären. Zum Beispiel Plastikgranulat, das mittlerweile an allen
Stränden der Welt zu finden ist. Sein Anteil im Sand ist seit der
Erfindung der Wegwerfverpackungen in den 60ern extrem angestiegen.
Polymere wie Acryl und Polyester werden zwar von den Gezeiten zu
Pulver zerrieben, lösen sich aber nicht auf. Kunststoffe wie PVC
sind nicht biologisch abbaubar, da sie ja mit diesem Ziel entwickelt
wurden. Durch die ozeanische Zirkulation der Weltmeere sammeln sich
die Abfälle unserer Zivilisation in den großen Spiralen wie dem
nordpazifischen Wirbel. Es ist, als fahre man mit einem Eisbrecher
durch die Arktis, nur dass die Berge im Wasser bunt sind und aus
Tüten, Bechern, Flaschen, Kondomen, Fischernetzen und allerlei
Sonstigem bestehen. Man schätzt, dass die Welthandelsflotte täglich
640.000 Verpackungen über die Reling schmeißt. 80% des Treibgutes
macht aber illegal verkappter Abfall vom Festland aus. Während vor
allem umhertreibende „Geisternetze“ sogar Wale und Haie ertränken
können, werden kleinere Partikel von Meeresbewohnern gefressen.
Polyethylenperlen sind auch in Peelingcremes enthalten und werden
direkt mit den Abwässern über die Flüsse in die Meere geschwemmt.
So ist es nicht verwunderlich, dass mittlerweile 95% der Meerestiere
das Zeug in sich tragen. Damit haben wir bereits ganze Arbeit
geleistet, dennoch hält unser Chemiebaukasten noch weitere
Leckerbissen bereit.
Neben den Ozeanen werden auch die Böden
lange unsere Existenz bezeugen.
In England wurde 1843 von der
Düngemittelindustrie ein Archiv angelegt, um die Auswirkungen
verschiedener Methoden zu dokumentieren. Im Zeitraffer erkennt man,
wie die Böden saurer werden, wie sich Plutonium aus
Nuklearwaffentests ablagert und die Belastung durch PCB/PAK,
Nervengifte in Pestiziden, zunimmt. Dazu kommt noch der seit den
90ern verwendete Kunstdünger, der mit Klärschlamm versetzt ist.
Dieser enthält Schwermetalle wie Blei, Kadmium oder Vanadium, die so
giftig sind, dass man sie nicht ins Meer kippen wollte und daher
lieber auf den Feldern verteilt. Wenn Nutzpflanzen sie aufnehmen,
speichern sie sie bis zum Verzehr. Ansonsten bleiben sie in der Erde
und haben dabei unterschiedliche Verweilzeiten. Je nach der
Beschaffenheit des Bodens erreicht Zink 3.700 Jahre, Kadmium bis zu
7.500 Jahre und Blei sogar 35.000 Jahre. PCB geben die Pflanzen an
die Atmosphäre ab, wo es in arktische Gefilde wandert. Inuits,
Eisbären und Fische sind bereits massenhaft genetisch geschädigt...
Andere Stoffe wie FCKW, die aus Mülldeponien aufsteigen, schädigen
unterdessen die Ozonschicht weiter, während die Plastik- und
Gummireste auf den Meeresboden absinken. All diese robusten und
unnatürlichen Verbindungen werden so lange nach dem Menschen
erhalten bleiben, bis die Evolution einen Mikroorganismus auf den
Markt bringt, der dieses Erbe zerlegen kann.
Doch stellt eines
unserer Kinder alle anderen in den Schatten. Weltweit sind bis jetzt
441 Kernkraftwerke in Betrieb. In den Reaktoren entsteht durch den
Zerfall enorme Hitze, die vom Kühlwasser kompensiert wird. Ist
niemand mehr da, der neues einspeist, so verdampft es, bis der
Reaktorkern freiliegt. Dann setzt die Kernschmelze ein und es kommt
durch die geringe Konzentration an spaltbarem Material zu einer
Dampfexplosion. Der innere Druck und die äußere Verwitterung
zerstören die Kuppel. Heute produzieren die Anlagen jedes Jahr
13.000 Tonnen hochradioaktiven Atommüll, der nicht wirklich entsorgt
werden kann. So wird die „günstigste“ Art der Stromerzeugung in
Wahrheit zur teuersten - für unsere Gesundheit und die des Planeten.
Geradezu lächerlich erscheinen die Übergangslösungen, die
verklärend als „Endlagerungsstätten“ bezeichnet werden. Ob nun
Fässer in ehemaligen Salzstöcken oder Vakuum-Stahlbeton-Kanister in
Abklingbecken, die Abfälle emittieren durch den radioaktiven Zerfall
weiterhin Strahlung und Wärme und stehen dadurch permanent unter
Brandgefahr. Kontrolliert niemand mehr die Kühlung, dann entzünden
sich die Ummantelungen und nukleare Feuer lassen riesige radioaktive
Dampfpilze, apokalyptische Relikte unserer Zivilisation,
aufsteigen.
Moment mal! Haben wir nicht eine Kleinigkeit
übersehen? Ach ja, da wären noch die 30.000 intakten nuklearen
Sprengköpfe, die in unseren Waffenarsenalen auf ihren Einsatz
warten. Dass diese aus dem Nichts detonieren, ist fast unmöglich, da
die chemischen Bestandteile nur durch eine Zündung zusammengeführt
werden können. Aber die Mäntel der Interkontinentalraketen werden
nach 5.000 Jahren korrodiert sein. Waffenfähiges Plutonium-239 hat
eine Halbwertzeit von 24.110 Jahren. 250.000 Jahre müssten vergehen
bis sich die Strahlung in der natürlichen Hintergrundstrahlung
verliert. Eingeschmolzene Waffen werden als hochradioaktives Glas in
Kühlräumen gelagert. Was wohl passiert, wenn der Strom ausfällt?
Uranummantelte Geschosse fügen heute schon den Soldaten auf beiden
Seiten erhebliche Strahlenschäden zu. Erst nach 704 Millionen Jahren
ist die Hälfte aller Kerne von Uran-235 zerfallen. Und Uran-238 hat
mit 4½ Milliarden Jahren gute Chancen, mitzuerleben, wie der Planet
in der Sonne verglüht. Dann werden unsere einstigen Waffenarsenale
als nukleare Staubwolken immer noch strahlen.
An dem Punkt
haben Außerirdische aber immer noch die Möglichkeit, eine unserer
Sonden einzufangen, die Informationen über uns an Bord haben.
„Pioneer“ 1 und 2 sowie „Voyager“ 1 und 2 schweben seit den
70ern durch den interstellaren Raum. Da auch sie irgendwann von
kosmischer Strahlung und Partikeln zu Staub erodiert sein werden, ist
es wahrscheinlicher, dass E.T. und seine Freunde wohl eher unsere
Talkshows mitansehen müssen. Die Radiowellen, die wir unentwegt
aussenden, werden zwar unterwegs verzerrt und abgeschwächt, sind
aber theoretisch unsterblich. Falls die grünen Jungs dann immer noch
Lust haben, der Erde einen rechtzeitigen Besuch abzustatten, werden
sie feststellen, dass wir verschwunden sind und sich die Flora und
Fauna von der Umweltkatastrophe Mensch erholt hat. Einige Narben
werden aber bleiben, schließlich haben wir uns größte Mühe
gegeben Ozeane, Atmosphäre und Biosphäre so zu verändern, wie es
sonst nur Vulkane und Meteoriten fertig gebracht haben. Sie werden
sich fragen, was mit uns passiert ist. Vielleicht haben wir ja
irgendwann eingesehen, dass unbegrenztes Wachstum nicht in eine
begrenzte Welt passt und daraufhin beschlossen, freiwillig weniger
Nachkommen zu zeugen. Damit nahm die Weltbevölkerung immer weiter ab
und den Letzten unserer Art blieben die sonst unausweichlichen
Verteilungskriege und Hungersnöte erspart. Sie konnten sich an der
zunehmenden Erholung der Natur erfreuen und unbegrenzte Ressourcen
nutzen.